| Geschichte |
Christian Niemeyer:Nietzsche nahm im März 1887 einen Brief des Leipziger Verlegers Theodor Fritsch (1852-1933) in Empfang. Der Briefschreiber war nicht irgendwer, und dies zumal nicht im Nachgang betrachtet: Fritsch, die zentrale Führungsfigur der völkischen Bewegung, erwarb sich bis zu seinem Tod zügig, aber nicht unverdient seinen Ruf als wichtigster deutscher Antisemit vor Hitler. Mit Nietzsche kam Fritsch in Berührung, weil er mit Nietzsches Schwager Bernhard Förster (1843-1889) befreundet war sowie seit 1883 einige von dessen Schriften verlegte und wohl meinte, auch Nietzsche brieflich für die antisemitische Sache gewinnen zu können.
Zwar gilt dieser Brief als ‚verschollen‘, aber aus Nietzsches Antwort vom 23. März 1887 darf auf dessen Inhalt geschlossen werden: Offenbar hatte Fritsch aus Werken Nietzsches dessen freundliche Urteile über Juden referiert und daran die Vermutung angeschlossen, Nietzsche werde „durch irgend eine gesellschaftliche Rücksichtnahme“ zu „schiefen Urtheilen“ hinsichtlich des Judentums verführt. Nietzsche freilich musste Fritsch enttäuschen: Sein bisheriger Lebensweg gäbe keine Wahrscheinlichkeit dafür ab, dass er sich „von irgend welchen Händen ‚die Schwingen verschneiden lasse‘“. Im Übrigen fühle er sich „dem jetzigen ‚deutschen Geiste‘ zu fremd (...), um seinen einzelnen Idiosynkrasien ohne viel Ungeduld zusehn zu können. Zu diesen rechne ich in Sonderheit den Antisemitismus.“ Angefügt war dem noch der (fromme) Wunsch, Fritsch möge eine „Liste deutscher Gelehrter, Künstler, Dichter, Schriftsteller, Schauspieler und Virtuosen jüdischer Abkunft“ herausgeben, denn dies „wäre ein wertvoller Beitrag zu Geschichte der deutschen Cultur (auch zu deren Kritik!).“
Sechs Tage später schickte Nietzsche Fritsch drei Hefte der von diesem herausgegebenen und verlegten Antisemitischen Correspondenz zurück mit dem Vermerk, er bitte darum, fürderhin von derlei Zusendungen verschont zu werden. Denn „dieses abscheuliche Mitredenwollen noioser Dilettanten über den Werth von Menschen und Rassen, diese Unterwerfung unter ‚Autoritäten‘, welche von jedem besonneneren Geiste mit kalter Verachtung abgelehnt werden (z. B. E. Dühring, R. Wagner, Ebrard, Wahrmund, P. de Lagarde – wer von ihnen ist in Fragen der Moral der unberechtigste, ungerechteste?), diese beständigen absurden Fälschungen und Zurechtmachungen der vagen Begriffe ‚germanisch‘, ‚semitisch‘, ‚arisch‘, ‚christlich‘, ‚deutsch‘ – das Alles könnte mich auf die Dauer ernsthaft erzürnen und aus dem ironischen Wohlwollen herausbringen, mit dem ich bisher den tugendhaften Velleitäten und Pharisäismen der jetzigen Deutschen zugesehen habe.“
Nietzsche kritisierte hiermit zugleich auch sich selbst, genauer: seine eigenen, aus der Zeit mit Wagner herrührenden diesbezüglichen ‚Begriffszurechtmachungen‘, nachlesbar etwa in der Geburt der Tragödie von 1872. Deutlicher und leichter erkennbar für Fritsch: Nietzsche hatte mit diesem einen Satz die Heroen der sich damals formierenden völkischen Bewegung demontiert und, gleichsam mit der Bitte um gefälligen Weitertransport an Bernhard Förster, ganz nebenbei auch noch diesem den Fehdehandschuh hingeworfen. Denn Nietzsches Schwager war es gewesen, der in einem jener von Nietzsche zurückgesandten Hefte der Antisemitischen Correpondenz die derart Getadelten ausdrücklich gewürdigt und hinzugefügt hatte, ihre Schriften sollten „als unentbehrliches Zeugnis jedem ‚Antisemiten‘ so vertraut sein, wie dem Rabbiner der Talmud.“
Fritsch reagierte unverzüglich und veröffentlichte in der November/Dezember-Ausgabe des Jahrgangs 1887 seiner Antisemitischen Correspondenz unter Pseudonym eine Rezension von Nietzsches Jenseits von Gut und Böse. Im Ergebnis sah sich Nietzsche hiermit abgekanzelt als „philosophische(r) Seichtfischer“, dem „all und jedes Verständnis für nationales Wesen“ abgehe und der zumal in Fragen des Judentums nur den „flache(n) geistreichelnde(n) Schwatz eines angejüdelten Stuben-Verlehrten” anbiete. Im Februar 1889 erhielt Fritsch in der Antisemitischen Correspondenz Schützenhilfe von seinem Weggefährten Willibald Hentschel (1858-1947), der an Nietzsche allenfalls den Vorkämpfer Wagners gelten ließ, aber ansonsten beklagte, „daß ‚die Juden-Liebhaberei sich seither wie ein roter Faden durch seine Schriften‘ ziehe“ – ein Urteil, zu dem sich wenig später auch der völkische Literaturgeschichtsschreiber Adolf Bartels (1862-1945) bekannte. Damit war die Nietzschefrage für die zentralen Träger der völkischen Bewegung vom Prinzip her erledigt – abgesehen vielleicht von Hentschel, der Jahre später auf Motive des frühen Nietzsche meinte zurückgreifen zu können, als er mit einem von Fritsch verlegten Buch die Vorgabe lieferte für völkische Siedlungskonzepte, die auf rassische Hochzucht abstellten und in die Geschichte der Jugendbewegung, aber auch des Nationalsozialismus (Stichwort: Lebensborn) einmündeten.
Fritsch freilich blieb ein konsequenter Nietzschegegner und hätte sich dem Thema wohl auch nie wieder zugewandt – falls man in Weimar die Dinge ähnlich gesehen hätte. Doch dem war keineswegs so, im Gegenteil: Förster-Nietzsches Editionspolitik gehorchte in den folgenden Jahren fast durchgängig dem Bestreben, Nietzsches Werke und Briefe den Grundanliegen der völkischen Bewegung, so wie sie dieselben von ihrer Ehe mit Förster her kannte, möglichst kompatibel zu machen. Dieses Motiv hatte sie bereits im April 1883 angedeutet, als sie ihre Mutter im Blick auf ihren zukünftigen Mann wissen ließ: „Siehst Du, ich wünschte bloß, Fritz hätte Försters Ansichten.“ Einem traurigen Höhepunkt dieser infamen Strategie will ich mich nun zuwenden.
Am 15. Oktober 1904, pünktlich zu Nietzsches 60. Geburtstag, brachte Förster-Nietzsche ihre Nietzschebiographie zum Abschluss. Weder hier noch in den beiden 1895 bzw. 1897 erschienenen (Teil-)Bänden ist von Fritsch die Rede oder auch nur von weiteren Anzeichen für das, was Nietzsche im März 1887 in Nizza in Fragen des Antisemitismus umgetrieben und beunruhigt hatte. Was dem Leser hingegen ins Auge sticht, ist eine Schlusspassage, mittels derer sie die nach Nietzsches Tod erneut ins Kraut schießenden Gerüchte, ihr Bruder sei einer Geisteskrankheit erlegen, ebenso zum Verstummen bringen wollte wie die Folgerung, ihres Bruders späte Werke müssten unter Pathologieverdacht gestellt werden. Des Weiteren wollte sie dem Eindruck vorbeugen, Nietzsches Dissonanz mit ihrem Mann habe mit einer fundamentalen Differenz in der Sache zu tun gehabt – eine Auffassung, an der völkischen Kreisen gelegen war. Zu diesem Zweck erfand sie einen Antisemiten, der Nietzsche gegen Förster aufgehetzt und damit letztlich gar in den Tod getrieben habe – übersah dabei aber leider, dass derlei Gerüchte in völkischen Kreisen keineswegs gut ankamen.
Umso mehr musste Förster-Nietzsche in der Folge darauf bedacht sein, dass der Brief, den Nietzsche im März 1887 von Fritsch erhalten hatte, ‚verlorenging‘ und die Antwortbriefe Nietzsches an Fritsch nicht publik wurden. Denn diese hätten endgültig darüber Aufschluss geben können, wie distanziert Nietzsche der völkischen Bewegung und mithin auch seinem Schwager sowie ihr selbst gegenüberstand – und dass es keineswegs eines Dritten bedurft hätte, um Nietzsche gegen Förster aufzuhetzen. Förster-Nietzsche betrieb also ein riskantes, 1930
von den Grundzügen her von Erich F. Podach aufgedecktes Spiel – zumal sie der Antworten Nietzsches an Fritsch einfach nicht habhaft werden konnte. Dieses Damoklesschwert schwebte beharrlich über ihr – ebenso wie jenes im Blick auf den Brief, den Franz Overbeck bis zu seinem Tod (1905) verwahrte und den Nietzsche seinem Baseler Freund und Kollegen am 24. März 1887 geschrieben hatte. Denn dieser Brief hätte einen Rückschluss darauf erlauben können, was Nietzsche einen Tag zuvor Fritsch geantwortet hatte.
Im April 1909 hatte Förster-Nietzsche eine Lösung für dieses zuletzt genannte Problem gefunden: Sie nahm den Brief Nietzsches an Overbeck in Band V ihrer – mit Fälschungen vollgestopften – Briefedition auf, dies allerdings nicht in Originalgestalt. Wort für Wort korrekt gab sie nur den Satz wieder: „Zarathustra ‚der göttliche Mensch‘ hat es den Antisemiten angethan; es giebt eine eigne antisemitische Auslegung davon, die mich sehr hat lachen machen.“ Frei erfunden war allerdings die dem folgende Formulierung: „Das Problem des ‚Gesetzgebers‘ dämmert diesen Köpfen, die gewohnt waren, auf Stimmen-Majoritäten ihr Heil zu setzen.“ Dies musste im unbedarften Leser den Verdacht erzeugen, Nietzsches Lachen sei nicht etwa ein sarkastisches gewesen, sondern eines resultierend aus Freude über seinen Erfolg bei den Antisemiten. Förster-Nietzsche tat dies, obgleich das Original des Briefes als Teil des Overbeck-Nachlasses in der Universitätsbibliothek Basel aufbewahrt war. Und sie tat dies wohlwissend, dass der Nietzsche-Nachlass zwei Passagen bereithielt, deren Veröffentlichung ihre Auslegung vollends zur Farce hätte werden lassen. In dem einen Vermerk, der erstmals 1974 von Colli/Montinari veröffentlicht wurde, heißt es: „Inzwischen hat ein sehr sonderbarer Herr, namens Theodor Fritsch aus Leipzig mit mir correspondirt: ich konnte nicht umhin, da er zudringlich war, ihm ein paar freundliche Fußtritte zu versetzen. Die jetzigen ‚Deutschen‘ machen mir immer mehr Ekel.“ Ein paar Bögen weiter folgt ein ähnlich gehaltenes Notat, enthaltend die Worte: „Es giebt gar keine unverschämtere und stupidere Bande in Deutschland als diese Antisemiten (...). Dieses Gesindel wagt es, den Namen Z(arathustra) in den Mund zu nehmen! Ekel! Ekel! Ekel!“ Dass Nietzsche diesen Ekel auch empfunden hätte, wenn ihm noch die infame Editionspolitik seiner Schwester zu Ohren gekommen wäre, versteht sich von selbst...
Zwei Jahre später, im März 1911, war Schluss mit lustig. Denn von Leipzig aus meldete sich Fritsch in dem von ihm 1901 begründeten antisemitischen Kampfblatt Hammer erneut zu Wort mit einem giftsprühenden Nietzscheverriss, der in den Worten gipfelte: „Niemand begibt sich gern in die Gesellschaft ansteckend Kranker und Wahnsinniger.“ Neu war derlei Ton seinerzeit nicht, im Gegenteil: Er war seit 1891 im nietzscheskeptischen Bildungsbürgertum und zumal in Psychiaterkreisen weit verbreitet. Neu war nur, dass Fritsch eine höchst eigene Duftmarke setzte, indem er das Pathologische an Nietzsche in einen Zusammenhang rückte mit Erwägungen im Blick auf dessen ‚Rasse‘ – eine Kategorie, die damals in der völkischen Bewegung im Zentrum stand und folglich für Aufmerksamkeit sorgen musste.
Was Nietzsche angeht, verbarg sich dahinter das damals wieder aktuell gewordene sog. „Polengerücht“. Es war erstmals 1895 von Förster-Nietzsche unter Bezug auf eine Äußerung ihres Bruders aus dem Jahre 1884 in Umlauf gebracht worden. Demzufolge schien es so, als sei Nietzsche polnischer Abkunft und als sei er auch noch stolz darauf gewesen – ein Skandal, wie 1903 der völkische Nietzscheverächter Arthur Drews (1865-1935) fand, der sich folglich seinen eigenen Reim machte auf die eigentlichen Abgründe von Nietzsches „Deutschenverachtung“. 1908 gab es neuen Anlass für derlei Aufregung: Nietzsches Ecce homo wurde publik – und mit diesem Buch eine Passage, in der Nietzsche erneut (übrigens erneut zu Unrecht) kundtat, seine Vorfahren seien „polnische Edelleute“. Tatsächlich hatte Nietzsche noch sehr viel ‚Schlimmeres‘ (aus völkischer Sicht betrachtet) geschrieben – was man allerdings erst 1969 in der von Colli/Montinari bekannt gemachten authentischen Fassung des Ecce homo zu lesen bekam: „Ich bin ein polnischer Edelmann pur sang, dem nicht ein Tropfen schlechtes Blut beigemischt ist, am wenigsten deutsches.“ Nietzsches Schwester war 1908 an der Bekanntgabe von derlei Sarkasmus selbstredend nicht gelegen. Aber Fritsch genügte das ihm 1911 Verfügbare, um zu wissen, was zu tun war: Er geißelte Nietzsche als „frechen Polen“ und „undeutsche Natur“ – um in Richtung Weimar drohend anzufügen, er besäße Briefe von ihm, „worin er mich wegen meiner nationalen Bestrebungen verhöhnt und Schimpf und Schande auf alles Deutsche häuft.“ Damit war die Katze halbwegs aus dem Sack – und dies in einem argumentativen Kontext, der auch aus anderem Grund alles andere als harmlos ist. Denn Fritsch ging es bei seinem Nietzscheverriss nur vordergründig um den Selbstmord eines Leipziger Oberprimaners, der verfrühter Nietzschelektüre in Rechnung zu stellen sei. Die Sache so oder ähnlich zu sehen, war damals gängig im Rahmen des immerhin schon seit Jahren geführten Kampfes besorgter Erwachsener gegen Nietzsche, den ‚Jugendverführer‘. Entscheidender ist, dass es im Vorfeld des Ersten Weltkrieges in verbreiteter Form zu einer geistigen Mobilmachung unter Rückgriff auf Motive Lagardes kam – und dass nun auch Fritsch die Zeit für gekommen hielt, diesen eigentlichen Heros der völkischen Bewegung gegen Nietzsche und andere „heimliche Zernager und Untergraber des Deutschtums“ ins Spiel zu bringen. Und eben diese Absicht dürfte damals in Weimar, wo man sich gerade anschickte, Nietzsche von seinem Negativimage als ‚Jugendverführer‘ zu befreien und ihn ersatzweise als ‚Kriegsphilosophen‘ aufzubereiten, für helle Aufregung gesorgt haben. Denn auch wenn sich Fritsch vorerst nur auf Andeutungen beschränkte und von der Veröffentlichung der beiden Briefe Nietzsches an ihn absah, war zumal für Förster-Nietzsche klar, dass hier ein Sprengsatz verborgen war, den Fritsch jederzeit zünden konnte. Zumal ihr 1909 angestellter Versuch, Nietzsches Brief an Overbeck so zu deuten, als habe er sich darüber gefreut, als ‚Gesetzgeber‘ der antisemitischen Bewegung Anerkennung gefunden zu haben, ließ sich im Lichte von Fritsch‘ Einlassung kaum noch aufrechterhalten. Entsprechend schien in speziell dieser Frage eine gewisse Zurückhaltung ratsam zu sein.
Dies könnte einer der Gründe dafür gewesen sei, dass der Nietzsche-Neffe Richard Oehler den Brief Nietzsches an Overbeck vom 24. März 1887 – in der von Förster-Nietzsche 1909 frisierten Fassung – nicht mehr berücksichtigte, als er 1911 eine Auswahl von Briefen Nietzsches besorgte. Sehr viel eher bewog ihn dazu aber wohl ein Übereinkommen mit dem Overbeck-Schüler Carl Albrecht Bernoulli, das unter dem Datum von Nietzsches 70. Geburtstag am 15. Oktober 1914 besiegelt wurde – und in dessen Folge eben jener Brief erstmals 1916 in Originalgestalt zugänglich gemacht wurde.
Fritsch seinerseits hatte sich zwischenzeitlich vergleichsweise ruhig verhalten, abgesehen von einem Auftritt im Januar 1915 im Hammer, wo er unter Pseudonym erneut versuchte, Nietzsche als „deutsche(n) National-Heilige(n)“ zu demontieren und durch Lagarde zu ersetzen. Entsprechend hielt man sich auch in Weimar zurück – und strickte weiter an der Legende, Nietzsche sei sehr wohl ein Patriot gewesen und tauge gar zum ‚Kriegsphilosophen‘. Nach Kriegsende allerdings, auf dem Höhepunkt eines neu anhebenden Interesses an Nietzsche, geschah, was man all die Jahre über in Weimar befürchtet hatte: Nietzsches Fritsch-Briefe gelangten 1926 in der Festschrift zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen des Hammer zum Abdruck, wo sie mit dem ironischen, offenbar von Fritsch stammenden Vermerk versehen wurden: „Die Briefe Nietzsches (...) verdanken ihre Aufnahme dem Wunsche, auch einen repräsentativen Gegner des antisemitischen Gedankens zu Wort kommen zu lassen.“ In Weimar freilich tat man wiederum so, als sei nichts geschehen – und bereitete insgeheim den Gegenschlag vor.
Nach Ablauf der Schutzfrist für Nietzsches Werke und Briefe im Jahre 1930 war es soweit: Förster-Nietzsche, deren Renommee durch die Enthüllungen Erich F. Podachs schweren Schaden genommen hatte, suchte einen neuen Kompagnon – und fand ihn in dem damals vergleichsweise anerkannten Dresdener Professor Alfred Baeumler. Ihn unterstützte sie bei der Erstellung einer Dokumentation, die 1932 in Umlauf kam und die sich im ‚Dritten Reich‘ großer Popularität erfreute. Dass dies auch deswegen möglich wurde, weil der Leser Nietzsches Fritsch-Briefe sowie die dazugehörigen zwei Nachlassnotate auch hier umsonst sucht, versteht sich von selbst. In Sachen von Nietzsches Brief an Overbeck vom 24. März 1887 verfuhr Baeumler diesmal allerdings etwas vorsichtiger: Er brachte zwar das von Oehler/Bernoulli (1916) erstmals bekannt gemachte Original, behielt aber die von Förster-Nietzsche (1909) vorgezeichnete Deutungslinie bei, kommentierte also wie gehabt: „Der freundliche Ton, den er (...) gegenüber den Antisemiten anschlägt, geht offenkundig darauf zurück, daß er in ihrem Kreis als Führer anerkannt zu werden scheint.“ Dem ließ Baeumler den Satz folgen: „Im Entwurf (enthalten in den Briefen an Mutter und Schwester) steht noch der kennzeichnende Satz: ‚Das Problem des ‚Gesetzgebers‘ dämmert diesen Köpfen, die gewohnt waren, auf Stimmenmajoritäten ihr Heil zu setzen.‘“ Dies klingt so, als habe Baeumler der Fälscherin Förster-Nietzsche noch die letzte Ehre erweisen müssen. Und es zeigt, dass er sich auch in philologischer Hinsicht mitschuldig machte an der von ihr eingeleiteten Nazifizierung Nietzsches. Gravierend ist dabei vor allem, dass sich Baeumler nicht scheute, auch weitere von der Schwester verfälschte oder gar gänzlich frei erfundene Briefe ungeprüft erneut abzudrucken. Im Ergebnis bleibt nur der Schluss, dass Baeumler mit seiner 1932er Dokumentation, selbstredend aber auch in seiner Eigenschaft als Nietzscheinterpret, alles tat, um den Antisemitismus Nietzsches zu beglaubigen und gegenteilige Zeugnisse zu entkräften – ein Teufelsdienst im Blick auf Nietzsche, ein Liebesdienst allerdings hinsichtlich der eigenen Ambitionen, insofern Baeumler unter dem Protektorat nationalsozialistischer Nietzscheverehrer nach 1933 zu einem der führenden Naziideologen aufsteigen sollte.
Die Träger der völkischen Bewegung mit ihrem ihnen von Fritsch her vertrauten Nietzscheverdikt gaben sich allerdings so rasch nicht geschlagen, wenngleich sie einigen Widerstand im eigenen Lager zu brechen hatten. Dies galt zumal im Blick auf Vertreter der jüngeren Generation, die noch vom jugendtypischen Nietzschekult der 1890er Jahre angesteckt worden waren. Zu denken ist etwa an eine der Führungsfiguren der völkischen Heimatkunstbewegung, Ernst Wachler (1871-1945), der im Übrigen beides war: ein alter Weggefährte von Fritsch, für dessen Hammer er seit 1904 schrieb – aber auch ein mindestens ebenso langjähriger, ab 1902 in Weimar residierender und dort selbst journalistisch tätiger Verehrer Förster-Nietzsches. Wie geschickt Wachler diese Doppelstellung auszunutzen wusste, zeigte sich am 1. April 1933: Wachler trug im Hammer seine Opposition vor gegen jene Völkischen, die meinten, Nietzsche sei überholt. Er verwies dabei auf ein 1914 im Hammer-Verlag erschienenes Buch des völkisch gesonnenen dänischen Nietzscheverehrers Konrad Simonsen (1875-1945). In diesem Buch hatte Simonsen scharfe Kritik geübt am dänischen Nietzscheentdecker Georg Brandes, der als Jude notwendig habe fehlgreifen müsse bei der Interpretation von Genies der „germanischen Rasse“ wie Nietzsche. Mit dieser Rückerinnerung an Simonsen, so offenbar Wachlers Kalkül, hatte er sie alle paralysiert: Fritsch konnte nicht opponieren – es sei denn für den Preis der Kritik an seinem eigenen Verlagsprodukt von 1914. Und Förster-Nietzsche konnte keinen Protest erheben – es sei denn für den Preis ihrer erneuten Parteinahme für Brandes, den ihr Simonsen schon zwanzig Jahre zuvor in Gesprächen und Briefen als an sich dem Geist ihres Bruders widersprechend auszureden versucht hatte.
Tatsächlich kam es teilweise so, wie von Wachler erwünscht: Simonsen wurde wieder nach Weimar eingeladen – und revanchierte sich mit einer 1935 in Dänemark erschienenen Förster-Nietzsche-Hagiographie. Fritsch allerdings, inzwischen achtzig Jahre alt, meldete sich bis zu seinem Tod am 8. September 1933 in dieser Angelegenheit nicht mehr zu Wort. Ersatzweise trat noch einmal Arthur Drews auf den Plan und mahnte die Nietzschefrage 1934 zur endgültigen Klärung an. Für ihn war die Antwort allerdings klar: Es schien Drews undenkbar, ausgerechnet Nietzsche, „den verhätschelten Liebling philosophisch unbeschwerter Jugend, (...) als philosophisches Vorbild für die herrschende politische Partei auf den Schild zu heben.“ Nicht minder deutlich argumentierte ein anonym gebliebener Autor am 14. Oktober 1934 in der von Adolf Stöcker begründeten deutsch-evangelischen Wochenzeitung Das Volk. Damit erst gar kein Missverständnis aufkam, folgte dem die Wiedergabe des Briefes von Nietzsche an Fritsch vom 23. März 1887.
Substantiell hindernd für die zunehmend sich durchsetzende Nazifizierung Nietzsches war derlei allerdings nicht. Dabei mag beides eine Rolle gespielt haben: Einerseits, dass sich Hitler mit seinen Besuchen bei Förster-Nietzsche und seiner auch nach deren Tod (1935) andauernden Unterstützung von Projekten des Nietzsche-Archivs eindeutig positioniert hatte sowie, andererseits: Dass Hitler Fritsch‘ Hinterbliebenen 1933 ein Beileidstelegramm geschickt hatte und Goebbels einen Nekrolog hielt auf den „hochverdienten Vorkämpfer unserer völkischen Wiedergeburt“. Denn dies bedeutete, dass derjenige, der sich für Nietzsche aussprach und zugleich gegen Fritsch, ebenso in Probleme geriet wie derjenige, der sich allzu deutlich auf die Seite von Fritsch schlug und mithin zu dessen Nietzscheverachtung bekannte. Dies mag die relative Zurückhaltung in dieser Angelegenheit im Weimarer Nietzsche-Archiv ebenso erklären wie den Umstand, dass man zunehmend auch in völkischen Kreisen Nietzsches Fritsch-Briefe ‚vergaß‘.
Nicht unterschätzen sollte man dabei, dass diese Briefe immer stärker zum Politikum gerieten. So suchte die in Paris sowie in Amsterdam erscheinende Emigrantenzeitschrift Das Neue-Tage-Buch am 28. Oktober 1933 Nietzsches Anti-Antisemitismus durch den Wiederabdruck eben jener Briefe zu beglaubigen. Ähnliches geschah 1934 in Prag in der Zeitschrift Die Neue Weltbühne. In beiden Fällen ging es um Mutmacherformeln beim Kampf um den Rückgewinn eines gleichermaßen kosmopolitischen wie judenfreundlichen Nietzsche – und dies sehr zum Ärger der Nazis, wie sich 1938 nach dem ‚Wiederanschluss‘ Österreichs in Wien studieren ließ. Denn die dort 1935 erschienene Edition Juden und Judentum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten, in der auch Nietzsches Fritsch-Briefe eine Heimat fanden, wurde seitens der Reichsschrifttumskammer verboten – eine Entscheidung mit symbolischer Bedeutung. Denn gegeben war damit ein Indiz für das auf der Ebene der Partei greifende und am 15. Oktober 1944 im Völkischen Beobachter mit einer Nietzsche- Titelgeschichte Baeumlers besiegelte Übereinkommen, wonach es höchste Zeit sei, sich den selbst geschaffenen Nietzsche zu erhalten – koste es, was es wolle, sprich: auch für den Preis, dass man Material von Nietzsche, falls es störend war für das je den Zeitläuften anzupassende Nietzschebild, unterdrückte.
Dies mag erklären, dass und warum in Deutschland mit Nietzsches Fritsch-Briefen für lange Jahre jene zwei entscheidenden Zeugnisse in Vergessenheit gerieten, die als die wohl eindeutigsten Belege gelten dürfen für Nietzsches grundsätzlichen Gegensatz im Blick auf die Heroen der völkischen Bewegung. Und an derlei Zusammenhangsblindheit änderte sich auch nichts, nachdem im Dezember 1956 der dritte und letzte Band der sog. ‚Schlechtaausgabe‘ an den Verlag ging, enthaltend 278 Briefe Nietzsches. Denn dem Herausgeber Karl Schlechta kommt zweifellos das Verdienst zu, Förster-Nietzsche als Fälscherin entlarvt zu haben, indes: Auch Schlechta unterließ sowohl die Wiedergabe der beiden Briefe von Nietzsche an Fritsch vom März 1887 als auch des Nietzsche-Schreibens an Overbeck vom nämlichen Monat.
Man könnte meinen, all dies sei nun ausgestanden, seitdem doch die erwähnten zwei Nachlassnotate seit 1974 verfügbar sind und 1984 auch Nietzsches Fritsch-Briefe erstmals offiziell zum Abdruck gelangten im Rahmen der von Colli/Montinari veranlassten Kritischen Gesamtausgabe. Aber man täusche sich nicht: Und er war doch ein Zerstörer der Vernunft – so schrieb Kurt Flasch in der FAZ in Galil?i-Attitüde über Nietzsche im Blick auf den aus Italien kommenden „massiv-gelehrte(n) Einspruch, auf den wir (sic!) gewartet haben“ (Bildunterschrift, FAZ v. 21. Februar 2003, S. 42). Aus Italien? Ja, es ist Domenico Losurdo, den Flasch einen „besseren Historiker“ als Ernst Nolte heißt und dem es gelungen scheint, Georg Lukács Werk zu vollenden. Von Nietzsche bleibt folglich nicht mehr viel übrig, durchaus „entlastet“ steht seine Schwester da – und recht rabenschwarz verhält es sich mit den Nietzsche-Herausgebern Colli/Montinari. Sie nämlich, so Flasch unter Berufung auf Losurdo, sind letztlich verantwortlich für die in der Nietzscheforschung gängige „Entschuldungsrhetorik“. Dies ist in der Tat starker Tobak für die „Nietzschegemeinde“ – und entsprechend neugierig ist Flasch darauf, wie sich diese wohl an dem „massigen Stein“ zu schaffen machen wird, den ihr Losurdo „in den Vorgarten“ warf.
Mein Bericht will zeigen, was die internationale Nietzscheforschung auf dem Stand von heute in Sachen des von Losurdo aufgeworfenen Problems vorzutragen hat. Ich habe dies am Exempel der Briefe Nietzsches an Theodor Fritsch vom März 1887 getan. Warum gerade an diesem Beispiel? Nun, weil die ältere Nietzscheforschung diese Briefe sowie den dazugehörigen Kontext gänzlich unbeachtet ließ. Dies gilt für Feind wie Freund, also für Losurdos Vorbild Lukács, für Nolte, für Wolfgang Harich, für Bernhard Taureck, für Nietzsches Schwester, für Alfred Baeumler – aber eben auch für Walter Kaufmann, Karl Schlechta oder Curt Paul Janz, dessen „Pionierarbeit“ auf dem Felde der Nietzsche-Biographik Flasch derart lobt, dass ihm am Ende für all das, was dem nach 1978 folgte, nur ein Scherzwort übrig bleibt.
Warum derlei Ironie unangebracht ist, hoffe ich gezeigt zu haben. Das Beispiel Flasch lehrt, dass es damit allein keineswegs getan ist, wenn es gilt, Parolen im Zaum zu halten vom Schlage: Und er war doch ein Zerstörer der Vernunft. Ob das im Vorhergehenden Erzählte hier weiterhilft? Vielleicht, wenn noch folgendes nachgetragen wird: In eben jenem Jahr 1888, in dem Nietzsche, so Flasch in Anlehnung an Losurdo, auf die „wagnernahe, deutschtümelnde und judenfeindliche Politik“ zurückkam, die er „von 1866 bis 1872 (gefordert hatte)“, bastelte Nietzsche u.a. an seinem Ecce homo. Und was findet sich hier? Der Satz: „Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die
unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester“, und wenige Zeilen später folgt: „ich würde dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn, mein Kutscher zu sein.“
Über die geistige und lokale Heimatlosigkeit des verkannten Denkers
Die "Entnietzschung Nietzsches"
- Ein Gespräch mit Hermann Josef Schmidt
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Mit Urteil vom 12.
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