Wittgenstein

Michael Huter:

Das Wittgenstein-Programm

Die Lizenz zum Interpretieren

Bericht vom 6. Internationalen Wittgenstein-Symposion der Deutschen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft am 2. und 3. Februar 2006 in Passau.

"Ethik und Ästhetik sind Eins." Der Satz gibt viel her, egal ob man ihn, wie in Philip Kerrs Kriminalroman "A Philosophical Investigation" (deutsch: "Das Wittgenstein-Programm") als Lizenz zum Töten oder, wie beim diesjährigen Wittgenstein-Symposion in Passau, zum Nachdenken über "Kunst jenseits der Moral" nimmt.

Wittgenstein ist eine philosophische Ikone, Leben und Werk sind wie von einer sakralen Aura umgeben. Die Schriften werden von akademischen Interpreten genauso respektvoll ausgelegt wie von eingeweihten Laien. Das Muster ist immer dasselbe: Man trägt Meinungen und Ideen an die Schriften des Meisters heran und bestätigt sie mit Zitaten, die wiederum den Schriften
entnommen sind. Interessanterweise handelt es sich dabei um eine erstaunlich geringe und immer wiederholte Zahl von "Stellen" aus Wittgensteins umfangreichem, aber noch immer nur teilweise veröffentlichten Werk.

Von Wittgensteins Idee des Aspektwechsels, des "Sehens als" ausgehend, zeigte Stefan Majetschak (Kassel), dass sich seine Bemerkungen über Kunst und Kennerschaft als Schlüssel zum Verständnis der modernen Kunst eignen. Für den Kenner bekommt das Kunstwerk nämlich seine Bedeutung erst, wenn er es "als etwas" sieht. Das bedeutet nicht weniger, als dass Kunst nicht nur durch sich selbst, sondern auch durch die Kontexte des Kommentars und der Situation, erklärt und erzeugt wird. 

In diesem Sinne hat Wittgenstein für Philosophen wie Nelson Goodman und Arthur C. Danto Zugänge zum Verständnis moderner Kunst und - so könnte man fortsetzen - auch seines eigenen Denkens eröffnet. Liefert Wittgenstein, der sein Denken und Schreiben als ein einziges "Klärungswerk" verstanden hat, damit das Programm, es auch als - kommentarbedürftiges - Kunstwerk zu sehen?

In dieselbe Richtung wies der Vorschlag Bernhard Leitners (Wien), das Haus, das der Philosoph für seine Schwester in der Kundmanngasse in Wien gebaut hat, zu lesen. Mit unbegrenzten finanziellen Mitteln, aber denselben rigorosen Maßstäben einer unbedingten Vollkommenheit, den er auch an sein eigenes Leben anlegen wollte, habe der Philosoph sein ästhetisch-ethisches Credo dabei zu vergegenständlichen versucht. (Leitner versäumte nicht, auf die aktuelle konservatorische Misere und den dringenden Handlungsbedarf hinzuweisen.)

Konrad Paul Liessmann wäre sich wohl selbst untreu geworden, hätte er nicht eine kleine Provokation für die Anhänger des - seiner Meinung nach allzu harmlosen - Wittgensteinkultes mitgebracht. Indem er den frühen Wittgenstein mit dem späten Nietzsche kurzschloss, versuchte Liessmann den Gedanken Wittgensteins jene Hochspannung zu verleihen, die es vor lauter erbaulicher Heiligenverehrung verloren hat. Hinter Wittgensteins abgründiger Betrachtung von Leben und Kunst verberge sich, so Liessmann, etwas Ähnliches wie in der Artistenmetaphysik Nietzsches, für den das Leben nur ästhetisch zu rechtfertigen sei.

Damit stellte er sich frontal gegen die Meinung, dass die Einheit von Kunst und Moral in ethischer Anstrengung und im Streben nach Vollkommenheit läge, wie sie etwa Allan Janik (Innsbruck) im Rückgriff auf Aristoteles vertrat. Dass das Gute mit dem Schönen schlechthin zusammenfalle, vertrat freilich auch er als ein Vertreter der gemäßigten Wittgenstein-Fraktion nicht. Ist es doch inzwischen längst Teil eines konservativ-affirmativen Kunstverständnisses geworden, dass das Gute irgendwo jenseits des Schönen liegen muss. Kunst darf hässlich sein, so ferne sie einem guten Zweck dient.

Die Frage nach dem persönlichen Kunstgeschmack Wittgensteins war im Rahmen des Themas ebenso unvermeidlich wie gelegentliche Ausflüge in die Biographie, wenn die Belege für ein bestimmtes Wittgensteinbild ausgingen. Zu schön wäre es, wenn Wittgenstein auch die radikalen Avantgarden seiner Zeit gewürdigt und nicht nur Brahms und Beethoven, sondern auch Schönberg bewundert hätte.

Mathias Iven (London) bot grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Ästhetik und Ethik und erweiterte die lange Liste jener Schriftsteller und Künstler, die sich von Wittgenstein inspirieren lassen haben, um interessante Namen: Elias Canetti, Botho Strauß, Jorge Semprún, Barbara Köhler ("Wittgensteins Nichte") und andere. Den Anstoß zur literarischen Rezeption hatte Ingeborg Bachmann bereits in den fünfziger Jahren gegeben.

Eine interessante Probe des Wittgenstein-Programms lieferte Markus Steinweg (Berlin). Erstaunlich entschlossen zeigte er in seinem Vortrag, dass sich Wittgenstein an Hand ausgewählter Zitate auch als Daseinsanalytiker lesen lässt. Eine schillernde philosophische Prosa, in der sich das vermeintlich Unvereinbare, nämlich Wittgenstein mit Heidegger und der Postmoderne intertextuell verbinden, war das Ergebnis. 

Mit ihren ernsthaften Versuchen, die behauptete Einheit von Ethik und Ästhetik in einer genauen Lektüre Wittgensteins zu zeigen, verzichteten Ulrike Ramming (Stuttgart) und Marco Bastianelli (Perugia) als einzige auf die Lizenz zum Interpretieren. Gerne hätte man auch gewusst, was Clemens Sedmak (Salzburg) und der bekannte Wittgensteinforscher Kristóf Nyíri (Budapest) Neues zum Thema anzubieten gehabt hätten. Beide mussten leider absagen. Der Berliner Künstler Bernhard Klie erzählte abschließend, wie er zu Wittgenstein gefunden hat. Das war zwar recht sympathisch, eine Privatisierung des Philosophen ist aber anscheinend nur um den Preis der Verharmlosung zu haben.

Es ist bekannt, dass Wittgenstein für die Philosophie als Beruf wenig Verständnis gehabt hat. Es wäre aber interessant zu wissen, wie er auf die Schließung des Institutes für Philosophie an der Universität Passau regiert hätte. Dem Versuch, die Universität wie so viele andere "unter den europäischen Top-Universitäten zu positionieren", muss die Philosophie weichen. Sie wird in Zukunft nur mehr als Magd - nein, nicht der Theologie wie im Mittelalter - sondern für Fächer aus den Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften dienen. Für die neu eingeführte akademische Ausbildung zum "Kulturwirt" hätte Ludwig Wittgenstein allerdings wahrscheinlich nur ein Kopfschütteln übrig gehabt. 

[online: 18/04/2006 - Print: -]

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Autor

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber