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Jürgen
Große:Die meisten Tiere hier verhalten sich still, unauffällig, dezent. Kaum eines scheint der Aufmerksamkeit des Menschen bedürftig, abgesehen von den Affen und einigen Unverbesserlichen. Die Tiere schauen am Menschen vorbei, sobald sie den Menschen erblicken, und wenn sie ihn anschauen, dann scheint nicht er gemeint. Im Gehege der Begegnung zwischen Mensch und Tier zeigt letzteres zweifellos ein gewisses Desinteresse. Es sieht so aus, als hätten sich die meisten Tiere mit der Existenz des Menschen abgefunden.
Angeschaut zu werden und sich gemeint zu wissen ist zweierlei: Was zwischen Menschen gelegentlich vorkommt, ist zwischen Mensch und Tier fast die Regel. Der Mensch, der sich von einem Tier anschauen lässt, begreift dadurch am ehesten etwas von der Sonderstellung dieses Wahrnehmungstyps. Der Blick hat nichts von der Abgestuftheit, der Allmählichkeit des Hörens oder des Tastens, er erfasst sein Objekt in verschwindender Zeiteinheit. Der Blick lässt sich deshalb auch nicht dauernd aufrechterhalten, wofern er nicht in willkürliches Starren übergehen soll (das ‚Fixieren' - von unreifen Menschen an Tieren gern geübt). Der Blick zwingt zur Entscheidung zwischen Schauen- oder Beschautseinwollen. Seine Entstehungskürze und Intimität macht den Blick zum Musterfall einer asymmetrischen Beziehung und damit einer Machtprobe, in der eines dem anderen unterliegen muss. Derartig einsehbare Über- oder Unterlegenheit erbringen weder Kampf noch Arbeit. Einzig und allein das Gegenüber zweier - zumindest im Moment ihrer Begegnung - verschiedener Wesen, wie z. B. Mensch und Tier es sind, bringt ein so ungleiches Verhältnis zustande. Dass eines die Freiheit hat, das andere forsch ins Auge zu fassen oder andächtig nach ihm als Blicksubjekt zu fragen, bekräftigt das Ungleichgewicht. Im Blicken findet man das Erblickte nicht nur als ein Objekt, ein Unterworfenes, sondern als von anderer Art - eben als das, was sich beschauen lässt, ohne dadurch in seinem Wesen irritiert zu sein. Der menschliche Blick kann vertieren, was doch seit je zum Tier bestimmt schien. Wie anders ist das beim Tasten! Berühren heißt ja, sich zugleich berührt fühlen, wodurch Tun und Leiden der Berührung einander durchdringen. Oder beim Hören, wo Sprechen und Vernehmen untrennbar sind und überhaupt das Gesprochene zwischen den Hörenden-Sprechenden ein Verhältnis aufbaut, in dem sonstige Verschiedenheiten der Lebewesen (von beliebiger Zahl) fast verschwinden. Dagegen verheißt der Blick die Möglichkeit eines direkten Zugriffs auf ein fremdes Wesen, ohne dass eine synthetische Leistung nötig wäre - man kann hier zudringlich und distanziert zugleich sein. Mit dem, was man einmal ‚tierisch' zu nennen beschloss, kämpft man nicht körperlich, man unterscheidet es aber auch nicht von seinen Äußerungen, seinem Auslaut, wie beim Menschenwort. Man fixiert es selbst, aus der Macht des eigenen Wesens zum Blick. Will sich der Mensch auch vom Tier anblicken lassen? Die Frage ist, ob er es kann.
Da eine Blickbeziehung jeden Moment in eine Beziehung des Erblicktseins umschlagen kann, bedarf das Blicken - anders als ein Tasten oder Hören - der Deutung durch die Situation. Das gilt noch mehr hinsichtlich des Tiers, in dessen Blick zu geraten alles andere als selbstverständlich ist. Die ‚freie Wildbahn' scheidet aus: Hier deuten sich die Blicke der Tiere aufeinander unmittelbar durch ihr Verhalten gegeneinander, das Menschen ausschließt - denn als Beobachter solchen Verhaltens sähe ein Mensch nicht sich angeblickt. Es bleiben drei Situationen, in denen ihn ein Tierblick treffen kann: die Tötung (Schlachtung), das Experiment (Tierversuch), Gefangenschaft (täglicher Umgang, Reinigung, Fütterung usw.).
In der Schlachtung, im angstvollen und brechenden Blick des Tieres auf seinen Henker, weiß dieser sich als das stärkere Tier, ihm zeigt sich daher lediglich das besiegte Tier. Im Blick auf den Besiegten bietet sich aber nichts anderes als der Leichnam, der tote Gegenstand; essbares Fleisch ohne Kraft zum Vorwurf oder zur Frage. Damit der Blick des Tieres hier irgendetwas sehen ließe, müsste der Mensch ihn als den Blick einer gedemütigten Kreatur verstehen können, die sich als Kläger vor einem Tribunal, einer dritten, unabhängigen Instanz weiß, dort ihr Leben, ihre Würde einzufordern. Die zeugenlose Schlachtung ist jedoch kaum unterscheidbar von einer Tier-zu-Tier-Beziehung.
Im Experiment ist nicht das blanke Leben - das zukünftige Fleisch - des Tieres, sondern sein möglicher Schmerz angezielt; zudem hat der Folterer des Tieres nicht mehr nur das eigene nackte Leben, sondern eine bestimmte Lebensweise im Sinn, deren Erforschung die Qual des Tieres dienen soll. Er wägt ein ‚Risiko'. Der experimentierende Mensch schiebt im Tod des Tieres den eigenen auf, und in diesem Aufschub müsste eigentlich genug Gelegenheit sein, aus dem Tierblick etwas zu erfahren. Doch ist dem nicht so. Im ‚Ausdruck' der gepeinigten Kreatur erwarten wir den Blick des Tieres als eine ‚Reaktion', als Antwort auf eine Frage an die gefolterte Natur, gegeben durch das Objekt, das wir waren und ebenso sein könnten dort in den Apparaten. Wir erfahren nur, wie es uns ginge, wenn unsere Ansprüche uns einmal in die Lage eines gefangenen, verletzbaren Tierlebens brächten. Wir erfahren aus dem mitleiderregenden Blick des Tieres nichts, was wir nicht schon vorstellbar fänden, denn wir quälen es ja aus Mitleid mit unseren eigenen Lebenswünschen, die Ideen möglicher Risiken sind. Übrigens bedarf der Peiniger des Tieres einer noch größeren Unempfindlichkeit gegen dessen Blick als der Schlächter. Denn alles, was man dem gefangenen Tier antun kann, kann man auch dem Menschen antun in Techniken der Fixierung und Wissenschaften der Befragung. Im Griff der Apparate gleichen sich Mensch und Tier, wobei - charakteristische Asymmetrie! - der höchsten Schmerzfähigkeit der einen die größte Unempfindlichkeit der anderen entsprechen muss.
Die Gefangenschaft des Tieres bildet die Bedingung und den ständig geahnten Hintergrund von Schlachtung und Experiment. Dieser Hintergrund lässt sich explizit machen als eine dann zweckferne, vielleicht sogar zweckfreie, nämlich nicht dem Verzehr oder der Verformung des Tierlebens dienende Gefangenschaft. In der Tierhaltung um ihrer selbst willen darf der Mensch sich am ehesten mit der Hoffnung schmeicheln, hier werde ihm so etwas wie ein freier, aufschlussreicher Blick aus Tieraugen zuteil. Dem dient die Ernennung des Gefangenen zum Park-, Zoo- oder Haustier.
Das Tier als Liebesobjekt, als Lebensbegleiter, schließlich als Gegenüber auszulotenden Blicks - das ist nichts Selbstverständliches. Weder haben alle Zeitalter das gekannt noch alle Tierarten dafür Eignung bewiesen.
Es gibt z. B. Tiere, denen ihre Gefangenschaft offensichtlich gleichgültig ist - die jedenfalls nicht sichtbar und unumkehrbar ihr Verhalten ändern in Menschennähe, dadurch aber auch nicht in jenes Gegenüber des Blicks geraten, das den Menschen so sehr interessiert; diverse Terrarienbewohner.
Andere Tiere sind nur durch Gewalt oder List in Gefangenschaft zu bringen und dort zu halten - vieles von dem, was Krallen und Zähne trägt, blickt dem Menschen, wo er sich in härtere Nähe zu seinen Gefangenen wagt, mit unverwandtem Haß entgegen.
Schließlich gibt es jene deutlich schwächeren, gelegentlich dem Verzehr oder Kinderspiel dienenden Tiere, die oft ein ganzes Leben brauchen, um dem Menschen durch ihr Glas oder Gitter nicht mehr mit Furcht entgegenzusehen, sondern mit jener Gleichgültigkeit, die ihrem Wärter die ganze Beziehung schließlich wertlos macht.
Denn der Mensch möchte ja das Tier, wo er es nicht isst oder quält, sondern sein lässt, in seiner Freiheit besitzen, womöglich, um den fragenden Blick zu ernten: Was soll das? Was ist es, das uns einander erblicken macht? Es ist fraglich, ob die durch Wohlleben, Sicherheit, Ohnmachtsgefühl korrumpierten Tiere, die sich vom Menschen in die Augen blicken lassen, darauf eine Antwort erwarten oder geben können. Andererseits hat aber der Mensch, der sich Auskunft aus Tieraugen erhofft, nichts anderes zur Verfügung als die gefangenen Tiere. Er muss ihren Blick studieren und ihre Situation bedenken.
Was die Situation des Tieres betrifft, so hat der Mensch nicht immer dazugehört, und vielleicht ist es sinnvoller zu sagen, dass erst der Mensch das Tier in eine Situation gebracht habe. Im Blickfeld und in der Geschichte der Tierheit ist der Mensch ein - gewiss vorübergehendes, jedenfalls durch rein tierische Nachwelten überholbares - Ereignis. Wären Tiere theoretisch mit dem Auftritt des Menschen in der Natur beschäftigt und nicht bloß praktisch durch ihn beunruhigt, so müsste dieses Auftreten sie in eine Ratlosigkeit stürzen ähnlich der menschlichen vorm Tierblick. Und die Zweckfreiheit, Genügsamkeit, jedenfalls: Unfeststellbarkeit des tierischen Blickens auf den Menschen scheint das Gegenstück zu dem Rätsel des menschlichen Erscheinens unter Tieren. Noch ehe der Mensch auftauchte und in ihm das Licht eines um sich blickenden Bewusstseins aufgegangen war, hatten ihn ja milliardenfach schon Tieraugen erblickt. Ihre Besitzer fanden keine Verwendung für den Menschen, seine Existenz blieb für sie - abgesehen von einigen Parasiten - so sinnleer und zwecklos, wie dem Menschen zumeist der tierische Blick erscheint. Dagegen heißt ‚menschlich' jener Blick auf das Tier, der es auf dessen Dasein, nicht bloß auf seine Kräfte und deren Nutzung abgesehen hat (daher auch das Problem ‚Vermenschlichung' erst dort, wo es dem Menschen nicht mehr bloß auf die Verwertung, sondern auf den ‚Eigenwert' des Tierseins ankommt). Darin bewährt sich die wechselseitige Asymmetrie der Blickbeziehung, dass es dem Menschen schließlich und wesentlich auf das pure Faktum des Tierseins ankommt - nur damit noch ein Dasein auf Erden sei, das sich von seinem unterscheidet. Wo die Menschenart fast die Erde deckt, bildet die stumm blickende Umwelt von einst eine - meist angstwimmernde - Insel, und ihr Sein und Überleben verdankt sich dem ausdrücklichen Wunsch ihres vormaligen Vernichters; das alles ist aber nur mehr in Gefangenschaft - im Park bzw. Tier-Park - möglich.
Das Tier, das nicht der Mensch sein soll, also das ehemals nutzbare, jetzt zur schönen oder erhabenen Nutzlosigkeit bzw. Eigenwertigkeit bestimmte Tier, kann den Menschen nur demütig anschauen. Es lebt aus der Macht des Menschen. Die Macht demütigt, indem sie leben lässt, wo sie jederzeit töten kann. Oder spielen, experimentieren, ein Ohr leihen, einem Blick sich zeigen, all dies grundlos. Der gefangene und freigelassene Mensch zumindest weiß um diese Demütigung aus geschenkter Freiheit ... Für das gefangene Tier sind die Zwecke des Menschen zu einem solchen Schicksal geworden, zum unbestechlichen, weil grundlos und unbegründbar hereinbrechenden, so wie es das Auftauchen des Menschen in der Tierwelt war. Das Tier pflegt wohl darum diesen leeren Blick, in dem Meinen und Schauen, das Den-Menschen-Festhalten und das Den-Menschen-Einlassen-als-ein-Bild ununterscheidbar sind. Der Blick des Tieres ist derselbe wie der eines gedemütigten Menschen. Das Tier schaut, wie ein Mensch fühlt, der sich in der Ausschließlichkeit einer Beziehung zur Macht weiß. Damit der Blick eines Wesens leer von Wünschen, Zwecken, Vorstellungen und darum würdig nachfragend-nachbessernder Beseelung scheine (‚Einfühlung'), muss ihm alles leibseelische Beiwerk, alles sonstige Verhaltenkönnen genommen sein, Gefangenschaft bewirkt das. Die Reinheit dieser Leere wäre dann - ideale Fragesituation - von nichts getrübt. Der Blick solcher Wesen ist darum zugleich erniedrigt und schamlos. Da sie nur von Gnaden einer Macht sind, können sie keine Würde mehr einbüßen und sich keine Scham leisten. Eigentlich hätte das Tier, ehe es in diese Lage kam, weinen müssen um den Verlust seiner Freiheit, seines freien Blicks auf den menschlichen Eindringling. Aber das Weinen, die Klage würde die Existenz eines Herrn über dem Menschen voraussetzen, und das Tier hat nur an den Menschen, seinen Herrn, zu glauben gelernt. Nur in der Ungeduld, dem Kläffen und Brüllen gelangweilter Tiere in Gefangenschaft ist vielleicht noch ein Nachhall des Weinens, vielleicht auch des Fluchens. Im allgemeinen kann das Tier von Gnaden des Menschen nicht wie ein Wesen blicken, das noch Angst haben muss um seine Würde, es hat ja nichts mehr, das irgend zu verhüllen, zu beschützen wäre, es ist dem Blick des Menschen ganz ausgeliefert. Das Tier, anders als noch der schambegabte, beschämte Mensch in seinen Früh- oder Vorzeiten, kann die Augen nicht niederschlagen, es schaute am Menschen vorbei, auch wo es ihn im Blick hätte.
Die Tiere blinzeln nicht. Darum taugen ihre Augen auch so gut als Spiegel eines unverrücklichen Faktums, wie eben jenes Auftauchens des menschlichen Machthabers einst. In der scham- und furchtlosen Offenheit des Tierauges ist so etwas wie eine Störung angezeigt und zugleich an ihren Verursacher zurückgegeben zu dessen eigener Frage: Was will ich, Mensch, mit Tieren? Die Gleichgültigkeit des Amphibienblicks, die gehorsame Erwartung im Blick des gezähmten Raub- und Rudeltieres, die Angst des gestellten Fluchttiers (Hasenblick) werfen ihren menschlichen Betrachter auf die Frage zurück, ob er selbst nichts als Machthaber sein kann - einer, der benutzt, befiehlt und bestürzt -, ob die Demütigung alles Nichtmenschlichen gar ein Indiz der Demütigung sei, seinerseits das unvergleichliche Faktum menschlichen Seins vorstellen zu müssen. Ist die tierische Demütigung ein Modell der menschlichen?
Das Tier, dem die Freiheit zum Blick auf den Menschen gegeben wurde, ist nicht mehr Teil einer menschlichen Situation. Der Mensch, der das Tier gefangenhält, um ihm die Freiheit eines Blickes zu gewähren, ist ja nicht mehr der tieressende und tierquälende Mensch, der ohne Tiere nicht sein kann, was er ist oder weiter sein will. Ganz und gar Schicksal, Gott, Herr des Tieres wird der Mensch erst da, wo er es nicht nötig hat - sowenig ein souveräner Machthaber das von ihm Beherrschte nötig hätte ... drängt es doch, im Gegenteil, immer zu ihm!
In dieser Situation, da das Tier überzählig scheint, z. B. weil der Mensch, erdbeherrschend, neuzeitgemäß, es im wesentlichen nur noch mit seinesgleichen zu tun hat, erhebt sich die Frage: Was könnte das Tier bewegen, ihn anzublicken? Die Antwort müsste auch Auskunft geben können darüber, wer ‚der Mensch' ist. Die umweglose Beziehung des Blicks erfordert eine Isolation: des Tieres von seiner Herde, des Menschen von der Menschheit oder sonst einem Großenganzen. Der einsame Mensch wählt sich das einsame Tier zum Gefährten, hierzu taugt eigentlich nur das Rudeltier. Er muss es einsam machen. Ein Leben unter Gorillas, Wildschweinen usw., wie hin und wieder von Forscher-Neugier versucht, fördert nicht zutage, was der einsame Mensch aus dem Auge des einsam gemachten Tieres erhofft, hier träfe ihn, Tier unter Tieren, nur ein flüchtiger Blick, ihn, den Geduldeten, das Wildschwein ehrenhalber. Der einsame Mensch möchte sehen, was dem einsamen Menschen das Nächste und Unbegreiflichste ist, seine ‚Freiheit', sein ‚Bewusstsein', und darum sucht er es dem Tier zu schenken wie zuvor schon ganzen Kulturen. Einer Art Menschwerdung hofft er beizuwohnen: Denn welches Tier, in Gefangenschaft, das auf sein Futter, auf Befehle warten lernte, müsste nicht Bewusstsein entwickeln und eine Vorstellung von Freiheit?
Es sind ursprünglich gesellige Tiere, die sich der Mensch zum Gegenüber seiner Einsamkeit wählt. In den Augen der Hunde und Katzen des Menschen kann dieser, wo er sie endgültig gezähmt, also ihren tierischen Umwelten fremd gemacht hat, in schwächerer Form die Angst und die Erwartung der demütigen Kreatur erkennen, die ihn als ihren Machthaber erkennt - eine possierliche Demut, die er Neugier nennt. Sie betrifft die eigene Lage. Solche Neugier aus Einsamkeit, aus gefühltem oder gewusstem Mangel ebenbürtiger Nachbarschaft, müsste der Mensch wiedererkennen: Tier auf zwei Beinen hochgereckt, in den Nachthimmel starrend, Wesen seinesgleichen erwägend. Homo-erectus-Schwindel, Erhabenheitsschwindel. Kantgefühl. Aber der Mensch ist nicht nur der Einsame des Alls, des Seins oder wie immer die Umwelt seiner Einsamkeit heißen mag, sondern auch dessen Parvenü, ein Aufsteiger ohne Konkurrenz, der sich schicksalhaft erhoben fühlen darf und daher in gewissen Momenten ein Grauen empfindet, wie es allein dem definitionsgemäß einsamen Wesen: ‚Ungeheuer' (auch: ‚Untier', ‚Übermensch') zukommen mag. Sein ungeheuerliches Grauen vor der kosmischen Einsamkeit mag durch ganz irdische, historisch-empirisch nennbare Gründe veranlasst sein: eben jenes erdbeherrschende Dasein als Sieger der Schöpfung, der dann nicht mehr in Rudeln lebt, sondern in Zivilisationen, und dem die Fortpflanzung selbst zur Frage der Natur an ihn wird, die er zurückgibt mit der Frage nach dem Grund seines Daseinsollens; ein Ungeheuer, das sich problematisch geworden ist in seiner Allgegenwärtigkeit und sich darum hin und wieder von dieser erlösen möchte. In solchen erlösungsbedürftigen Momenten greift es - wie geschichtlich ja auch die ungeheuerlichen Menschen gern taten, die Schrecken ihrer Zeit - zum Hobby, es hält Tiere, es baut Modelle. Es braucht ein Modell seiner Lage: das Tier mit seinem fragenden Blick. In dessen Dunkel findet das menschliche Ungeheuer gleichsam ein Loch gebohrt in die Allherrschaft der eigenen Art, zum Ausblick auf anderes. Im Tierblick kehrt die Frage des Seins, Kosmos, Alls o. ä. an den Menschen wieder: Warum hast du dich über mich erhoben? Diese Frage, aus Angst und Erwartung, ängstlicher Erwartung, kurz: Neugier, gestellt, ist nur denkbar als Frage des Menschen an sich selbst. Wie könnte ein Wesen, das nur mehr in den Parklandschaften des Menschlichen sein Dasein fristet, umstellt von Menschenart (Menschensorge, Menschenzweck) den Menschen je in Frage stellen? Daher die Ausdruckslosigkeit des unvermuteten Tierblicks, seine vollkommene Transparenz für die Frage des Transhumanen - des Ungeheuerlichen.
Zugegeben: Der Blick des Tieres vermag zu erschüttern, weil er von keiner Träne getrübt ist; erinnert er nicht an die zivilisatorische Unfähigkeit zu weinen? Was der Mensch lernen muss, weiß das Tier schon: dass wer immer es anblickt, seine Einsamkeit nur vermehrt - dass niemand zuhört da draußen.
Der Mensch erschien inmitten des Tierischen als Insel, umhüllt und zugleich bedroht von andrängenden Tierleibern und teilnahmslosen Tierblicken. Seinen Aufstieg begann er mit dem absichtsvollen, über den Moment von Kampf, Jagd, Verzehr hinausreichenden Blick aufs Tier: Ackerbau, Viehzucht, ‚die Geschichte'. Seine Utopien, dass Menschenwesen, unverstellt durch anderes Sein, nur mehr direkt miteinander verkehren (kein Gerät, kein Getier dazwischen), erfüllen sich und beenden die Geschichte seines Aufstiegs in dem Augenblick, da umgekehrt eine Menschheit die Umwelt der Tierheit bildet. Als Hobby, Ferienort des Menschentums, grundsätzlicher aber als Modell des Menschseins überhaupt, entspricht die gefangene Freiheit der Tiere unter Menschen (nur eine solche interessiert naturfraglich gewordene Menschheit) der freiwilligen Gefangenschaft des Menschen in einem vollständig humanisierten All. In dieser durch und durch menschlichen Umwelt rettet sich das gedemütigte Wesen des Tieres, indem es wie durch einen blinden Fleck im Schöpfungsbild verschwindet mitsamt seiner Würde: Im Tierblick auf den Menschen, worin sich das Tier auf das geschöpfliche Sein, ja bloßes Vorhandensein - geteilt mit allem Lebenden - zurückzieht, entflieht es dem Menschen und lässt ihn mit seiner Frage allein, deren Beantwortung kein Tier erwartet: Was willst du sein? Warum bist du hier? Durch das offenbare Nichts eines Augenblicks verflüchtigt sich das gedemütigte Wesen des gefangenen Tieres in die Gleichmütigkeit des Seins. Der persönlichen Demütigung durch den tierhaltenden Menschen entkommt das Tierwesen und kehrt großartig zurück als kleine Anfrage aus der Anonymität alles Kreatürlichen. Wer hielte solches Fragen aus, ohne darüber zu vertieren?
Reinhard Brandt: Können Tiere denken?
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