Religion

Lehmann: Dialog muss Wahrheitsfrage stellen

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat einen interreligiösen Dialog über rein politische und soziale Themen abgelehnt. Ein Dialog, der die religiöse Frage ausklammere, sei schädlich, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am Dienstag bei einer Konferenz über «Katholische Kirche und Globalisierung» in Berlin. Das Christentum müsse die Frage nach dem Heil der Religion, ihrer Wahrheit und ihrem Sendungsanspruch stellen. 

Lehmann benannte in seiner Rede Kriterien für einen Dialog der Religionen. Er sei nur möglich, wenn man sich unbeschadet aller Unterschiede «als Ebenbürtiger unter Ebenbürtigen akzeptiert». Das Gespräch dürfe nicht durch Machtansprüche verzerrt werden. Dabei sei das Gewaltproblem von elementarer Bedeutung. Wer seine Überzeugung mit Macht und Gewalt durchsetzen wolle, grenze sich selbst aus dem Gespräch aus. Jede Religion müsse prüfen, wie weit ihr Gottesbild mit einer gewalttätigen Durchsetzung von Glaubensüberzeugungen oder Interessen einhergehe. 

Als weiteres Kriterium nannte der Kardinal die Achtung der Religionsfreiheit. An ihrer Anerkennung als Menschenrecht entscheide sich auch, ob eine Religion sich den Spielregeln des Zusammenlebens unter den Bedingungen der Moderne unterwerfe. Allerdings relativiere dies nicht die moralische Pflicht des Einzelnen, den wahren Glauben zu suchen und anzunehmen. 

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, beklagte, dass ein wirkliches interreligiöses Gespräch in Deutschland noch nicht stattfinde. Es sei bislang ein «aufgeschobenes Gespräch», so Huber bei der anschließenden Podiumsdiskussion, an der auch Vertreter aus Judentum und Islam teilnahmen. Bislang werde über Voraussetzungen des interreligiösen Dialoges gesprochen. Der Frage, «worin wir uns unterscheiden, pflegen wir auszuweichen», sagte der Ratsvorsitzende. Provokativ meinte Huber unter Anspielung auf das Projekt Weltethos der Tübinger Theologen Hans Küng, es reiche nicht aus, sich ins Hotel zu setzen und das Weltethos zu verkünden. Die Religionen müssten sich selbst hinterfragen, wo ihr Beitrag zum Weltfrieden liege. 

Bei der Podiumsdiskussion ging es auch um den Begriff der Anerkennung. Sie bedeutet laut Lehmann, den anderen in seiner Eigenheit und der damit gegebenen Fremdheit auszuhalten, sofern es nicht möglich sei, zu einem Konsens zu kommen. Es sei schon ein großer Gewinn, wenn man überhaupt zur Anerkennung des anderen komme, so seine Einschätzung. Dies setze ein enormes Ethos an Erziehung und Bildung voraus. 

Die Rabbinerin Eveline Goodman-Thau aus Jerusalem, beklagte, dass es dem europäischen Christentum bislang nicht gelungen sei, die beiden großen monotheistischen Religionen, Islam und Judentum, kulturell zu integrieren. Sie plädierte für einen kulturphilosophischen Ansatz, der auch das griechische und römische Erbe aufnehme und nach dem Beitrag der Religionen für Europa frage. Zugleich bestritt sie die Möglichkeit einer vollen Wahrheitserkenntnis oder universaler Werte. Gerade aus dem Scheitern an der absoluten Wahrheit könne der Mensch aber lernen. 

Der Dekan der islamischen Fakultät der Universität Sarajevo, Enes Karic, forderte eine differenzierte Sicht des Islam. Auch er kenne das von den Medien verbreitete Bild der Muslime, wie es die Fernsehsender CNN und BBC vermittelten. Der Islam sei aber kein einheitlicher Block, wie dies etwa der US-amerikanische Politologe Samuel Huntington vorgebe. Huntington hatte in seinem Werk «Kampf der Kulturen» von 1993 eine Konfrontation der Religionen prognostiziert. Karic zeichnete demgegenüber ein weitgehend harmonisches Bild des Zusammenlebens der Religionen in seiner bosnischen Heimat. Die Jugoslawien-Kriege in den 90er Jahre seien ein Produkt des Regimes in Belgrad gewesen. Dem widersprach wiederum Huber. Er verlangte, das «Beunruhigende am Gespräch zwischen den Religionen» wahrzunehmen. Er kenne gegenwärtig an keinem Ort eine heile Welt interreligiösen Zusammenlebens. 

kna 

[online: 15/03/2006 - Print: -]

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