Arbeitsmittel

Routledge Encyclopedia of Philosophy

Nachdem 1998 die Routledge Encyclopedia of Philosophy erschienen war, wurde eins schnell deutlich: etwas vergleichbares hatte es bis jetzt noch nicht gegeben. Schon ein kurzer Blick auf die Daten ließ klar werden, dass es sich hier um ein philosophisches Nachschlagewerk von bisher ungekannten Ausmaßen handelte: zehn schwere Bände mit über fünf Millionen Wörtern plus Bibliographien, 2000 Einträge, 1200 Autoren, 30 international anerkannte Herausgeber für die verschiedenen Fachbereiche und eine Gesamtbearbeitungszeit von sieben Jahren.

Von den reinen Ausmaßen her wird man sich hier an das inzwischen bei Band 10 (St-T) angelangte Historische Wörterbuch der Philosophie erinnert fühlen, doch in anderer Hinsicht reichen die Parallelen nicht weit. Das Historische Wörterbuch ist explizit als Lexikon der philosophischen Begriffsgeschichte angelegt, d.h. es verfügt im Gegensatz zur REP über keine Personenartikel und ist insofern historisch und nicht systematisch ausgelegt, als es sich bemüht, die Geschichte des philosophischen Gebrauchs eines bestimmten Terminus zu untersuchen, und nicht etwa seinen Platz in der gegenwärtigen Diskussion. Diese Herangehensweise ist zweifellos wichtig und nötig (wenn sie auch bei Begriffen mit relativ kurzer Geschichte, wie z.B. "Prädikatenlogik" oder "Informationstheorie" schnell an ihre Grenzen stößt), im Vergleich zum Vorgehen und enzyklopädischen Anspruch der REP aber deutlich begrenzter.

Alternativ mag man die inzwischen vollständig vorliegende Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie denken. Einerseits ist sie jedoch mit nur vier Bänden deutlich kleiner als die REP, andererseits wird auch die Bezeichnung "Enzyklopädie" von dem Herausgeber schnell wieder relativiert, letztendlich sei sie "in ihrem Aufbau doch eher wieder ein Wörterbuch, ein Lexikon mit hoher Stichwörterzahl und überwiegend kurzen Einträgen." Weiterhin zeigt sie eine schon im Titel deutlich werdende Beschränkung bzw. Schwerpunktsetzung auf die Schnittstelle von Philosophie und Wissenschaftstheorie. Schlussendlich ist ihre Herausgeberstruktur eine völlige andere als bei der REP: während dort ein ständig gleichbleibender Mitarbeiterkreis bemüht wurde, den man ab und an um einige Experten erweiterte, setzte die REP eine große Gruppe von durch einen Generalherausgeber koordinierten Fachherausgebern ein, die wiederum die Artikel über die relevanten Aspekte ihres Fachgebiets bei Wissenschaftlern in Auftrag gaben, die sich mit ihnen als Hauptforschungsgebiet befassten. Die begriffliche Konsistenz scheint bei der REP trotzdem gewahrt worden zu sein, und dies in Verbindung mit dem Vorteil, zu jedem Fachgebiet das aktuelle Expertenwissen zu dokumentieren.

Es scheint somit klar zu sein, dass kein gegenwärtiges deutschsprachiges philosophisches Nachschlagewerk es an Umfang und Qualität mit der REP aufnehmen kann. Aus den französischsprachigen Angeboten wäre hier noch das in der zweiten Abteilung der Encyclopédie Philosophique Universelle enthaltene philosophische Wörterbuch zu nennen. Mit 5500 Stichwörtern entspricht es im Charakter der Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, wenn auch mit manchmal qualitative höherwertigen Beiträgen. An den enzyklopädischen Charakter der REP reicht es allerdings nicht heran.

Der große englischsprachige Vorgänger der REP ist zweifellos die inzwischen über dreißig Jahre alte Encyclopedia of Philosophy. Dies sollte heute nach der REP immer noch das bevorzugte Nachschlagewerk sein, hat allerdings die Nachteile eines geringeren Umfangs ("nur" 900 Einträge) und einer gewissen Überalterung (nur ein Beispiel von vielen: es gibt keinen Eintrag zu den in der Erkenntnistheorie inzwischen klassisch gewordenen Gettier-Fällen). Im Zweifelsfällen lohnt es sich jedoch immer, auch hier nachzusehen. Über den Logiker Heinrich Scholz z.B., den die REP nur am Rande erwähnt, bringt die Encyclopedia einen ausführlichen und kenntnisreichen Beitrag.

Was ist nun das eigentlich Neue an der REP? Zunächst einmal die wesentlich weitere Fassung des Begriffs "Philosophie". Dieser umfasst nicht nur das uns in der abendländischen Tradition als "Philosophie" überlieferte Denken, sondern auch eine große Anzahl an Beiträgen über außereuropäische Philosophien und Philosophen. Fast ein Viertel aller Beiträge erstreckt sich auf Themen aus der chinesischen, japanischen, tibetischen, russischen und lateinamerikanischen Geisteswelt, über die es anderweitig schwierig ist, Informationen zu bekommen. Dem Rezensenten ist z.B. kein herkömmliches philosophisches Nachschlagewerk bekannt, dass den für die tibetische und allgemein buddhistische Philosophie extrem wichtigen Denker Tsongkhapa auch nur er-wähnt. In der REP findet man eine zuverlässige und aktuelle Einführung in sein Werk.

Ähnlich umfassend sieht die Lage auf dem Gebiet der mathematischen Logik aus. Zum einen enthält die REP ein nützliches Glossar logischer und mathematischer Termini und Symbole in dem sich kurze und eingängige Definitionen von philosophisch so wichtigen Begriffen wie "Algorithmus", "Churchsche These" oder "Vollständigkeit" finden lassen. Alle diese (und natürlich viele andere) haben eigenen Haupteinträge, die durchweg klar und für den mathematischen Laien verständlich gehalten sind. Selbst solche vielleicht esoterisch anmutenden Themen wie "kombinatorische Logik" oder die "iterative Interpretation der Mengenlehre" werden in angemessener Breite behandelt.

Obwohl man in der REP also umfassend sowohl über die neuesten Interpretationen mittelalterlicher Philosophie als auch über Neuigkeiten in der Bewusstseinsphilosophie, über Strukturalismus, Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus und feministische Philosophie informiert wird, kann und will die REP ihre Herkunft aus der anglo-amerikanischen Tradition nicht verhehlen. Themen aus diesem Bereich sind in gewohnter Manier ausführlich und gründlich präsentiert, wenn auch nicht zuungunsten anderer philosophischer Herangehensweisen.

Ein zweites Novum, wenn auch von mehr praktischer Natur, ist die Tatsache, dass die REP zeitgleich auch als CD-ROM erscheint. Dies ist vor allem im Hinblick auf die editorische Zukunft von Interesse: diese Version läßt sich relativ kostengünstig auf dem neuesten Stand halten und entsprechend nachproduzieren. In dieser Scheibe (bzw. in ihren Nachfolgern) könnte also durchaus die Zukunft der REP in den folgenden Jahrzehnten liegen. Weitere Vorteile dieser Präsentationsform liegen auf der Hand. Sie läßt sich leicht nach beliebigen Stichworten durchsuchen, Zitate können einfach exportiert werden, im Gegensatz zur Papierausgabe (für die man mehrere Träger benötigte), läßt sie sich überall bequem mitnehmen. Natürlich gibt es auch einen entscheidenden Nachteil: die CD-ROM kostet genausoviel wie die Papierausgabe.

Werfen wir nun noch einen Blick auf den Aufbau der REP. Drei Artikelsorten sind zu unterscheiden: sogenannte "Wegweiser"-Einträge, die einen Überblick über die zu einem bestimmten Thema (z.B. "Metaphysik", "Ostasiatische Philosophie") in der REP vorhandenen Beiträge liefern, thematische Einträge, die von so allgemeinen wie "Wissen" zu so speziellen wie "methodologischer Individualismus" reichen, sowie biographische Einträge, die jedoch ihren Hauptschwerpunkt mehr auf das Werk, weniger auf das Leben des oder der Dargestellten legen.

Jeder einzelne Eintrag ist ausführlich, d.h. mehrere tausend Wörter lang. Nun lag es jedoch im Interesse der Herausgeber, dass jemand, der sich über ein Thema gründlich informieren will genauso zu seinem Recht kommen sollte wie jemand, der nur in fünf Minuten das wesentliche zum Thema er-fahren will. Dieses auf den ersten Blick schwierige Problem wurde durch eine äußerst praktische Untergliederung der einzelnen Einträge erzielt, die den Leser nicht mit einem Block Text, sondern mit mehreren kürzeren, übersichtlichen Textteilen konfrontieren. Alle thematischen und biographischen Beiträge beginnen mit einem kursiv gesetzten, kurzen Einführungstext, der das wesentliche zum Thema enthält und für den Leser, der beispielsweise nur knapp wissen will, worum es bei der Churchschen These geht, völlig ausreichen. Dann folgt ein Inhaltsverzeichnis der verschiedenen Paragraphen des folgenden Haupttextes. Will ich mich nur über die philosophische Relevanz der Churchschen These informieren, ohne ins technische Detail zu gehen, finde ich hier schnell den richtigen Abschnitt. Gefolgt wird der Haupttext von einer Bibliographie, im Fall von biographischen Artikeln führt dieser die Hauptwerke des Besprochenen auf, nennt wichtige Ausgaben, gute englischen Übersetzungen und ähnliches. Dem folgt eine Liste mit weiterführender Lektüre, wobei jeder Eintrag mit einem kurzen Kommentar versehen ist, der dem Leser einen ersten Einblick in die potentielle Relevanz des Materials gibt.

Dieses Gliederungsverfahren ist äußerst erfolgreich durchgeführt worden. So kann der zwanzigseitige Artikel über Leibniz durchaus als kompetente Einführung in seine Philosophie gesehen werden, ist aber ebenso schnell für jene zu nutzen die nur wissen wollen, was Leibniz mit Monaden im Sinn hatte, oder welches die wesentlichen Ausgaben seiner Werke sind.

Abschließend läßt sich feststellen, dass die REP das philosophischen Nachschlagewerk der Zukunft sein wird, sowohl für interessierte Laien, Studienanfänger als auch für erfahrene Fachleute. Ihm gebührt ein Ehrenplatz in jeder philosophischen Bibliothek.

Routledge Encyclopedia of Philosophy, Edward Craig (ed.), Routledge, London, New York 1998

Historisches Wörterbuch der Philosophie, Joachim Ritter (Hrsg.), Schwabe&Co., Basel, Stuttgart 1971.

Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Jürgen Mittelstraß, Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1980

Encyclopédie Philosophique Universelle, André Jacob (ed.), Presses Universitaires de France, Paris 1989

The Encyclopedia of Philosophy, Paul Edwards (ed.) Macmillan, London, New York 1967

C. Westerhoff, Trinity College, Cambridge

 

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken