Diskussion

Ulrich Sieg:

Wie sich die Bilder gleichen

Replik zur Diskussion über die Berufsschancen der Habilitierten

Was wird aus unseren Privatdozenten?

Die beklemmende Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses führt derzeit in Philosophie und Geschichte zu einer öffentlichen Diskussion. Dabei lassen sich erstaunliche Parallelen aufzeigen: ein wohlmeinender, aber schlecht orientierter Verband kennt noch nicht einmal das numerische Ausmaß des sogenannten Habilitiertenproblems. Seine Protagonisten halten sich mit Verlautbarungen zurück oder betonen im persönlichen Gespräch, dass "alles nicht so schlimm" sei. Die NachwuchswissenschaftlerInnen grollen, ballen ihre Fäuste jedoch zumeist in der Tasche, weil sie auf Unterstützung der etablierten Gelehrten angewiesen sind. Währenddessen beginnt eine bildungspolitische Diskussion, bei der sich erfahrene Wissenschafts- und Parteifunktionäre in Szene setzen.

Allerdings diskutiert man nun nicht ernsthaft über die Situation der bereits ausgebildeten WissenschaftlerInnen. Kaum ein Wort fällt über ihre langjährige, häufig schlecht bezahlte Tätigkeit im Dienst eines überlasteten Universitätssystems. Auch die Bedeutung ihrer wissenschaftlichen Produkte wird nur selten angemessen gewürdigt. Dies gilt besonders für den Wert der Habilitationsschriften, die für den disziplinären Erkenntnisfortschritt konstitutive Bedeutung besitzen. Sie sind keineswegs so "staubtrocken", wie leichtfertig behauptet wird. Nicht zufällig entschließen sich angesehene Verlage - trotz des meist umfangreichen wissenschaftlichen Apparats - gern zu ihrer Veröffentlichung. Ein Großteil der historischen Erfolgsbücher des vergangenen Jahrzehnts von Ute Freverts Ehrenmännern bis zu Ulrich Herberts Best waren jedenfalls Habilitationen. Und in der Philosophie dürfte es kaum anders sein.

Die Experten folgen den Vorgaben des Bundesbildungsministeriums und debattieren ihr jüngstes "Hätschelkind", die Idee der Juniorprofessur. In Berlin legt man alle Hoffnung in ein "statisch konzipiertes Zwei-Klassen-System". Unbefristete Stellen sind ausschließlich für erfolgreiche JuniorprofessorInnen vorgesehen, während wissenschaftliche MitarbeiterInnen mit der vagen Option auf Zeitprofessuren vertröstet werden. Woher die Motivation der marginalisierten WissenschaftlerInnen rühren soll, bleibt vorsichtshalber unerörtert. Desgleichen schweigt man über die Konflikte, welche die Stärkung der lokalen Protektionsmuster erwarten lässt. Fest steht nur eins: Berufserfahrungen werden entwertet, und der einst gepriesene zweite Bildungsweg mündet in eine Sackgasse.

In den herrschenden "Verunrechtungsdis-kursen" kommen die Betroffenen nur selten zur Sprache, und dementsprechend verzerrt fällt die Situationswahrnehmung aus. Es handelt sich keineswegs, wie gern suggeriert wird, um ein reines "Habilitiertenproblem". Vielmehr sind fast alle WissenschaftlerInnen zwischen Mitte dreißig und Mitte vierzig von den rigiden Sparmaßnahmen der Landesregierungen betroffen. Sofern sie nicht habilitiert sind, steht ihnen lediglich frei, auf den "letzten Karriereschritt" zu verzichten, womit sich allerdings die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. Es geht mithin um die Zukunft der geburtenstarken Jahrgängen, also jener Generation, die einst dem Ruf der sozialliberalen Bildungspolitik folgte und an die Universitäten strömte.

Viele derjenigen, die gegenwärtig über die hohe Zahl von Habilitierten klagen, haben zur Entstehung dieser Situation beigetragen. Dies gilt gerade für mächtige Professoren und einflussreiche wissenschaftliche Schulen. Aber auch die DFG ist mit dem forcierten Ausbau der Drittmittelförderung am Ausmaß des Problems beteiligt. So rief sie noch vor wenigen Jahren ein Sonderprogramm "Hochschullehrernachwuchs" ins Le-ben, weil sie von personellen Engpässen um das Jahr 2000 überzeugt war: eine Kalkulation, die den Sparwillen der Landesregierungen gänzlich außer acht ließ. Man sollte meinen, dass die DFG eine besondere Verantwortung für den von ihr geförderten Nachwuchs anerkennen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Ernst-Ludwig Winnacker huldigt einem forschen Jugendkult und hält die Einführung von Nachwuchsgruppen für erheblich wichtiger als den Ausbau der Habilitiertenförderung. Wohin das Auge blickt: Projekte ohne Dauerstellen. Dies gilt natürlich auch für die zahlreichen Sonderforschungsbereiche, die in den letzten Jahren gegründet wurden und demnächst ihre Angehörigen in die Arbeitslosigkeit entlassen werden.

Leider enthält Wolfgang Spohns Hinweis auf das "Gefangenendilemma" die bittere Wahrheit, dass Akademiker genau so unvernünftig reagieren wie andere Menschen auch. Und dies trifft leider nicht nur für diejenigen zu, denen das Wasser bis zum Halse steht. Einflussreiche Wissenschaftsfunktionäre und universitäre "Platzhirsche" dominieren die Personalentscheidungen, in denen Sachgesichtspunkte selten die ausschlaggebende Rolle spielen. Jacques le Goffs Feststellung, das Ziel der mittelalterlichen Universität liege im "örtliche[n] Monopol", lohnt das erneute Überdenken. Jedenfalls ähneln die deutschen Hochschulen gegenwärtig gut befestigten Burgen, in die nur "Verwandte, Freunde und Getreue" Einlass finden.

Beklemmend ist der untergründige Biologismus der hochschulpolitischen Debatten. Das eigene Lebensalter lässt sich nun einmal nicht ändern, und bürokratische Regeln, die einzig und allein darauf abheben, bergen enorme Diskriminierungspotentiale. Warum ist es eigentlich so verdammenswert, wenn WissenschaftlerInnen mit Anfang vierzig in ihre berufliche Dauerposition einrücken? Eine gute Ausbildung und ein breites Œuvre sollten doch kein Makel sein. Und die misslichen Konsequenzen der überstürzten Berufungspolitik in den siebziger Jahren pfeifen doch mittlerweile die Spatzen von den Dächern. So wurde das Humankapital vieler Jahrgänge verschenkt, weil vakante Professuren ebenso selten wie ein Sechser im Lotto waren. Wäre es nicht zur deutschen Einheit gekommen, sähe die Bilanz noch trostloser aus.

Aus den Erfahrungen der deutschen Geschichte könnten wir wissen, dass Wissenschaft ein sensibles Gebilde ist und Kontinuitätsbrüche nur schwer verkraftet. Auch ein Blick auf die amerikanischen Eliteuniversitäten zeigt, dass Spitzenforschung stabile Strukturen und berechenbare Fördermuster braucht. Der dringend erforderliche Generationswechsel darf deshalb in den Geisteswissenschaften nicht ausfallen. Schon allein weil die Konkurrenz über viele Jahre so hart war, dürfte es sich bei den nun professorablen "NachwuchswissenschaftlerIn-nen" um hochmotivierte Gelehrte handeln. Noch wichtiger dürfte allerdings sein, dass sie ihre sozialen Erfahrungen an kommende Generationen weitergeben können. Sie vertreten ein breites gesellschaftliches Spektrum und haben gelernt, mit den Widrigkeiten eines überbürokratisierten Hochschulbetriebs zu leben, ohne zum Zyniker zu werden. Ihr Weltbild zeigt eine eigentümliche Kombination aus Idealismus und Kritik, die vielleicht des utopisches Schwungs entbehrt, aber für eine maßvolle Reformpolitik sehr geeignet ist.

Allerdings muss man von der Chimäre Abstand nehmen, dass eine innovative und gerechte Wissenschaftsförderung kostenneutral zu haben ist. Wenn nicht erheblich mehr Geld für Bildung ausgegeben wird, sind nicht nur die Folgen für den Wissenschaftsstandort Deutschland beträchtlich, sondern auch für die politische Kultur. Denn die Bedeutung geisteswissenschaftlicher Ausbildung zeigt sich nicht auf den ersten Blick. Zu ihnen gehört die Vermittlung jenes Werte- und Traditionsbewusstseins, auf das eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz nicht verzichten kann.

Angesichts leerer Kassen ist freilich ein bildungspolitischer Paradigmenwechsel wenig wahrscheinlich, und auch private Initiativen sind gegenwärtig wenig mehr als ein Notbehelf. Zwar schlummert auf den Konten ein Billionenvermögen, aber mit dem jüdischen Bürgertum wurde in Deutschland zugleich die Tradition des Stiftungswesens radikal zerstört, und bis heute fehlt es am erforderlichen Gemeinsinn. Sollte für unsere erstklassig ausgebildeten AkademikerInnen wirklich keine Alternative zum Job des Taxifahrers" existieren? Zwei Möglichkeiten bieten sich an. Erstens könnten die wissenschaftlichen Institute ihre Tore auch für Habilitierte öffnen. Erstaunlicherweise wird das am "run-den Tisch" der Experten nicht einmal erwogen. Im genuin wissenschaftlichen Feld kann es die vielbeschworene "Überqualifikation" doch eigentlich nicht geben. Es sollte skeptisch stimmen, dass sich dieser bürokratische Terminus nicht ins Amerikanische übersetzen lässt. Jedenfalls würden dortige Drittmittelgeldgeber energisch protestieren, wenn nicht der/die beste BewerberIn die vakante Stelle erhält.

Die Ergebnisse der Third International Mathematics and Science Study (Timss), die allenthalben diskutiert werden, weisen in die zweite Richtung. Die Krise unseres Schulsystems hat mittlerweile so gravierende Ausmaße angenommen, dass Politik und Wirtschaft den Problemdruck nicht länger ignorieren können. Nach Jahrzehnten des pädagogischen Übereifers alles Heil von der Fachdidaktik zu erwarten, ist wenig vertrauenerweckend. Zu den wichtigsten Aufgaben wird es gehören, die Kluft zwischen Schule und Universität zu verringern. Schon Anfang der 60er Jahre schrieb Fritz Stern über die Tatsache, dass viele nachmals berühmte Historiker eine gewisse Zeit an der Schule verbrachten, dies habe "sich für die Gymnasien segensreich aus(ge)wirkt, während sie selbst dadurch keinen wirklichen Schaden nahmen". Vermutlich ist ein Aufbrechen der starren Laufbahnstrukturen erst dann möglich, wenn man weniger apodiktisch als Eckehard Martens von fehlenden pädagogischen und didaktischen Qualifikationen spricht. Immerhin verfügt ein Großteil der PrivatdozentenInnen über langjährige akade-mische Lehrerfahrung und hat seine Forschungsergebnisse in ganz unterschiedlichen Medien vermittelt. Auf jeden Fall sollte man darüber nachdenken, wie die zeitliche Verzögerung zwischen der Produktion neuen Wissens und seiner Vermittlung verringert werden kann. Bei den hier anstehenden Aufgaben fänden hochqualifizierte WissenschaftlerInnen ein fruchtbares Betätigungsfeld.

Wenden wir uns zuletzt der "heiligen Kuh" der akademischen Selbstrekrutierung zu. Das bei Berufungsverfahren geltende Koopta-tionsprinzip spiegelt die hierarchischen Strukturen längst vergangener Tage. Es zielt auf Schulbildung und innere Homogenisierung und befördert eine Vielzahl ungerechter Exklusionsmuster. Für die gegenwärtigen Aufgaben ist es nicht geschaffen und sollte deshalb ersetzt oder zumindest durch flankierende Maßnahmen ergänzt werden. Es wäre schon viel geholfen, wenn man konsequent auf die Einhaltung geltender Regeln achtete. So hilft die öffentliche Ausschreibung von Stellen nur, wenn über ihre Besetzung auch öffentlich diskutiert und entschieden wird. Erst transparente Stellenprofile und verbindliche Verfahrensregeln ermöglichen einen rationalen Umgang mit der gravierend gestiegenen Zahl von Bewerbungen.

Allein, Kenner des universitären Alltags werden selbst diese Minimalforderungen als utopisch betrachten. Die Idee der Verteilungsgerechtigkeit besitzt in einem Land der Besitzstandswahrer nur wenige Anhänger, und die Politik zielt primär auf Sicherung der Pensionsansprüche. Überdies wächst der Diskursdruck auf die Geisteswissenschaften, die in einer Ära des engherzigen Utilitarismus zunehmend antiquiert und verzichtbar erscheinen. Dabei vermitteln gerade sie jene Werte, ohne die kein Wissenschaftssystem gedeihen kann. Nur wenn die Betroffenen sich fächerübergreifend zusammenschließen, besteht die Aussicht auf politischen Erfolg.

 

Diskussion: Was wird aus unseren Privatdozenten?

 

Autor

Ulrich Sieg ist seit Dezember 1999 Privatdozent an der Universität Marburg. Seine Habilitationsschrift "Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg" wurde im September 2000 mit dem "Nachwuchspreis" des Deutschen HistorikerInnenverbands ausgezeichnet.

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken