| Symposion 1998 |
Im Humboldt-Symposion "Religion und Rationalität", das am 16. und 17. Juli 1998 an der Universität Ulm im Humboldt-Studienzentrum stattfand, ging es um das Spannungsverhältnis von Religion (als Überzeugung und Gewißheit im Glauben) und Rationalität (als kritische Prüfung von Überzeugungen aus intersubjektiv nachvollziehbaren Gründen). In der Kulturgeschichte sind zahlreiche Versuche unternommen worden, um religiöse Aussagen teils auf die Vernunft zu berufen, teils gerade von ihr abzugrenzen und stattdessen auf den Glauben zu setzen. Das kann soweit gehen, daß man sich das dem spätrömischen Philosophen Tertullian zugeschriebene Motto "credo quia absurdum" zu eigen macht. Vernunft hat somit nicht nur der Rechtfertigung, sondern immer auch der Kritik der Religion gedient.
Der Publizist Dr. Eckard Nordhofen aus Bonn sprach zum Thema "Religion als Grenzwertproblem der Rationalität". Die jüdische Religion ist Aufklärung, insofern sie durch das Bilderverbot den Anthropomorphismen anderer Religionen entgegenwirkte und dieses diskreditierte. Jahwe ist dort der Name des Gottes, der einfach nur da ist, ohne seine Eigenschaften preiszugeben. Die jüdische Aufklärung ist zugleich immer schon Religionskritik, in dem sie Gedanken, wie sie später Feuerbach, Marx und Freud entwickelten, vorwegnimmt.
Professor Dr. Ernst Topitsch, Universität Graz, zeigte auf dem Hintergrund einer Weltanschauungsanalyse, die dem Positivismus sowie dem kritischen Rationalismus verpflichtet ist, daß Religion einerseits zahlreiche logische Widersprüche enthält und daß sie andererseits konkrete Aussagen durch Denkformeln vermeidet. Das liegt sicher daran, daß die Religion bestimmte Funktionen, wie z.B. Welterkennung, Befriedigung eines Sicherheitsbedürfnisses erfüllt, wenn auch zu Lasten ihrer Konsistenz. Insbesondere wies Topitsch darauf hin, daß die ethisch negativen Seiten des christlich jüdischen Gottes - etwa seine Bereitschaft zugunsten seiner Anhänger, für Gewalt zu plädieren oder sie etwa selbst auszuüben - gegenwärtig verdrängt werden. Nicht selten gebärdeten sich die Kirchen als ökopazifistische "Serviceeinrichtungen".
Zur Diskussion haben des weiteren gestanden: "Gefühl und Rationalität. Schleiermachers Religionsbegriff" (Michael Eckert, Universität Tübingen), "Allein durchs Wort. Rhetorik und Rationalität bei Martin Luther" (Peter L. Österreich, Augustana-Hochschule Neuendettelsau), "Das Böse in der Philosophie Schellings" (Renate Breuninger, Universität Ulm) und "Schopenhauer als Kritiker und Apologet der Religion" (Peter Welsen, Universität Ulm).
Renate Breuninger
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