| Bericht |
Vielleicht hätte Sokrates davon geträumt. Schließlich hatte er das dialogische Wort über das geschriebene gestellt. Sein Leben hatte er daran gesetzt, aus dem Philosophieren ein kommunikatives Ereignis werden zu lassen. Er, der Meister der subtilen Gesprächsführung, wäre ein idealer Moderator eines philosophischen Cafés gewesen. Oder doch nicht? Um der Erkenntnis, der episteme willen, hatte er seine Gesprächspartner bisweilen munter vorgeführt. Das hatte ihm Feinde gemacht. Gewiss: immer wieder betonte Sokrates, dass seine Weisheit in nichts anderem als der Einsicht bestehe, dass er nichts wisse. Doch von seiner doppelbödigen Ironie ließen sich nur wenige inspirieren. Man nahm ihm seine intellektuelle Bescheidenheit einfach nicht ab. Und in der Tat: der Sokratischen Stil ist nicht frei von Unduldsamkeit. Vielleicht wären seine philosophischen Cafés doch eher schlecht besuchte Veranstaltungen gewesen.
Dialogische Offenheit und diskursive wie pädagogische Zielgerichtetheit: der Sokratische Dialog kennt die Spannung zwischen beiden. Auch der Moderator eines philosophischen Cafés steht immer wieder vor der Aufgabe, beides auszubalancieren. Das jedenfalls kann ich aus eigener Erfahrung sagen: seit 1997 veranstalte ich regelmäßig philosophische Cafés, derzeit in Stuttgart, Esslingen, Asperg, Nürnberg, Freiburg und Zürich sowie - ähnlich im Ablauf, doch anders das Ambiente - ein philosophisches Essen in Baden-Baden. Ein offenes, ein freies Gespräch, und doch muss es gelenkt werden, damit etwas dabei herauskommt. Wahrscheinlich geht es einem Universitätsdozenten in seinen Seminaren nicht anders. Aber der Gesprächspartner des Sokrates oder der Student eines Seminars unterscheiden sich vom Besucher eines philosophischen Cafés vor allem darin, dass letzterer kein Kursteilnehmer, sondern in erster Linie ein Gast ist. Er hat ein Recht darauf, auch als solcher behandelt zu werden, und das heißt: der Moderator muss seinen Gästen eine neue Zugangsweise zur Philosophie eröffnen.
Doch dazu gleich mehr, schauen wir uns aber zunächst die Gäste doch einmal näher an. Dort, dort drüben sitzt einer am Bistrotisch, hat einen Milchkaffee vor sich oder ein Glas Rotwein, er ist allein gekommen oder auch in Begleitung. Um ihn herum andere: Was treibt sie alle her? Die Frauen sind in der Überzahl, - was ein eigenes Thema wäre. Doch zurück ins Café: Vielleicht ist sie, die da am hinteren Tisch sitzt, vielleicht ist sie das erste Mal hier, hat schon davon gehört und will es nun auch einmal erleben. Alle bringen sie etwas mit in die Runde: Biographien, Erwartungen, Anschauungen, Toleranzgrenzen, Empfindlichkeiten, Forderungen ans Leben. Den Besucher - ihn gibt es nicht. Da sitzt die empfindsame Mitfünfzigerin mit den silbergrauen Haarsträhnen in ihrer Besorgtheit um den Weltzustand neben dem jovialen Mittelständler, der mit Frau und befreundetem Ehepaar gekommen ist und mit Rotwein anstößt. Auch die Studentin fehlt nicht in der Runde und auch nicht der leitende Angestellte eines Softwarehauses, nicht die selbstsichere Werbekauffrau, die Ethiklehrerin, die gleich ein paar Schüler ihres Kurses mitgebracht hat, der Sozialarbeiter, der die andere Seite der Gesellschaft kennt und es fehlt auch nicht der Rentner, der nach einer Eintrittsermäßigung gefragt hat. Es kommen Gäste, die keinen Termin ausfallen lassen, was auch immer das Thema sei, dann wieder sporadische Besucher, die nur zu bestimmten Themen kommen, und schließlich neue Gesichter, die zufällig davon gehört haben.
Was treibt sie alle her? Was wollen sie in den zwei Stunden erleben und erfahren, was suchen sie mit nach Hause zu nehmen? Dem Moderator eines philosophischen Cafés drängen sich solche Fragen sicherlich direkter auf als dem Universitätsdozenten, dem Schullehrer oder dem Kursleiter an der Volkshochschule. Denn sie alle bedienen die klassische Palette eines Bildungsangebotes, sie bewegen sich in erprobten Bahnen, sie adressieren sich an ein vorab klar und deutlich artikuliertes Interesse: der Teilnehmer möchte diesen oder jenen Kurs belegen. Im Vordergrund steht überwiegend das Thema, der Stoff, vielleicht auch das zu erwerbende Zeugnis. Das philosophische Café hingegen ist ein gesellschaftliches Ereignis, das entscheidend vom Moderator geprägt wird. Und es ist immer wieder ein singuläres Geschehen: man kommt, es wird gesprochen, es schichtet sich ein Thema auf, und am Ende gehen wieder alle auseinander.
Dass so etwas sich ereignet, kommt mir immer wie ein großes Wunder vor. Und es setzt wohl voraus, dass das Gespräch frei ist, freier noch als ein sokratisches, denn das kognitive Gepäck ist im Café leichter geschnürt. Aber es fehlt nicht. Die episteme ist nur anders verpackt. Nicht in ermüdenden Begriffsdefinitionen und differenzierungen, nicht im abschreckenden name-dropping. Aber wie? Gewiss ins Erzählerische. Wenn also philosophische Gedanken narrative Gestalt annehmen, wenn sie dramaturgisch eingebunden werden in Biographisches, wenn sie aufgeladen werden durch Bilder. Doch das ist noch Form, das alles sind lediglich Wege, das Epistemische zu transportieren. Dass es sich tatsächlich ereignet, das ist das Entscheidende. Wenn das Gespräch keinen Verstehensprozess initiiert hat, wenn es ein bloßer Austausch von Standpunkten geblieben ist, dann fehlt am Ende ein Körnchen Salz. Wenn das Gespräch aber gelungen ist, wenn es also eine prickelnde Dynamik erzeugt hat, sich überstürzende Perspektiven und ungewohnte Ausblicke, - dann gehen die Teilnehmer in der Regel mit einem euphorischen Gefühl nach Hause. Als Moderator bleibt man darüber nicht im Ungewissen. Man spürt stimmungsmäßig, ob man das Klassenziel erreicht hat. Das ist zugestandenermaßen nicht immer der Fall. Aber dann bin ich jedesmal enttäuscht von mir selber.
Wie das Kognitive im philosophischen Café seinen Weg zu den Besuchern findet, wie also um ein sprödes Wort der Pädagogik fallenzulassen wie Bildungsvermittlung sich im Café ereignet, dazu gibt es so viele Wege wie es philosophische Cafés gibt. Ich selber gehe in meinen Cafés einen anderen Weg als das Café französischen Stils, das Café philo, wo entweder spontan ein Thema festgelegt wird, über das es dann gleich anschließend zu Sache geht, oder wo vorab ein Thema fürs nächste Mal beschlossen wird, auf das man sich dann auch vorbereiten kann. Ich setze ein festes, sorgsam vorbereitete Thema auf die Agenda und versuche, die Besucher in zwei kürzeren Vorträgen dorthin dann zu entführen. Eine ausführliche Textsammlung mit Originalstimmen zum jeweiligen Thema soll eine weitere Inspirationsquelle sein. Reichlich Raum für das Gespräch bleibt zwischen den Vortragsblöcken und danach. Das Gespräch kann um die eine oder andere Originalstimme kreisen, die in der Sammlung sich findet, in der Regel aber nimmt es einen freien Verlauf. Dass es dabei den Kurs hält, sehe ich als meine Aufgabe an, und natürlich: dass die eine oder andere Perle dabei noch gefunden werde. Ein besonderen Anspruch formuliere ich mit meinen Themen selbst: sie reichen über den klassischen Kanon hinaus und suchen die Erkenntnisse und Frageimpulse der Kultur- und der Naturwissenschaften aufzugreifen. Gerade an den weichen Rändern der Philosophie lässt sich der Reiz des Philosopierens besonders spüren: wenn ein Physiker wie Werner Heisenberg oder ein Biologe wie Jacques Monod philosophisch gestimmt werden, wenn der europäische Blick auf aus-sereuropäische Kulturen einen farbigen Querschnitt durch das europäische Selbstverständnis sichtbar werden lässt, wenn an einem Begriff wie Zeit oder Glück die Tiefengrammatik von Kulturen zugänglich wird, von westlichen wie östlichen.
Wie auch immer, ob in einem eher themenorientierten philosophischen Café oder in einem eher spontanen Café philo, unter dem Strich bleibt: Das philosophische Café kreiert eine neue Form der Philosophie selbst. Vielleicht die Ideallinie vielleicht geht Philosophie dabei in Kunst über: die Kunst, das Schwere in beflügelnde Leichtigkeit zu wandeln. So etwas gelingt nicht einfach so, und auch nicht immer. Sprache, spielerische Sprache zu meistern, ist ein Schritt hin zum Erfolg, einer unter anderen. Aufmerksamkeit zu konzentrieren ein übriger, Anteilnahme zu erzeugen am philosophischen Thema und Achtsamkeit für die dialogische Runde. Das philosophische Café ist ein umfassendes hermeneutisches Projekt.
Dass es zur Zeit auch eine Mode ist, sichert dem philosophischen Café eine gewisse Beachtung in den Medien. Doch das allein reicht nicht. Um mehr zu sein als eine modische Welle, muss das philosophische Café mehr und anderes befriedigen als das Bedürfnis nach kommunikativen Zirkeln. Es muss eine eigene Flughöhe gewinnen können, - was kann das anderes heißen als: es bedarf einer Vision? Davon beseelt zu sein, scheint mir immer die entscheidende Unterströmung des Philosophischen gewesen zu sein. In einigen wenigen Nischen des akademischen Betriebes hat sich der visionäre Impuls erhalten, aber vieles davon ist abgewürgt worden durch die akademischen Verteilungskämpfe.
Doch müßig ist der Blick hinüber ins philosophische Seminar, denn der Interessentenkreis und die Ausgangssituationen sind völlig verschiedene für den Universitätslehrer und den modernen Sophisten, der von Stadt zu Stadt, von Café zu Café reist. Man kann das nicht oft genug unterstreichen, und es sei an die Journalisten adressiert, die über die Cafés berichten und Vergleiche ziehen, wo nichts verglichen werden kann. Was in den neuen philosophischen Öffentlichkeiten landauf, landab in den letzten Jahren entstanden ist, geschah und geschieht zumeist unter höchstem persönlichen Einsatz und mit erheblichem finanziellen Risiko. Hier sind keine akademischen Beamten am Werk. Der Tatendrang speist sich nicht aus dem Quell einer Planstelle. Eine Idee steht am Beginn, dann die Lust, sie umzusetzen, eine nötige Prise Selbstvertrauen, also der Stoff, aus dem die Zukunft gewebt ist, der vielzitierte "Ruck", er ist da! Welcher Zeitungsredakteur hat diese Dimension des philosophischen Praktikers wirklich gewürdigt? Und dabei steht und fällt der Erfolg des freischaffenden Philosophen auch eben damit, dass er es vermag, die Besucher seiner Kurse, Seminare und Cafés mit diesem élan vital mitzureißen.
Nein, es ist etwas grundsätzlich Neues, was entsteht. Die Philosophie entwächst den Erbhöfen der Universitäten, Forschungseinrichtungen und auch der Volkshochschulen. In einem emphatischen Sinne möchte ich sagen, sie gewinnt eine Freiheit, eine Freiheit, die sie vielleicht einmal hatte in der Antike, aber es mag sein, dass unsere Erinnerungen an die agora und an den Hain des heros akademos nichts anderes als Verklärungen sind. Kehren wir also zurück zur Gegenwart des öffentlichen Diskurses über die Formen der Philosophie heute. Die philosophischen Praktiker sind des öfteren angefeindet worden, - daran sind die Praktiker selber nicht unschuldig. Gerd Achenbach, die Galionsfigur der Zunft, hat gern mit markigen Worten den Bankrott der universitären Philosophie erklärt. Das hat ihm die Aufmerksamkeit der Medien gesichert und den Zorn oder auch nur das vornehme Schweigen der Universitätslehrer. Es ist schon eine merkwürdige Zeit, in der wir leben, dass es die Grabenkämpfe sind, die so viel Interesse einfangen und nicht die eigentliche Sache selbst. Aber wir leben nun einmal unter den Bedingungen des schnell hingeschriebenen und des ebenso schnell medial vervielfältigten und anschließend vergessenen Wortes. Philosophische Praktiker brauchen ihre Echos in den Medien, ansonsten sterben sie in Schönheit. Und da bin ich froh, einen kleinen Leserbrief in den Händen zu halten aus der Badischen Zeitung, geschrieben von einem Fachbereichsleiter der Freiburger Volkshochschule, der meint, philosophische Cafés würden die Interessierten dort abholen, wo sie sind, und seien allenfalls eine "attraktive Ergänzung der eher auf Kontinuität ausgerichteten Philosophie an Volkshochschulen". Philosophische Ernsthaftigkeit und Kontinuität also versus philosophische Spaßkultur? Nein, das sind fruchtlose Grabenkämpfe, denn in Wirklichkeit geht es um anderes: um eine neue Form des Philosophierens.
Und auch um einen neuen Typus des Philosophen selbst? Sind die philosophischen Cafés der hoffnungsvolle Tummelplatz für arbeitslose Philosophen? Bieten die philosophischen Praxen neue Arbeitsfelder?
Ganz gewiss scheint mir, dass der philosophische Praktiker zur modernen Lebenswelt gehören wird. Die Menschen benötigen Sinn-Orientierungen, um ihr Leben lebenswert zu gestalten. Materielle Dinge befriedigen allein nicht. Der Philosoph hat einen sicheren Arbeitsplatz im psychischen Haushalt der Menschen. Nietzsche hatte das schon mit seiner ihm eigenen traumwandlerischen Sicherheit gesehen, als er meinte, nicht die Dinge ängstigten den Menschen, sondern die Interpretationen der Dinge. Der Philosoph also braucht sich zumindest mittel- und langfristig keine Sorgen über Arbeitsmangel zu machen.
Aber die Dinge kommen erst langsam in Fluss, und die Wirklichkeit sieht härter aus. Die meisten philosophischen Praktiker haben ein festes ökonomisches Standbein und erlauben sich so ihre philosophischen Experimente. Der Wind steht den Praktikern solange nicht günstig, wie wir ungehemmt eine Subventionierungsmaschinerie im Kulturbereich am Leben erhalten und dadurch die Mentalität pflegen, dass der Besuch einer Kulturveranstaltung für ein Butterbrot zu haben ist. Es muss uns Philosophen um zweierlei gehen: das gesellschaftliche Interesse an der Philosophie zu wecken und zu heben, und sodann faire Preise für unsere Angebote zu erzielen, - das wiederum verbindet uns mit allen freischaffenden Künstlern Publizisten u.a.m. Solange das nicht der Fall ist, wird es ohne die Bettelschale nicht gehen. Das ist bitter, - doch halt! Hatte da nicht gerade Nietzsche den tröstenden Satz gesprochen, dass wir durch die Macht der Interpretation Freiraum gewinnen können? Dann also gehen wirs an, suchen wir Sponsoren, sehen wir die Subvention nicht als Almosen, sondern als eine Dienstleistung, als einen Pakt an, den wir mit unseren innovativen Ideen eingehen. Welche Kräfte aus Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe sind dazu bereit?
Autor
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