Replik auf Michael Zdrenka

Karsten Weber:

Das Schreckenskabinett des Michael Zdrenka

Die Ausgabe 4/99 von Information Philosophie beinhaltete einen Artikel, der überschrieben war mit "Die Folgen der Computerisierung für die Philosophie". Darin malt der Autor Michael Zdrenka in einer Situationsbeschreibung und einer Projektion in die nahe Zukunft ein Bild davon, wie sich die Nutzung von Computern im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaf-ten auswirken wird. Da dieses Bild doch in recht düsteren Farben gehalten ist, habe ich meine Replik entsprechend genannt und möchte damit andeuten, dass hier von Michael Zdrenka tief in die Mottenkiste der Technikkritik gegriffen und eine Position eingenommen wurde, die so nicht unkommentiert bleiben kann und darf, da sie einer unreflektierten Technikphobie gleichkommt..

Um eindrücklich zu beginnen, vergleicht Zdrenka zu Beginn seines Essays die breite Einführung der Computer in die Arbeitswelt und in beinahe alle Lebensbereiche der Menschen in den industrialisierten Ländern der Welt mit der industriellen Revolution, die vor ungefähr 200 Jahren begann. Und, so der Autor, wie damals ein verelendetes Proletariat der Arbeiter entstand, wird die Nutzung von Computern dazu führen, dass sich im akademischen Bereich, auf den der Autor sich in seinen Betrachtungen weitgehend beschränkt, ein "akademischer Proletarierstand" bildet.

Sicherlich ist es richtig, die Auswirkungen der allgemeinen Computerisierung mit jenen der industriellen Revolution zu vergleichen und deshalb ist es auch naheliegend, die Analogie weiterzutreiben und auf die Entwicklung eines wie auch immer gearteten Proletariats zu übertragen. Zweifellos hat die Einführung jeder Technik in der Vergangenheit gezeigt, dass unkritische Technikbegeisterung fehl am Platze ist, denn Technik zeigt im Einsatz immer auch negative Seiten. So ist es auch richtig, auf die Gefahren der Computerisierung hinzuweisen. Völlig falsch aber ist es, unkritischer Technikbegeisterung eine einseitige Technikphobie entgegenzustellen. Falsch ist es zudem, Kassandrarufe induktiv aus einem einzigen Beispiel abzuleiten. Ich möchte zunächst auf diese beiden Punkte eingehen, um danach zu versuchen, ein etwas differenzierteres Bild der Folgen des Computereinsatzes im akademischen Bereich zu entwerrfen. Dieses Bild ist notwendigerweise eine Skizze, unfertig und vorläufig. Die technische Entwicklung verläuft sehr rasch und die Auswirkungen finden in einem so großen Rahmen statt, dass zu glauben, man könne hier ein abschließendendes Wort äußern, vermessen wäre.

Zunächst soll auf die induktive Argumentationsweise von Michael Zdrenka eingegangen werden. Es ist reiner Zufall, dass ich selbst während meines Studiums als Autor von Online-Dokumentationen intensiven Kontakt mit Übersetzern technischer Texte hatte. Die Texte, die wir formulierten und übersetzten, hatten die Benutzung von Software zur Programmierung von Mikrocontrollern zum Inhalt. Oder verständlicher: ein ziemlich trockenes Thema, zudem wurde die Formulierung und Übersetzung dieser Texte notwendigerweise, um Einheitlichkeit, Kontinuität, Kulturkompatibilität (wenn Texte in unterschiedlichste Sprachen übersetzt werden, um in verschiedenen Ländern vermarktet zu werden, muss selbst bei technischen Texten auf kulturelle Eigenheiten Rücksicht genommen werden), also einheitliche Qualität zu sichern, durch ein umfangreiches Regelwerk bestimmt. Da die dokumentierte Software auch in sicherheitskritischen Bereichen verwendet wird, ist es mehr als verständlich, dass hier weitaus mehr Wert auf Korrektheit denn auf Kreativität gelegt wurde. Dieser Grundsatz gilt dann automatisch nicht nur für die eigentlichen Autoren, sondern auch für die Übersetzer. Kurze Zeit nach Beginn meiner Tätigkeit als Autor solcher Texte wurde in jenem Unternehmen Software eingeführt, wie sie Michael Zdrenka beschrieben hat: schon übersetzte Texte oder Textfragmente werden, wenn es Ähnlichkeiten oder echte Überdeckungen mit einem aktuell zu übersetzenden Text gibt, dem Übersetzenden vorgeschlagen. Soweit ich dies beurteilen kann, traf diese Neuerung im Grundsatz auf breite Zustimmung bei den Übersetzern, da sie auf diese Weise von Routinearbeiten befreit wurden und sich den wirklichen Problemen der Übersetzung widmen konnten. Sie begriffen sich also nicht nur als Anhängsel der Maschine bzw. des Computers, sondern sahen in den neu gegebenen Möglichkeiten ein Werkzeug zur Erleichterung ihrer Arbeit. Denn entscheidend sind die Kriterien, die an eine Übersetzung gestellt werden. Technische Texte müssen einen Sachverhalt klar und deutlich wiedergeben; der Autor eines solchen Textes muss austauschbar sein, im Idealfall sollten keinerlei Stilunterschiede in den Handbüchern und Dokumentationen erkennbar werden. Denn wenn Benutzer von Software erleben müssten, dass in dem Meter Handbücher (im DIN-A4-Format), der mit der Software ausgeliefert wird, ständig unterschiedliche Stile und Ausdrücke verwendet werden, würde dies nur zur Konfusion führen und wäre im übrigen auch nicht vereinbar mit Qualitätskriterien für technische Dokumentationen.

Ohne Zweifel ist ein Gegenbeispiel zu den Ausführungen von Michael Zdrenka kein wirklich gutes Argument; es zeigt aber auf, dass die unkritische induktive Verallgemeinerung von Beispielen gleichfalls kein Argument für Technikskepsis oder gar Technikfeindlichkeit sein kann und sein darf. Leider hatte der hier kritisierte Autor nicht angegeben, über welche Übersetzungen er redet: eher technische oder eher literarische Texte. Aus dem Gesagten ergibt sich ganz automatisch, dass es eben falsch ist, einer unkritischen Technikbegeisterung eine ebenso unkritische Technikabneigung, -skepsis, -feindlichkeit oder -phobie entgegenzustellen, denn weder Begeisterung noch Abneigung sind Argumente.

Gerade Philosophen - und der Autor thematisiert ja laut Titel seines Essays die "Folgen der Computerisierung für die Philosophie" - sind aufgerufen, die Welt nicht nur bruchstückhaft und aus einer rein subjektiven Sicht wahrzunehmen, wenn sie über diese Welt schreiben und auch urteilen.

Sicher können die eigenen Erfahrungen zum Ausgangspunkt von Überlegungen über Entwicklungen in der Welt gemacht werden. Doch darf bei diesen nicht stehen geblieben werden, wenn der Anspruch verfolgt werden soll, allgemeingültige Aussagen über jene Entwicklungen zu treffen. Es wäre also notwendig, wenn über die Veränderungen der Arbeitswelt im Allgemeinen und über die Wandlungen des Berufsbildes des Übersetzers im Speziellen nachgedacht und geschrieben wird, dies nicht nur anhand eigener und notwendigerweise subjektiver Erlebnisse zu tun, sondern bspw. arbeitssoziologische Untersuchungen zu berücksichtigen, die einen zumindest etwas objektivieren Blick auf solche Entwicklungen werfen. Auch als Geistes- und Sozialwissenschaftler, also auch als Philosoph, sollte und kann man - so denke ich - einige allgemeingültige methodische Grundsätze einhalten. Nun leitet Michael Zdrenka aus seinen Erlebnissen als Übersetzer Konsequenzen für Philosophen und deren Arbeit ab. Auch hier sind die jeweils eigene Erfahrungen allenfalls als Startpunkte der Reflektion und der weiteren Forschung akzeptabel; insbesondere sollten Entwicklungen, die wenig bis gar nichts mit der Einführung des Computers in die Arbeitswelt der Philosophen zu tun haben, nicht als Missstände gedeutet werden, die auf Computer zurückgehen. Doch der Reihe nach.

Es ist verständlich, dass den Autor als Nachwuchswissenschaftler die Furcht umtreibt, keine Anstellung im akademischen Betrieb zu finden. Diese Befürchtung teilt er mit vielen anderen jungen (und zum Teil auch älteren) Menschen und sie ist angesichts der Knappheit an vakanten Stellen durchaus berechtigt. Erst mit der Lebenszeitstelle als Professor, andere unbefristete Stellen muss man an Universitäten schon mit der Lupe suchen, endet diese Angst, vorher aber kann auf jeder Stufe der akademischen Laufbahn das finale Aus eintreten. Doch dies ist ein Sachverhalt, der lange, bevor Computer im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich Einzug hielten, schon mehr als virulent war. Geistes- und Sozialwissenschaften haben bereits sehr lange als Leitwissenschaften ausgedient, diese Rolle haben heute nach der Physik die Bio- und Informationswissenschaften übernommen. So ist es kein Wunder, dass eher in diese Disziplinen, die zudem wirtschaftliche Erfolge versprechen (können), investiert wird. Damit verbunden ist, dass es Geistes- und Sozialwissenschaftlern, zumal Philosophen, vergleichsweise schwer fällt, Drittmittel einzuwerben, um mit diesen zumindest befristete Projektstellen in größerem Maßstab als bisher anbieten zu können. Außerdem muss hier zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschieden werden: in Bereichen, in denen die Privatwirtschaft ebenfalls als Arbeitgeber auftritt und Ar-beitskräftemangel herrscht, haben Universitäten große Schwierigkeiten, ihre vorhandenen Stellen mit kompetenten Mitarbeitern zu besetzen, so bspw. im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik.

Es muss also festgehalten werden, dass Arbeitsplatzmangel kein Problem ist, dass generell an der Nutzung von Computern festzumachen ist. Allerdings, doch verweist dies in einen viel größeren Zusammenhang, sind die Arbeitsplatzverluste durch Rationalisierung in vielen Branchen der Wirtschaft nicht zu verharmlosen. Insbesondere haben viele Bereiche des Dienstleistungssektors, bspw. Banken und Versicherungen, ihre "Werftenkrise" und ihr "Zechensterben" in Bezug auf Arbeitsplatzverluste noch vor sich, da in diesen Branchen Rationalisierungen noch gar nicht tiefgreifend durchgeführt wurden, sondern bisher allenfalls bei Unternehmensfusionen zu einem Thema wurden. Wie aber schon bemerkt, geht dies weit über die Problematik der fehlenden Stellen für Philosophen hinaus; deren berufliche Perspektiven haben dabei aber wenig mit der Nutzung von Computern zu tun.

Größere Beachtungen verdienen die Bemerkungen Zdrenkas in Bezug auf die Wandlungen der Arbeitsstile von Philosophen. Ihm ist recht zu geben, wenn er kritisiert, dass die Möglichkeiten von Computern eher dazu genutzt werden, Textwüsten mit Zitathalden zu produzieren, anstatt fundiert zu arbeiten und die Möglichkeiten der Nutzung von Computern zur Vertiefung der eigenen Arbeit zu benutzen. Doch es ist zumindest denkbar, dass wir uns in diesem Bereich in einer Übergangsphase befinden, in der die Dinge noch stark im Fluss sind, so dass sich in näherer Zukunft die eher negativen Auswirkungen der Nutzung von Computern zum Besseren hin konsolidieren können. Es ist jedoch zu bemerken, dass auch hier Missbräuche zu konstatieren sind, die nichts oder wenig mit Computern zu tun haben. Wenn Professoren nicht nur ihre studentischen Hilfskräfte ausschließlich dazu nutzen, auf Band gesprochene Texte abzutippen, sondern auch nicht davor Halt machen, ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter zu solchen Frondiensten zu verpflichten, dann macht es keinen Unterschied hinsichtlich des Missbrauchs, wenn die Texte mit einer Schreibmaschine oder mit einem Computer getippt werden (allerdings erleichtern Computer und Textverarbeitungsprogramme doch ganz erheblich die Korrektur von Texten). Wie aber schon weiter oben sollte aus einzelnen Beispielen nicht einfach auf allgemeine Zustände geschlossen werden.

Damit soll die Replik auf Michael Zdrenkas Schreckensszenario allerdings auch enden und stattdessen versucht werden, einige schwerwiegende und dabei auch durchaus positive Veränderungen für die Arbeit von Philosophen im Speziellen bzw. Wissenschaftlern im Allgemei-nen nachzuzeichnen. Diese Veränderungen sind nicht selten erzwungen durch fehlende Geldmittel, doch in einigen Fällen wurden aus der Not tatsächlich Tugenden geboren. Dies betrifft insbesondere die Verknappung der Mittel für die Bibliotheken der Universitäten. Jahr für Jahr werden die Budgets für wissenschaftliche Fachzeitschriften und Bücherneuanschaf-fungen reduziert (entweder durch echte Reduzierungen oder bei gleichbleibenden Budget dadurch, dass vor allem wissenschaftliche Fachzeitschriften enorme Preiszuwächse aufzeigen). Es zeigen sich nun mehrere Gegenbewegungen zu dieser Entwicklung. Die eine könnte man als Selbsthilfe bezeichnen: Wissenschaftler gründen selbst Zeitschriften für ihren Fachbe-reich, aber publizieren diese nicht in der traditionellen Art als gedruckte Werke, sondern verbreiten die einzelnen Ausgaben über das Internet. Häufig geschieht dies für die Bezieher der Zeitschriften kostenfrei in dem Sinne, dass die Zeitschriften nicht erworben werden müssen, sondern frei aus dem Internet geladen werden können. Dies ist allerdings nur deshalb möglich, weil die Nutzung des Internet und seiner Ressourcen inzwischen zur selbstverständlichen Ausstattung im akademischen Bereich gehört. Bedauerlicherweise gilt das allerdings nur für industrialisierte Länder: Universitäten in Entwicklungsländern ohne Zugriff auf das Internet, dies gilt bspw. für weite Teile des afrikanischen Kontinents, können von solchen Möglichkeiten nicht profitieren. Hier besteht durchaus die Gefahr, dass die entsprechenden Länder eine weitere Benachteiligung erleiden und sie noch mehr den Anschluss an die wissenschaftliche und damit wirtschaftliche Fortentwicklung verlieren werden.

Doch für jene, die die Möglichkeiten des Internet nutzen können, stellen Online-Publikationen durchaus eine Alternative dar, die den Kostenexplosionen zumindest ihren Schrecken nimmt. Doch darf man dabei auch nicht die Probleme vergessen, die diese Form der Publikation mit sich bringt. Zum Beispiel stellt sich die Frage, wie für die sichere und dauerhafte Archivierung gesorgt werden kann. Die Aufbewahrung üblicher Druckerzeugnisse ist eine langerprobte Technik, diejenige von Online-Publikationen nicht. Druckerzeugnisse auf Papier haben Lebenswartungen, die durchaus im Bereich mehrerer Hundert Jahre liegt. Wie die Langzeitspeicherung von digitalen Dokumenten sichergestellt werden kann, ist bisher bei weitem noch nicht klar. Denn nicht nur das eigentliche Dokument, sondern ein Medium mit der Infrastruktur der Nutzung muss bevorratet werden. Damit CD-ROMs auch in Zukunft gelesen werden können, müssen bspw. die entsprechenden Laufwerke und die entsprechende Software zusammen mit dem eigentlichen Inhalt der Publikationen dauerhaft vorgehalten werden. Dies stellt Bibliotheken sowohl vor organisatorische als auch finanzielle Herausforderungen, die so bisher noch nicht bekannt waren. Eine weitere Alternative zum Erwerb von traditionellen Druckerzeugnissen sind Literaturdatenbanken. Diese dokumentieren zum Teil Hunderte oder gar Tausende von Publikationen, vor allem Zeitschriften, entweder als Abstracts oder gar im Volltext. Mit solchen Werkzeugen ist es dann bspw. möglich, eine große Zahl von sonst in der eigenen Bibliothek gar nicht zugänglichen Zeitschriften nach Autoren, Aufsatztitel oder gar einzelnen Stichwörtern innerhalb der Texte zu suchen. Auf diese Weise ist möglich, schnell einen guten Überblick über aktuelle Diskussionen zu gewinnen, relevante Publikationen überhaupt zu berücksichtigen und so den Ruf nach der Internationalisierung der Wissenschaft auch einlösen zu können. Allerdings gilt auch hier zu bemerken, dass solche Dienstleistungen nicht zum Nulltarif zu haben sind. Die entsprechenden Dienstleister lassen sich ihren Service durchaus etwas kosten. Doch die Vorteile sind groß, man denke nur an das triviale Beispiel, dass Zeitschriften oft in den Büros der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter verschwinden und sich deshalb lange Zeit nicht im Zugriff Anderer befinden. Elektronische Medien versprechen hier einfache und endgültige Abhilfe.

Neben diesem eher praktischen, aus dem Alltagsleben gegriffenen, Beispiel des Nutzens neuer Technologien auch für Geistes- und Sozialwissenschaftler möchte ich in aller Kürze auf die Frage eingehen, ob mit der Innovation neuer Technik auch die inhaltliche Arbeit jener Wis-senschaftler eine Wandlung erfahren kann. Meiner Ansicht nach ist dies schlicht unvermeid-lich, aber auch uneingeschränkt positiv. Denn die wissenschaftlichen Themen von Geistes- und Sozialwissenschaftlern erfahren eine inhaltliche Erweiterung, die einerseits für die sie umgebende Gesellschaft von großer Bedeutung ist und zum anderen deutlich machen kann, dass Geistes- und Sozialwissenschaften nach wie vor ihre Existenzberechtigung besitzen. Denn gerade diese wir immer wieder in der Öffentlichkeit bezweifelt. Auch in der nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeit findet das Thema "Internet" eine immer größer werdende Aufmerksamkeit. Nicht nur benutzen viele Menschen aus allen gesellschaft-lichen Schichten das Netz beruflich und privat. Zunehmend wird auch deutlich, dass die Technik des Internet bzw. das Internet als Kommunikationsmittel schon lange nicht mehr nur oder auch nur wesentlich ein technisches Problem darstellt, sondern sowohl einzelne Personen als auch Gruppen, Institutionen und ganze Gesellschaften vor neue soziale Herausforderungen stellt. Als Beispiel möchte ich hier nur die internationale Zusammenarbeit nennen, die sich durch das Internet sicherlich nicht neu, aber doch in neuer Art und Weise stellt. Bisher wird das Internet sowohl hinsichtlich der Inhalte als auch der Regelungsstrukturen im Wesentlichen durch US-amerikanische Institutionen und Unternehmen bestimmt. Allerdings ändert sich dies schrittweise hin zu einer größeren Pluralität. Dies bringt ohne Zweifel große Chancen mit sich, doch die Gestaltung des Internet wird durch diese Entwicklung nicht leichter, sondern eher schwieriger. Denn mit der wachsenden Zahl von Akteuren und damit auch Interessen wird die Konsensfindung für Entscheidungen komplizierter, langwieriger und häufiger auch einfach unmöglich ohne die Bereitschaft, große Kompromisse einzugehen. Für Geistes- und Sozialwissenschaftler bietet sich hier die Chance, aktiv in diesen Prozess einzugreifen.

Nicht die retrospektive Klage über ungewollte Technikfolgen sollte das Geschäft bspw. von Technikphilosophen oder -soziologen sein, sondern der Versuch, im Innovationsprozess beratend zu wirken. Letzteres ist durchaus anspruchsvoll und eine nicht zu verachtende Herausforderung. Es wird nämlich notwendig sein, nicht nur über Technik zu schreiben, sondern zumindest Prinzipien ihrer Anwendung zu verstehen. Dies bedeutet für die Zukunft, dass Studiengänge für Geistes- und Sozialwissenschaftler geöffnet werden müssen für Elemente aus den Ingenieurs- und Technikwissenschaften. Erst wenn Geistes- und Sozialwissenschaftler in der Lage sind, die sozialen Fallen der Technik aufgrund der inhärenten Eigenschaften bspw. der Internettechnik zu verstehen, werden sie auch die sozialen Implikationen dieser Fallen wirklich verstehen können. Und erst wenn dies erreicht wird, können Urteile, wie sie Michael Zdrenka ausspricht, kompetent getroffen werden.

Dr. phil. Karsten Weber, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken