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Seit sechs Jahren gilt in der Schweiz als Abschlussvorschrift für die Sekundarstufe II (also für das, was in Deutschland das Abitur ist) ein neues Reglement, genannt "MAR", das das alte von 1928 ersetzt. Es muss zwar damit gerechnet werden, dass seine Neuerungen nur langsam Wirklichkeit werden, denn an sehr vielen Orten erlauben es föderalistische Sitten und Beharrungstendenzen, einfach den alten Wein in neue Schläuche zu füllen. Die Erneuerung des Zentralabiturs ("Schweizerische Matur") könnte am ehesten die geplanten Verbesserungen vorantreiben, auch sie ist erst im Anlaufen. Dennoch hat diese Prüfungsregelung gravierende Folgen für den Philosophie-Unterricht.
Unter der Führung der Erziehungsdirektorenkonferenz wurde eine gewisse Vereinheitlichung der kantonal geregelten Bildungsgänge und Abschlussprüfungen erreicht, zweifellos schon im Hinblick auf die inzwischen als Utopie erscheinende Europäisierung der Schweiz. Vergleicht man die Festlegungen von 1928 mit denen von 1995, so sticht am stärksten der Sprachwandel in die Augen. In den Grundsätzen ist eine Ersetzung alter Mythen durch neue erfolgt, deren Aussagewert nicht größer ist für das, was wirklich in den Schulen geschieht. Hieß es 1928 noch, die "grundlegenden Kenntnisse" seien nicht das Wichtigste, was in der Schule anzustreben sei (eine eklatante Unwahrheit), so schreibt man jetzt, es ginge um das "vernetzte Denken" (eine offensichtliche Leerformel). Zum Teil wurden Fächer fusioniert (ohne Rückwirkungen in der Praxis), und zum Teil wurde Neues hinzugefügt (nicht ohne das Bekenntnis, die Überfülle des Stoffes sei die wahre Katastrophe, gegen die sich jede Neuerung in erster Linie richten müsse...). Zu den gewichtigsten Neuerungen zählt die bis anhin verweigerte Aufnahme der Philosophie in den Kanon der angebotenen Fächer. Philosophie war zuvor eine reine Zusatzanforderung der "katholischen Kantone".
Philosophie ist jetzt Schulfach in fünf Varianten, zwei neuen und drei alten:
Gesamtzahl der anerkannten Schulen: 105
Anzahl der Abschlüsse im ersten vollständigen MAR-Jahrgang: 9800
Schülerinnen und Schüler mit dem Schwerpunktfach "PPP"
(in 15 der 18 Schulen, die das Schwerpunktfach anbieten): 330
Schülerinnen und Schüler mit dem Ergänzungsfach "Philosophie"
(in 56 der 74 Schulen, die das Ergänzungsfach anbieten): 490
Schülerinnen und Schüler mit dem Obligatorium in "Philosophie"
(in 18 Schulen, die das Obligatorium beibehalten): 1170
Schülerinnen und Schüler mit dem Freifach "Philosophie"
(in 34 der 45 Schulen, die das Freifach anbieten): 500
Schülerinnen und Schüler mit "Philosophie" in einer Wahlpflicht
(in 7 Schulen mit z. T. sehr verschiedenen Formen): 110
Vielleicht ist meine eigene Beschäftigung eine gute Illustration: Seit dreißig Jahren darf ich in einer Zürcher Kantonsschule "Philosophie" anbieten, fünfzehn Jahre lang in der Variante "Freifach" allein, danach fünfzehn Jahre nebeneinander in Freifach- und Wahlpflichtkursen. Jetzt biete als Drittes auch das "Ergänzungsfach" an, dank der Kombination mit der Wahlpflicht kommt es auch (für ganz wenige Maturanden) zur Durchführung. Einen kleinen obligatorischen Kurs zur Vorbereitung der Wahl des Ergänzungsfaches haben mir meine Kollegen nicht bewilligt; das "Schwerpunktfach" ist im Kanton Zürich ohnehin durch die Bildungsdirektion (!) verboten. Ich wirke in meiner Schule in erster Linie als Geschichtslehrer; unser Pensum in Philosophie, in das sich drei Lehrer teilen, schwankt seit zwanzig Jahren zwischen drei und zwölf Lektionen. Eine Vollzeitstelle für einen Philosophielehrer ist an einer Zürcher Schule undenkbar; das dürfte aber an mindestens 75 % der Schweizer Maturitätsschulen auch nicht anders sein.
(die ich mit der Hilfe meiner Didaktikstudenten unter allen Maturitätsschulen der deutschsprachigen Schweiz durchführte) ergab das folgende, wegen der unterschiedlich motivierten Schulsekretariate nicht ganz hieb- und stichfeste Resultat. Natürlich beruht es auf Vorausschätzungen, da der erste Jahrgang, den alle Schulen nach MAR prüfen werden, erst in der Ausbildung ist.
wollte ich auch überpüfen und startete darum eine telefonische Umfrage. Die zwölf Auskunftspersonen aus zehn Kantonen berichteten das Folgende:
Es herrscht vorwiegend, aber nicht überall Freude in bisher philosophielosen und philosophiearmen Schulquartieren, überwiegend, aber ebenfalls nur teilweise Bedauern in den einstigen "Hochburgen" der Philosophie. Immerhin zeigen sich auch interessante Abweichungen: einige Kollegen können zufriedener sein als vordem befürchtete. Man wird mehrere Jahre der neuen Praxis abwarten müssen, bevor man ein Urteil abgeben kann. Kommt dazu, dass Zufriedenheit und Unzufriedenheit mitbedingt sein können durch das Umfeld: Wie kann ein Philosophielehrer zufrieden sein, wenn er zwar etwas mehr Wirkungsmöglichkeit und gute Zustimmung von den Schülern erhält, aber über die Schulpolitik im Ganzen fast verzweifeln muss? Oder wie kann einer wirklich unzufrieden sein, dem man bisherige Möglichkeiten beschneidet in einem Prozess, den er als Ganzen immer schon forderte und im Kern gutheißt?
Aargau In allen Schulen muss sowohl Schwerpunkt- als auch Ergänzungsfach angeboten werden; bisher ist eine gute Beachtung festzustellen, man ist (bezüglich Philosophie!) relativ zufrieden.
Freiburg In diesem Traditionskanton des Philosophieunterrichts kam es dank öffentlicher Fürsprache vieler Bürger nur zu einem ganz geringen Abbau. Man ist weder zufrieden noch unzufrieden.
Luzern Im Obligatorium erfolgt ein Stundenabbau von 33 %; das dafür angebotene Ergänzungsfach wird bisher kaum gewählt. Man ist sehr unzufrieden.
Obwalden In der Klosterschule wurden einige Stunden geopfert (von zehn auf acht Jahresstunden). In der Kantonsschule kommen nun statt allen Schülern im aufgehobenen Obligatorium rund ein Drittel ins viel besser positionierte Schwerpunktfach. Man ist recht zufrieden.
St. Gallen Das bisherige Obligatorium ist einigermaßen erhalten geblieben; dazu gibt es im Ergänzungsfach kleine aber gute Kurse. Man ist eigentlich nicht sehr unzufrieden.
Schaffhausen Statt gar nichts gibt es jetzt das recht gut besetzte, mit Wahlpflicht gestützte Ergänzungsfach (etwas 20 % des Jahrgangs). Man ist glücklich und zufrieden.
Schwyz Im traditionellen Obligatorium hat ein eigentlicher Kahlschlag stattgefunden (etwa 50 %). Das Ergänzungsfach hat es schwer, ein Schwerpunktfach wird es nicht geben. Man ist sehr unzufrieden.
Solothurn Statt fast gar nichts gibt es jetzt das allerdings schwach besetzte Ergänzungsfach (mit dramatisch wenig Schulstunden). Man ist voller Hoffnung.
Wallis Das obligatorische Pensum ist genau gleich geblieben, die einzige Änderung ist die, dass das Fach nicht mehr zählt. "Niemand" wählt danach das an und für sich angebotene Ergänzungsfach... Man ist völlig unzufrieden.
Zürich Etwa zwei Drittel der Schulen bietet Philosophie an; in etwa einem Drittel kommt sie als Ergänzungsfach zustande. Die Stundenzahl ist allerdings sehr klein, eine Abschlussprüfung ist dem neuen Fach nicht zugestanden worden. Die Zufriedenheit hält sich in Grenzen.
Es gibt je nach Zählung ungefähr 130 anzusprechende Schulen, die Sache ist demzufolge nicht repräsentativ. Dafür fand diese Umfrage im freundschaftlichen Gespräch statt und wollte nicht einfach nur Zahlen und Daten eruieren, sondern auch die Zwischentöne einfangen. Schon das numerische Ergebnis der Befragung sagt sehr viel aus, es muss aber relativiert werden, weil viele Schulen noch nicht weit sind in der Implementierung des neuen Rechts - und weil im Zeichen der Wahlpflicht künftig ganz andere Resultate eintreten könnten. Die Einschätzung durch die Lehrer wurde darum ausdrücklich nicht bezüglich des Wahlverhaltens der Schüler eingetragen, sondern bezüglich der Situation für die Philosophie im Unterricht.
Mit Sicherheit darf man verallgemeinern, dass Lehrer, die noch nie wirksame Zensuren zu setzen hatten, nun aber an den Promotionsentscheiden beteiligt werden, diese neue Macht sehr ernsthaft geprüft, aber bald auch schon als Segen empfunden haben. Nur da, wo solche Macht auf unsinnig schmaler Basis ruht, mischt sich in die Freude auch großes Bedenken: So etwa, wenn das Ergänzungsfach Philosophie, das immerhin eine vollgültige Abschlussnote setzen soll, von den Schülern in einem Zeitpunkt gewählt werden muss, wo sie keine einzige Philosophiestunde gehabt haben - und wenn dann die Stundendotation dieses Faches viel zu klein ist (den Vogel schießt Solothurn ab mit nur zwei Jahresstunden!). Umgekehrt leiden die Lehrer, die ein anspruchsvolles Fach unterrichtet haben mit sehr gewichtigem Beitrag zur Leistungsbilanz der Schüler, wenn dieses Fach untergraben und entwertet wird, nichts mehr beiträgt zur Leistungsmessung. Da tröstet der Erhalt des Obligatoriums nicht. - Dem Berichterstatter geht diese grundlegende Wichtigkeit der Noten übrigens gegen den Strich; er freut sich nicht, von dieser Tatsache Kenntnis geben zu müssen, dass es eben weitherum keine Motivation zu geben scheint, die derjenigen durch Notendruck und Selektion auch nur nahe käme...
Typisch für die Schweiz, aber wohl überhaupt typisch für Verhältnisse in modernen Staaten ist die Tatsache, dass die Vorgaben einer rechtssetzenden Zentralgewalt (hier der Konferenz der Erziehungsdirektoren) zum Teil ganz willkürlich umgesetzt werden: Im für die Philosophie erfreulichen Fall etwa von Engelberg dadurch, dass das verbindliche Fach einfach festgehalten wird samt der zentralen Bedeutung für das Bestehen der Maturitätsprüfung - unter formeller Einhaltung der eidgenössischen Rahmenbedingungen; im für die Philosophie katastrophalen Fall wie der Kantone Basel, Bern und Zürich, auf die Art und Weise, dass das Fach für die allermeisten Gymnasiasten überhaupt nicht angeboten wird, weder als Ergänzungs- noch als Schwerpunktfach. - Das Schwerpunktfach "PPP" wird in gewissen Kantonen überhaupt nicht angeboten, in anderen zur "Überführung" ehemaliger Lehrerseminare gebrauchten und mehr oder weniger nur Lehrkräften reserviert, die nicht aus der Philosophie, sondern aus der Pädagogik und Theologie kommen; in wieder anderen Kantonen aber wird "PPP" als kreatives neues Gebiet vielfach angeboten und bereits auch von Schülern bemerkenswert häufig gewählt. - Das Ergänzungsfach "Philoso-phie" variiert zwischen 2 und 8 Jahresstunden Unterricht (!).
Einzelne Kantone versuchen die Schulen mit völlig verschiedenem Profil zu gestalten, also gewissermaßen die bisherigen "Maturi-tätstypen" in neuer Sprachregelung weiterzuziehen; andere Kantone gehen so weit, jede Kantonsschule zu zwingen, "alles" anzubieten. Beide Haltungen werden übrigens mit dem Wunsch motiviert, ins Schulsystem Elemente der Konkurrenz einzubringen: Die einen wünschen Konkurrenz unterschiedlicher Angebote, die anderen echte Konkurrenz auf gleichen Grundlagen... Auf jeden Fall gibt es nur wenige Schulen mit echtem Schwerpunkt in philosophischem oder philosophienahem Unterricht. Viele Schulen schränken die Zahl der angebotenen Ergänzungsfächer stark ein, was dann den angebotenen Fächern (darunter manchmal auch die Philosophie) auf Kosten der nicht ausgeschöpften (darunter manchmal auch die Philosophie) zum Vorteil wird.
Geht man noch der beschäftungsmäßigen Zufriedenheit auf den Grund, so würde ich die Schätzung wagen, dass die Gesamtzahl der in der deutschsprachigen Schweiz erteilten Philosophielektionen zwischen 1975 und 2000 ungeachtet aller Reformen und Gegenreformationen kontinuierlich zugenommen haben dürfte, von Jahrfünft zu Jahrfünft um etwa 10 bis 15% Die gleiche Entwicklung ist für die Zukunft dann zu erwarten, wenn die in der Unterstufe neu auftretenden Lektionen in "Ethik" dazugerechnet werden. Die Untersuchung dieses Phänomens aber steht auf einem anderen Blatt - wird dieser Unterricht wirklich im Geist der Philosophie erteilt?
Das sokratische Erbe / Philosophie-Unterricht in der Schweiz
Christoph Dejung ist Gymnasiallehrer in Zürich und unterrichtete bis vor kurzem Philosophiedidaktik an der Universität Zürich.
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