| Identity Foundation |
Richard Rorty erhielt den erstmals von einer "Identity Foundation" vergebenen, von dem Düsseldorfer Unternehmerpaar Paul J. und Margret Klothes gestifteten und mit 50.000 Euro dotierten "Meister Eckhart-Preis". Es habe einen "leicht surrealistischen Überraschungs-Effekt", meinte Laudatio-Redner Habermas, ausgerechnet einen amerikanischen Pragmatisten mit einem als Mystiker gefeierten Theologen zusammenführen zu wollen, und Rorty gestand vor der Preisverleihung: "Ich hatte ihn überhaupt nicht gelesen". Der Stiftung ihrerseits ging es wohl vor allem um eine große Medienwirksamkeit, die sie denn auch erhalten hat.
Rorty habe, so führte der FAZ-Redaktor Christian Geyer aus, in seiner Dankesrede die Linien seiner pragmatistischen Religionskritik, die man in seinem Werk bislang nur angedeutet fand, zum ersten Mal ausgezogen und habe damit den Ball, den ihm Habermas in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zugespielt habe, aufgenommen. Die Jury, so Rorty in seiner Dankesrede, habe ihre Entscheidung sehr liebenswürdig und großzügig damit begründet, dass gewisse Ähnlichkeiten zwischen seinen und Meister Eckarts Schriften bestünden. Aber in einer Hinsicht passe er nicht mit dem Meister zusammen: Man könnte befremdet sein, dass ein Professor, der sich gelegentlich selbst als einen Atheisten beschrieben hat, einen Preis bekommt, der zu Ehren eines Denkers gestiftet wurde, für den nur Gott und sonst nichts zählt. Deshalb möchte er, Rorty, diesen Anlass zur Reflexion über die folgende Frage nutzen: "Warum gilt es nicht als Skandalon, wenn ein Philosoph, der wie Nietzsche meint, Menschen sollten sich Selbsterschaffung zum Ziel setzen, eine Auszeichnung mit dem Namen eines christlichen Theologen erhält, der lehrte: Wahrer und vollkommener Gehorsam ist eine Tugend vor allen Tugenden?". Diese führe zu der weit allgemeineren Frage: "Warum spielt die Auseinandersetzung zwischen Theismus und Atheismus in der philosophischen Diskussion keine Rolle mehr?".
Das Wort Atheist klingt altmodisch. Die meisten Philosophen sind inzwischen intellektuelle Pluralisten und bereit, ohne Metaphysik und andere allumfassende Denksysteme auszukommen. Nur noch zwei Gruppen sind in Versuchung, sich "Atheisten" zu nennen. Zum einen, diejenige, welche die Existenz Gottes als eine empirische Hypothese betrachtet. Sie wiederholt immer jene zuerst von Hume und Kant entwickelten Argumente und übersieht, dass der Atheismus selbst eine Art von Glauben ist. Die zweite Gruppe neigt dazu, "Atheismus" anstelle von "Antiklerikalismus" oder "Säkularismus" zu verwenden, was jedoch eine politische, nicht eine epistemologische Einstellung ist. Rorty selbst outet sich als solcher Antiklerikalist und hofft, dass die institutionalisierten Religionen endlich von der Bildschwäche verschwinden. Allerdings sei gegen Religion nichts einzuwenden, solange sie privatisiert sei. Rorty setzt sich in der Folge eingehend mit Vattimos Buch "Credere di credere" auseinander, in dem dieser Argumente dafür vorbringt, dass es vernünftig sei, zur Religion zurückzukehren. Dabei weist Vattimo den Versuch, Religion mit Wahrheit zu verknüpfen, zurück und weist die Säkularisierung als ein konstitutives Merkmal einer authentischen religiösen Erfahrung aus. Damit wird, so Rorty, die aufklärerische Kritik bis zur Unkenntlichkeit entschärft und das Problem der Koexistenz von Naturwissenschaften und christlichem Vermächtnis gelöst. Dies stehe in Einklang mit seinen, Rortys, pragmatistischen Einsichten, dass sich die Religion aus dem epistemischen Schauplatz zurückziehen soll. Religiösen Menschen steht es zu, ihre Behauptungen abzukoppeln vom Netzwerk der sozial akzeptablen Inferenzen. Vattimo scheine auf eine in diesem Sinn privatisierte Religion abzuzielen, wenn er Christus mit der Liebe gleichsetze. Und wenn man nun frage, ob dies eine "legitime" Version des Christentums sei, stelle man genau die falsche Frage, denn der Begriff der Legitimation lasse sich hier nicht anwenden.
Jürgen Habermas suchte in seiner Laudatio Berührungspunkte zwischen Meister Eckhart und Richard Rorty. Einen ersten fand er in der glänzenden Rhetorik und dem prägnanten Stil. Des weiteren scheue auch Rorty das Predigen nicht, wobei Frauen die bevorzugten Adressaten seien - dort die Beginen, hier die Feministinnen. Eine Parallele ortete er in der Häresie, und die Exkommunikation, die der harte Kern der Analytiker an Rorty vollziehe, folge einem nicht minder schmerzlichem Ritual, dem seinerzeit der Papst in Avignon gefolgt sei - schon der Umstand, dass Rorty die Stellung eines Professors für vergleichende Literaturwissenschaft einnehme, sei eine "Auszeichnung des Philosophen im Namen von Meister Eckhart". Dennoch: bei genauem Hinsehen verbinde die beiden - Meister Eckhart und Richard Rorty - herzlich wenig. Rorty folge vielmehr Nietzsche und wolle die architektonisch tragenden Oppositionsbegriffe Wesen und Erscheinung sowie wahr und unwahr aus dem Verkehr ziehen und das Gebäude einer platonistisch von sich entfremdeten Kultur zum Einsturz bringen. Dies erkläre sein Vorhaben einer metaphysikkritischen Umerziehung der Zeitgenossen. Die antimetaphysische Absicht verschleiere jedoch den zugrundeliegenden metaphysischen Antrieb. Rorty wolle der Philosophie jene lebenspraktische Bedeutung zurückgeben, die sie einmal beansprucht habe. Er entwerfe dazu "das Bild von einem Planeten, auf dem alle Angehörigen unserer Gattung Sorge tragen für das Geschick aller übrigen Angehörigen". Die Philosophie solle dieses Ziel erreichen, durch eine mit und an der Philosophie vollzogene Umwälzung: Wir sollten die Suche nach absoluten Wahrheiten aufgeben und Wahrheitssuche durch eine rhetorische Praxis ersetzen, die an den hangreiflichen Folgen von Gedanken und an praktischen Zielen wie "Leistungssteigerung" und "Toleranz" ausrichten. Und im Gegensatz zu irrlichternden "philosophy"-Entertainern arbeite Rorty professionell. Bei allem Hohn, den er gelegentlich über die Profession ausschütte, halte er an deren Standards fest.
AutorPeter Moser, Journalist; Mitherausgeber von
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