Leserbrief

Praktiker fehlen

Offener Brief an den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Philosophie anlässlich des Interviews in Information Philosophie 1 (2005) und des XX. Kongresses der DGPhil.

Sehr geehrter Herr Professor Abel,

 „Kunst als Paradigma von Kreativität?“ lautet eine Frage beim diesjährigen Kongress der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“, der die Kreativität zu seinem Thema macht. Bei all den möglichen Antworten auf diese Frage wird auf Ihrem Kongress eine wesentliche Antwort von vornherein fehlen: die Antwort der Philosophischen Praxis. Denn eine Sektion „Philosophische Praxis“ ist auf diesem Kongress nicht vorgesehen.

Gerade Philosophische Praxis würde zum Kongress-Thema einen nicht unwesentlichen Beitrag leisten. Denn Philosophische Praxis meint ja keine „Technik“ im Sinne einer „angewandten Philosophie“, sondern ist selber wesentlich Kunst. Philosophischer Praktiker ist nicht, wer sich bloß auf die Wissenschaftsphilosophie als ein Referenzsystem bezieht. Das Proprium eines Philosophischen Praktikers ist vielmehr die Kreativität und Produktivität seines Denkens in der Beratungstätigkeit und Bildungsarbeit. Philosophische Praktiker sind dabei Produzenten von Begriffen. Das Denken Philosophischer Praktiker ist auch produktiv, soweit Praktizierende mit ihrer Kunst der Bildung, Erfindung und Herstellung von Begriffen die Produktivität des Denkens ihrer Besucher (wieder) in Bewegung setzen. Der Besucher eines Philosophischen Praktikers kommt oft als Opfer seines „Begriffsschicksals“ (Schefczyk) zur Praxis, wenn die Produktivität seiner Begriffsbildung blockiert ist. Angesichts derartiger Sachverhalte mussten „Kunst“ und „Kreativität“ für Philosophische Praxis nicht nur zu einem Thema unter vielen anderen avancieren, sondern zu einem zentralen Thema ihrer und so auch der Philosophie. Schließlich ist Philosophische Praxis – bei aller Praktik – zunächst und zuerst vor allem eins: Philosophie. Kurz: Die Philosophie der Philosophischen Praxis ist ursprüngliches Paradigma von Kreativität. Und dafür soll auf dem Kongress deutscher Philosophen zum Thema Kreativität kein expliziter Raum vorgesehen sein?  

Es ist die „Peripherie“, die am Anfang des 21. Jahrhunderts ein beachtliches epistemologisches Potential bereithält. Dies gilt wiederum vor allem für Philosophische Praxis, zumal für eine, die sich der theoretischen und praktischen Herausforderung des erweiterten Begriffs der Kunst durch Joseph Beuys stellt. Denn es ist die Kunst und Kreativität des Denkens, mit der ein Philosophischer Praktiker zum „Grenzgänger“ zwischen seinem erweiterten Kunstbegriff und der Philosophie wird. Eine Philosophische Praxis, die hier den Mut zur „schöpferischen Grenzverletzung“ besitzt, wird damit auch zum dem Paradigma für eine Philosophie, die durch die „Grenzverhandlung“ zwischen Kunst und Philosophie ihre eigene Zukunftsfähigkeit bewahrt. 

Zuletzt: In Ihrem Interview bemerken Sie mit Recht, dass der „Sitz im Leben“ in die Mitte des Selbstverständnisses der Philosophie gehört. Aber in der Schlussbemerkung wird deutlich, dass akademisch geprägte Philosophie nicht die Kreativität und Erfahrung Philosophischer Praxis, die schon institutionell mitten im Leben angesiedelt ist, befragen und von ihr lernen will, sondern lediglich umgekehrt das Angebot zu machen weiß, an ihrer gewiss hochgradig reflexiven Kraft, aber thematisch doch beschränkten Relevanz teilzuhaben. Philosophische Praktiker könnten auf dem Kongress der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ nicht nur „eine Fülle von Anregungen aus den einzelnen Kolloquien und Sektionen mitnehmen“, sondern auch selbst eine Fülle von Inspirationen und Impulsen für die Philosophie beitragen! Wir bedauern, dass diese Möglichkeit auf diesem Kongress nicht besteht, jedenfalls eine entsprechende Sektion nicht vorgesehen ist.  

Mit den besten Wünschen für einen gelingenden Kongress grüßen Sie herzlich, 

Dr. Thomas Polednitschek (Vorstand der IGPP) und 

Thomas Gutknecht (Präsident der IGPP)

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Links

26. - 30. September: "XX. Deutscher Kongress für Philosophie - KREATIVITÄT", TU Berlin Website.

Website Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis e.V. (IGPP),

Gerd Achenbach tritt ab

Die Zeit nach Achenbach: Interview mit Thomas Gutknecht

[Stand der Information: 09/07/2005]

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber