| Forschung |
Warum die Religion nicht an Bedeutung
verliertSchon lange vor dem 11. September 2001 hat Prof. Dr. José Casanova (New York / Foto) der verbreiteten Ansicht widersprochen, dass es in modernen Gesellschaften zu einem Bedeutungsverlust der Religionen kommen müsse. Die Vielfalt der Modernisierungsprozesse der Religion hat er in zahlreichen Studien in aller Welt untersucht. Zwischenergebnisse seiner Arbeit stellte er im Rahmen eines Kolloquiums der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Forschergruppe "Transformation der Religion in der Moderne" in der Ruhr-Universität vor: "Rethinking Secularization. A Global Perspective".
Casanova ist der gegenwärtig international wohl bedeutendste und bekannteste Religionssoziologe. In seinem berühmten Buch "Public Religion in the Modern World" widersprach er schon 1993, also lange, bevor der 11. September 2001 zu einem allgemeinen Umdenken führte, der Vorstellung, dass es in modernen Gesellschaften zwangsläufig zu einem Bedeutungsverlust der Religionen kommen muss. Im Mittelpunkt seines Vortrags an der Ruhr-Universität stand die Einsicht, dass die Vielfalt von nationalen Modernisierungsprozessen, die Casanova in den vergangenen Jahren in zahlreichen Studien von Amerika über Europa bis Fernost analysierte, mit den herkömmlichen soziologischen Theorien, selbst der so genannten "Ausdifferenzierung" moderner Gesellschaften, kaum erfasst werden kann, erst recht nicht, wenn es sich um Religion handelt. Er plädierte deshalb dafür, diese Vorstellungen und die damit verbundenen nationalen Religions-Kulturen in ihrer historischen Entwicklung zu beschreiben und dann in ihren verschiedenen Ausprägungen zu vergleichen. Aus diesem Grund sei für ihn auch das Programm der Bochumer Forschergruppe von besonderem Interesse.
Die Forscher der Gruppe "Transformation der Religion in der Moderne. Religion und Gesellschaft in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts" gehen davon aus, dass die weit reichenden Veränderungen der Religiosität eng mit dem
Wandel verflochten sind, welcher die Identitätsbildung der Menschen in industrialisierten Gesellschaften im 20.
Jahrhundert überhaupt betrifft. Hintergrund sind z.B. die Universalisierung urbaner Lebensformen, die
fortschreitende strukturelle Differenzierung der Gesellschaften, Bildungs- und Kommunikationsrevolutionen sowie
eine veränderte Zeitsouveränität mit entsprechend neuen Arbeits- und Konsummustern. Als wesentliche Ursachen der
Veränderung von Religion und Kirchlichkeit fragen die Forscher nach dem Wandel der religiösen Sozialisation in der
Nachkriegszeit, den Veränderungen der organisierten Sozialformen des Religiösen und der Entwicklung der religiösen
Sprache. Dazu gehört auch die Wahrnehmung von Kirche und Religion unter dem Einfluss der Massenmedien. An der
Forschergruppe sind die Katholisch-Theologische, die Evangelisch-Theologische Fakultät und die Fakultät für
Geschichtswissenschaft beteiligt.
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