| Philosophie heute |
Mit dem Abklingen der Technikeuphorie der 50er und frühen 60er Jahre des 20. Jahrhunderts wuchs weltweit das Verlangen nach einer frühzeitigen Bestimmung und Bewertung von Technikfolgen (engl. technology assessment, TA). Im Zuge des sich in Anti-Atomkraft- und Ökobewegung manifestierenden gesellschaftlichen Wertewandels anerkannten sowohl staatliche Einrichtungen als auch die Wirtschaft die unvermeidliche Ambivalenz technischer Entwicklungen; Parlamente schufen sich schließlich TA-Institutionen („Büro für Technikfolgenabschätzung beim deutschen Bundestag“, TAB), Industrieverbände erließen TA-Richtlinien („VDI Richtlinie 3780“). In einem vielbeachteten „TA-Idealkonzept“ haben 1991 zwei Schlüsselfiguren des TAB, Paschen und Petermann, die Anforderungen an TA-Prozesse zusammengefasst: früh, umfassend, nicht isoliert, entscheidungsorientiert, transparent und partizipatorisch sollten sie sein. Insbesondere die letzten beiden Attribute verweisen auf den Diskurs.
In der von Kant geprägten und bis zu Wolff und der Scholastik zurückverfolgbaren Tradition wurde „diskursiv“ häufig synonym zu „begrifflich“ verwendet und dient heute u. a. zur „Charakterisierung eines methodisch fortschreitenden, das Ganze aus seinen Teilen aufbauenden Denkens oder Redens“ (Gethmann), kennzeichnet also zunächst eine transparente Art der Darstellung. Für die Diskurstheorie wurde dieser Diskursbegriff in Deutschland insbesondere von der Erlanger Schule nutzbar gemacht. Weiterhin wird ein entsprechend dargestelltes Resultat (eine Kette von Aussagen, eine Abhandlung) als Diskurs bezeichnet, so schon von Descartes. Schließlich bezeichnet der „Diskurs“ auch ein bestimmtes, argumentatives Verfahren zur Klärung fraglicher deskriptiver wie normativer Geltungsansprüche. In dieser, von Habermas und Apel propagierten Fassung ist der Diskurs vorrangig unter bzw. mit Betrof-
fenen zu führen, bringt also weitreichende partizipative Ansprüche mit sich.
„Diskursiv“ ist eine Technikbewertung somit dann, wenn sie so angelegt ist, dass die Für-und-Wider-Struktur begründeter Technikentscheidungen transparent und nachvollziehbar gemacht wird und/oder die Entscheidungs-Betroffenen im Zuge der Technikbewertung selbst am Erreichen eines solchen Ergebnisses mitwirken können. Das erste Merkmal, Rationalität, wird besonders von der Erlanger Diskurstheorie betont; das zweite Merkmal, Partizipativität, besonders von der Frankfurter Richtung. Ein ideales Diskursverfahren vereint beide Merkmale auf sich.
Das Konzept einer diskursiven TA gewinnt seine Attraktivität vor dem Hintergrund einer geänderten Einstellung zu gewissen Problemen bei Technik-Entscheidungen. Diese sind heute nicht mehr als zufällige, sondern als immer wiederkehrende und eine eigene Lösung erfordernde Kernprobleme moderner Gesellschaften akzeptiert:
Wissenschaftliche Gutachten zu einem Thema ergeben oft kein einheitliches Bild, ohne dass sie aber nach innerwissenschaftlichen Standards fehlerhaft wären („Gutachterdilemma“). Erforderlich scheint daher, die wissenschaftlichen Pro- und Kontra-Argumente einer Entscheidung sowie die diesen Argumenten zugrunde liegenden Annahmen und Methoden und die schließlich zu einer Bewertung führenden normativ-ethischen Prämissen transparent zu machen.
Technische Risiken werden von der Öffentlichkeit in ihrer Höhe häufig aus Expertensicht falsch eingeschätzt und – auch bei subjektiv gleicher Höhe – individuell sehr unterschiedlich akzeptiert. Eine Beteiligung der Betroffenen an TA-Verfahren wurde daher zunächst aus didaktischen Gründen gewünscht sowie, um lokales Wissen in eine Technik-Entscheidung zu transportieren. Hinzu kam aber auch die ethische Idee, die von Entscheidungen betroffenen Personen möglichst selbst die verschiedenen Argumente prüfen und die aus ihrer Sicht beste Option bestimmen zu lassen.
Positionen „diskursiver Technikbewertung“ können danach sortiert werden, welche der verschiedenen Bedeutungen von „Diskurs“ als vorrangig angesehen wird. Auf Diskurse als TA-Verfahren zur partizipativen Sicherung einer freien und informierten Zustimmung der Betroffenen setzt in Deutschland insbesondere Ortwin Renn von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg. Auf Diskurse als TA-Verfahren zur Gewährleistung eines Höchstmaßes an transparenter Darstellung setzen hierzulande insbesondere Carl Friedrich Gethmann von der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen und Armin Grunwald vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Forschungszentrums Karlsruhe, welches auch das TAB betreibt. Während Gethmann auf den iterierten, wechselseitigen Kommentar von Experten setzt, um eine Problemlage diskursiv zu strukturieren, baut Renn mehr auf die Analysefähigkeiten von „ganz normalen Bürgern“ oder Interessenvertretern in einem Diskussionsprozess mit Experten. Das Ideal einer „rationalen“, d.h. gründe-orientierten transparenten Darstellung der Beurteilung einer bestimmten Technik bzw. der verschiedenen Optionen zur (nicht immer im engeren Sinne technischen) Lösung eines Problems findet sich auch bei Renn, der jedoch durch den Einbezug von Betroffenen neben der Sachdimension auch die Sozialdimension von Diskursen für die Lösung von Technikkonflikten nutzbar machen will. Grunwald hält partizipative Elemente dann für unentbehrlich, wenn eine ethische Reflexion einer Entscheidung geleistet werden muss. Eigens ethisch reflektiert werden müsse jedoch in einer Technikbewertung nur dann, wenn „moralische Konfliktsituationen oder Ambiguitäten“ vorliegen, wenn die ethischen Maßstäbe also nicht „den faktischen Anerkennungsverhältnissen entnommen“ werden können, wie er es ausdrückt.
Zwischen und neben diesen beiden idealtypisch unterschiedenen Ansätzen gibt es einige weitere Formen mehr oder weniger diskursiver Technikbewertung, die nicht unter diesem Etikett auftreten – etwa die als „Berichte“ bezeichneten Synthesebemühungen des TAB angesichts divergierender Einzelstudien, die ebenfalls auf die Einbeziehung von Betroffenen setzende „constructive TA“ in Dänemark usw.
Während das Methodenspektrum der von öffentlichen Einrichtungen praktizierten TA recht gut sozialwissenschaftlich erforscht und analysiert ist, gibt es nur sehr wenige Studien zum Vorgehen innerhalb von Unternehmen. Hier ist die Motivation zur Erfüllung von gelegentlich erhobenen Forderungen nach Einbeziehung einer breiteren Öffentlichkeit bei Technikentscheidungen offenbar nicht von vornherein einleuchtend; entscheiden tut wesentlich der Markt, d.h. der Käufer angesichts des ge- oder misslungenen Produkts. Und doch ist die „diskursive Technikbewertung“ faktisch nicht auf öffentliche Träger beschränkt. Teils sind es Verbände wie der VDI, teils sind es auch einzelne Unternehmen, die zu diesem Mittel greifen. Letztere sind unter anderem deshalb an einer offenen TA interessiert, weil dort möglicherweise öffentlichkeitswirksame Problempunkte eigener Aktivitäten schon vorab sichtbar werden, und dann eine Modifikation von Entwicklungslinien oder gar ein Ausstieg aus bestimmten sich als problematisch erweisenden Aktivitäten frühzeitig, d.h. relativ kostengünstig, erwogen werden kann.
Nicht nur Kritiker bestimmter Technologien warnen allerdings vor einem naiven Diskurs-Vertrauen und mahnen zur Skepsis gegen viele unter dem Etikett „Diskurs“ laufende Aktivitäten. So seien auch viele öffentliche Bestrebungen als reine „Akzeptanzbeschaffungsmaßnahmen“ zu verstehen, mit denen – begleitend zur Planung und Realisierung unbeliebter technischer Projekte – „die Bürger weichgeklopft“ werden sollen.
Die Frage nach der „Diskursivität“ von TA liegt quer zu anderen, älteren Unterscheidungen auf diesem Feld. Deren wichtigste: problem- vs. technikinduzierte TA (wobei die große Mehrzahl der TA-Verfahren technikinduziert ist, also von einer bestimmten, neuen Technik ausgeht und nicht von einem zu lösenden Problem). Durch die Kennzeichnung als „diskursiv“ gelang es, über die Problemorientierung hinaus die wesentlichen Aspekte einer idealen Technikbewertung zusammenzufassen, die sich auf das Verfahren bzw. das Produkt selbst beziehen. Gleichzeitig konnten Perspektiven für die Lösung einiger (oben erwähnter) immanenter Probleme von Technik-Entscheidungen eröffnet werden. Auch konnten einige wichtige Erweiterungen der TA-Grundlagendiskussion stattfinden: Sie konnte nun erstens auch an diejenige Ethik-Diskussion angeschlossen werden, die prozedurale und nicht nur materiale Fragen bearbeitet. TA-Verfahren konnten also unter Gesichtspunkten der Verfahrensgerechtigkeit diskutiert und ggf. zusätzlich (diskurs-)ethisch legitimiert werden. Zweitens konnten TA-Verfahren auch an die gegenwärtige Demokratiediskussion angeschlossen werden, in der deliberative Theorien einen immer höheren Stellenwert erlangt haben. Als intermediäres Element zwischen Staat und Einzelnen (resp. Interessengruppen) konnten Diskurse gewissermaßen als Hegels „Sittlichkeit“ in Aktion angesehen werden. Modernen Staaten wurde und wird politikwissenschaftlich eine zunehmende Moderatorenfunktion zugeschrieben, die mit der Moderation von Diskursverfahren beinahe wörtlich vorzuliegen scheint. Zunehmend zu verzeichnende Vertrauensverluste in klassische Institutionen meint man, durch geeignete Beteiligungsverfahren kompensieren zu können. Dem expliziten Wunsch der Bürger (zumindest einer bestimmten bürgerlichen Schicht) nach stärkerer Partizipation sollte so entsprochen werden können, ohne einen offenen Populismus befürchten zu müssen; im Gegenteil wurde solchen Verfahren eine – durch die entsprechenden Argumentationszwänge erzeugte – erhöhte Sach- und Wertkompetenz zugeschrieben.
Mit dem Begriff „diskursive Technikbewertung“ scheint es also gelungen, eine „ideale“ Technikbewertung näher zu bestimmen. Die mit diskursiven TA-Verfahren zunächst verbundene Euphorie ist einer differenzierteren Beurteilung gewichen, die – bei weiterhin positiver Gesamteinschätzung – deren politische Ambivalenzen stärker anerkennt. Nach einer Experimentierphase in den 1990er Jahren scheint die TA-Community sich derzeit in einer Konsolidierungsphase zu befinden, in der die vorliegenden Erfahrungen europaweit gesammelt und ausgewertet werden. Womöglich muss gar von einem backlash gesprochen werden, z.B. sieht die erwähnte Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels ihrer Schließung durch die Landesregierung entgegen.
LiteraturGethmann, Carl Friedrich / Grunwald, Armin (1999): Rationale Technikfolgenbeurteilung. Konzeption und methodische Grundlagen. Xii, 212 S., Ln., € 49.95, Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg.
Gottschalk-Mazouz, Niels (2000): Diskursethik. Theorien – Entwicklungen – Perspektiven. 304 S., Ln., € 49.80, Akademie Verlag, Berlin.
Skorupinski, Barbara / Ott, Konrad (2000): Technikfolgenabschätzung und Ethik. Eine Verhältnisbestimmung in Theorie und Praxis. 198 S., kt., € 24.90, vdf Hochschulverlag, Zürich.
http://www.uni-stuttgart.de/wt/dta.html

AutorNiels Gottschalk-Mazouz ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart
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