| Praktische Philosophie |
"Lebenskunst" scheint am Beginn des 21. Jahrhunderts ein gesteigertes Interesse auf sich zu ziehen. Lange nur ein mehr oder weniger populäres Wort, gilt das nun erwachende Interesse eher dem philosophischen Begriff. Wort und Begriff der Lebenskunst stammen allerdings aus der antiken Philosophie (téchne tou bíou, téchne perì bíon, ars vitae, ars vivendi), sind also von vornherein philosophisch und lediglich im Zeitraum der letzten zweihundert Jahre von der akade-mischen Philosophie weitgehend vergessen worden, vermutlich beginnend mit dem Neukantianismus: Die beginnende Moderne bedurfte einer Reflexion und Grundlegung der Wissenschaften, nicht aber einer Lebenskunst - sämtliche Lebensprobleme versprach die Moderne ja mithilfe von Wissenschaft und Technik zu lösen.
Was unter "Lebenskunst" zu verstehen ist, war vor allem in der stoischen Philosophie sehr genau, geradezu normativ, festgelegt. Unter Bedingungen moderner Freiheit wird allerdings alles an dieser Lebenskunst zu einer Frage der Wahl, daher verfährt die erneuerte Philosophie der Lebenskunst optativ:
Optionen, Möglichkeiten eröffnend, sie vor den Augen des Individuums ausbreitend, das seine eigene Wahl zu treffen hat; nicht Normen vorschreibend, neue Verbindlichkeiten schaffend, auch wenn vielen genau das wünschenswert erscheint. Zu den Bedingungen moderner Freiheit gehört vor allem die Notwendigkeit der Selbstsorge und Selbstverantwortung des jeweiligen Individuums. Wenn Philosophie ein Innehalten und Nachdenken ist - ich plädiere für eine solch bescheidene Definition von Philosophie - dann ist mit Philosophie der Lebenskunst zunächst das Nachdenken über die Grundlagen und möglichen Formen von Lebenskunst gemeint. Dies ist nicht von vornherein identisch mit einer Philosophie als Lebenskunst, also einer gelebten Philosophie.
Gegenüber der populären Lebenskunst, die sich in der spontanen Bewältigung der Lebensprobleme und im unmittelbaren Lebensgenuss hervortut, bringt die philosophische Lebenskunst eine weitere Dimension ins Spiel: Die theoretische Einsicht in abstrakt erscheinende, jedoch grundlegende Zusammenhänge des Lebens, ihre Herkunft, ihre "Gründe" und ihre mögliche künftige Entwicklung, um die Lebensführung dazu in Bezug zu setzen, umsichtig und weitsichtig. Individuen können auf die pragmatische Kenntnis von Grundstrukturen, die die Existenz durchziehen, nicht verzichten, denn sie haben über den Umgang mit ihnen, ihre Akzeptanz oder Veränderung, zu entscheiden. Es geht aber nicht darum, die Theorie gegen die Praxis auszuspielen, sondern darum, Theorie und Abstraktion als Grundbestandteile einer reflektierten Lebenskunst zu begreifen.
Lebenskunst ist zunächst nichts weiter als die fortwährende Gestaltung des Lebens und des Selbst. Das Leben erscheint dabei als Material, die Kunst als Gestaltungsprozess. Das Werk dieser Kunst ist aber nicht eines, das irgendwann definitiv vollendet sein wird; es kann vielmehr fragmentarisch bleiben. Die Arbeit an diesem Werk geschieht vorzugsweise über die Arbeit an äußeren Werken, die im Grunde immer eine Arbeit des Selbst an sich bedeutet. Auch die Anderen arbeiten grundsätzlich mit an diesem Werk, das das Selbst und sein Leben ist. Mit der Arbeit der Gestaltung ist hier nicht beliebige Verfügung über das Material gemeint und auch nicht unbedingt nur ein aktives Tun, sondern ebenso ein passives Lassen. Nicht alles am Selbst und seinem Leben ist beliebig zu verändern, vieles ist vielmehr zu akzeptieren, wobei sich jedoch wiederum die Frage stellt, welche Haltung dazu einzunehmen ist; vieles kann aufgrund eigener Wahl auch bewusst gelassen werden.
Die Konzepte philosophischer Lebenskunst haben ihre eigene, weit zurück reichende Geschichte; Michel Foucault lenkte in seinen letzten Arbeiten von 1984 das Augenmerk darauf. Die Geschichte kann zeigen, dass die Thematik der Lebenskunst in der Philosophie nichts Neues, nichts Ungewöhnliches ist.
Die Geschichte der Philosophie, wohl nicht nur im Abendland, sondern auch in anderen Kulturen, insbesondere der hinduistischen, buddhistischen, taoistischen, kann vor Augen führen, welche Bedeutung den Lebensfragen einst in der Philosophie zugemessen worden ist und welche Antworten eine philosophische Lebenskunst darauf zu geben versucht hat. Es gibt Gründe zu der Annahme, dass die philosophische Aktivität der abendländischen Denker zumindest in der Antike in hohem Maße auf die Frage der reflektierten, gekonnten Lebensführung konzentriert war; ein Indiz hierfür findet man etwa im 2. Jahrhundert bei Sextus Empiricus, der skeptisch gegen "die bei den Philosophen viel beredete Lebenskunst" argumentiert, worunter er eine auf dogmatischen Grundlagen aufruhende Lebenskunst versteht, wie er sie in den Schulen von Aristoteles, Epikur, der Stoa "und einigen anderen" vorfindet.
Die Erkenntnis der Wahrheit des Seins oder die Frage nach dem Sein des Menschen waren demnach einst kein Selbstzweck, sondern dienten der Orientierung der Lebensführung. Und die Schule der Skepsis fällt aus diesem Lebenskunstdiskurs keineswegs heraus: Ihr Ziel war erklärtermaßen die Seelenruhe, die Ataraxie, ein typisches Lebenskunstziel.
Einige Konzepte antiker philosophischer Le-benskunst können bei der Neubegründung einer Philosophie der Lebenskunst wieder aufgenommen werden: So der wichtige Begriff der Sorge des Selbst um sich bzw. der Selbstsorge, der auf der Basis einer Anregung der Philosophin Aspasia in der sokratischen und platonischen Philosophie ausgearbeitet worden ist; Sorge, die zunächst ängstlicher Natur sein kann, unter philosophischer Anleitung jedoch zu einer klugen, vorausschauenden Sorge wird, die das Selbst nicht nur auf sich, sondern ebenso auf Andere und die Gesellschaft bezieht. Ebenso die Selbstfreundschaft und auf deren Grundlage die Freundschaft mit Anderen, die in der aristotelischen Philosophie kennzeichnend sind für den bewussten Lebensvollzug eines Selbst, das auf der Basis von Klugheit seine Wahl trifft und die Vernetzung mit Anderen sucht, um ein umfassendes Feld von Möglichkeiten zu gewinnen. Ferner die Askese als Arbeit des Selbst an sich zur Veränderung und Festigung seiner selbst, um Autarkie, Selbstmächtigkeit, zu erlangen, wie dies in der kynischen Philosophie weniger als Theorie, vielmehr als Lebenspraxis ausgearbeitet wird, um die möglichst weit gehende Verfügung des Selbst über sich und sein Leben zu ermöglichen, denn das ist der Sinn der "Askese". Die asketische Arbeit hat zum Ziel, das Selbst von Abhängigkeiten zu befreien, aber auch seiner neu gewonnenen Freiheit Formen zu geben. Ebenso das lust-volle Leben, das zum Charakteristikum der epikureischen Lebenskunst geworden ist, in deren Sicht das Selbst nicht Sklave der Lust ist, sondern die Lüste selbst zu wählen und zu kalkulieren versteht; sogar das Hinnehmen von Unlust und Schmerz kommt einer späteren größeren Lust wegen in Betracht. Schließlich die Hinnahmefähigkeit und Unerschütterlichkeit: Die stoische Philosophie, die völlig darin aufgeht, Lebenskunst zu sein, nahm sich intensiv jenes Bereichs an, den das Selbst als gegeben hinnehmen muss, innerhalb dessen es jedoch dennoch über seine Vorstellungen verfügt, die es sich von seiner Situation macht und die es selbst zu lenken vermag, ferner das Unabänderliche wählerisch zu gebrauchen und im Einzelnen auszugestalten versteht, im äußersten Fall aber die Freiheit der Aufhebung seiner eigenen Existenz sich vorbehält.
Und doch kann es für die Neubegründung einer Philosophie der Lebenskunst bei diesen antiken Konzepten nicht bleiben, denn die Moderne stellt noch ganz andere Anforderungen. Inhaltlich festgelegte Konzepte von Lebenskunst, die zum Teil in sehr präzisen, Alternativen ausschließenden, von Schule zu Schule divergierenden Auffassungen zum Ausdruck kamen, können modernen Individuen nicht mehr als verbindlich dargeboten werden. Die Bedingungen und Möglichkeiten des Lebens sind in politischer, technologischer, ökonomischer, ökologischer Hinsicht sehr viel andere als in früheren Zeiten. Da nach und nach alle jemals als fest geglaubten Orientierungspunkte sich in der Moderne auflösen, ist für eine neu zu begründende Lebenskunst die existenzielle Essayistik entscheidend: Lebenskunst bedeutet unter modernen Bedingungen mehr als jemals, inhaltliche Festlegungen individuell selbst zu treffen und geradezu einen experimentellen Weg einschlagen zu müssen, ohne definitiv wissen zu können, wohin er führt. Normative Vorstellungen, wie etwa die eines wahren Seins oder eines mit sich identischen Subjekts, können nicht mehr aufrecht erhalten werden, und dies bedingt Versuche mit sich selbst, Versuche mit dem Leben, das in keiner Weise mehr definitiv festzulegen ist und dessen Möglichkeiten nur durch ein Ausprobieren ausgelotet werden können.
Der erste, der dies für die Moderne geltend gemacht hat, war Montaigne, der Begründer der modernen Moralistik. Die Philosophie der Lebenskunst ordnet sich ein in das Projekt einer neuen Moralistik, für die im 21. Jahrhundert die Zeit reif zu sein scheint. Der Bedeutung einer individuellen, als Lebenskunst verstandenen Ethik Rechnung zu tragen, ergänzend zu Prinzipienethik und Angewandter Ethik, könnte das Anliegen einer solchen erneuerten Moralistik sein. Zwischen der populären und der philosophischen Lebenskunst versucht sie die Brücke zu schlagen, denn sie bewegt sich zwischen den Niederungen der alltäglichen Existenz, deren Bewältigung für die Lebensführung des Individuums unerlässlich ist, und den Höhen der theoretischen Reflexion, die den Einschluss in die Engstirnigkeit des Alltags verhindern kann. Die Möglichkeit neuer Erfahrungen ist die Voraussetzung dafür, überhaupt von einer Gestaltung des Lebens und des Selbst sprechen zu können.
Die entscheidende Frage hinsichtlich der Gestaltung des Lebens und des Selbst durch das Subjekt der Lebenskunst ist jedoch noch eine andere, denn auch dies, dass das Leben zu gestalten sei, kann keineswegs normativ vorausgesetzt werden. Ein gewichtiges Argument dafür ist allenfalls die Kürze des Lebens, unabhängig von seiner faktischen Länge, ein Argument, das schon in der antiken Philosophie eine tragende Rolle gespielt hat. Man kann es das finale Argument nennen, mit Bezug auf jene Möglichkeit des Lebens, die der Tod ist. Tod bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Leben überhaupt, sondern dass es in dieser Form zu Ende ist. Der Tod ist eine Grenze, und die reflektierte Lebenskunst gründet im Bewusstsein von der Begrenztheit des Lebens. Man kann sogar sagen, dass dem Tod die Begrenzung des Lebens zu verdanken ist, denn wenn es diese Grenze nicht gäbe, könnte die Gestaltung des Lebens in der Tat als gleichgültig erscheinen. Der Tod als Grenze des Lebens fordert jedoch dazu auf zu leben und auf erfüllte Weise zu leben.
Gäbe es den Tod nicht, müsste man ihn wohl erfinden, um nicht ein unsterblich langweiliges Leben zu führen, das darin bestünde, das Leben endlos aufzuschieben. Daher die Affirmation der Begrenzung: Um das Leben nicht einfach nur dahingehen zu lassen, sondern es wirklich zu leben, solange es währt.
Die grundlegenden Aspekte jeder reflektierten Lebenskunst ausfindig zu machen: Darum kümmert sich die Philosophie der Lebenskunst. In keinem Fall kann es darum gehen, Regeln vorzuschreiben und Rezepte zu liefern, sondern allenfalls Vorschläge zu formulieren, die im besten Fall Plausibilität für sich beanspruchen können - nicht in normativer, sondern in optativer Absicht: Möglichkeiten eröffnend, sie ausbreitend vor den Augen des Subjekts, dem die definitive Wahl obliegt und das nur seiner eigenen Einsicht folgen kann, denn schließlich verantwortet es seine Lebensführung selbst mit seiner Existenz. Nicht eine Theorie des guten Lebens, der nur nachzuleben wäre, steht in Frage, sondern eine theoretische Erörterung all dessen, was, wenn eine reflektierte Lebenskunst zu realisieren versucht wird, klugerweise nicht außer Acht gelassen werden sollte. Durch die philosophische Reflexion wird das Individuum in die Lage versetzt, seinen eigenen Lebensvollzug besser zu verstehen und gegebenenfalls in ihn einzugreifen, da ihm die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten des Verstehens und Vorgehens zur Verfügung steht.
Als grundlegender Aspekt erscheint beispielsweise, dass die Beziehungen zu Anderen erfahrungsgemäß häufig vom Phänomen der Macht durchzogen sind. Immer wieder ist das Individuum im Lebensvollzug mit Fragen der Macht konfrontiert, und die Reflektiertheit seiner Lebensführung dürfte wohl mit dem Grad der Aufklärung von Machtstrukturen wachsen, um sich soweit wie möglich im Klaren zu sein über die eigene Verstricktheit in deren Geflecht, und um den Ansatzpunkt einer eigenen Einflussnahme darauf zu erkennen. In vierfacher Hinsicht sollte das Subjekt der Lebenskunst nach Machtstrukturen fragen:
Für das Selbst kommt es darauf an, Macht über sich selbst zu gewinnen, Selbstmächtigkeit, um eine innere Integrität zu organisieren, die jedoch auch bei diesem internen Umgang mit Macht auf eine einseitige Herrschaft (etwa des Intellekts über die Gefühle) verzichtet. Die Macht über sich ist die Grundlage für die Unabhängigkeit von äus-seren Mächten, die erfahrungsgemäß ihren Weg ins Selbst nur finden, wenn sie sich die inneren Zwistigkeiten und unerfüllten Bedürfnisse des Subjekts zunutze machen, die sie zu lösen und zu erfüllen versprechen. Ebenso befähigt die Macht über sich dazu, eine Mäßigung Anderer hinsichtlich ihrer Machtausübung zu erreichen und mit der gewonnenen eigenen Macht der Forderung nach Umkehrbarkeit von Machtbeziehungen Nachdruck zu verleihen. Und schließlich kann die Macht über sich die Mäßigung seiner selbst hinsichtlich der eigenen Ausübung von Macht über Andere, auch über andere Wesen und vorgefundene Zusammenhänge zur Folge haben, um die eigene Machtausübung nicht zur Etablierung von Herrschaftszuständen zu missbrauchen. Dies zu leisten, ist die Aufgabe einer Politik der Lebenskunst.
Lebenskunst hat von vornherein eine gesellschaftliche und politische Dimension. Wenn es dennoch das Individuum und die von ihm gelebte Existenz ist, die in der Philosophie der Lebenskunst so entschieden affirmiert wird, dann vor allem deswegen, weil die Ablehnung des Individuums zu korrigieren ist, die sich in der Geschichte des 20. Jahrhunderts überall dort, wo totalitäre Systeme dominierten, als so verhängnisvoll erwiesen hat. Das Individuum war das Ärgernis der totalitären Bewegungen, also ist es ein zuverlässiger Ansatzpunkt. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert stellt sich darüber hinaus die Aufgabe, die demokratische Gesellschaft vom einzelnen Individuum her neu zu denken, um sie möglicherweise stärker als jemals auf eine individuelle Basis zu stellen. Denn dies ist die neue Herausforderung: Die Auflösungserscheinungen der modernen Gesellschaft zu bewältigen, für die vor allem egoistische Individuen verantwortlich gemacht werden, deren Zusammenhalt jedoch nicht "von oben" her verordnet werden kann. Bleibt nur, ihre Selbstsorge, die mehr als nur eine Sorge des Selbst für sich ist, zu erweitern zu einer Sorge um die Gesellschaft.
Es geht dabei nicht um das abstrakte Projekt einer neuen Gesellschaft, nicht um das Ideal einer neuen Welt, sondern um die existierenden Menschen, ihre Verhaltensweisen, Stärken und Schwächen, mit denen wohl oder übel gerechnet werden muss. Durchaus kann man die Auffassung vertreten, dass es im Grunde nur Individuen, nicht "die Gesellschaft" gibt. Man kann sich dann am ehesten wieder von einem allzu abstrakt gewordenen Bild der Gesellschaft lösen und darauf achten, wie Gesellschaft von Grund auf entsteht. Die Gestaltung von Gesellschaft geschieht schließlich zwischen Individuen, die ihrer Begegnung Formen geben, um sie auf unterschiedliche Weise und bei verschiedenen Gelegenheiten, auch im Konfliktfall, zu realisieren. Persönlich gewählt und ins Werk gesetzt werden können ethische und stilistische Umgangsformen, die ausschließlich von der Haltung und dem Verhalten der Individuen abhängig sind, von ihren Gesten und ihrem Stil.
Reichtum und Geschmeidigkeit dieser Formen ermöglichen dem Subjekt, das Leben in Gesellschaft nicht nur als Last zu empfinden, sondern Genuss daraus zu ziehen, und dazu dienen nicht nur die Formen der Höflichkeit, sondern ebenso jene der Streitbarkeit, die den Zusammenstoß zwischen Individuen, der zur alltäglichen Erfahrung von Gesellschaft gehört, lebbar machen. Durch die Ausarbeitung von Umgangsformen wird der Andere nicht mehr primär als Träger einer Funktion, sondern als Person behandelt, Pri-mat der Person vor der Funktion. Entscheidend ist nicht die Wiederherstellung von Gemeinschaft, sondern die Stärkung des kooperativen Elements in der funktionalen Gesellschaft, und zwar auf der Basis der Einsicht, zu der die Individuen selbst in der Lage sind.
Der grundlegende Ansatz der Philosophie der Lebenskunst wird daran deutlich: anzusetzen nämlich beim Eigeninteresse des Individuums und den Einsichten, zu denen es auf dieser Basis selbst kommen kann. Dies eröffnet die Möglichkeit, den Egoismus konsequent zu Ende zu denken. Zur Abwehr des Egoismus wird seit langem einseitig auf eine Sollensmoral gesetzt - aber es lässt sich beobachten, dass das Ich nackt dasteht, wenn die Sollensmoral wegfällt. Die Philosophie der Lebenskunst versucht, die Fähigkeit des Einzelnen, eigenständige Urteilskraft zu gewinnen, eine eigene Wahl zu treffen und entsprechend zu handeln, zu unterstützen. Denn dies erscheint als der zentrale grundlegende Aspekt: Jede Lebenskunst, wie immer sie inhaltlich ausgestaltet sein mag, dreht sich um die Frage der Wahl. Zwar muss, was nicht unmittelbar in der Macht des Subjekts steht, von diesem zunächst akzeptiert werden; aber selbst in diesem Fall obliegt dem Subjekt die Wahl des Verhaltens in dieser Situation.
Die Auseinanderlegung der verschiedensten Aspekte der Wahl dient dazu zu zeigen, wie man vorgehen kann, wie man einer Wahl sich nähern kann, welche Gesichtspunkte und Faktoren klugerweise zu berücksichtigen sind, was die notwendigen Voraussetzungen und möglichen Konsequenzen der Wahl sind, welche Zusammenhänge zu beachten sind und welche Unterscheidungen innerhalb der Wahl selbst getroffen werden können. Die Ausbildung von Sensibilität und Urteilskraft befördert das Entstehen jener Klugheit, auf deren Basis allein eine reflektierte Wahl getroffen werden kann. In die Klugheit finden sowohl das Denkvermögen als auch die Sensibilität Eingang, ihr Ort ist das "Zwischen": Zwischen Verstand und Wahrnehmung, zwischen Erkenntnis und Erfahrung, um in einem sensiblen Denken und einer leiblichen Intelligenz wieder zum Vorschein zu kommen.
Wenn die Klugheit beim Eigeninteresse des Individuums ansetzt, dann nicht, um dieses als anthropologische Konstante zu behaupten, sondern um bis zu jenem Punkt zurückzugehen, der dem ethischen und moralischen Verhalten nach allgemeiner Überzeugung am fernsten zu liegen scheint. Es war das Eigeninteresse, das die Klugheit im Laufe der abendländischen Geschichte dem Egoismus-Verdacht ausgesetzt hat (Durchset-zung des eigenen Vorteils, Streben nach Lustgewinn). Dabei dürften die Erfahrungen der Moderne zur Genüge gezeigt haben, dass jede Abwendung vom Eigeninteresse für eine Ethik und Moral zwar ehrenwert ist, jedoch folgenlos bleibt. Eigeninteresse bedeutet, dass es einem Selbst um sich und sein eigenes Leben geht, und dass es davon ausgehend seine Interessen vertritt. Um der Klugheit willen vermag das Selbst sein Eigeninteresse selbst in ein aufgeklärtes Eigeninteresse zu transformieren, denn es wäre absonderlich, das Eigeninteresse unklug, das heißt unüberlegt und unsensibel zu verfolgen. Die Klugheit besteht dann darin, nicht nur auf sich selbst, sondern auf das gesamte engere und weitere Umfeld zu achten, in dessen Rahmen das Leben gelebt wird; sie ist das Wissen davon und das Gespür dafür, was nicht nur jeweils "für mich", sondern was "im Zusammenhang" gut ist. So führt sie konsequenterweise zu Rücksicht, Umsicht, Vorsicht und Voraussicht, die das aufgeklärte Eigeninteresse charakterisieren.
Der Angewiesenheit auf Andere und die Allgemeinheit trägt das Subjekt der Lebenskunst mit einer Maxime Rechnung, die als Umkehrgebot der Klugheit bezeichnet werden kann: "Berücksichtige das Eigeninteresse Anderer in derselben Weise, wie du das eigene geltend machst." Die Umkehrung der eigenen Perspektive erlaubt, die Perspektiven Anderer ebenso mitzubedenken, wie dies umgekehrt von Anderen auch für das Selbst erwartet wird. Die Umkehrung ist ein Bestandteil der Urteilsbildung und begründet die amoralische Moral der Klugheit, die nicht unbedingt als Moral intendiert ist, jedoch Konsequenzen zeitigt, die einer Moral vergleichbar sind, von der immer dann gesprochen werden kann, wenn ein Selbst sich von der eigenen Perspektive zu lösen vermag, um die Perspektiven Anderer in seinem Denken und Handeln zu berücksichtigen. Das Umkehrgebot nimmt Bezug auf die althergebrachte und in allen Kulturen bekannte, somit wahrhaft universelle Formel der Goldenen Regel. Jedoch nicht aus normativen Gründen wird diese Maxime hier ins Werk gesetzt, sondern aufgrund eigener Einsicht und kluger Selbstverantwortung des Subjekts, das seine Wahl trifft.
Grundlegend für die Lebenskunst ist schließ-lich auch, dem Leben ein Ziel zu geben. Dazu ist es nötig, das "Schöne" zu rehabilitieren und neu zu definieren, das, wie einst die antike kalokagathía, ethische und ästhetische Dimensionen in sich vereint: Schön ist das, was als bejahenswert erscheint.
Als bejahenswert erscheint es in einer individuellen Perspektive, die keine Allgemeingültigkeit beanspruchen kann, und bezeichnet eine Existenz, die als bejahenswert und in diesem Sinne schön erscheint. Das sollte aber nicht zu einem ästhetizistischen Missverständnis führen: Die eigentliche Macht der Schönheit liegt nicht in der Perfektionierung, oberflächlichen Glättung und Harmonisierung der Existenz, sondern in der Möglichkeit ihrer Bejahung.
Bejahenswert kann keineswegs nur das Angenehme, Lustvolle oder, wie es im ausgehenden 20. Jahrhundert gerne genannt wurde, das "Positive" sein, sondern ebenso das Unangenehme, Schmerzliche, "Negative". Das Schöne umfasst auch das Misslingen; entscheidend ist, ob das Leben insgesamt als bejahenswert erscheint.
Wenn das Motiv dafür, das Leben überhaupt zu gestalten, von der Kürze des Lebens herrührt, dann der Anstoß dazu, es schön zu gestalten, von der Sehnsucht nach der Möglichkeit, es voll bejahen zu können. Schön ist das, wozu das Individuum Ja sagen kann. Vor diesem Hintergrund kann der grundlegende Imperativ der Lebenskunst formuliert werden, der jeden einzelnen Schritt des Individuums in den Horizont der Gesamtheit der Existenz stellt und nur vom Individuum selbst in Kraft gesetzt werden kann, ein einfach erscheinender existentieller Imperativ: Gestalte dein Leben so, dass es bejahenswert ist. Das stellt den Prüfstein dar, an dem das eigene Leben immer wieder gemessen und beurteilt werden kann. Sollte das Leben so, wie es gelebt wird, nicht bejahenswert sein, dann wäre es zu ändern, denn es gibt nur diese eine "Sünde wider den heiligen Geist": Ein Leben zu führen, das nicht bejaht werden kann. Das schöne Leben ist auch politisch zum Argument zu wenden, um an gesellschaftlichen Verhältnissen zu arbeiten, die bejahenswerter sein könnten als die gegenwärtigen, und die im Gegenzug wiederum eine bejahenswertere Existenz ermöglichen würden. In keiner Weise ist mit der Rede von Bejahenswertem schon eine Aussage darüber gemacht, ob das Bestehende auch das Bejahenswerte sei.
So kann Lebenskunst tatsächlich heißen, sich ein schönes Leben zu machen, im Sinne von: Das Leben bejahenswerter zu machen, und hierzu eine Arbeit an sich selbst, am eigenen Leben, am Leben mit Anderen und an den Verhältnissen, die dieses Leben bedingen, zu leisten, um zu einem erfüllten Leben beizutragen, das nicht nur aus Glücksmomenten besteht und aus dem die Widersprüche nicht ausgeschlossen, sondern bestenfalls zu einer spannungsreichen Harmonie zusammengespannt sind; es handelt sich nicht unbedingt um das, was man ein leichtes Leben nennt, eher um eines, das voller Schwierigkeiten ist, die zu bewältigen sind, voller Widerstände, Komplikationen, Entbehrungen, Konflikte, die ausgefochten oder ausgehalten werden - all das, was gemeinhin nicht zum guten Leben und zum Glücklichsein zählt. Das Leben gut und - nach Maßgabe der Abwägung aller grundlegenden Aspekte - richtig zu führen, ist der Versuch zur Realisierung eines erfüllten Lebens, erfüllt vom Bewusstsein der Existenz, erfüllt von der Erfahrung des gesamten Spektrums des Lebens, erfüllt vom vollen Genuss und Gebrauch des Lebens. Das ist das Anliegen des Versuchs zur Neubegründung einer Philosophie der Lebenskunst.
Schönes Leben? Einführung in die Lebenskunst. 138 S., Ln., DM 29.80.--, 3. Auflage 2001, Suhrkamp, Frankfurt/M. Übersetzungen ins Lettische (2001), Niederländische (2001).
Philosophie der Lebenskunst - Eine Grund-legung. 566 S., Kt., DM 29.80, stw 1385, 8.. Auflage 2001. Suhrkamp Verlag, Frankfurt.
Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. DieFrage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault. 452 S., stw 1487, 2000, DM 29.80, Suhrkamp, Frankfurt/M.
Die Geburt der Philosophie im Garten der Lüste. 224 S., kt., DM 15.90, st 3215, 2000 Suhrkamp, Frankfurt/M.
AutorWilhelm Schmid, geb. 1953, ist freier Philosoph, lebt
in Berlin und lehrt als Privatdozent in Erfurt und als Gastdozent in Tiflis (Georgien).
Regelmäßig arbeitet er als "philosophischer Seelsorger" am Spital Affoltern am
Albis bei Zürich. ![]()
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