Interview

Die "Entnietzschung Nietzsches"

Ein Gespräch mit Hermann Josef Schmidt

Bei der ersten Tagung des Nietzsche-Kollegs im Jubiläumsjahr im Weimar wurde auch eine Edition von Notizbüchern des Philosophen vorgestellt, die erstmalig ohne editorische Eingriffe den Eintragungen im Original folgen - was halten Sie davon?

Umso authentischer und originaler man Nietzsche wiedergibt, desto besser. Mit Marie-Luise Haase ist immerhin eine Editorin am Werke, die ihr Handwerk noch unter dem Nietzsche-Herausgeber Mazzino Montinari gelernt hat. Bedauerlicherweise gibt es bisher keine zentrale, auch wissenschaftliche Interessen genügende Nietzsche-Ausgabe. Möglicherweise wird da in Weimar endlich ein vielversprechender Versucht gestartet.

Es sind einmal mehr Texte und Notate des späteren Nietzsche, die da publiziert werden, obgleich man doch weiß, dass Nietzsche schon als Kind und Jugendlicher unendlich viel hinterließ.

Das ist eines der großen Desiderate der Nietzsche-Forschung überhaupt. Für die traditionelle Forschung scheint es schlicht unter ihrer Würde zu sein, sich auch mit der Kindheit eines Philosophen zu beschäftigen. Dabei gibt es keinen Autor im deutschen Sprachraum, der wie er immer wieder betonte, dass sein Denken, seine Erfahrungen und sein Leben eng zusammenhängen. Von niemandem gibt es annähernd so viele Texte aus Kindheit und Jugend wie von Nietzsche. Und sie sind, zu 90% in der Historisch-kritischen Gesamtausgabe publiziert. An Handschriften haben wir herausgefunden, dass schon der drei Monate alte Nietzsche in seiner Familie als Autor eines Gedichtes galt, das man der Großmutter überreichte. Da öffnet sich ein ganzer Kosmos an menschlicher und geistiger Entwicklungsgeschichte, man muss es halt nur lesen wollen.

Immerhin haben Sie auf über zweieinhalbtausend Seiten eine ausgesprochen spannende biografische Rekonstruktion aus den Texten des jungen Nietzsche vorgelegt - wie waren die Reaktionen?

Soweit sie von "normalen" interessierten Lesern kommen, ungemein aufgeschlossen und ermutigend. Die etablierte Forschung aber stellt sich - mit geringen Ausnahmen - tot. Eine andere Reaktion wäre allerdings auch verwunderlich gewesen. Wer sich intensiv mit dem jungen Nietzsche befasst, kommt nicht an seinem frühen Theodizee-Problem vorbei: So kann der heranwachsende Pfarrersohn Fritz nicht verwinden, dass etwa der Vater trotz inbrünstiger Gebete 1849 sterben muss und nur auf dem Gottesacker hinter den Röckener Geburts- und Pfarrhaus besucht werden kann. Der kommt eben auch nicht an den christlichen Zweifeln des Elfjährigen in Naumburg vorbei, der schließlich emotional zu den attischen Griechen flieht, in deren Geistes- und Symbolwelt er sein Leben lang bleibt. Da war Gott schon tot. Diese Erkenntnis aber passt überhaupt nicht in das etablierte Nietzsche-Bild.

Wo liegt das Problem?

Es ist nun einmal Tatsache, dass die meisten Interpreten Nietzsche von christlichen Positionen angehen. Der durchgängige Versuch, den christentumskritischen Impetus Nietzsches zu entschärfen, zu verharmlosen oder einfach zurechtzubiegen, ist unverkennbar. Sowieso machen viele Interpretationen auf mich den Eindruck wie Selbstfindungsversuche ihrer Autoren in Auseinandersetzung mit Nietzsche. Zu wenige Wissenschaftler interessieren sich dafür, wie Nietzsche wirklich gedacht hat. Ich denke mitunter, sie haben vielleicht Angst vor ihm und dem Weg der Erkenntnis, auf den er sie führen könnte.

Dann sollen sie ihn nicht interpretieren. Nietzsche hatte auch Angst davor zu denken und sich seinen realen Problemen zu stellen. Er aber hat diese Angst überwunden und immer wieder darüber geschrieben. Die allgemeine Ignoranz ist bedauerlich: Im Falle des jungen Nietzsche wäre die Debatte über das Verhältnis von Theorie und Leben wunderbar zu führen.

Das klingt gerade so, als hätte Nietzsche nur Feinde?

Das, was ich die Entnietzschung Nietzsches nenne, läuft sowohl über seine Feinde wie über seine Freunde. Letztere sind beinahe noch gefährlicher. Etwa Lou Andreas-Salomé, eine der subtilsten Nietzsche-Kennerinnen überhaupt. Nietzsche hat ihr seine Biografie nicht anvertraut, also hat sie ihn nicht verstanden. Das gesamte Röckener Syndrom um Vatertod und Theodizee gibt es bei ihr nicht. Sollte sie tatsächlich nichts davon gewusst haben? Nichts vom Tod des Brüderchens Josef und der Angst des kleinen Fritz, als nächster vom Vater in dessen Röckener Grab genommen zu werden? Offensichtlich war der Philosoph selbst engsten Vertrauten gegenüber sehr zurückhaltend mit Äußerungen über die entscheidenden Triebkräfte seines Denkens - hier "Gotte-jagd" um nahezu jeden Preis, da Gottes- und nicht zu vergessen Vatersuche nicht minder.

Apropos Vatersuche: In jüngsten Veröffentlichungen haben Sie erwogen, dass der Dichter Ernst Ortlepp ein solcher "Ersatzvater" für Nietzsche gewesen sein könnte und sind dafür von Kollegen heftigst angegriffen worden - weshalb?

Da sind wir wieder bei dem, was sein darf in Bezug auf Nietzsche und was nicht. Es steht außer Frage, dass mit dem Elfjährigen etwas passiert sein muss, woher bekam er entsprechende Impulse? Möglicherweise vom Großvater. Aber auch Ortlepp könnte ein solcher Impulsgeber gewesen sein. Er kam 1853 aus Baden-Württemberg nach Naumburg und trug wiederholt bei Schulfesten in Schulpforta, wo Nietzsche von 1858 bis 1864 lernte, Gedichte vor. Man weiß, dass Nietzsche schon 1855, also lange bevor er selbst die Schule besuchte, auf einem Bergfest der "Pförtner" weilte. Außerdem war die 3000-Seelen-Gemeinde Naumburg ein kleines Nest, es ist also sowieso wahrscheinlich, dass man sich kennenlernte. Wir haben nun handschriftliche Belege gefunden, die möglicherweise für eine engere Bindung der beiden sprechen. Leider war die Replik auf unsere Überlegungen weder inhaltlich noch wissenschaftsmethodisch fundiert - schade.

Inwiefern könnte Ortlepp für Nietzsche von Belang gewesen sein?

Man könnte Gedichte von Nietzsche, etwa das über das "Kruzifix", ganz anders deuten. Auch Ortlepp hatte einen theodizeekritischen Hintergrund, auch er war Kenner der alten Griechen. Zudem ergäbe sich ein größerer lebensgeschichtlicher Rahmen: Im Vaterhaus von Nietzsches Mutter Franziska war es üblich, verarmte Pfarrerswitwen zu verköstigen - eine Situation, in welche die Witwe Nietzsche nie kommen wollte. Dieses Trauma dürfte sich auch auf Fritz übertragen haben. Hinzu käme ein Ortlepp, der sich nie um seine Altersversorgung kümmerte und jetzt nahezu heimat- und mittellos umhertrieb. Letzteres könnte mit Anlass dafür gewesen sein, dass Nietzsche eben nicht die brotlose Laufbahn des Philosophen, sondern die des Philologen einschlug, der sich auch hätte als Lehrer verdingen können.

Über die Jahre in der Klosterschule Schulpforta war bislang so gut wie nichts bekannt. Sie schreiben nun von dunklen, feuchten Räumen und belegen unter anderen auch einen Suizidversuch - was waren das für Jahre für Nietzsche?

Die erste Zeit muss ausgesprochen grausam gewesen sein. Er hatte sich in der Kindheit Freiräume geschaffen und kam jetzt in eine Atmosphäre physischen und psychischen Stresses, in der jede Minute verplant war. Dann aber hatte er sich wohl eingelebt, war akzeptiert. Ich meine, er hat auch Glück gehabt. Auffallend viele Schüler sind damals schon bald nach dem Abitur gestorben.

Wenn Sie im Jubeljahr einen Wunsch frei hätten?

...würde ich mir Veröffentlichungen wünschen, die begreifen, dass Denken und Systematik Nietzsches eng mit seiner Lebensgeschichte verbunden sind, die wiederum eine Antwort auf seine Problembewältigungsstrategien und sein Denken ist. Wir haben über Nietzsches nichts Besseres als seine Texte, aus denen sich verschiedene rote Leit- und Leidfäden konstruieren lassen. Tun wir’s.

 

Autor

Hermann J. Schmidt ist Professor für Philosophie an der Universität Dortmund. Mit ihm sprach Hanno Müller. Erstveröffentlichung in der "Thüringer Allgemeinen".

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken