| Praxis |
Peter Moser:An der Spitze der philosophischen Entwicklung?Philosophische Praktiker(innen) diskutieren über die Zukunft der philosophischen Praxis |
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Eckart Ruschmann: Als philosophischer Praktiker betrachte ich den anderen Menschen auch als philosophierenden Menschen und in diesem Sinne als (Laien-)Philosophen. Das Ziel philosophischer Praxis ist es, ihm dabei zu helfen, seine Reflexivität zu erhöhen und philosophische Bewusstheit zu gewinnen.
Martina Bernasconi: Aus meiner Perspektive ist das Ziel einer philosophischen Beratung nicht ein besseres, sondern ein intensiveres Leben. Ich würde nie behaupten, dass die Leute, die in meine Praxis gekommen sind, danach ein besseres Leben haben. Vielmehr haben sie sich auch Probleme eingehandelt, die sie vorher nicht hatten. Ziel der philosophischen Praxis ist es vielmehr Sinn und Orientierung zu vermitteln bzw. eine Richtung angeben.
Thomas Polednitschek: Philosophische Praxis ist keine alternative Psychotherapie, sondern eine Alternative zur Psychotherapie. Man sollte mehr als bisher unterscheiden zwischen der Erweiterung der individuellen Selbstwahrnehmungskompetenz auf der einen und der Selbstdeutungs- oder Selbstinterpretationskompetenz von Menschen auf der anderen Seite. Philosophische Praxis hat im Gegensatz zur Psychotherapie etwas mit der Erweiterung der Selbstinterpretationskompetenz von Menschen zu tun, während dessen Psychotherapie vor allem Dingen in ihrer humanistischen Färbung und Fassung etwas mit der Steigerung der Selbstwahrnehmungskompetenz zu tun hat. Für mich ist das ein wichtiger Unterschied.
Thomas Stölzel: Ich sehe das eher integrativ, in dem Sinne, das alles voneinander lernt. Die Philosophische Praxis bewegt sich nicht in einem luftleeren Raum, sondern nimmt verschiedene Einflüsse auf. Es gibt elaborierte Therapieverfahren, wo ich keinen großen Abstand sehe. Allerdings besteht ein qualitativer Unterschied: die Philosophische Praxis ist eine "Allesanrührerin", sie ist nach meinem Verständnis lösungsorientiert und legt sich nicht auf ein bestimmtes Krankheits- und Menschenbild fest, sondern kann aus einem großen gedanklichen und methodologischen Reichtum schöpfen. Sie könnte aus den Schwächen von hundert Jahren Psychotherapiegeschichte lernen. Sich zwanghaft von der Psychotherapie abzugrenzen, scheint mir unsinnig.
Thomas Gutknecht: Gute Therapie erhebt den Anspruch, wissenschaftlich fundiert zu sein. Die Wissenschaft ist daran interessiert, Probleme zu lösen, die Philosophie sollte Probleme auch bewahren. Konkret angewandt auf die Beratungs- bzw. Gesprächssituation könnte man sagen, Philosophen seien gegen Methoden des Behandeltwerdens in der Psychotherapie angetreten. Philosophische Praxis will nicht aus allen Menschen Philosophen machen, sondern sie will verhindern, dass die philosophischen Anlagen im Menschen mit Füssen getreten werden und sie will verhindern, dass Menschen Behandlungsmethoden ausgesetzt werden, die sie eher beeinträchtigen, als dass sie ihnen wirklich helfen.
Gerhard Stamer: Die philosophische Praxis hat prinzipiell nichts mit Psychologie und psychologischer Praxis zu tun. Die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Welt ist eine philosophische Frage und hat nichts mit Therapie zu tun. Die Frage nach Gott ist eine Frage, die philosophisch und vielleicht theologisch zu beantworten ist, aber sie hat nichts mit Psychologie zu tun. Und die Frage nach dem, was Geist ist, und die Frage nach dem, was Seele ist sind Fragen nach der Realität. Philosophische Praxis hat die Aufgabe, die Menschen mit ihrer eigenen Realität bekannt zu machen und das hat nichts mit Therapie zu tun.
Annegret Stopzcyk: Psychologie war immer in der Philosophie integriert und hat sich erst später als eine eigene Wissenschaft etabliert. Philosophische Praxis und Psychologie liegen nicht weit auseinander. ihnen eine gewisse Selbsterkenntnis erwarten. Die Suche nach dem, wie die eigene Psyche zusammengesetzt ist, gehört inzwischen mehr zur Psychologie. Betrifft aber auch das Philosophieren über sich und die anderen Menschen immer noch. Man sollte hier nicht unnötig trennen. Von Philosophen können die Leute über die Seelenanalyse hinaus perspektivisch an ihren Idealen und Visionen arbeiten. Das ist dann eher philosophisch im Sinne von Kant "eine regulative Idee" haben.
Thomas Stölzel: Es gab im 17. Jahrhundert den Begriff der Science de l'homme, also der Menschenwissenschaft. Das beinhaltet Anthropologie, Psychologie wie auch Philosophie. Dies ist für mich ein integraler Begriff, den es in der Philosophischen Praxis wiederzubeleben gilt.
Christiane Pohl: Die meisten der vorhergehenden Beiträge kann man dahingehend zusammenfassen, dass das vergangene Jahrhundert ein Jahrhundert der Psychotherapie war, aber das Jahrhundert, das jetzt kommt, das Jahrhundert der Philosophischen Praxis sein wird.
Christiane Pohl: Es ist sehr selten, dass Klienten mit Problemen kommen, die vordergründig auch als religiöse Probleme zu erkennen sind. Aber oft stelle ich im Laufe der Gespräche dann fest, dass in irgendeiner Weise ein religiöses Problem vorliegt. Es kann etwa sein, dass jemand Angst hat, Gott würde ihn bestrafen; es kann aber auch sehr subtil und kaum in Worte fassbar sein. Wenn ich spüre, dass so etwas im Hintergrund steht, greife ich das auf. Auch deshalb, weil ich kaum wüsste, wo jemand diese Dinge außerhalb des kirchlichen Bereichs besprechen könnte. Ich halte es auch für wichtig, dass bei den Besuchern eine gewisse Bewusstheit gegenüber religiösen Fragen vorliegt - ganz gleich, wie die Antworten ausfallen.
Christiane Pohl: Ich könnte mir vorstellen, dass eine wirklich gute Seelsorge bei diesem Thema ähnlich dem ist, was auch ich zu sagen habe.
Thomas Polednitschek: Eine Stärke philosophischer Praxis bezüglich religiöser Fragen liegt darin, dass sie im Gegensatz zur kirchlichen Seelsorge den Mut hat, nicht psychologisch zu werden. Kirchliche Seelsorge ist faktisch oftmals eine von Psychologie dominierte Seelsorge. Philosophische Seelsorge dagegen bleibt bei der Sache. Das ist gegenüber kirchlicher Seelsorge eine eindeutige Stärke.
Eckart Ruschmann: Wenn ich Menschen als philosophierende Wesen wirklich ernst nehme, sei es in der Bildungsarbeit, sei es in der philosophischen Praxis, bin ich immer wieder überrascht, was für ausdifferenzierte ‚Metaphysiker' mir da entgegentreten. Viele Menschen haben Transzendenzerfahrungen und suchen nach angemessenen Symbolisierungen dafür. Theologische Begriffe passen oft nicht mehr, es tritt mir häufig ein sehr persönlicher und individueller Transzendenzbezug entgegen, und diese Menschen wollen das philosophisch aufarbeiten.
Annegret Stopzyk: Ich habe in meiner Arbeit nie die Erfahrung gemacht, dass von mir erwartet wird, dass ich eine Beziehung zum Göttlichen herstelle. Die Leute wissen vielleicht von vorneherein, dass ich Agnostikerin und in dem Sinne aufgeklärt bin. Wenn das Gespräch in der philosophischen Praxis auf religiöse Themen kommt, dann ist diese agnostische Position durchaus hilfreich. Ich denke, für andere Positionen sind die Theologen zuständig. Wobei ich dann auch jemanden aus meiner Adressenkartei weiter empfehle.
Martina Bernasconi: In dieser Hinsicht ist für mich die Arbeit in den Krankenhäusern relevant. Hier wird man mit Tod und Krankheit konfrontiert - zwei philosophische Themen, die seit der Antike diskutiert werden. In den Krankenhäusern gibt es Theologen und Psychologen - dass es hier wenige bis gar keine Philosophen und Philosophinnen gibt, finde ich mindestens merkwürdig und sollte überdacht werden.
Eckart Ruschmann: Das ist ein künstlicher Gegensatz. Kunst hat im Hintergrund sehr viel Wissen. Und wenn jemand in einer wissenschaftlichen Disziplin lange Erfahrungen sammelt, kann sich seine Tätigkeit zu etwas ausdifferenzieren, das den Namen Kunst verdient.
Thomas Polednitschek: Für mich ist philosophische Praxis keine Methode, erst recht keine Wissenschaft, sondern Kunst. Damit meine ich: Philosophische Praxis hat es mit der Kunst des Denkens zu tun. Sie hat es mit der Produktivität des Denkens zu tun und dies sowohl auf der Seite des philosophischen Praktikers als auch auf der Seite des Besuchers der philosophischen Praxis.
Gerhard Stamer: Ich bin der Auffassung, dass die philosophische Praxis richtiges Philosophieren ist. Und richtiges Philosophieren ist eine Reflexion auf Kunst und auf Wissenschaft und das qualifiziert sie als eine eigene Disziplin, die weder in Kunst noch in Wissenschaft aufgeht, aber beides als Elemente in sich hat.
Thomas Polednitschek: Ein philosophischer Praktiker soll weder ein Experte im Sinn der Wissenschaft noch ein Guru sein: er sollte eine Persönlichkeit sein. Entscheidend an der Philosophischen Praxis ist, dass der Praktiker sich mit seiner Persönlichkeit einbringt.
Soll der Praktiker versuchen, auf den Klienten einzuwirken oder sich auf Dienstleistungen wie Information usw. beschränken?
Martina Bernasconi: Mir geht es darum, dass ich die Meinungen des anderen aufnehme. Dabei bringe ich mich als ganze Person auch ein. Das ist ein wichtiger Unterschied zur Psychotherapie bzw. Psychoanalyse.
Willi Fillinger: Wir sind alles völlig verschiedene Persönlichkeiten, und wir können nicht so tun, als ob der philosophische Praktiker ein Neutrum wäre. Wir haben bestimmte Meinungen über bestimmte Fragen und diese dürfen durchaus bekannt sein.
Gerhard Stamer: Hier wird es problematisch. Als Existenzen sind wir den gleichen Bedingungen unterworfen wie diejenigen, die zu uns kommen. Auf der anderen Seite: Wenn jemand zu einem Kant-Vortrag kommt, dann sind wir die Lehrer. Diese beiden Seiten, einerseits existentiell die fundamentale Gleichheit der Erfahrung, andererseits die Rolle, Lehrer zu sein, sind miteinander zu verbinden.
Annegret Stopzyk: Die Unterscheidung "Neutral oder Guru" ist eine unnötige Polarisierung. "Persönlichkeit" wäre die Mitte davon. Das Problem ist, dass die Menschen, die sich für Philosophie interessieren, auch Orientierung suchen und die Menschen, die Orientierung anbieten, indem sie philosophisches Wissen anbieten, von den anderen leicht zu Gurus gemacht werden. Die Frage für mich ist immer, ob derjenige, der selber Wissen anbietet, sich auch zum Guru (oder Gura) machen lässt. Wir haben das Problem, das von uns verlangt wird, wir sollen Vorbild sein sollen. Mit der Ambivalenz, auch Vorbild zu sein aber nicht zum Guru gemacht werden zu wollen, leben wir als philosophische Praktikerinnen und Praktiker.
Thomas Gutknecht: Was das gegenwärtige Verhältnis betrifft, bedauere ich, dass es von der universitären Seite keine größere Offenheit gegenüber den Erfahrungen der philosophischen Praktiker gibt. Was die Zukunft betrifft, so bin ich mir sicher, dass die Erfahrungen der Praktiker auf Interesse stoßen werden und zwar nicht zuletzt darum, weil die Philosophie als solche sich verändert. Der Bildungsgedanke, der in der philosophischen Praxis gepflegt wird, wird Auswirkungen auf die akademische Philosophie haben. Umgekehrt, um auf die vorherige Frage zurückzukommen, gehört der Ausschluss des Charismatikers zum Akademischen, und auch für die philosophische Praxis ist es wichtig, dass Charismatikern die Möglichkeiten entzogen wird, hier auf unter Umständen verhängnisvolle Weise zu wirken. schon deshalb ist eine enge Verbindung zwischen universitärer Philosophie und philosophischer Praxis wünschenswert. Sie käme beiden Disziplinen zugute.
Eckart Ruschmann: Die philosophische Praxis ist weitgehend außerhalb der akademischen Philosophie entstanden und zwar auch als Protest gegen eine Philosophie, die sich seit der Neuzeit zunehmend als theoretische Philosophie entwickelt und den Bezug zur Lebenspraxis verloren hat. Die Praxis ist deshalb gewissermaßen der Theorie vorausgelaufen. Die Theorie dieser Praxis kann aber, zum Teil im Anschluss an die antike Philosophie, hereingeholt werden. Dieses ‚Projekt' wird eine Aufgabe der akademischen Philosophie der Zukunft sein, es ist ein zweiter Schritt, der den ersten - der Praxis - voraussetzt und darauf aufbaut.
Thomas Polednitschek: Ich glaube immer weniger, dass es die Intimität des einzelnen Beratungszimmers ist, der die Zukunft der philosophischen Praxis gehört. Es ist vielmehr der öffentliche Raum, dem diese Zukunft gehört. Und zwar zum einen als der Raum von philosophischer Praxis, aber dann auch der öffentliche Raum als Gegenstand philosophischer Praxis. Ich plädiere deshalb für eine philosophische Praxis, die sich in einem emphatischen Sinne auch als politische Philosophie versteht.
Christiane Pohl: Das persönliche, ja sogar das intime Gespräch ist für die philosophische Praxis unverzichtbar. Gerade der einzelne Mensch benötigt die philosophische Kompetenz, die wir mitbringen, in einer Welt, in der nur wenig Orientierung vorliegt, in der vom Einzelnen kein Sinn mehr gesehen wird. Und, banal gesagt, auch der Verblödung - etwa durch eine übertrieben Psychologisierung - entgegenzuwirken. So kommen manche zu mir, die unreflektiert irgendeinen Komplex als Ursache ihrer Probleme vorschieben.
Thomas Gutknecht: Wir können nicht nur fragen, wie die Zukunft der philosophischen Praxis aussieht, wir können auch fragen, wie wir dafür sorgen können, dass die philosophische Praxis Zukunft hat. Dabei müssen wir betonen, dass philosophische Praxis primär philosophische Praxis ist und bei aller Praxis, bei aller Bezogenheit auf den Lebensvollzug es sich um ein Geschäft handelt, das mit dem Denken, das mit kognitiven Inhalten zu tun hat. Und gedacht wird - bei aller Bezogenheit auf den Raum der Öffentlichkeit - zu allererst im Zwiegespräch mit sich selbst und dann im Zwiegespräch mit anderen in der menschlichen Begegnung. Man darf die Philosophie nicht der Gefahr aussetzen, dass in ihr so wie im politischen Raum gesprochen wird. Wenn wir die Quelle dieser Zwiegespräche - erst mit sich, dann mit dem anderen - zugunsten einer Orientierung etwa an den Medien oder dem Markt aufgeben, sehe ich die große Gefahr, dass wir uns nur noch im öffentlichen Gerede ergehen.
Gerhard Stamer: Um einem Missverständnis entgegenzuwirken: Die Bemühungen um ein Selbstbewusstsein der Philosophischen Praxis bedürfen nicht der Negation der Psychotherapie und der Seelsorge. Es wird weiterhin Therapie und zum Glück auch weiterhin Seelsorge geben. Aber die philosophische Praxis darf keine Weiterentwicklung der reduktiven Philosophie, wie sie gegenwärtig an der Universität nur als Lehre und Forschung gelehrt wird, sein, sondern ein existentielles Fragen "Wie führe ich mein Leben?" (und dabei schließe ich die Politik ein) geschieht. Das kann in einer weiten Dimension vom Religiösen bis zum Ästhetischen erfolgen. In den Städten sollten sich solche Zentren bilden, in denen philosophische Menschen eine Diskussion solcher Themen realisieren können.
Annegret Stopzyk: Philosophische Praxis hat dann Zukunft, wenn sie in allen Richtungen zugleich tätig wird. So wie es verschiedene Menschen und verschiedene Neigungen und Vorlieben gibt, so gibt es verschiedene Arten zu Philosophieren und Philosophie zu praktizieren. Wenn in einer Gesellschaft verschiedene dieser Möglichkeiten da sind, öffentliche und private, dann kann sich dies zu einer Kultur verknüpfen. Wenn wir in unserer Gesellschaft mehr Demokratie haben wollen, wenn wir mehr Verantwortung übernehmen wollen, wird Philosophieren notwendig sein, selbst wenn wir wie in Deutschland dafür kaum Bildungsmöglichkeiten haben. Der Bedarf nach individuellen Lösungen wird einen zunehmenden Bedarf nach philosophischer Praxis ergeben.
Detlef Staude: Ich sehe noch einen weiteren Zukunftsaspekt für die philosophische Praxis. Sie kann dem Menschen helfen, sich wieder in ihrer Kultur zu verwurzeln. Eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe, ist die einer zunehmenden Unkenntnis über die eigene Kultur. Das trägt auch wieder dazu bei, zum einen die Werte der eigenen Kultur verteidigen, zum anderen diese aber auch weiterentwickeln zu können. Man kann die eigene Kultur nicht zukunftsfähig machen, wenn man nicht auch deren Wurzeln kennt. Und dazu kann die philosophische Praxis einen ganz wichtigen Beitrag leisten.
Christoph Kaulfuß: Ich möchte weniger auf einen theoretischen, als einen praktischen Aspekt eingehen: Als ich meine philosophische Praxis vor etwa einem halben Jahr in Reutlingen gründete, stellte ich mich bei den Ärzten in der Umgebung vor. Von etwa vierzig kannten nur drei den Begriff "Philosophische Praxis". Wenn in absehbarer Zeit eine ansehnliche Zahl von philosophischen Praktikern ökonomisch erfolgreich existieren will, dann ist ganz entscheidend, dass die philosophischen Praktiker in der Öffentlichkeit - insbesondere bei Multiplikatoren wie beispielsweise Ärzte - überhaupt wahrgenommen werden.
Thomas Stölzel: Man kann unterschiedliche Philosophiebücher aufschlagen und findet dort die verschiedensten Definitionen von Philosophie. Ich arbeite gegenwärtig in einer Gruppe mit, die versucht, den Begriff Philosophische Praxis zu definieren. Zum einen ist darauf hinzuweisen, was darunter zu verstehen ist und zugleich der Vielfalt der möglichen Ausrichtungen gerecht zu werden. Dabei ist es entscheidend, die Philosophische Praxis für möglichst viele Bereiche fruchtbar zu machen. Wesentlich ist auch, die Frage, "Was ist Philosophische Praxis?" allgemeinverständlich und in guter Weise beantworten zu können. Meine Antwort ist: Philosophische Praxis ist der Versuch, das philosophische Potential für das Leben zu nutzen, für das theoretische und für das praktische Leben. Und die philosophischen Fähigkeiten, die in jedem Menschen in unterschiedlicher Weise angelegt sind, zu wecken und zu stärken. Bereiche, in denen der Philosophische Praktiker tätig ist, sind neben Beratung, Bildung, Dialog, Öffentlichkeitsarbeit auch die Wirtschaft. Zu denken ist aber an Schulen. So gibt es, von Wilhelm Schmid angeregt, in der Schweiz das Wahlfach "Lebenskunst". Philosophische Praxis muss als Fach in die Schulen hinein und zwar als Fach "Lebenskunst".
Annegret Stopzyk: In Brandenburg ist im Fach LER, Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde die "Lebenskunst" ja bereits im Curriculum enthalten. Das Fach musste hart erkämpft werden. Dadurch, dass die philosophische Praxis jetzt schon dort in den Schulen vorkommt ist, ist es ein Modell für ganz Europa geworden. Berlin übernimmt dieses Fach, es ist immerhin philosophiefreundlich.
Thomas Stölzel: Philosophie gerade als eine Grundfähigkeit zeigt die Möglichkeiten wie auch die Grenzen, die Menschen haben: Wissensgrenzen, Erkenntnisgrenzen, Grenzen unseres Verhaltens.
Willi Fillinger: Die Philosophische Praxis könnte viel stärker in Institutionen eingebunden und dort wirksam werden. Ein Amt für Wirtschaft und Arbeit in Zürich etwa müsste sich einen Philosophen leisten, der darüber nachdenkt, was die Funktion eines solchen Amtes auf einem so wichtigen Platz wie Zürich sein könnte.
Thomas Gutknecht: Philosophen sind nicht nur Sachverwalter von Vernünftigkeit und Freiheit, Philosophen sind auch Sachverwalter des Ganzen. Überall in größeren komplexen Zusammenhängen, in denen entschieden wird, müsste ein Philosoph als Ratgeber mitbeteiligt sein. So war beispielsweise in der Frankfurter Flughafen AG ein Philosoph über mehrere Jahre beratend tätig. Auf der anderen Seite darf es nicht nur bei guten Ideen bleiben, diese brauchen auch eine Materialisierung. Ich bin deshalb dafür, dass sich praktizierende Philosophen organisieren und zusammenschließen. Ein solcher Zusammenschluss ist die IGPP, die Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis.
Thomas Stölzel: Diese Gesellschaft müsste auch an politischen und gesetzgeberischen Entscheidungen beteiligt werden. Nicht nur in Form eines kosmetischen Ethik-Rates, sondern viel tiefgreifender. Gerade in der Frage, was die Stellung des Menschen in der Welt betrifft. Hier leistet die Philosophie etwas, was andere Disziplinen nicht leisten können.
Eckart Ruschmann: Die Zukunft der philosophischen Praxis steht für mich in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der akademischen Philosophie. Aus meiner Sicht geht eine bestimmte Perspektive der Philosophie zu Ende und die philosophische Praxis erfordert meines Erachtens ein erweitertes Verständnis von Philosophie. So hat z. B. Habermas davon gesprochen, dass wir in ein postsäkulares Zeitalter eintreten. Die philosophische Praxis kann mit dazu beitragen, dass sich die Philosophie weiterentwickelt und den Fragestellungen von Praxis- und Lebensbezug besser gerecht wird als es gegenwärtig der Fall ist. Es ist zu hoffen, dass die akademische Philosophie die Impulse aus der Praxis aufnimmt und weiterentwickelt.
Das Gespräch fand anlässlich einer von der "Information Philosophie" organisierten Tagung philosophischer Praktiker im Schweizer Isenthal statt. Die Teilnehmer: Martina Bernasconi (Denkpraxis, Basel), Detlef Staude (Fribourg), Thomas Gutknecht (Logos, Reutlingen), Christoph Kaulfuß (Sinn+Form, Reutlingen), Christiane Pohl (Hamburg). Thomas Polednitschek (Münster), Eckart Ruschmann (Universitätsdozent für Philosophie, Innsbruck/Klagenfurt), Gerhard Stamer (Reflex, Hannover) Thomas Stölzel (Heidelberg), Annegret Stopzyk (Agentur für angewandte Ethik und Philosophie, Stuttgart), Willi Fillinger (Zürich). Die Fragen stellte Michael Conradt (Institut für angewandte Philosophie, Irschenhausen bei München).
Liste
philosophischer Praxen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Praktiker fehlen
- Offener Brief Gutknechts an den Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Philosophie anlässlich des Interviews in Information Philosophie 1 (2005) und des XX. Kongresses der
DGPhil.
Die Zeit nach
Achenbach - Interview mit
Thomas Gutknecht
Patrick Neubauer:
Positionen der Philosophischen Praxis
Praxis: Lutz von Werder
- Rezension
Kann die Philosophie eine Hilfe für das Leben sein?
Mediation
- Ein neues Feld philosophischer Praxis
"Internationalen Gesellschaft für Praktische Philosophie"
(IGPP)
Logos-Institut für praktische Philosophie
(Thomas Gutknecht)
REFLEX
(Gerhard Stamer)
Agentur
für angewandte Ethik und Philosophie (Annegret Stopczyk)
philocom
(Detlef Staude)
Institut für Angewandte Philosophie
(Michael Conradt)
Das kleine Buch der inneren Ruhe - EUR 8,90
Vom Richtigen im
Falschen - EUR 9,90
Patrick Neubauer:
Schicksal und Charakter . Lebensberatung in der 'Philosophischen Praxis' - EUR 77,50
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Autor [Stand der Information: 02/11/2005]
Peter Moser, Journalist, Herausgeber von "Information
Philosophie" (Print) |
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| Mit Urteil vom 12.
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