| Studium in Baden-Württemberg |
In immer mehr deutschen Bundesländern hat das Fach Ethik seine reine Ersatzfachrolle abzulegen begonnen. Und wo entsprechende Studiengänge eingerichtet sind, können künftige Lehrer(innen) mit einem Philosophiestudium nach der Staatsexamensordnung eine ordentliche Fakultas erwerben, die regional unterschiedlich Ethik, Praktische Philosophie oder Philosophie/ Ethik heißt.
In Baden-Württemberg ist das Kultusministerium mit der neuen Wissenschaftlichen Prüfungsordnung für das Lehramt an Gymnasien vom 13. März 2001 noch einen Schritt weiter gegangen: Nicht nur eine Doppelfakultas Philosophie/Ethik wurde eingeführt, sondern auch ein "Ethisch-Philosophisches Grundlagenstudium" (EPG) als ethisches Studienelement in allen Studiengängen für das gymnasiale Lehramt. Im Umfang von vier Semesterwochenstunden sollen alle Studierenden mit dem Berufsziel Lehrer(in) am Gymnasium sich Grundkenntnisse in zentralen Begriffen, Theorien und Argumentationsweisen der Ethik in Hinsicht auf die von ihnen studierten Fachwissenschaften bzw. deren Gegenstände verschaffen. Nach der Absicht des Kultusministeriums wird damit der Tatsache Rechnung getragen, dass die ethische Wahrnehmungs- und Argumentationsfähigkeit im Allgemeinbildungsauftrag des Gymnasiums als Querschnittskompetenz anzusehen ist und daher eine fächerübergreifende Aufgabe darstellt: Eine Allgemeinbildung, die ethische Reflexions- und Orientierungsfähigkeit einschließt, kann weder von den übrigen kulturellen Kompetenzen noch vom modernen Sachwissen getrennt werden. Im schulischen Unterricht müssen ethische Fragen dort als solche erkannt und behandelt werden können, wo die Schüler(innen) ihnen begegnen also auch direkt z.B. im Deutsch-, Biologie- oder Gemeinschaftskundeunterricht. Dem Religions- und Ethikunterricht wird damit nicht seine Aufgabe von den anderen Fächer abgenommen, aber der Isolierung der ethischen Überlegungen die ihren Schwerpunkt weiterhin in Ethik- und Religionsunterricht haben werden von den sachlichen und fachlichen Aspekten wird damit entgegengewirkt. Und in der Bildung der Lehrerinnen und Lehrer wird die Grundlage dafür gelegt, dass im Hinblick auf die ethischen Themen und ihre Vermittlung die Fachgrenzen in der Schule durchlässiger werden.
Damit in der Schule ethische Grundbildung in allen Fächern möglich wird, werden die künftigen Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg in den Veranstaltungen des EPG bereits während ihres wissenschaftlichen Fachstudiums an den Universitäten die moralischen Aspekte und Dimensionen ihrer Fächer zu erkennen und ethisch zu reflektieren lernen. Nach der bereits genannten neuen Wissenschaftlichen Prüfungsordnung (WPO) sieht das EPG zwei Typen von Lehrveranstaltungen vor, die gemeinsam zur skizzierten wissenschaftsbezogenen ethischen Grundbildung führen sollen. Eine Lehrveranstaltung hier der Einfachheit halber "EPG 1" genannt ist eine Art Grundkurs Ethik als interdisziplinäre Einführung in die Ethik. Hier sollen anhand von Fragestellungen aus den Hauptfächern der Studierenden Grundlagen der ethischen Argumentation und ethischer Theorien erarbeitet werden. Dazu kommt ein fachethisches Seminar ("EPG 2"), das sich konkret mit den ethischen Dimensionen von Fachwissenschaften sowie den berufsethischen Problemen befassen soll, die sich aus der Doppelrolle der Lehrer(innen) als Fachvertreter(innen) und als Pädagog(inn)en am Gymnasium ergeben. Die Studierenden sollen selbst zum ethischen Argumentieren und Urteilen angeregt werden, sie sollen dabei ihre Fachperspektive einsetzen, sie aber zugleich im interdisziplinären Austausch überschreiten lernen. Damit muss man das EPG so verstehen, dass es auf eine "Ethik in den Wissenschaften" abzielt, d.h. die ethische Reflexion direkt in den Wissenschaften verorten will und sie als Aufgabe sieht, der sich die Wissenschaftsvertreter(innen) selbst in Kooperation mit Fachethiker(inne)n annehmen. Erstrebtes Gesamtziel des EPG ist es also, die künftigen Lehrer(innen) für ethische Fragestellungen zu sensibilisieren, ihnen eine Grundbildung in ethischer Wahrnehmungs- und Überlegungskompetenz zu vermitteln sowie ihre Bereitschaft zum fächerübergreifenden Denken zu stärken.
Für die Universitäten stellt sich folglich seit dem Sommersemester 2001 die Aufgabe, künftig EPG-Lehrveranstaltungen anzubieten, die die geforderten ethischen Grundkenntnisse und -fertigkeiten im engen Bezug zu den Inhalten der Fachwissenschaften vermitteln. Dazu sieht die WPO jeweils eine Art Grundstruktur vor, die als Kerncurriculum betrachtet werden kann. Die Aufgabe besteht nun darin, diese Struktur vor dem Hintergrund der skizzierten Zielsetzung in Lehrveranstaltungen so umzusetzen, dass für die Lehramtsstudierenden Themen aus ihren Wissenschaften ethisch zugänglich werden. Dafür sind natürlich unterschiedliche methodische und hochschuldidaktische Vorgehensweisen möglich. Z. B. kann eine EPG 1-Lehrveranstaltung als eine Art "Grundkurs Ethik" entweder für Studierende aller Fachrichtungen konzipiert werden, wobei der interdisziplinäre Fachbezug durch Beispiele oder Problemfelder aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen gewonnen wird. Oder das Seminar kann sich spezifischer an Studierende bestimmter Fächer(gruppen) richten, z.B. als Einführung in die Ethik für Naturwissenschaftler(innen) oder als Einführung in die Ethik für Sprach- und Literaturwissenschaftler(innen) usw.
Beim EPG 2-Seminar stehen eher Fragen des thematischen Zuschnitts und der methodischen Durchführung der Interdisziplinarität (z.B. als Teamteaching) im Vordergrund der Konzipierung. Denkbar ist auch die interdisziplinäre Behandlung von Querschnittsthemen, z.B. ein EPG-Seminar zur Umwelt-ethik, das für Naturwissenschaftler(innen), Politolog(inn)en und Geograph(inn)en abgehalten wird. Hochschuldidaktisch ist auch der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es sich bei den EPG-Lehrveranstaltungen um Pflichtveranstaltungen handelt, die benotet werden müssen.
Angeboten werden sollen die EPG-Lehr-veranstaltungen in Zusammenarbeit mit den Fachbereichen der genannten Wissenschaften von den universitären Institutionen, die zur Ethik forschen und lehren, also in erster Linie den philosophischen und theologischen Fakultäten und den universitären Ethik-Instituten. Damit ist das EPG ein neuer Ort der interdisziplinären Zusammenarbeit in Forschung und Lehre an den Universitäten.
Die Umsetzung wird die verschiedenen Wissenschaften freilich auf unterschiedliche Weise herausfordern: Folgt man einer groben Unterteilung, betrifft das EPG von den späteren Schulfächern her gedacht im wesentlichen die Zusammenarbeit der Ethik mit drei "Wissenschaftsfamilien", nämlich den Naturwissenschaften (Physik, Biologie, Che-mie, Mathematik), den Sprach- und Literaturwissenschaften (Germanistik, Anglistik, Romanistik, Altphilologien) und den Sozial- bzw. Kulturwissenschaften (Politikwissen-schaft, Geographie, Geschichte, im weiteren Sinn auch Sport). Ethische Probleme werden in den Naturwissenschaften schon seit einiger Zeit thematisiert und können daher relativ leicht in EPG-Lehrveranstaltungen münden. Hingegen sind ethische Fragen in den beiden anderen "Wissenschaftsfamilien" we-niger etabliert, so dass im Hinblick auf die Konzipierung von EPG-Lehrveranstaltungen hier Forschungsbedarf besteht.
Die Landesregierung Baden-Württemberg fördert den Aufbau des EPG an den Universitäten durch ein dreijähriges wissenschaftliches Begleitprogramm. Damit wurde das Interfakultäre Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen beauftragt, das maßgeblich an der Konzeption der desEPG beteiligt war. Dieses Programm hat zum Ziel, die inhaltliche Umsetzung des EPG in den einzelnen Fachwissenschaften und an den Universitäten auf der konzeptionellen und der didaktischen Ebene durch wissenschaftliche Tagungen zu unterstützen und den Austausch und Erfahrungstransfer zwischen den am EPG Beteiligten zu moderieren. Neben einem breiten Informationsangebot und Vernetzungsmaß- nahmen werden im Jahr 2002 drei interdisziplinäre Fachtagungen abgehalten, zum EPG in den Natur-, den Sprach- und Literatur- sowie den Sozialwissenschaften. Es richtet sich in erster Linie an die Forschenden und Lehrenden an den Universitäten, die mit dem EPG betraut sind oder sich an ihm beteiligen möchten, und an die dort neu eingerichteten EPG-Koordinationsstellen, die die Entwick-lung eines EPG-Lehrangebots an den jeweiligen Universitäten organisieren und mit durchführen.
Für alle Interessierten wurde im Internet ein Informationsangebot zum EPG zusammengestellt, das parallel zur Etablierung des EPG weiter ausgebaut wird und auch die Veranstaltungen und Zwischenergebnisse des wissenschaftlichen Begleitprogramms dokumentiert:
Fachtagung von Kultusministerium und
IZEW, mit der das EPG als neues, fächerverbindendes Element der universitäten
Lehrer(innen)-bildung am 27.4.01 in Tübingen eingeleitet durch Kultusministerin
Annette Schavan vorgestellt wurde.
Arbeitsbereich Schule und Bildung
Interfakultäres Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Universität Tübingen
Keplerstr. 17
D-72074 Tübingen
Universität Heidelberg:
Dr. Brigitta-Sophie von Wolff-Metternich
von-Wolff-Metternich@urz.uni-heidelberg.de
Philosophisches Seminar
Schulgasse 6
69117 Heidelberg
Universität Karlsruhe
Priv.-Doz. Dr. Matthias Maring
matthias.maring@geist-soz.uni-karlsruhe.de
Institut für Philosophie
76128 Karlsruhe
Tel. 0721 / 608 4774
Fax 0721 / 608 3084
Universität Konstanz
Dr. Anna Kusser
Anna.Kusser@uni-konstanz.de
Fachbereich Philosophie
78457 Konstanz
Tel. 07351 / 88-4824
Sekr. 07351 / 88-2625
Fax 07351 / 88-3296
Universität Stuttgart
Priv.-Doz. Dr. Klaus Steigleder
klaus.steigleder@po.uni-stuttgart.de
Institut für Philosophie
Dillmannstr. 15
70193 Stuttgart
Tel. 0711 / 121-1418
Fax 0711 / 121-1422
Universität Tübingen
Julia Dietrich M.A.
izew.schuleundbildung@uni-tuebingen.de
Interfakultäres Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW)
Keplerstr. 17
72074 Tübingen
Tel. 07071 / 29-77986
Fax 07071 / 29-5255
Universität Ulm
apl. Prof. Dr. Peter Welsen
Humboldt-Studienzentrum
Oberer Eselsberg
N 24 Raum 132
89069 Ulm
Tel. 0731 / 502-3428
Fax 0731 / 58718
MaterialsammlungenEine Sammlung von für den Unterricht auf der Sekundarstufe II geeigneten Texten bzw. Textausschnitten bietet das Heft
Altner, Günter/Gebhard Wolfgang: Bio-ethik. 51 S., Format A4, Kurs Ethik, Materialien für den Unterricht in Ethik/Werte und Normen in der Sekundarstufe II, 1999, Moritz Diesterweg, Frankfurt.
Die Texte stammen aus den verschiedensten Orten stammen und präsentieren Stellungnahmen zu bioethischen Themen vorstellen. Geordnet sind sie thematischen Gesichtspunkten: Definition der Bioethik, Eugenik, Behinderung, Gendiagnose, Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen, Patentierung, Umgang mit Tieren, Respekt vor den Arten, Verantwortung für das Leben, Verpflichtung zum bioethischen Diskurs, Elemente bioethischer Urteilsbildung.
Es handelt sich zumeist um pointierte Stellungnahmen, seien es solche von Wissenschaftler, Politiker oder der Kirche, oftmals in Form von Interviews. Es sind dann die Fragen, die am Ende für die Schüler aufbereitet, diese zum Nachdenken anregen sollen.
Ergänzende Literatur:
Als theoretische Fundierung zum Thema empfiehlt sich der zwar bereits etwas ältere, aber noch immer vortreffliche Band: Dulitz, Barbara/Kattmann, Ulrich: Bioethik. Fallstudien für den Unterricht. 182 S., kt., 1990, J.B. Metzler, Stuttgart.
AutorDr. Christof Mandry ist Koordinator des landesweiten wissenschaftlichen Begleitprogramms zum EPG
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