| Bericht |
Herr Rauh, wieviele DDR-Philosophen arbeiten Ihrer Kenntnis nach noch an bundesdeutschen Universitäten?
Nach meiner Statistik gab es 1989 ungefähr hundert Philosophen, die an Universitäten, an der Akademie der Wissenschaften und an einigen wenigen ML-Sektionen tatsächlich philosophisch gearbeitet haben. Von diesen hundert sind zehn Philosophieprofessoren übernommen worden, von ihnen sind heute noch fünf tätig. In fünf Jahren werde ich als letzter des "ewigen" DDR-Nachwuchses ausscheiden. Das ist einmalig in der deutschen Wissenschaftsgeschichte, eine solche Umschichtung hat es noch nie gegeben.
Wie hat sich das Philosophiestudium im Osten gewandelt?
Es sind nicht einfach nur die westdeutschen Verhältnisse über uns gekommen, sondern frühere traditionelle Universitätsverhältnisse wurden wieder hergestellt. Es gibt zum Beispiel keine Studienjahre mehr. Für ein Vorlesungsthema Erkenntnistheorie oder eine umfangreiche philosophische Literatur wie Kants Vernunftskritik oder Hegels Phänomenologie bräuchte man eigentlich ein Studienjahr. Diese Struktur gibt es nicht mehr, wir denken jetzt semesterweise. Es gibt auch keinen einheitlichen und geschlossenen Studienplan, sondern eine Einteilung theoretische und praktische Philosophie, darunter jeweils bestimmte Bindestrichphilosophien. Ein reines Philosophiestudium, wie wir es hatten, gibt es nicht mehr. Wir sind zu einer Art Bildungseinrichtung für die Gesamtuniversität geworden. Wer im Hauptstudium Philosophie belegt, muss mindestens noch ein oder zwei andere Nebenfächer haben. Hinzu kommen zahlreiche Nebenfach-Philosophiestudenten, die natürlich eine reduzierte Philosophieerwartung haben und nur einen Proseminarschein in Philosophie machen müssen. Ich erfahre also, was eine Massenuniversität in meinem Fach heißt. Wir müssen uns gewaltig öffnen für andere Disziplinen. Das Ganze ist eine universitäre Scheinewirtschaft: Seminarschein gegen Teilnahme, Referate, Protokolle, Belegarbeiten usw. So erleben wir die Studenten, und so erleben uns die Studenten.
Für die Studenten ist es doch ein Bildungsverlust, wenn sie z.B. die Philosophiegeschichte nicht mehr systematisch von der Antike bis heute dargeboten bekommen.
Sie kriegen keine geschlossene Gesamtausbildung. Es läuft alles sehr freizügig darauf hinaus, dass sie sich die von uns jeweils angebotenen Teilstücke zusammensetzen müssen. Ob sie dabei eine Anleitung entgegennehmen, oder ob sie das selbst bewerkstelligen, unterliegt völliger Zufälligkeit. Das Angebot des Lehrkörpers beruht auf der Freizügigkeit der Lehre. Natürlich versuchen wir, Überschneidungen auszugleichen. Aber ein klassischer philosophiegeschichtlicher Überblick wird, wie gesagt, nicht mehr vermittelt. Der größte Verlust ist überhaupt die Geschichte der Philosophie. Sie wird nur noch im Hinblick auf angewandte und systematische Fragestellungen behandelt. Da die DDR-Philosophen die Geschichte der Philosophie immer als eine Art Nische betrieben haben, sind es auch die wenig übrig gebliebenen DDR-Philosophen, die verstärkt Geschichte der Philosophie anbieten und betreiben.
Welche Berufsaussichten haben Philoso-phiestudenten?
Ein reines Philosophiestudium wie in DDR-Zeiten gibt es, wie gesagt, nicht mehr. Die Studenten müssen ein oder zwei Nebenfächer im Hintergrund haben für einen erfolgreichen Magisterabschluss und für reale Chancen im Berufsleben. Für das Lehrerstudium z.B. ist der Philosophieunterricht nur ein halbes Fach, neben zwei vollen Fächern wie z.B. Geschichte und Deutsch. Damit reduzieren sich natürlich Interesse und Zeitaufwand. Es gibt einzelne, bei der Philosophie bleibende Interessenten, aber sie haben die schlechteren Berufsaussichten.
Wer studiert in Greifswald, Arbeiter- und Bauernkinder?
Ich weiß nicht, ob man mit solchen soziologischen Kategorien heute noch etwas anfangen kann. Wir wissen es eigentlich gar nicht.
Sie fragen auch nicht danach?
Nein. Es würde nur Unverständnis auslösen bei den jungen Leuten, bei einigen Eltern wohl auch nur schlechte Rückerinnerungen wachrufen. Das einzige, wonach ich manch-mal noch frage, ist: Kommen Sie aus dem Westen oder aus dem Osten? Kommen Sie aus dem Westen, muss ich mehr erklären, kommen sie aus dem Osten, kann ich abkür- zen - den Gegenstand oder die Geschichte des Lehrfachs in Greifswald betreffend. Aber ich muss sagen, wir fragen immer weniger danach, wo einer herkommt.
Zehn Jahre Philosophie im Osten ohne Marx. Ist das noch immer so?
Die sektiererische, Marx tötende Vereinseitigung des Marxismus ist natürlich vom Tische. Damit war zunächst jegliche Marx-Beschäftigung weg. Schließlich war es unser eigenes Versäumnis, Marx nicht historisch gesehen zu haben, und zwar konkret historisch, beispielsweise, wie seine Rezeption im 20. Jahrhundert sich vollzogen hat. Wir waren ja nicht einmal in der Lage, marxistische Denker wie Bloch, Lukács oder Kofler auszuhalten. Wie soll man dann Max Weber und Karl Mannheim verstehen, die die deutsche Soziologie begründet haben und ohne Marx gar nicht denkbar sind? Das muss also richtig gerückt werden und ein längerer Prozess sein. Die Wirklichkeit sieht so aus: Es ist mir völlig frei gestellt, was ich mache. Ich könnte also ein Seminar zu Marx machen und ich habe es auch vor, weil die ersten Anfragen von Studenten zu Marx da sind, schon seit einem Jahr. Diese Anfragen kommen mehr von Studenten aus dem Westen und nicht aus dem Osten. Denn die im Osten haben einen Hintergrund, und das darf man nicht unterschätzen, ihre Elterngeneration, die nicht Philosophie studiert hat, sondern ML "genossen" hat. Daher der Horror vor Marx. Vom Marxismus ganz zu schweigen. Ich werde also in Absprache mit meinen Kollegen etwas Kritisches zu Marx anbieten: Ökonomisch-philosophische Manuskripte und Feuerbach-Thesen, also seine sogenannten Frühschriften 1844/45. Das Spannende ist: Man muss immer abwarten, ob sich Interessenten finden. Die Studenten müssen ihren Stundenplan in Ordnung kriegen und Scheine machen. Und davon hängt dann einfach auch die Teilnahme an einem wieder denkbaren Marx-Seminar ab.
AutorHans-Christoph Rauh, von 1978-1982 Chefredakteur der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie" und dann suspendiert, weil in den "Fall Ruben" verwickelt, lehrt Philosophie an der Univesität Greifswald. Das Gespräch führte Brigitte Hering. Erstveröffentlichung in der Zeitung "Junge Welt". Von der Redaktion leicht gekürzt.
Redaktion / Webmaster © Michael Funken 2001. Alle Rechte vorbehalten. |
Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man
durch die Einbindung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten
hat, sofern man sich davon nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich
ausdrücklich, dass ich keinerlei Einfluß auf Gestaltung, Inhalte und Links aller
gelinkten Seiten habe noch jemals hatte, und distanziere mich ausdrücklich von
sämtlichen Gestaltungsformen, Inhalten und Links aller gelinkten Seiten und mache mir
diese nicht zu eigen.
|