| Lebenskunst |

Hat die Philosophie etwas mit dem Leben zu tun? Diese Frage stellen Menschen zuweilen, wenn sie mit den Überlegungen zu einer Philosophie der Lebenskunst konfrontiert sind. Das also ist das Bild, das Philosophen von ihrer Disziplin erzeugt haben; es ist nicht zu beurteilen, nur zur Kenntnis zu nehmen. Kann die Philosophie eine Hilfe für das Leben sein? Da sind es wohl viele Philosophen selbst, die offen ablehnend oder diplomatisch ausweichend reagieren. „Hilfe für das Leben“: Das erscheint ihnen suspekt, und nicht nur ihnen, sondern vielen Intellektuellen überhaupt. Es sind diese Hoffnungen, die Intellektuelle in Furcht und Schrecken versetzen: Die Suche nach „Lebenshilfe“ einer wachsenden Zahl von Menschen trifft auf das Entsetzen der Gebildeten, die nichts damit zu tun haben wollen.
Woher die Heftigkeit der Nachfrage, warum die Entschiedenheit der Verweigerung? Die Nachfrage rührt her von all denen, die sich in ihrer Lebensbewältigung auf sich selbst gestellt sehen, eine Folge der verlorenen Tradition, Konvention, Religion, die bis ins Detail des Alltags hinein definieren konnten, wie zu leben ist. Praktisches Lebenwissen wird in der Moderne nicht mehr von Person zu Person, von Generation zu Generation weitergereicht; die fortschreitende Befreiung hat diese Kette unterbrochen. So findet sich das Individuum allein in seinem begrenzten Lebenshorizont wieder, die Ressourcen eines überlieferten, gemeinsamen Lebenwissens bleiben ihm verschlossen und es beginnt danach zu fragen, wo Lebenshilfe zu bekommen sei. Die Situation wird verschärft von Ängsten und der Empfindung von Schwäche angesichts der Komplexität moderner Gesellschaften und der stets neuen Herausforderungen durch Wissenschaft und Technik, auf die nicht von vornherein schon Antworten bereitstehen.
Eine ganze Skala von Lebensfragen bricht auf, Einzelfragen und grundlegende Fragen, bürokratische, gestalterische, therapeutische und existenzielle Fragen. Für die bürokratische Seite der Lebensbewältigung stehen spezifische Kompetenzen zur Verfügung, mit deren Hilfe zuweilen banale, aber im situativen Lebensvollzug einer modernen Gesellschaft drängende Probleme wie Finanz-, Steuer-, Rechtsfragen zu bewältigen sind. Auch für die gestalterische Seite der Lebensbewältigung lässt sich je besonderer Sachverstand konsultieren, wenn es um berufliche Möglichkeiten, Gesundheitsvorsorge, Ernährungsfragen, Fragen des Verbraucherschutzes, Reiseplanung etc. geht. Einzelkompetenzen sind verfügbar zur therapeutischen Seite, um eine Krankheit im Organischen oder Psychischen zu behandeln, eine „Störung“ in einer Kommunikation oder Beziehung zu beheben und nach dem richtigen Umgang mit Gefühlen und Leidenschaften, mit Lüsten und Ängsten zu fragen. Was aber ist mit der existenziellen Seite, bei der es, in Überschneidung mit therapeutischen Fragen, die gestalterischen tangierend, die bürokratischen Fragen weit übergreifend, um die eigentlichen Lebensfragen geht: Ist dieses Leben, das individuelle, das gesellschaftliche, auf dem richtigen Weg? Was ist Leben für mich? Was halte ich für wichtig: Freundschaft, Liebschaft, ein Leben in Zurückgezogenheit oder in der Öffentlichkeit? Wie kann ich mein Leben führen? Welchen Sinn haben Lüste, Ängste, Schmerzen, Krankheit und Leid? Welches Verhältnis habe ich zum Tod? Woran kann dieses Leben orientiert werden? Was ist schön und bejahenswert für mich, was sind die Werte, denen ich in meinem Leben Bedeutung geben will? Was ist in meinen Augen Glück, was der Sinn des Lebens? Was ist das überhaupt, „Glück“, „Sinn“?
Um Antworten zu finden, suchen Menschen in wachsendem Maße nach einem Raum, in dem die Erörterung dieser Fragen möglich ist. Einen solchen Raum des Innehaltens und Nachdenkens bieten die Theologie, auch die Therapie im weiteren Sinne – und die Philosophie. Darin besteht bereits ein Teil ihrer Lebenshilfe: den „logischen“, geistigen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem die eigenständige Urteilskraft zu gewinnen ist, mit deren Hilfe das Leben neu orientiert werden kann. Dass dieser Raum der umfassenden Besinnung und Selbstbesinnung offen steht, dass in ihm abseits aller Aktivität die Passivität der Nachdenklichkeit gelebt werden kann, ist zweifellos ein Grund für die wachsende Bedeutung der Philosophie in orientierungsloser Zeit, immer wieder in der Geschichte seit der Antike. Die Lebenshilfe der Philosophie ist keine Form von Therapie. Wer Lebensfragen hat, ist nicht therapiebedürftig, jedenfalls nicht im engeren, modernen Sinne des Wortes, das einen pathologischen oder dysfunktionalen Hintergrund voraussetzt, allenfalls im weiteren, antiken Sinne der griechischen therapeía, die eine Pflege und Sorge meint, wie dies auch in mancher Psychotherapie wieder entdeckt wird. Erst recht ist die Sorge um eine „Heilung der Seele“ (psyches iatreía) nicht zwangsläufig ein Fall für die Psychiatrie, sondern eine Angelegenheit der Philosophie.
Die Philosophie „behandelt“ nicht, sie trägt vielmehr zu einer Klärung von Lebensfragen bei. Die Klärung geschieht mithilfe der Philosophie, nicht etwa durch sie. Der Klärungsprozess zielt nicht darauf, definitive Klarheit zu erreichen, sondern diejenige operative Klarheit, die das Leben wieder ermöglicht. Das philosophische Angebot zur Klärung, seit Sokrates ein Angebot zum Gespräch, besteht in einer Art von Geburtshilfe, maieutike, um das je eigene Denken hervorzubringen. Es ermöglicht den Gesprächspartnern, jeweils für sich selbst die Orientierung zu gewinnen, die im Dickicht des alltäglich gelebten Lebens verloren gegangen oder noch nie gefunden worden ist. Der Philosoph kann der Gesprächspartner in diesem Lebensgespräch sein, unabhängig davon, ob das Gespräch real (gesprochen) oder imaginär (gedacht) geschieht. Die Stärke der Philosophie liegt dabei in der Tat eher in ihrer Schwäche: keine letztgültige Klärung erdenschwerer Fragen, keine absolute Klarheit über Leben und Welt erlangen zu können – Tausende von Anläufen dazu in Tausenden von Jahren haben dies jedenfalls nicht erbracht. Gerade diese Schwäche lässt den Raum der Philosophie so attraktiv erscheinen: Sie offeriert den Raum zur Erörterung all der Fragen, die andernorts keinen Platz finden; sie vermittelt die Erfahrung, dass es Fragen gibt, die kaum jemals definitiv zu beantworten sind; sie regt die Einsicht an, dass die Lebenskunst wohl zu einem guten Teil darin besteht, sich mit diesem Stand der Dinge zu bescheiden. Das Gespräch aber zu verweigern, treibt Menschen erst in die Arme derer, die fragwürdige Formen von „Lebenshilfe“ anbieten und Verklärung an die Stelle von Klärung setzen.
Wie dieses Gespräch unter heutigen Bedingungen aussehen kann, lässt sich im Experiment erproben. Was meinen Beitrag dazu angeht, versuche ich seit 1998 in regelmäßiger Arbeit an einem Krankenhaus in der Nähe von Zürich einige Arbeit zu leisten: in Vorträgen, Seminaren, Arbeitsgruppen, vor allem aber Gesprächen, nicht nur mit den Patienten, sondern auch mit den Mitarbeitern und Ärzten. Was geschieht in diesen Gesprächen? Erwartet wird etwas Spektakuläres. Aber es sind in aller Regel unspektakuläre Gespräche, und es ist beinahe unerheblich, was ihr Inhalt ist. Das bloße Faktum des Gesprächs scheint bereits wichtig zu sein, um zu entlasten, zu ermuntern, anzuregen, etwas zu klären, zu bereinigen, zu befreien. Der „Trost der Philosophie“ besteht wohl in einer Erweiterung des Horizonts, um den Raum der Möglichkeiten des Denkens zu erschließen und auf diese Weise die Möglichkeiten des Lebens besser zu sehen. Was viele suchen, ist das Gespräch über das Leben, aus dem Bedürfnis heraus, sich mehr Klarheit über das eigene Leben und „das Leben“ überhaupt zu verschaffen. Es bedarf keiner physiologischen oder psychologischen Pathologie, um Fragen an das Leben zu haben, die in der Situation des Krankenhauses jedoch mehr kulminieren als irgendwo sonst, und für die doch gewöhnlich kaum jemand als Gesprächspartner zur Verfügung steht.
Eine andere Art von Arbeit ist die als Gastdozent an der Staatlichen Universität in Tiflis in Georgien (seit 1997). Die Frage liegt nahe: Wie kommen Menschen in einem Land mit 60 Prozent Arbeitslosigkeit und ohne nennenswerte Sozialleistungen auf die Idee, Philosophie, also die brotlose Kunst par excellence, zu studieren? Aber die Antwort ist einfach: Um ihr Leben besser zu verstehen und möglicherweise darauf Einfluss zu nehmen; nicht nur auf das individuelle, sondern mehr noch auf das gesellschaftliche Leben, von dem das individuelle wiederum abhängig ist. Eine Modernisierung erscheint unumgänglich, wenn die Lebensverhältnisse jemals verbessert werden sollen. Aber was ist Moderne? Von vornherein muss sie hier den beharrenden Kräften Rechnung tragen; sie hat eine Antwort zu suchen auf den Umstand, dass die Menschen in Georgien massenhaft in die orthodoxe Kirche zurückströmen, die eine radikale Anti-Moderne vertritt. Wichtig ist, darüber nachzudenken – und wir tun das anhand der Analyse von Texten der frühen christlichen Kirchenväter – , was Religion denn ist, um sie nicht umstandslos mit einem starren System von Dogmen zu verwechseln, vielmehr mithilfe hermeneutischen Verstehens und einer freieren Religiosität die Brücke zu bauen, die eine Modernisierung ermöglicht. Und auch die Schwächen der Moderne und mögliche Antworten darauf kommen von vornherein in den Blick, vorzugsweise anhand der frühen Kritik der Moderne bei den deutschen Frühromantikern; die Verehrung für deutsche Romantik ist in Georgien ohnehin groß.Das sind nur Beispiele. An vielen Orten ist heute eine andere Art des Philosophierens im Entstehen begriffen: Viele Philosophen gründen eine „philosophische Praxis“, überall gibt es „philosophische Cafés“, im Bereich der kritischen Journalistik oder der ethischen Unternehmensberatung sind zahllose Philosophen tätig. Es hätte nun jedoch keinen Sinn, die im Entstehen begriffene freie Philosophie gegen die akademisch gebundene auszuspielen. Zweifellos muss es eine akademische Philosophie geben, auch eine Philosophie als „l’art pour l’art“, vor allem eine, die die solide historische und systematische akademische Ausbildung des philosophischen Nachwuchses sicherstellen kann. Die Brücke zu den verschiedensten Bereichen der Praxis zu schlagen, ist dagegen die natürliche Aufgabe einer freien Philosophie, um auf die Nachfrage nach einer Reflexion des Lebens zu antworten.
Auch wenn es dabei nicht um einen definitiven Rat geht, so doch um einen Prozess der Beratung, was zu tun sei: eine Erörterung der Aspekte, die im Spiel sind, der Optionen, die zur Verfügung stehen, der Argumente, die für und wider die in Frage kommenden Optionen sprechen. Entscheidend ist das optative Vorgehen, das die Verantwortung bei demjenigen belässt, der sein Leben selbst lebt, und ihn dennoch mit seinen Fragen nicht allein lässt. Die Autonomie des Einzelnen zu achten ist ein hohes Gut, aus gutem Grund: Schließlich muss er auch selbst, nicht irgendein „Ratgeber“, der vielleicht nur eine zufällige und belanglose Meinung vertritt, die Verantwortung für sich und sein Leben tragen – eine existenzielle Wahrheit. Selbst eine „Empfehlung“ wäre noch zu normativ, daher bleibt es im Prozess der Beratung beim Verfahren der Anregung, die hilfreicher sein kann als ein konkreter Rat, und zudem wechselseitig ist: Sie kann den Gesprächspartnern den Anstoß dazu geben, herkömmliche Bahnen des Denkens zu verlassen, eine Situation mit anderen Augen zu sehen und neue Möglichkeiten in den Blick zu bekommen. Der historisch und systematisch umfassende Horizont der Philosophie bietet einiges an „Stoff“ für all die Anregungen, die in der Sicht derer, die sich davon inspirieren lassen, als „geistige Nahrung“ verstanden werden, die sie nicht entbehren möchten. Und eine Rolle kommt im Prozess der Beratung dem eigenen Beispiel zu, wenn auch explizit nur exemplarisch, denn es kann nicht darum gehen, vorbildhaften Charakter für sich selbst zu beanspruchen, eher darum, einen Anlass zur Auseinandersetzung zu bieten, in deren Verlauf ein Gegenüber sein Eigenes zu finden vermag. Das eigene Beispiel stärkt zudem die Glaubwürdigkeit als Gesprächspartner, der nicht nur theoretisch beschlagen ist, sondern selbst auch einen praktischen Lebensvollzug vorzuweisen hat.
Von Bedeutung für die bewusste Lebensführung sind letztlich vor allem begriffliche, also terminologische Aspekte. Ins Blickfeld kommt die Arbeit des „Geistes“, des nous: neben der Prägung von Begriffen für das, was an Erfahrungen zu machen ist, auch die Klärung von Begriffen, mit denen hantiert wird, als verstünden sie sich von selbst, wie etwa „Leben“, „Kunst“, „Selbst“, „Glück“, „Sinn“... Begriffe können in die Irre führen, sie können krank machen und man kann gesunden an ihnen, je nach ihrer Definition. In Begriffen steckt, über das bloße Wort hinaus, ein Vorverständnis, ein Konzept, eine Vorstellung, eine Idee, was eine Sache ist oder sein soll und welche Bedeutung ihr zukommt. Entscheidender als die Realität kann diese Idee sein, die von ihr im Umlauf ist, ja die Idee kann ursächlich für die Realität sein, etwa im Falle einer Revolution. Oft ist es die innere Logik von Begriffen, die das individuelle Denken vorstrukturiert und organisiert, und niemand wüsste im Nachhinein zu sagen, wodurch oder durch wen diese Logik ins Werk gesetzt worden ist. So bergen Begriffe Eigenschaften in sich, die ihnen zugeschrieben werden und die vielleicht noch anders zu beschreiben wären, Wahrheiten, die auch anders wahr oder von Grund auf falsch sein könnten. Der Inhalt von Begriffen ist niemals normativ, immer optativ zu verstehen: Das jeweils herrschende Verständnis ist eine Option unter anderen. Die Lebenskunst besteht darin, nicht zum Gefangenen von Begriffen mit angeblich „allein gültigen“ Bedeutungen zu werden.
Das gilt vor allem für den Begriff des „Lebens“, dem das Selbst beim Vollzug seines Lebens folgt, womöglich unbewusst, ohne die jeweils zugrunde liegende Idee vom Leben selbst gedacht zu haben. Der Begriff wird zunächst gebildet, um das Leben ausgehend von den jeweiligen Erfahrungen in eine kommunizierbare Form zu bringen (Induktion). Um nicht von jeder Einzelheit jeder Erfahrung jedes Mal aufs Neue erzählen zu müssen, kommt es zur Verallgemeinerung und Festschreibung: „Leben ist...“, und um nicht stets in vollem Umfang diese Definition wiedergeben zu müssen, bleibt nur „Leben“ noch übrig, der Rest wird mitgedacht. Das ist die eine Hälfte des Prozesses, die andere besteht darin, dass der definierte Begriff seinerseits auf das Leben zurückwirkt, sodass das Leben zu einer Ableitung des Begriffes wird (Deduktion), bis letztlich nicht mehr klar ist, was zuerst da war, Begriff oder Leben. Die Wechselseitigkeit dieses Prozesses ist kaum aufzulösen, und so folgt der Begriff dem Leben, und das Leben dem Begriff. Das Leben ist eine Komödie? Dann entspricht ihm das Lachen am besten. Das Leben ist eine Tragödie? Dann ist das Weinen am ehesten angemessen. Das Leben ist ein Kampf? Dann sollte das Selbst sich dafür rüsten. Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss? Dann bietet es sich an, träge mitzufließen. Leben heißt glücklich zu sein? Dann wäre noch zu klären, was unter „Glück“ verstanden werden soll. Glück ist das Positive und der Erfolg, die Maximierung von Lust und Eliminierung von Schmerz? Aber Leben heißt auch, unglücklich zu sein, und wenn schon glücklich, dann hat dies mit ausschließlicher Lust und aufgehobenem Schmerz womöglich wenig zu tun. Die jeweiligen Definitionen zeigen nur, wie unterschiedlich die Begriffe ausfallen können und welche Folgen fürs Leben dies jeweils hat. So abstrakt Begriffe auch erscheinen mögen, so konkret können ihre Auswirkungen sein, denn mit ihrer Hilfe wirkt das Denken auf die Existenz ein. Eine bewusste Lebensführung bedarf daher der
Aufmerksamkeit auf die innere Logik der Begriffe, um sie aufzuspüren und gegebenenfalls, wenn sie zum Problem wird, umzuformulieren. Es gibt keinen Grund, sich einer herrschenden Auffassung von „Leben“ zu unterwerfen, um ihr nur nachzuleben und, wenn ihr nicht Genüge getan werden kann, zu verzweifeln.
Droht damit nicht Beliebigkeit? Sind Begriffe nicht dazu da, eine Realität möglichst genau wiederzugeben? Zweifellos, aber sie halten sich nicht daran. Sinnvoll erscheint, jede Begriffsbildung an den Kriterien von Plausibilität und Evidenz, Nachvollziehbarkeit und Offensichtlichkeit zu messen, aber auch in diesen Kriterien bleiben subjektive Sichtweisen wirksam. So kommt es, dass unter einem Begriff wie „Leben“, jeder Verallgemeinerung zum Trotz, kaum zwei Menschen genau dasselbe verstehen. Nur das Wort bleibt dasselbe und täuscht über die unterschiedlichen Bedeutungen gänzlich hinweg. Missverständnisse und Enttäuschungen sind zu beklagen, könnten jedoch zum Anlass genommen werden, eine Klärung des je eigenen Begriffs in der Auseinandersetzung mit anderen und vor allem mit sich selbst vorzunehmen. „Einen Begriff von etwas zu haben“, heißt dann soviel wie: eine bewusste Auffassung von einer Sache und ihrer Bedeutung gewonnen zu haben und diese Sache von anderen unterscheiden zu können. Etwas wird fassbarer, „greifbarer“ auf diese Weise: Ein Begriff vereinfacht das Vielfältige und macht es handhabbar, wenn auch zwangsläufig um den Preis der Kritik, dem Vielfältigen nicht gerecht zu werden. Sich klarer zu werden über den eigenen Begriff etwa des Lebens, ihn für sich selbst zu definieren, ermöglicht, diese Definition anderen mitteilen zu können, um sich über unterschiedliche Auffassungen zu verständigen, sofern es um Verständigung gehen soll.
Die Klärung von Begriffen und die Verständigung darüber mit sich selbst und anderen ist eine Schulung der Aufmerksamkeit und Selbstaufmerksamkeit, trägt zur Klärung des Selbst und seines Verhältnisses zur Welt bei und dient auf diese Weise der Orientierung des Lebens. Ein Forum für diese Klärung bietet, da Begriffe das Handwerkszeug der Philosophen sind, traditionell die Philosophie, auch wenn der Zweck der Klärung im Verlaufe des Prozesses gelegentlich aus den Augen verloren wird. Medizin, Psychologie, Soziologie, Biologie haben die somatischen, psychischen, sozialen, ökologischen Strukturen des Menschseins im Blick, die Philosophie aber die Strukturen des Denkens, durch die all die Begriffe definiert sind, die ihrerseits das Menschsein prägen. Begriffe sind geformte Gedanken, und Gedanken „erzeugen den Menschen“, so Bettine von Arnim in ihrem Roman Die Günderode (1840). Philosophie kann dabei behilflich sein, die „objektive“, heteronome Definition eines Begriffes ausfindig zu machen, sie für sich selbst zu prüfen und gegebenenfalls „subjektiv“, autonom zu modifizieren oder neu zu fassen. So wird das Selbst zum Souverän seiner Begrifflichkeit. Es käme darauf an, die Logik der Begrifflichkeit überhaupt und einzelner Begriffe im Besonderen zu studieren, um sie sich anzueignen und ein bewusstes Verhältnis dazu zu gewinnen. Was zuallererst im Geistigen geschieht, eröffnet Bewegungsspielräume fürs Leben, Anderes wird denkbar und lässt sich in Begriffen konzipieren. Ebenso geht es jedoch darum, das Denken offen zu halten für die Erfahrungen der Existenz, um diese auf die Begriffe zurückwirken zu lassen, Bedingung einer Begrifflichkeit, die den Phänomenen des Lebens nahe bleibt. Die Begrifflichkeit stets im Auge zu behalten, wird in der philosophisch inspirierten Lebenskunst zur Aufgabe des einzelnen Selbst, die über der vordringlich erscheinenden Alltäglichkeit allzu leicht vernachlässigt wird.
Was es heißt, „eine Philosophie zu haben“ Resultat der Klärung und Beratung kann sein, eine Philosophie zu haben. Im individuellen wie im gesellschaftlichen Leben, in der Wirtschaft, in der Politik ist zuweilen unbedacht davon die Rede, dass man „eine Philosophie habe“. Gemeint sind damit meist Einsichten und, darauf aufruhend, Grundsätze, die für wesentlich erachtet werden und denen in der alltäglichen Praxis zu folgen versucht wird. In der philosophischen Lebenskunst wird eine durchdachte Angelegenheit, eine „Lebensphilosophie“ daraus, eine bewusste, überlegte eigene Auffassung vom Leben, von seinen Eigentümlichkeiten, seinen Möglichkeiten; eine Auffassung davon, worauf es im Leben ankommt, was wichtig ist und was als „schön“ erscheint. Der reflektierte Prozess der Klärung erlaubt, Grundüberzeugungen zu gewinnen, die nicht einfach nur behauptet werden, sondern aus der philosophischen Grundfrage hervorgehen, was denn „eigentlich“ wesentlich ist. Die Philosophie liegt in der Grundhaltung, die fürs Leben gewählt wird; und sollte sie auch zunächst durch Erziehung und Kultur vorgegeben sein, so ist sie doch zu überdenken, um zu entscheiden, ob sie beibehalten oder verändert werden soll. Eine Philosophie zu haben heißt nicht etwa, „die Wahrheit“, sehr wohl aber eine Lebenswahrheit für sich gefunden und formuliert zu haben, die gut genug begründet erscheint, um das ganze Leben darauf zu bauen: Lässt sich ohne eine solche Lebenswahrheit überhaupt leben?
Hilfreich auf dem Weg zur eigenen Lebensphilosophie ist eine freie, institutionell nicht gebundene Philosophie, die sich wie zu sokratischen Zeiten in ständiger Tuchfühlung zum individuellen und gesellschaftlichen Leben bewegt. Sie vermittelt Anstöße und Anregungen, wie sie die Geschichte der Philosophie reichlich bereit hält, philosophische Lebensentwürfe, die im Laufe der Zeit aus der Besorgnis und dem Nachdenken über das Leben entstanden sind. Man hat es nicht mit „toten Texten“ zu tun hat, wenn man diese alten Denker neu liest, die mit allzu moderner Geste als „überholt“ abgetan werden. Schon ihre zeitliche Ferne ermöglicht den distanzierten Blick auf die Aktualität und das eigene Selbst und erleichtert die Besinnung auf den „Sinn“, die Zusammenhänge der Lebensphänomene, und ihre Bedeutung, ihre Gewichtigkeit. Aus guten Gründen hat die philosophía als „Liebe zur Weisheit“, als Verlangen nach Kenntnis des Wesentlichen fürs Leben die Zeiten überdauert. Einzelne Grundzüge antiker Philosophien lassen sich wieder aufgreifen, um der eigenen Lebenskunst Konturen zu verleihen: Eine ausgeprägte Liebe zum Schönen aus der Philosophie Platons. Eine nie erlahmende Bereitschaft zur Reflexion aus der Schule des Aristoteles. Eine bemerkenswerte Freimütigkeit aus dem Kynismus des Diogenes. Eine wählerische Genussfähigkeit aus dem Garten Epikurs. Eine nachhaltige Skepsis aus der Tradition Pyrrhons. Eine unzerstörbare Unerschütterlichkeit aus dem Stoizismus etwa Senecas. Ergänzt vielleicht durch die immer neue Bereitschaft zum Wagnis, zum Versuch aus der Essayistik eines Montaigne, der im 16. Jahrhundert die antike Philosophie in ihrem ganzen Reichtum an Lebensweisheit wieder entdeckt hat. Dies alles durchzogen von der Philosophie der Selbstsorge, des gekonnten Umgangs mit sich selbst, der zur Grundlage des Umgangs mit anderen und einer Sorge um sie wird; denn es ist augenfällig, dass das Bemühen um diese doppelte Sorge die meisten philosophischen Schulen in der Antike charakterisiert. Das könnte für das intellektuelle und philosophische Selbstverständnis in einer anderen Moderne wieder von Bedeutung sein.
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Wilhelm Schmid:
Über den Versuch zur Grundlegung einer Philosophie der Lebenskunst
Wilhelm Schmid, freier Philosoph, geb. 1953, lebt in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt und als Gastdozent an der Staatlichen Universität Tiflis (Georgien). Regelmäßige Tätigkeit als „philosophischer Seelsorger“ am Spital Affoltern am Albis bei Zürich. Monatliche Kolumne „Lebenskunst“ im Filosofie Magazine, Amsterdam.
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