Kontroverse

Die Sloterdijk-Debatte in den deutschen Medien

Kein philosophisches Thema hatte seit Jahren mehr Medienresonanz als die Sloterdijk'sche Rede auf Schloss Elmenau. Weit über fünfhundert Artikel sind in den deutschsprachigen Zeitschriften darüber erschienen. Zu dem Thema wurden eigens Vorträge gehalten und Philosophische Praktiker verbrachten ganze Abende damit, ihrem Publikum zu erklären, worum es da geht. Und was im philosophischen Feuille-ton Rang und Namen hat, meldete sich zur Debatte. Aber auch gestandene Philosophieprofessoren, oftmals von den Redaktionen gedrängt, gaben eine Stellungnahme ab.

Auf Seiten Sloterdijks steht Alexander Schuller, Professor für medizinische Soziologie und historische Anthropologie an der FU Berlin. In der Welt vom 25.9.1999 führte er aus, bei der Jagd auf Sloterdijk handle es sich um einen "Abwehrkampf ge-gen eine mächtig heraufdrängende Erkenntnis", nämlich die Erkenntnis von der "Ruchlosigkeit der Moderne". Das Projekt der Moderne, die Aufklärung, ziele auf den befreiten, selbstbestimmten Menschen, der die Zukunft in seiner Hand hat. Wer aber dieser neue Mensch sein soll, das gebe die Aufklärung nicht vor, alles sei möglich, Menschenvernichtung wie Menschenzüchtung: "Ein Verrat an der Aufklärung wäre es jedenfalls nicht, eher ihre - Vollendung". Sloterdijks Vorschlag, den neuen Menschen bewusst zu züchten, das sei Aufklärung pur. Damit habe er aber auch gezeigt, dass der Faschismus ein Produkt der Aufklärung sei und damit "das fürchterliche Geheimnis der Aufklärung preisgegeben". Ähnlich liest Günther Figal, Philosophieprofessor in Tübingen und als Hermeneutiker Spezialist für schwierige Texte, in der Frankfurter Allgemeinen (vom 29. September) den Text der Elmauer Rede: Es gehe dabei "nicht um Manipulation der menschlichen Natur, sondern um ihre Verwirklichung und Wirklichkeit", d.h. um die "Einübung ins freie und vernünftige Handeln". Wie Aristoteles gehe es Sloterdijk um die Frage nach dem guten, der menschlichen Freiheit entsprechenden Leben. Zwar hätte dies Sloterdijk deutlicher, ohne soviele Metaphern sagen können, aber dann "wäre die Postsendung an Heidegger viel weniger aufregend gewesen." Ebenfalls in Tübingen, liest der analytische Philosoph Ernst Tugendhat den Text ganz anders und fasst ihn so zusammen:

"1. These: Heidegger habe ganz Recht, dass der Humanismus heute zu Ende sei, aber Unrecht, wenn er meine, zugunsten des An-denkens ans Sein, vielmehr müsse

2. These, gesehen werden, dass die Funktion des Humanismus darin bestand, das 'Wilde' der Menschen zu 'zähmen', diese Aufgabe

3. These: müsse jetzt von einem Programm genetischer Züchtung wahrgenommen werden." Sloterdijk gehe dabei nicht von dem durch die Genetik eröffneten Handlungsbedarf aus, sondern von der These, "dass der Humanismus am Ende ist", einer These, die nur dadurch begründet wird, dass angeblich Heidegger das meine (was nicht einmal stimmt und im Übrigen belanglos wäre." Tugendhat zu Sloterdijks Vorwürfen gegenüber Habermas: "Was für ein Quatsch".

Der gegenwärtig an der Freien Universität lehrende Dieter Thomä (in Die Woche vom 17. September): er wirft Sloterdijk eine gefährliche Verschwommenheit im Argumentieren vor. In jüngster Zeit hätten Intellektuelle wie Botho Strauss, Peter Handke, Martin Walser und nun auch Sloterdijk eine neue Form der Auseinandersetzung entwickelt, in der es nicht mehr um Argumente, sondern um Atmosphären gehe, die "auch alle möglichen Geist- und Herzlosigkeiten gesellschaftsfähig machen" und in denen "Projekte und Fantasien, die um die Ideen kreisen, an den Menschen minderer Güte herumzudoktern" möglich würden. Dass es letztlich um Machtphantasien gehe, glaubt auch Ludger Lütkehaus (im Spiegel vom 20. September), und das verrate schon das "gruselig inhumane" Vokabular: gehe es doch um den "Betrieb von Menschenparks", organisiert von "züchterischem Königswissen", also um eine rundum "zoo-politische Aufgabe". Manfred Frank sprach in einem "Offenen Brief" (abgedruckt in der Zeit vom 23. September), bei dem Vortrag handle es sich "um ein raunendes Geschweife und Geschwefel, ein pointeloses Flirten mit verfänglichen Materialien, die sich todsicher zur Publikumsprovokation eignen." Einen Anlass für einen Skandal sieht er hingegen nicht, "eher das Misslingen einer groß inszenierten Absicht."

Ablehnend gegenüber Sloterdijk äußert sich der Bonner Philosoph und Bioethiker Ludger Honnefelder in einem Spiegel-Ge- spräch (Heft 39/1999) über Sloterdijks Menschenzüchtung: Seine Vorstellungen beruhten auf "einer viel zu deterministischen Vorstellung von Genetik, die nicht dem Stand der Wissenschaft entspricht" und auf einem "völlig falschen Verständnis von Natur, als sei sie nach einer Blaupause gemacht, bei der man bestimmte fehlerhafte Einzelheiten reparieren kann. Wir wissen heute mehr den je, dass die Natur ein hochkomplexes Ganzes ist, das die gezielte Erzeugung eines neuen Menschentyps ausschließt." Der Theologe und Bioethiker Dietmar Mieth meinte (wohl etwas naiv, da Sloterdijk das Provozieren liebt), Sloterdijk hätte sich bewusst sein müssen, "dass hier eine sehr hohe Sensibilität" besteht und wirft ihm ein "Defizit an Bedächtigkeit" vor. Der Genetiker Jens Reich wiederum bezeichnete in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die gezielte genetische Beeinflussung komplexer Eigenschaften des Menschen als "absolut unmöglich". Ähnlich argumentierte die Nobelpreisträgerin Christine Nüsslein-Vollhardt in einem Gespräch (Hannoversche Allgemeine vom 28. September): "Es ist erstaunlich, dass Leute soviel Platz in den Zeitungen eingeräumt bekommen, um über etwas zu diskutieren, von dem sie so wenig Ahnung haben. Die geistige Elite scheint weder zu wissen, was denkbar, noch, was möglich ist. Bevor ein Philosoph Gentechnik in seine Theorien einbaut, sollte er sich erst mal gründlich informieren über das, was eigentlich machbar ist, statt alles durcheinander zu werfen und Horrorvisionen zu verbreiten". Einen ähnlichen Vorschlag macht Robert Spaemann (in der Frankfurter Allgemeinen vom 7. Oktober 1999): Sloterdijk solle sich das für die Debatte notwendige biologische Rüstzeug aneignen: "Dann wird man ihm mit mehr Gewinn zuhören".

Walther Ch. Zimmerli weist in der Zeit (vom 30. September) darauf hin, dass der Mensch seine natürliche Evolution bereits in die eigene Hand genommen habe: das Internet sei bereits eine ungeheure Erweiterung der kognitiven Apparatur des Menschen und auch die genetische Beratung verändere, wenn auch indirekt, den Genpool der Spezies Mensch. Sloterdijk habe insofern recht, als die Frage nach Regeln und Normen, mit deren Hilfe wir uns in anstehenden Einzelfällen für oder gegen gentechnische Eingriffe zu entscheiden haben, zur Zentralfrage wird. Allerdings werde dieses Thema in den verschiedensten Fachpublikationen bereits kompetent bearbeitet - das Problem liege daran, dass diese Debatte nicht in genügender Breite an die Öffentlichkeit gelange. Auch Rüdiger Safranski meint in der Frankfurter Allgemeinen, Sloterdijk habe hinsichtlich der Gentechnik "Probleme von erheblichem, um nicht zu sagen, bedrückendem Gewicht ans Tageslicht gezogen", die künftig bedacht werden müssten und weist Sloterdijk diesbezüglich eine Art Pionierrolle zu.

Ganz anders sieht es der Zeit-Redakteur Thomas Assheuer, der die Affäre mit ins Rollen gebracht hat: Sloterdijk sei es gar nicht um die Bio-Ethik zu tun gewesen, schreibt er ebenfalls am 30. September in seinem Blatt, sondern um die Verabschie-dung von Humanismus, jüdisch-christlichem Menschenbild, Demokratie und Menschenrechten. In der Krise des Sozialstaates sehe Sloterdijk nur gute Seiten: "Vor uns liegt ein Weltalter, in dem der Unterschied zwischen Siegern und Verlierern mit antiker Härte und vorchristlicher Unbarmherzigkeit an den Tag tritt" zitiert er Sloterdijk. Da seit dem Ende des Kommunismus der Westen ungeniert zeigen könne, was ihn zusammenhalte, nämlich Geld, Macht und Wissen, eröffneten sich den Rechtskonservativen Möglichkeiten auf einen Kulturkampf gegen Sozialstaat und Demokratie und damit um die geistigen Grundlagen der Republik.

Damit, dass Sloterdijk, nach Argumenten gefragt, erwidert habe, es handle sich eben um einen "literarisch anspruchsvollen" Vortrag in Gestalt eines "philosophischen Nachtstücks", habe er sich nicht nur auf Literatur herausgeredet, sondern sich noch auf das Literarische seiner Rede öffentlich etwas eingebildet: solcher Art Philosophie, die sich auf die Literatur herausrede, sei mit Misstrauen zu begegnen, schreibt Martin Seel in der Zeit.

Positive Seiten am Fall sieht hingegen Dieter Birnbacher. In einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur meinte er, die Äußerungen Sloterdijks seien zwar inhaltlich nicht akzeptabel, doch das Zerbrechen der philosophischen Dominanz von Denkern wie Theodor W. Adorno oder Jürgen Habermas sei zu begrüßen: "Die Sloterdijk-Debatte ist ein Krisensymptom der übrig gebliebenen deutschen Linken und der Todesstoß für den Traditionszusammenhang der Frankfurter Schule".

Leserbriefe

Auch Leser meldeten sich zu Wort, und auch hier waren die Meinungen gespalten. Sloterdijk habe folgerichtig gedacht und die Entwicklung der Forschung, aber auch ein Wandel in der Ethik werde ihm recht geben, schrieb ein Leser der Hessischen Allgemeinen. Einen ähnlichen Gedanken hatte ein Leser des hessischen General-Anzeigers, der meint, Sloterdijk komme mit seinen Gedanken einfach zweihundert Jahre zu früh. Umgekehrt fordert eine Zeit-Leserin, Philosophen und Theologen sollten in gemeinsamer Anstrengung einen Gegenentwurf zu der expandierenden Biowissenschaft ausarbeiten. Einen interessanten Hinweis bringt eine Elfriede Dehlinger aus Ulm: nachweislich seien über 96% der Strafgefangenen männlichen Geschlechts sind und hier könnte man hinsichtlich der Sloterdijkschen Anthropotechnik ansetzen. Man müsste einfach nur dafür sorgen, dass lediglich weibliche Babys auf die Welt kommen, und schon würden wir in einer friedlichen Welt leben.

Glücklicherweise gibt es immer noch Menschen, bei denen Philosophen ein hohes Ansehen haben. Die Philosophen, so schreibt wiederum ein Zeit-Leser in vollem Ernst, würden um "Klarheit in den tiefen Grundfragen des Menschseins" ringen, um eine Klarheit, die "nicht durch durch die Einzelwissenschaften immer wieder verdunkelt werden". Ein Serge Embacher sieht hinter der ganzen Debatte die Sehnsucht, "alles Normative und Kritische endlich los zu werden."

Geert Hendrich vermutet, diesmal in der Frankfurter Rundschau, bei der Debatte gehe es um die Gegenaufklärung, die sich als geistiger Diskurs geriere, wo eigentlich gesellschaftliche Verhältnisse gemeint seien. Silvio Vietta, Professor aus Hildesheim und Heidegger-Kennern nicht unbekannt, beklagt in der Frankfurter Allgemeinen das Fehlen einer Moderne-Theorie. Eine solche Theo- rie, so meint er, würde es ermöglichen, "moderne Phänomene wie die Gentechnologie philosophisch festzulegen". Und in der Zeit schreibt eine Leserin, Sloterdijk sei jemand, der sich auf leisen Sohlen an das Schreckliche heranpirscht, "so leise, dass man das Schreckliche nicht nur in Ruhe anschauen, sondern auch verstehen kann" - und Überbringer schlechter Nachrichten seien nun einmal nicht beliebt.

Reaktionen von Sloterdijk

Sloterdijk nutzte das Interesse an seiner Person und äußerte sich zu den verschiedensten Gelegenheiten, in Interviews, Fernsehsendungen, Pressekonferenzen, Vorträgen, ja selbst in Tischreden und bewies, dass auch er austeilen kann: Von "Sternberger Fatwa" war die Rede und von den "linksfaschistischen Agitationen von Habermas", von "gezieltem Rufmordversuch" und "Halluzinationen". Einige Autoren hätten ihre "persönlichen NS-Delirien in den Text projiziert und wollten dafür landesüblich als gute Bürger gelobt werden" (so in einem Interview in der Welt vom 6. Oktober).

Zwischen geräucherter Müritz-Forelle und Tomatencremesuppe konstatierte Sloterdijk am 28. September, er sei der erste aus der Reihe der Intellektuellen, die in den Medien des Rechtsradikalismus verdächtigt werden, der als Sieger hervorgehe, und das sei ein "historisches Wetterleuchten". Wenn "nach einigen Monaten der Wahnentladung" die "allzu gereinigten Söhne nationalsozialistisch kontaminierter Väter", abgedankt haben, dann leben wir, so Sloterdijk gemäß Berliner Zeitung (vom 29.9.), nicht länger in einer "deprimierten Kommune". Die Un-ternehmer der Metall- und Elektroindustrie, die Sloterdijk zur Tischrede eingeladen hatten, freuten sich, zumal der Gastredner seine Ausführungen mit den Bedrohungen des "echten Unternehmergeistes" fortsetzte.

Der Westdeutsche Rundfunk strahlte am 17.9. ein halbstündiges Interview mit dem Philosophen aus, in dem er in Abrede stellt, dass es in seinen Texten einen eigentlichen Imperativ gebe. Hingegen sehe er eine Dringlichkeit, der Gentechnik Grenzen zu setzen: "In Amerika läuft unter einem ganz naiven Vorzeichen ein riesiges, nicht deklariertes Züchtungsexperiment, auf das man hinweisen muss". An anderer Stelle kommentierte er: "Eine medizinische Optimierung der Lebenschancen der Einzelnen liegt auf der Linie der besten Ideen dessen, was die Europäer - wenn sie sich selber gut verstanden haben - immer gewollt haben".

Für Sloterdijk hatte die Angelegenheit auch negative Folgen: Bis vor kurzem war er als Wunschkandidat für das Amt des Präsidenten der Karlsruher Hochschule für Gestaltung gehandelt worden. Nun ist er für dieses Amt plötzlich unerwünscht.

Wie lässt sich die Aufgeregheit der Medien erklären?

Etwa zur gleichen Zeit, als Sloterdijk seine Rede hielt, hätten in Amerika Wissenschaftler die Intelligenz einer Maus mit Hilfe der Gentechnik aufgerüstet. Diese Tatsache hätte, so meint der Spiegel, doch wesentlich besser als Auslöser einer Debatte um die Züchtung des Menschen getaugt, als Sloterdijks Gefasel von Anthropotechnik. Und der amerikanische Politologe Fukujama habe kurz zuvor geschrieben, die Menschheit sei "am Scheitelpunkt einer neuen Explosion technologischer Innovation", sie sei im Begriff, "einen neuen Menschentypus zu schaffen". Der Spiegel hat - wie immer - auch eine Antwort: "Das Vokabular, dessen sich der Provokateur bediente, wäre in diesem Land noch vor kurzem unvorstellbar gewesen." In der Tat: Sloterdijks Provokation, die Zeit nach 1945 sei die schlimmste Zeit der Geschichte Deutschlands in diesem Jahrhundert gewesen, hätte ihn noch vor wenigen Jahren ins Abseits gestellt, heute nimmt man diese bewusst provozierenden Auschwitz-Relativierungen kaum mehr zu Kenntnis. Höchstens noch Ernst Tugendhat, der schreibt, das Wort "Selektion" erinnere ihn unwillkürlich an die Auschwitz-Rampe.

In der Frankfurter Allgemeinen wundert sich Achim Bahnen aus einem anderen Grund: "Auf eindeutige Ankündigungen von Naturwissenschaftlern, in Zukunft allen Sonntagsreden zum Trotz Keimbahnmanipulationen durchzuführen, hat bislang noch kein Philosoph und kein Feuilletonist so heftig reagiert wie auf die vieldeutige Rede Peter Sloterdijks".

Und Ernst Tugendhat schließt seinen Text, zu dem ihn die Zeit-Redaktion gedrängt hat: "Ich muss gestehen, das ich nicht verstanden habe, worum es dem Autor überhaupt geht. Was will er eigentlich?"

 

Sloterdijk Weitere Texte von/über Sloterdijk

Redaktion / Webmaster © Michael Funken 2000. Alle Rechte vorbehalten.
Information Philosophie im Internet: Portalseite
Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Einbindung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat, sofern man sich davon nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich ausdrücklich, dass ich keinerlei Einfluß auf Gestaltung, Inhalte und Links aller gelinkten Seiten habe noch jemals hatte, und distanziere mich ausdrücklich von sämtlichen Gestaltungsformen, Inhalten und Links aller gelinkten Seiten und mache mir diese nicht zu eigen.
Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken