| Geschichte der Philosophie |
Christian Krijnen:In den letzten Jahren ist eine bemerkenswerte Neuzuwendung zum einst diskursbestimmenden Neukantianismus vonstatten gegangen. Seit den orientierenden Arbeiten von H.-L. Ollig in den achtziger Jahren hat das Interesse an dieser fast vergessen geglaubten philosophischen Strömung zwischen „1831-1933“ (H. Schnädelbach) ständig zugenommen. Schließlich wurde mit der Einrichtung der Reihe ‚Studien und Materialien zum Neukantianismus‘ durch H. Holzhey und E.-W. Orth (1994 ff.) ein wichtiges Forum für die Auseinandersetzung mit dem Neukantianismus geschaffen. Aber auch außerhalb des deutschen Sprachraums stößt der Neukantianismus auf ein starkes Interesse, etwa in Italien, den Niederlanden oder Frankreich. Kongresse zum Neukantianismus bzw. zu Neukantianern finden mittlerweile regelmäßig statt. Nicht zuletzt dürfte die Herausgabe der gesammelten Werke von H. Cohen in Zürich und derjenigen von E. Cassirer in Hamburg als Index der Neubeschäftigung mit dem Neukantianismus gelten. Obwohl in dieser Neubeschäftigung die Marburger Schule des Neukantianismus zweifellos weit mehr berücksichtigt wird als die südwestdeutsche, ist auch hinsichtlich letzterer eine erhöhte Forschungsintensität bemerkbar. Klischees wie das der „blutlosen Professorensysteme“ (G. Lukács, H.-G. Gadamer) dürften allerdings schon seit längerem dem Reich unfruchtbarer Platitüden angehören.
Zwar wird von den Interpreten des Neukantianismus regelmäßig betont, dass eine systematische Auseinandersetzung mit dem Neukantianismus gerade in bezug auf die Gegenwartsphilosophie wichtig ist; man muss jedoch leider feststellen, dass eine systematisch ausgerichtete kritische Verwertung des Neukantianismus in der deutschen Nachkriegsgeschichte nur von wenigen versucht wurde, vor allem von H. Wagner, W. Flach oder W. Marx.
Will man nun „den Neukantianismus“ studieren, dann stellt sich zunächst die Frage, was ihn auszeichnet, wer zu ihm gehört und wer nicht. Die Forschung ist in diesem Punkt zwar unterschiedlicher Meinung (vgl. Krijnen 1998), vieles spricht jedoch dafür, unter Neukantianismus in erster Linie die sich Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts formierenden Schulen von Marburg und Südwestdeutschland zu verstehen. Denn dieser „eigentliche“ Neukantianismus enthält, anders als die Anfänge der Bewegung, seine ausgereiften Lehrstücke. Die wichtigsten Vertreter der Marburger sind die beiden Schulhäupter H. Cohen (1842-1918) und P. Natorp (1854-1924) sowie deren einflussreichster „Schüler“ E. Cassirer (1874-1945); die wichtigsten Vertreter der Südwestdeuschen sind das programmatische Schulhaupt W. Windelband (1848-1915) und das systematische Schulhaupt H. Rickert (1863-1936) sowie deren „Schüler“ E. Lask (1875-1915) und B. Bauch (1887-1942).
Für das Studium des Neukantianismus bedeutet diese enge Verwendung des Terminus zunächst die Ausblendung von dessen Frühgeschichte (dem zunehmenden Interesse daran hat jüngst H. Schwätzer durch die Initiierung einer im Olms Verlag erscheinenden Schriftenreihe „Texte zum frühen Neukantianismus“ erfreulicherweise Rechnung getragen). Ausgeblendet wird zudem ein Philosoph wie R. Hönigswald, der allenfalls dem Neukantianismus in einem weiteren Sinn, jedoch nicht einer der beiden Hauptschulen direkt zuzurechnen ist. Ausgeblendet werden schließlich die Schüler: für den Anfang des Neukantianismus-Studiums empfiehlt sich eine Konzentration auf die Schulhäupter. E. Cassirer, der vielleicht bekannteste Neukantianer, ist auch aus rezeptionsgeschichtlichen Gründen als Fall für sich aufzufassen (vgl. zu Cassirer den 1999 in dieser Zeitschrift erschienenen Forschungsbericht von M. Plümacher). Kurz: Für den Einstieg in das Studium des Neukantianismus ist die Lektüre von Cohen, Natorp, Windelband und Rickert zu empfehlen. Und noch eine Einschränkung sei nahegelegt: Zwar hat die neuere Forschung das (wirkungsmächtige) Vorurteil widerlegt, der Neukantianismus habe die Philosophie auf Erkenntnistheorie reduziert, und klargestellt, dass er eine umfassende Kulturphilosophie intendiert, also auch die atheoretischen Sphären, etwa der Moral, des Rechts, der Kunst oder der Religion thematisiert. Dennoch: Nach einem programmatischen Überblick empfiehlt es sich, sich aus systematischen und pädagogischen Gründen auf die theoretische Philosophie des Neukantianismus zu konzentrieren: nicht weil der Neukantianismus im Bereich des Atheoretischen nichts Diskutables zu bieten hätte (im Gegenteil!) – sondern weil sie als Philosophia prima fungiert.
Die desolate Publikationslage bildet die erste Hürde, die beim Studium des Neukantianismus zu nehmen ist: die meisten Texte sind im Buchhandel nicht mehr erhältlich, und außer von Cohen gibt es, von vereinzelten Initiativen und Ansätzen (Natorp und Rickert betreffend) abgesehen, noch keine greifbare Gesamtausgabe bzw. Neuauflagen. Man ist also vorwiegend auf Bibliotheken, Antiquariate und neuere Anthologien angewiesen. Die zweite Hürde, die beim Studium des Neukantianismus zu nehmen ist, ist die Tatsache, dass deren Philosophie uns aufgrund ihrer langjährigen Vernachlässigung sachlich wie sprachlich eher „fremd“ anmutet. Diese Hürde lässt sich überwinden durch Inbezugsetzung des Neukantianismus zu anderen Philosophen bzw. philosophischen Strömungen: Es liegt zunächst nahe, einen Bezug zu Kant herzustellen; nicht weniger hilfreich ist es jedoch, das Verhältnis des Neukantianismus zur damaligen Gegenwartsphilosophie zu klären, etwa zur Phänomenologie, zur Lebensphilosophie, zum Naturalismus oder zu den aufkommenden ontologischen Bestrebungen; derartige Klarstellungen erleichtern die Inbezugsetzung des Neukantianismus zur Gegenwartsphilosophie – und die Herausarbeitung überraschender Ergebnisse (geeignete Sekundärliteratur kann dabei freilich unterstützen).
LiteraturCohens Werke
werden in Form einer im Olms Verlag (Hildesheim) erscheinenden Reprint-Ausgabe
wieder zugänglich gemacht durch das Hermann Cohen-Archiv an der Universität
Zürich unter Leitung H. Holzheys und das Moses-Mendelssohn-Zentrum an der
Universität Potsdam. Die
folgenden Angaben beziehen sich auf diese Ausgabe.
Werke, Bd. 16: Kleinere Schriften V (1913-1915). Bearbeitet und eingeleitet von Hartwig Wiedebach, hg. von Helmut Holzhey, Julius H. Schoeps und Christoph Schulte. von Hermann Cohen - ab EUR 99,80
Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums von Hermann Cohen - ab EUR 10,00
Ein aufschlussreicher programmatischer Text Cohens ist seine „Einleitung mit kritischem Nachtrag zu F. A. Lange, Geschichte des Materialismus“. Die 3. Auflage ist greifbar in Werke, Bd. 5, Teil 2. Die „Logik der reinen Erkenntnis“ (2. Aufl. 1914, jetzt in Werke, Bd. 6), ist Cohens systematisches Hauptwerk und der erste, grundlegende Teil seines Systems der Philosophie. “Kants Theorie der Erfahrung“ (3. Auflage 1918, jetzt in Werke, Bd. 1, Teil 1.1) ist nicht nur ein Standardwerk der Marburger Kant-Deutung, sondern bildet zugleich das eigentliche Grundbuch der Marburger Schule.

„Kant und die
Marburger Schule“, in: Kant-Studien, 17 (1912), 193-221, ist der einschlägige
kurze Programmtext Natorps. Immer noch programmatisch, aber doch umfassender
und tiefgreifender ist Natorps Büchlein „Philosophie: Ihr Problem und ihre Probleme.
Einführung in den kritischen Idealismus“, 3. verb. Aufl., Göttingen 1921. Ein
markantes Beispiel neukantianischer Geltungslogik liefert Natorps „Die logischen
Grundlagen der exakten Wissenschaften“, Leipzig/Berlin 1910. Im Vergleich zu Cohen ist Natorp
zweifelsohne leichter zugänglich.
Philosophische Systematik von Paul Natorp, Hinrich Knittermeyer Meiner (April 2000) Gebundene Ausgabe Versandfertig in 2 bis 3 Tagen. Preis: EUR 16,80
Platos Ideenlehre von Paul Natorp Gebraucht & neu ab EUR 16,95 Anbieter versendet in 1-2 Werktagen.
Forschungen zur Geschichte des Erkenntnisproblems im Altertum: Protagoras, Demokrit, Epikur und die Skepsis von Paul Natorp Gebraucht & neu ab EUR 49,80 Anbieter versendet in 1-2 Werktagen.

Windelband ist systematisch wichtig für den südwestdeutschen Neukantianismus durch das Programm der Philosophie, das er entworfen hat. Dieses Programm ist prägnant greifbar in einer Vielzahl von (gut lesbaren) Aufsätzen, die gesammelt sind in Windelbands „Präludien. Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte“, 2 Bd., 5. erw. Aufl., Tübingen 1914. Die Aufsätze „Was ist Philosophie“ (1882), „Kritische oder genetische Methode“ (1883) und „Immanuel Kant“ (1881) sind für einen ersten Zugang besonders hervorzuheben. Als inhaltliche Weiterführung sei empfohlen: Die Prinzipien der Logik, in: A. Ruge [Hrsg.], Encyclopädie der philosophischen Wissenschaften, Bd. 1: Logik, Tübingen 1912, 1-60.
Lehrbuch der Geschichte der Philosophie von Wilhelm Windelband Preis: EUR 34,00 Gebraucht & neu ab EUR 34,00 Versandfertig in 2 bis 3 Tagen.
Bedeutsam für Rickerts
eigene Philosophie, für die Diskussionen innerhalb der südwestdeutschen Schule
und für die Abgrenzung von konkurrierenden Philosophemen ist der Aufsatz „Zwei
Wege der Erkenntnistheorie.
Transcendentalpsychologie und Transcendentallogik“, in: Kant-Studien, 14
(1909), 169-228 (2002 als Separatdruck erschienen bei Königshausen & Neumann,
Würzburg. 66 S., kt., € 8.50). Rickerts erkenntnistheoretisches Hauptwerk und
die für seine Philosophie insgesamt wegweisende Arbeit ist „Der Gegenstand der
Erkenntnis.Eine Einführung in die Transzendentalphilosophie“, 6. verb. Aufl.,
Tübingen 1928 (Neuausgabe in Vorbereitung).
Philosophische Aufsätze von Heinrich Rickert, Rainer A. Bast Gebraucht & neu ab EUR 9,80 Anbieter versendet in 1-2 Werktagen.
Zwei Wege der Erkenntnistheorie. Transzendentalpsychologie und Transzendentallogik. von Heinrich Rickert Preis: EUR 8,50 Gebraucht & neu ab EUR 8,50 Versandfertig in 2 bis 3 Tagen.
Zur theoretischen Philosophie des Neukantianismus gibt es einen (leider vergriffenen) Sammelband primärer Texte: „Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus“, hrsg. und eingeleitet von W. Flach und H. Holzhey, Hildesheim 1980.
Monographien, die
sich als Einleitung in den Neukantianismus verstehen und dem Einsteiger auch
dem heutigen Forschungsstand gemäß gute Dienste leisten, gibt es nicht. Für
einen allerersten Überblick ist allerdings immer noch informativ H.-L. Ollig,
„Der Neukantianismus“, Stuttgart 1979. Ansonsten sei verwiesen auf die
Einleitungen im oben erwähnten Sammelband von W. Flach/ H. Holzhey, auf H.
Holzhey, „Der Neukantianismus“, in: A. Hügli/P. Lübcke [Hrsg.], Philosophie im
20. Jahrhundert, Hamburg 1992,
Bd. 1, 19-51 und auf Ch. Krijnen, „Philosophieren im Schatten des Nihilismus.
Eine Hinführung zum neukantianischen Beitrag“, in: Ch. Krijnen / E.-W. Orth (Hrsg.),
Sinn, Geltung, Wert. Neukantianische Motive in der modernen Kulturphilosophie,
Würzburg 1998, 11-34.
Speziell zu Cohen
und Natorp sind vor allem zu nennen: H. Holzhey, „Cohen und Natorp“, Bd. 1,
Ursprung und Einheit. Die Geschichte der ‚Marburger Schule‘ als Auseinandersetzung
um die Logik des Denkens, Schwabe Verlag, Basel-Stuttgart 1986; G. Edel, „Von
der Vernunftkritik zur Erkenntnislogik. Die Entwicklung der theoretischen
Philosophie Hermann Cohens“, Freiburg/ München 1988; J. Stolzenberg, „Ursprung
und System. Probleme der Begründung systematischer Philosophie im Werk Herman
Cohens, Paul Natorps und beim frühen Martin Heidegger“, Vandenhoeck und
Ruprecht, Göttingen 1995, € 54.—. Für Rickert sei verwiesen auf Ch. Krijnen,
"Nachmetaphysischer Sinn.
Eine problemgeschichtliche und systematische Studie
zu den Prinzipien der Wertphilosophie Heinrich Rickerts“, Königshausen und
Neumann, Würzburg 2001, kt., € 51.—. In diesem Werk findet sich auch ein programmatischer
Text (sowie mehrere kürzere Passagen) zu Windelband; über Windelband gibt es
einige Aufsätze (u. a. von E.-W. Orth und M. Heinz) in: D. Pätzold/Ch. Krijnen
[Hrsg.], "Der Neukantianismus und das Erbe des deutschen Idealismus: die philosophische Methode",
Königshausen und Neumann, Würzburg 2002, € 34.—.

Zum historischen
und philosophiehistorischen Umfeld des Neukantianismus sind lehrreich: K.-C.
Köhnke, "Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus"
„Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus. Die deutsche
Universitätsphilosophie zwischen Idealismus und Positivismus“, Suhrkamp,
Frankfurt/M. 1986, kt., [Gebraucht & neu ab EUR 15,99
Anbieter versendet in 1-2 Werktagen] H. Schnädelbach,
"Philosophie in Deutschland 1831-1933“, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1983, kt., € 12,50.>
Hilfreich aufgrund
seines systematischen Ansatzes in der historischen Deutung ist M. Brelage,
„Transzendentalphilosophie und konkrete Subjektivität“, in: ders., Studien zur
Transzendentalphilosophie, hrsg. v. A. Brelage, Berlin 1965, 72-229 u. 245-253.
Einen Eindruck der
thematischen Vielfalt des Neukantianismus und der Forschung bietet der
Sammelband:
„Neukantianismus. Perspektiven und Probleme“, E.-W. Orth/H. Holzhey [Hrsg.], Würzburg 1994.
Vgl. für eine Philosophie, die in dem einen oder anderen Punkt für das Verständnis
des Neukantianismus erhellend ist, weil sie in produktiver Verarbeitung des
Neukantianismus zu einem eigenen Entwurf kommt: H.
Wagner, "Philosophie und Reflexion", 3. unver. Aufl.,
München/Basel 1980 - Preis: EUR 17,80.
Ferner lieferbar: Neukantianismus. von Hans-Ludwig Ollig (Herausgeber) Gebraucht & neu ab EUR 12,99 Anbieter versendet in 1-2 Werktagen.
AutorChristian Krijnen ist promovierter Philosoph. Er hat eine Vielzahl von Arbeiten über den Neukantianismus verfasst. Gegenwärtig forscht er als Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität Heidelberg.
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