| Portrait |
Der Philosoph und Dichter José Sánchez de Murillo wurde im Februar 1943 in Ronda (Provinz Málaga, Spanien) geboren. Nach dem naturwissenschaftlichen Abitur trat er in den Karmeliterorden ein, und statt des geplanten Mathematikstudiums widmete er sich 1961-1963 in Frankreich dem Studium der (vor allem scholastischen) Philosophie und der Musik (Klavier und Orgel). Anschließend Studium der Theologie und der spanischen Mystik an der Hochschule Theresianum zu Rom, 1970 abgeschlossen mit einer Promotion über die transzendentalphilosophisch begründete Theologie Karl Rahners. Daraufhin kam Murillo zum weiteren Studium der Philosophie nach Würzburg. Dabei beschäftigte er sich 1971-1976 intensiv mit der deutschen und französischen Phänomenologie. Diese Untersuchungen schlugen sich in einer Dissertation über die Phänomenologie Jean-Paul Sartres nieder. Doktorvater war Heinrich Rombach, dessen Assistent Sánchez de Murillo, zusammen mit Wolfgang Welsch, jahrelang war.
Im Zeitraum Winter 1976 bis Herbst 1977
machte Sánchez zwei eigenartig zusammenhängende Erfahrungen, die ihm seinen
philosophischen Weg öffneten: die Begegnung mit Jakob Böhme und ein Aufenthalt
bei den Maya-Indios von Guatemala. Dieser Zusammenhang ist entscheidend, um
sein Denken zu verstehen. An einem Abend des Wintersemesters
1976/77 entnahm er zufällig einem Regal der Präsenzbibliothek des damaligen
Würzburger Philosophischen Seminars I ein altes Exemplar der Werke Jakob
Böhmes. Obwohl Sánchez weder die hermetische Sprache des barocken
Naturmystikers noch die gotische Schrift geläufig waren, fühlte er sich nach
dem Lesen nur einiger Sätze im Innersten berührt. Er nahm das Buch mit in seine
Wohnung und las die ganze Nacht. Die Kosmologie des Görlitzer Philosophus
Teutonicus erschien dem geborenen Spanier wie eine uralte spannende Erzählung,
die er schon einmal in seiner andalusischen Kindheit von den Alten seines
Dorfes gehört hatte. Was ihn faszinierte, war das Phänomen eines Menschen, der
mit bloßen Augen Naturgesetze erblickt, welche die Wissenschaft nur in
jahrhundertelangen Bemühungen zu entdecken vermag.
Diese Eigenschaft des sehenden
Urmenschen hatte u. a. Hegel, Novalis, Schelling, Baader, Schopenhauer bis hin
zu Scheler und Heidegger und davor Newton und Kant beeindruckt und beeinflusst.
So entschied Sánchez im Hinblick auf die Habilitation diese große Epoche der
europäischen Geistesgeschichte – den Deutschen Idealismus und die Deutsche
Romantik – zu untersuchen. Im Mittelpunkt seiner Forschung stand der vermutlich
genialste romantische Denker, aber, ob seiner schwierigen Schreibweise,
historisch wenig wirksame Naturwissenschaftler und Religionsphilosoph Franz
von Baader (genannt Boehmius redivivus), dessen reifes Werk eine kongeniale weiterführende Auslegung des
Denkens Jakob Böhmes darstellt.
Im Frühling 1977 wurde Sánchez vom damaligen
Präsidenten der Deutschen Phänomenologischen Gesellschaft, Heinrich Rombach, zu
einem Vortrag bei der nächsten Tagung der Gesellschaft 1978 in München eingeladen.
Sánchez sagte zu und bot die phänomenologische Interpretation eines mittelamerikanischen
Mythos (des Pop Vuj der Maya-Indios) unter der Bedingung an, nach Guatemala
reisen zu können, um den geschichtlichen Rahmen der Sage an Ort und Stelle zu
erforschen. Dank der Vermittlung von Gerd Brand konnte Sánchez mit der finanziellen Unterstützung der
Thyssen-Stiftung Anfang Juli 1977 nach Guatemala fliegen. Das unmittelbare
Erleben des Elends und der Ausbeutung der Armen durch die Reichen, die oft
unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe läuft, erschütterten ihn derart,
dass er seine geplante wissenschaftliche Forschung beiseite ließ, um sich mit
der erschreckenden Realität existenziell auseinanderzusetzen. Die Indios waren
dankbar, dass sich ihnen ein Wissenschaftler selbstlos zuwandte, und fuhren
Sánchez von Dort zu Dorf, damit er den seit Jahrhunderten Erniedrigten ihre
glorreiche Vergangenheit eröffnete. Höhepunkt dieser philosophischen “Missionsarbeit“
war eine Reise nach den damals gerade ausgegrabenen Quiriguá und Tikal, an der
Grenze zu Mexiko, mit einer Gruppe von Indios aus dem Dorf San Andrés Xecul, wo
Sánchez die meiste Zeit gewohnt hatte. Die Maya-Quiché-Indios waren beim Anblick
der großartigen Pyramiden zu Tränen gerührt, als Sánchez sie belehrte, dass
diese weder die Gringos noch die Europäer, sondern ihre Vorväter erbaut hatten.
“Warum gründen wir nicht eine Maya-Hochschule, die eure großartige Kultur
wieder lebendig macht?”, schlug er vor. Und der Philosoph erfuhr leiblich und
darum für immer unvergesslich, was Unterdrückung bei Menschen anrichten und wie
Anerkennung wieder aufrichten kann. Auf der anderen Seite erlebte er durch die
unmittelbare Erfahrung der Mais-Kultur, die dieses Volk wesenhaft prägt, was
eine Zivilisation sein könnte, die nicht nur die geschäftliche Hektik mit Blech
und Beton fördert, sondern von der Ruhe der Pflanze lernt. Was die Deutsche
Romantik anzielte, war von den Mayas vor Jahrhunderten lebenspraktisch
angesetzt, wenngleich sie hier wie dort unvollendet, in gewisser Weise sogar
Karikatur geblieben ist.
Einerseits Naturwissenschaft und Musik,
Mystik und Phänomenologie, Maya-Kultur und Deutsche Romantik, Sehnsucht, anderseits
Armut, Ausbeutung, unverwirklichte Möglichkeiten, Kriege und Verzweiflung
überall! Das war bis zu diesem Zeitpunkt Sanchez’ Seinserfahrung. Da öffnete
sich ihm der dimensionale Grundunterschied, der künftig sein Denken leiten
würde: die Ober-Fläche und die Tiefe. Und er folgerte daraus: Die Philosophie
muss sich in ernsthafter Absicht nach Veränderung mit der tatsächlichen
Wirklichkeit des Menschen befassen, will sie mehr als nur gut bezahlte
akademische Spekulation sein.
Mit diesen Gedanken kehrte er zum Wintersemester
1977/78 nach Würzburg zurück. Die nächsten drei Jahre widmete er sich in der
Abgeschiedenheit seines kleinen Gartenhäuschens bei Winterhausen seiner Habilitationsschrift,
die er unter dem Titel “Der Geist der deutschen Romantik. Franz von Baaders
Versuch einer Erneuerung der Wissenschaft. Von Kant zu Jakob Böhme” im Juli
1980 beim Philosophischen Fachbereich III der Universität Würzburg einreichte.
Obwohl seine eigentliche philosophische Absicht sorgfältig getarnt und den
üblichen akademischen Merkmalen einer Prüfungsschrift Genüge getan war,
sprengte die Arbeit inhaltlich und sprachlich die Grenzen, sodass die
Fachvertreter – seit Jahren durch den Lehrerfolg des Assistenten irritiert –
heftigen Widerstand zeigten. Sánchez zog daraufhin sein Habilitationsgesuch in Würzburg
zurück und ging nach Augsburg. Dort wurde die Schrift vom
Habilitationsausschuss mit großem Lob angenommen und Sánchez einstimmig zum
Professor der Philosophie habilitiert. Im Kampf von zwei deutschen
Universitäten hatte das Habilitationsverfahren des deutsch denkenden und
schreibenden Spaniers zwei Jahre und acht Monate gedauert. Bis zur Erlangung
der Lehrbefähigung (venia legendi) – nach Weigerung der Universität Würzburg
sowie auf Antrag der Universität Augsburg – vergingen noch zehn Monate. 1986
erschien die Habilitationsschrift beim damals neu gegründeten Münchner Verlag
Dr. Friedrich Pfeil mit dem Titel Der Geist der deutschen Romantik. Der
Übergang vom logischen zum dichterischen Denken und der Hervorgang der
Tiefenphänomenologie.
Seine Leidensgeschichte hat Sánchez de
Murillo in zwei philosophischen Romanen verarbeitet: Die Krankheiten des
Professor Walther und Exil.
Nach Augsburg lehrte Sánchez Deutsche
Philosophie der Gegenwart in Granada. Dort hatte er eine gute akademische Zeit.
Die Idee der Tiefenphänomenologie kam sowohl bei Fachkollegen als auch bei
Studenten positiv an. Aber es fehlte ihm die deutsche Sprache. Von dieser
Sehnsucht getrieben kehrte er 1992 nach Deutschland zurück und kam nach München,
wo er 1993 das im Auftrag des Teresianischen Karmel in Deutschland herausgegebene
Edith Stein Jahrbuch und das damit zusammenhängende Edith Stein Institut
München gründete. Beide versuchen Philosophie konkret in internationaler und
interdisziplinärer Zusammenarbeit geschehen zu lassen.
Sánchez’ akademische Leidensgeschichte hatte ihm die
Dringlichkeit dessen bestätigt, was sich ihm freilich – gleichsam unmerklich
anhebend – schon während seiner Zeit in Rom, brutal jedoch beim Miterfahren des
menschlichen Elends in Guatemala eröffnet hatte: Nicht nur die abendländische
Philosophie und die daraus hervorgegangene technische Wissenschaft, sondern die
Menschheit schlechthin hat sich bislang nur von der oberflächigen Seite des Lebens leiten lassen. Die Tiefe
hatte schon immer erschreckt und wurde entsprechend vermieden. Unter
Ober-Fläche versteht Sánchez die Seinsdimension, in der nur das Herrschen
herrscht und folglich Macht, Geld und Geltung zielbestimmend sind, während Tiefe
den schöpferischen Urgrund (besser: “Ungrund”) des Seinslebens nennt. Tiefe ist
folglich weder ein Begriff noch ein Phänomen noch eine Struktur noch ein Bild.
Sie bedeutet das tiefenphänomenologische Hervorgangsgeschehen der
Seinsdimension, aus der dann die ober-flächigen Teildimensionen entstehen, die
mit Begriffen erfasst oder vorbegrifflich als Phänomene, Strukturen und Bilder
bezeichnet werden können. Auf die Gefahr hin missverstanden zu werden,
übersetzte der Dichter sein Anliegen mit den Worten Das Männliche (für die
Ober-Fläche) und Das Weibliche (für die Tiefe), wobei diese keine empirischen
Gestalten (also nicht Mann und Frau), sondern Seinsprinzipien nennen. Sánchez
sah es als seine Aufgabe an, zunächst die bisher unterdrückte weibliche Seinsdimension
hervorzuheben, um dann endlich zur Geburt einer ursprünglich menschlichen
Philosophie, die naturgemäß nur aus der Vereinigung vom Männlichen und
Weiblichen hervorgehen kann, zu verhelfen. Die Hauptschwierigkeit seines philosophischen
Unternehmens bestand darin, dass die weibliche Seinsdimension kaum zur Sprache
gebracht werden kann, da Philosophie und Wissenschaft, mithin auch die Linguistik,
nur männliche Kategorien entwickelt haben. Folglich musste er alles, auch die
Sprechweise, erfinden.
Für sein Denken hat Sánchez den Titel
Tiefenphänomenologie geschaffen. Die Tiefenphänomenologie bezeichnet dem Wort
und der Sache nach eine Grund-Differenz. Diese ist nicht statisch, sondern sie
geschieht als eine lebendige Bewegung in Sein und Denken zugleich. Die Rede vom
“Phänomen” ist dabei im ursprünglichen Sinn als “Erscheinung” zu verstehen, die
sich in sinnenfällig manifester Weise zeigt. Das Phänomen ist hier ein
Urphänomen. Das Urphänomen der Tiefenphänomenologie ist die unmittelbar erfahrbare,
leibliche Empfindungswirklichkeit. Die Tiefenphänomenologie entdeckt, dass in
der Sinnlichkeit des Leibes jene bergend-gebärende Dimension offen zutage
liegt, die als die “Tiefe” bezeichnet wird. Tiefe ist demnach nicht ein
Gegensatz zu Ober-Fläche. Sie stellt vielmehr die verborgene Kraft dar, die
diese belebt, das Licht, das sie erhellt. Ebenso wie das Leben zwar aus der
Vereinigung vom Männlichen und Weiblichen entsteht, aber in der Geborgenheit
des Weiblichen keimt und wächst.
Dazu gilt es, die Phänomene der sinnenfälligen Natur als
Ausdrucks-Gestalten des Lebens sehen zu lernen. Die Dinge haben eine Tiefe, die
man wahrnehmen kann, wenn man ihren Leib als “geronnenen Lebensprozess” liest,
in dem jeweils ein Moment des kosmischen (besser: seinsgenetischen) Urgeschehens
“niedergeschrieben” ist (“Signatur”).
Die Tiefenphänomenologie thematisiert einen Grundzug, welcher der gesamten Erscheinungswirklichkeit
wesenhaft zu Eigen ist: Sie ist nicht in zeitloser Selbstgegenwart, sondern sie
geschieht im zeithaften Prozess des Vergehens. In der ständigen Ver-Nichtung
durch das tiefenphänomenologische Sterben zeigt sich, dass der Urstoff des
Seinslebens das kreative “Nichts” ist. So ist aufgrund seiner vergänglichen
Urverfassung im Herzen des Lebens das Leiden gestiftet. Die Wiege des
Seinslebens ist daher Ungrund (Un-Grund), aus dem der Hervorgang der einen
Urkraft durch die Urverdoppelung des Ja und Nein auseinandergehend durchbricht.
Dieser Durchbruch öffnet alle Lebensprozesse. Das Un des Ungrunds ist folglich
nicht allein Negation, sondern ebenso Bejahung, aber eine solche, die in sich
selbst die Notwendigkeit der eigenen Aufopferung birgt.
Dieser schmerzhaften Beschaffenheit entspricht
in der Sicht der Tiefenphänomenologie aber zugleich eine zuhöchst lebensbejahende
Wendung: Jenes Nichts, das im unaufhörlichen Tod alles Sein in sich zurücknimmt,
ist gleich ursprünglich der Grund, aus dem alles immerwährend ins Sein hervorgeht.
Der Ab-Grund des Vergehens ist zugleich der (Ur-)Grund des Aufgangs, und nur
durch das Vergehen kann sich alles Sein im Ursprung erneuern.
Doch wie geschieht es, dass aus der
(Un-) Tiefe des Nichts alles Sein ursprünglich leibhaft in Erscheinung tritt?
Die Tiefenphänomenologie entdeckt, dass sich die Grundprinzipien des Seins im
Prozess der Entstehung des leiblichen Lebens zeigen: Die Leibwerdung findet
ihren Ursprung im Zeugungsgeschehen, das sich in der Vereinigung des männlichen
und des weiblichen Prinzips ereignet, aus der das wesenhaft Menschliche
hervorgeht.
In der Sicht der Tiefenphänomenologie
bestimmen die Differenz und die gegenseitige Verwiesenheit dieser Prinzipien
aufeinander die ganze Geschichte des Seins. In der bisherigen Entwicklung
zeigte sich eine einseitige Dominanz des männlichen Prinzips. Die “männliche
Welt” wird bestimmt von den Grundkräften der Gewalt, Macht, Herrschaft und oberflächlichen
Härte, die ihrerseits notwendig sind, damit Leben (gegründet) sein kann. Seine
Zukunft findet das Menschliche aber nur, wenn es sich der lebensursprünglichen
Tiefe des Weiblichen öffnet: Die Tiefenphänomenologie arbeitet an der Vision
einer Welt, in der die Zärtlichkeit und Wärme der weiblichen Physis zur Gestalt
des Lebens insgesamt geworden ist. Denn allein in die Weichheit des Weiblichen
eingehüllt vermögen die Tiefenphänomene der männlichen Härte dem Ganzen zu dienen.
Sánchez unterscheidet drei grundlegende
Hauptmomente der Denkgeschichte: a) Die griechische Vorsokratik, b) die von ihm
als Deutsche Vorsokratik bezeichnete Gestalt Jakob Böhmes, der die
Tiefenphänomene des Heraklit (das Werden=das Flüssige) und des Parmenides (das
Sein=das Starre) zusammen (Un-Grund) als Seiten desselben denkt, und c) die von
Sánchez initiierte Neue Vorsokratik. Die tiefenphänomenologische Vorsokratik
greift auf diese Tradition zurück, hebt ihr Anliegen jedoch in die durch die
weibliche Seinserfahrung erschlossene Stufe und öffnet so eine Welt, in der
ursprüngliches Philosophieren und eine entsprechend menschliche Erneuerung der
Wissenschaft geschehen können. Die Tiefenphänomenologie ist vorsokratisch nicht
nur durch ihre Vorgeschichte und ihr Anliegen. Sie ist es auch durch ihre
Sprache. Worauf sie hinzuweisen hat, kann sie in der akademisch-wissenschaft-lichen
Diktion nicht angemessen zu Wort bringen. So drückt sie sich dichterisch aus.
Die tiefenphänomenologische Sage wird von einer mitten im technischen Zeitalter
hervorgegangenen mythologischen Gestalt erzählt: Ratjahama.
Ratjahama ist der weiblich-männliche
Mensch, der zwar tiefenphänomenologisch vorzeitlich ist, aber geschichtlich
erst nach dem Zusammenbruch der männlich-technizistischen Zivilisation
entstehen kann.
Dessen Geburt wird im Roman-Epos Dein
Name ist Liebe erzählt. Mutter ist eine Prinzessin ohne Namen (“Mein Name
ist der aller Frauen.”), Vater der der Zärtlichkeit des Weiblichen zugewandte
und darum erst menschlich-männlich gewordene Samuel. Das aus dieser
ursprünglichen Liebesgeschichte geborene Kind erhält den mythologisch
komponierten Namen Ratjahama, der die Zielgestalt der noch unterwegs zu sich
befindlichen Menschheit vorstellt.
Die kosmische und menschheitsgeschichtliche
Bedeutung der Gestalt wird im groß angelegten Epos Gotteshervorgang hervorgedichtet,
wovon einige »Gesänge« im Edith Stein Jahrbuch erschienen sind.
Im dritten Abschnitt von Sánchez’ neuem
Buch Durchbruch der Tiefenphänomenologie. Die Neue Vorsokratik tritt Ratjahama, ohne die dichterische Sprache aufzugeben,
philosophisch-wissenschaftlich lehrend auf.
Sánchez de Murillo entdeckte den Aspekt
der philosophisch-wissenschaftlichen Tiefe in seinen Böhme- und Baader-Studien.
Diese Interpretationen machten den Kern der Habilitationsschrift aus. Der
Philosophus Teutonikus erscheint zugleich als der Ort des dichterischen
Ursprungs (daher “Deutsche Vorsokratik”) des romantischen Geistes. In dieser
Tiefendimension sind Wissenschaft und Dichtung keine Gegensätze. Sie stellen
vielmehr zwei Grundmomente des einen Grundgeschehens dar. Ausgehend von
Lessing, Schleiermacher, Novalis, Hölderlin und Schiller wird Franz von Baader
als die ausgezeichnete Gestalt des romantischen Philosophierens gezeigt. Sein
organisches Denken bezweckte eine verlebendigende Erneuerung der
Wissenschaften, vor allem der Naturwissenschaften. Dabei wird schon hier die tiefenphänomenologische
Kritik deutlich: Die romantischen Denker beabsichtigten eine weibliche
Philosophie (“zurück zu den Müttern”) zu entfalten. Aber sie ließen sich vom
betont männlichen Geist des Deutschen Idealismus anstecken und dachten das
Weibliche männlich. Die Unterdrückung des Weiblichen bleibt folglich für
Sánchez vor, während und nach der Deutschen Romantik die Urwunde mitten im Sein
und die Urverletzung im Herzen des Lebens durch den Menschen. Die Notwendigkeit
des Rückkehrprozesses zum heilenden Ursprung betrifft daher in erster Linie das
philosophische Fühlen und Denken.
Damit ist der Übergang zur Fundamentalethik
von 1988 charakterisiert, die Sánchez’ Grundgedanken von einer anderen Seite
her verdeutlicht. In Auseinandersetzung mit frühgriechischen, scholastischen,
der kantischen und gegenwärtigen Ethikentwürfen wird die Frage nach der dem
Menschen eigenen Weise der Freiheit tiefenphänomenologisch erhellt. Die
genetische Vorherbestimmung, die heutige Naturwissenschaften nachweisen, wird
als selbstverständlich vorausgesetzt. Es lässt sich aber darüber hinaus ein Lichtpunkt
in der Tiefe des Menschen erblicken, der un-begreiflich, unwiederholbar und
darum nicht festzulegen ist. Trotz aller biologischen Vorbestimmung bleibt der
Mensch wesenhaft die Gestalt einer Freiheit, die sich in aller Bindung und
durch sie hindurch sucht: die Tiefe eines Unterwegs, das sich nach seiner Weite
sehnt.
Der 1991 in prima philosophia
erschienene Text Die erste
Philosophie der großen Krisenzeit stellt die Grundpfeiler der Tiefenphänomenologie
kurz dar. Dabei wird betont, dass sich die Tiefenphänomenologie nicht als ein
Neuerungsdenken versteht, das andere Denkbewegungen verkleinern will, sondern
als eines, das die Sichtweise einer in Vergessenheit geratenen europäischen
Tradition für unsere Zeit neu zu denken und weiterzuentwickeln versucht.
Im Edith Stein Jahrbuch erscheint im
Jahre 2000 die gewagte Abhandlung Vom Wesen des Christentums. Zur
Tiefenphänomenologie der Menschwerdung. Im ersten Teil wird Jesus als eine
weibliche Mannesgestalt herausgestellt, deren menschheitsgeschichtlicher Sinn
in dem Augenblick vernichtet wird, als der Apostel Paulus aus dem im Stall von
Bethlehem geborenen Jesus den mächtigen, über Zeit und Ewigkeit thronenden
Christus-Panthokrator macht. Tiefenphänomenologisch stellt das Christentum die
entschiedenste und, da vermeintlich durch Gott selbst gewollte, auch
gefährlichste Verherrlichung des einseitig Männlichen dar.
In seinem neuen Buch Durchbruch der
Tiefenphänomenologie. Die Neue Vorsokratik kommen alle Dimensionen zur
Sprache: I. Abschnitt: Die Ober-Fläche. Vom Wesen des Männlichen: Sánchez
interpretiert kritisch entscheidende Hauptmomente der abendländischen
Philosophiegeschichte von Heraklit und Parmenides bis Heidegger und zeigt, warum
er sie nicht nur als die Selbstentfaltung des männlichen Denkens, sondern als
die männliche Selbstbegründung einer männlichen Seinserfahrung ansieht. Die
Philosophie hat noch nie vom Menschen, sondern nur vom Männlichen gehandelt.
II. Abschnitt: Die Tiefe. Vom Wesen des Weiblichen: Sánchez hebt Hauptmomente
der Traditionen hervor, in denen versucht wird, eine weibliche Ontologie zu
entfalten und zeigt, wie schwierig dieses Unternehmen ist und wie unmerklich
Denkerinnen und Denker das Weibliche männlich umdeuten. Im III. Abschnitt, Die
Vereinigung vom Männlichen und Weiblichen und der Hervorgang des Menschlichen,
steigt Ratjahama von der Spitze des Berges am Meer, wo er geboren und
aufgewachsen, herab und lehrt die Menschen das neue Denken.
Der Geist der deutschen Romantik: Der
Übergang vom logischen zum dichterischen Denken und der Hervorgang der
Tiefenphänomenologie. Pfeil, München 1986.
Über die Selbsterkenntnis des Menschen. Ein Dialog.
Pfeil, München 1986.
Die Krankheiten des Professor Walther. Roman.
Pfeil, München 1986.
Fundamentalethik. Pfeil,
München 1988.
Exil. Roman. Pfeil, München 1989.
Leben
im Aufgang. Roman. Pfeil, München 1994.
Durchbruch der Tiefenphänomenologie. Die Neue
Vorsokratik. 401 S., kt., € 25.--, 2002, Kohlhammer, Stuttgart.
Die erste Philosophie der Großen
Krisenzeit. In: prima philosophia. Hrsg. von Sabine Gelhaar,
Sonderdruck, Band 3 / Heft 4. Junghans, Cuxhaven 1990.
Vom
Wesen des Christentums. In: Edith Stein Jahrbuch, Bd. 6, 2000.
Zur
Einführung in die Tiefenphänomenologie:
Rüdiger
Haas, Von der Phänomenologie zur Tiefenphänomenologie. In: Edith Stein Jahrbuch
Bd. 4, 1998.
Ders.,
Über das Wesen des Todes. Eine tiefenphänomenologische Betrachtung, konkret dargestellt
am dichterischen Werk Hermann Hesses. 416 S., kt., € 34.--, 1998, Ergon Verlag, Würzburg.
Rüdiger Haas ist promovierter Philosoph, Lehrer und philosophischer Schriftsteller. Er lebt in Augsburg.
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