Wittgenstein Tagung

Markus Grottke:

"Ethik und Ästhetik sind Eins"

Kunst jenseits der Moral?

VI. Wittgensteinsymposion an der Universität Passau 2006

Einer der rätselhaftesten Sätze Wittgensteins ist wohl jener Satz 6.421 des tractatus logico-philosophicus (TLP), dass Ethik und Ästhetik eins seien. Das Ziel des diesjährigen Wittgensteinsymposions war es denn auch zuvorderst, Licht in diesen Satz zu bringen, indem dessen Aussagegehalt systematisch mit Wittgensteins vereinzelten Äußerungen zu den Themengebieten der Ethik und Ästhetik in Zusammenhang gebracht wurde. Auch wurden Brücken zu anderen philosophisch bedeutsamen Aussagen zu dem Verhältnis von Ethik und Ästhetik geschlagen, welche als deutungsgeschichtlicher Hintergrund dienten. Letztlich gelang es den Vortragenden des Symposions gerade über die unterschiedlichen Herangehensweisen, den möglichen Sinngehalt in durchaus widersprüchlicher Weise zu deuten. 

Der nachfolgende Bericht möchte die Kernaussagen einiger dieser Vorträge - die neben den anderen in Kürze auch in einem Sammelband der Ludwig Wittgenstein-Gesellschaft erscheinen werden - aufgreifen, um dergestalt einen, selbstverständlich unvollständigen, Eindruck von den wissenschaftlichen Ergebnissen des Symposions zu vermitteln. 

Insbesondere drei Vorträge standen hinsichtlich der Deutung des Satzes 6.421 TLP in einem inhaltlichen Zusammenhang: Dies waren die Vorträge von Marco Bastianelli aus Perugia, Konrad Paul Ließmann aus Wien und Allan Janik aus Innsbruck. 

Marco Bastianelli ging diese Äußerung in seinem Vortrag "Das Ethische, das Ästhetische, das Logische: Ihre transzendentale Einheit bei Wittgenstein" mit einer textimmanenten auf logischen Folgerungen aus Textabschnitten aus Wittgensteins Werken aufbauenden Analyse an. 

Ausgehend von Charakterisierungen der Ethik durch Wittgenstein als transzendental folgerte er zunächst, dass dementsprechend auch die Ästhetik transzendental sein müsse, wie das beide mit der Logik insoweit übereinstimmen müssten, da auch diese von Wittgenstein in TLP 6.13 als transzendental gekennzeichnet wurde. Die Verbindung dieser Einheit von Ethik, Ästhetik und Logik in Bezug auf das Charakteristikum des Transzendentalen verband er mit Notizen aus den Tagebüchern v. 24.7.16, in welchen Wittgenstein beschreibt, dass Logik wie Ethik jenseits der Beschreibung der Welt eher als eine Bedingung der Möglichkeit einer solchen Beschreibung fungieren. Hiervon ausgehend deutete Bastianelli die Aussage Wittgensteins, der TLP hätte eine ethische Funktion, dahingehend, dass dieser die Grenzen der Sprache ziehe, welche diese auf nichtethische, aber ebenso nichtlogische und nichtästhetische Tatsachen beschränke. Diese Grenze sorge also gewissermaßen dafür, dass Ethisches, Ästhetisches und Logisches nicht inadäquat beschrieben würden. Es ist nach Wittgenstein das Primat der Logik, die Grenzen der Erkenntnis aufzuzeigen - was jedoch über diese Grenzen hinausgeht: "...darüber soll man schweigen" (TLP 7). 
Wenn jedoch Ethik und Ästhetik neben der Logik, welche sich immer nur zeigt, nicht jedoch sagen lässt, jener transzendentale Charakter zugestanden wird, über welchen man schweigen soll, dann wohl deshalb, weil auch sie sich mit Unsagbarem beschäftigen. Innerhalb der Sprache seien Sätze dieser Kategorien damit unsinnig, da sie etwas versuchten, was nicht möglich sei. Später hat Wittgenstein dies in seinem Vortrag über Ethik einmal ein "von innen an die Grenzen der Sprache anrennen" genannt.

Bei diesem Ergebnis angelangt, wies Bastianelli folgerichtig auf jene Widersprüchlichkeit hin, welche darin liegt, dass - so einst Russell - Wittgenstein in seinem Tractatus doch sehr viel unsinniges und unsagbares von sich gäbe, was seinen Tractatus bei der einem selbstreflektiven Bezug seiner Aussagen auf sich, ebenfalls unsinnig werden ließe. Dies warf die Frage auf, wie dann das Reden über ethisches, ästhetisches und logisches noch möglich sei. Wittgenstein löst dieses Paradoxon, indem er darauf hinweist, dass Sätze wohl unsinnig, aber dennoch sinnvoll sein können, nämlich dann, wenn er auf etwas hindeutet, das jenseits der Grenzen der Sprache liegt. 

Die zentrale Frage zur Charakterisierung von Ethik und Ästhetik bei Wittgenstein war damit jene geworden, wie banaler Unsinn von bedeutungstragendem Unsinn getrennt werden könne. Zur Klärung dieser Frage griff Bastianelli noch einmal auf die Figur der Abgrenzung von innen im Rahmen der Logik zurück:

Die Logik zeichne sich nach Wittgensteins Verständnis dadurch aus, dass sie von der Erfahrung unabhängig sei, d.h. zeige, dass etwas nicht sich so oder so verhalte, sondern so oder so sei (TLP 5.552). Dies aber bedingt ein Gefühl von der Welt als eines begrenzten Ganzen, welches unaussprechlich ist. Es ist dies die Anschauung der Welt sub specie aeternitatis (TLP 6.45). 
Wo aber ist hier eine mögliche Beziehung zu Ethik und Ästhetik fragte Bastianelli. 

Diese Beziehung findet Bastianelli unter Rekurrenz auf weitere Tagebuchnotizen Wittgensteins, welche darauf verweisen, dass das Subjekt es ist, welches der Welt gegenübertritt, und dessen Wille eine Beziehung zwischen sich und der Welt schafft. Erst diese Beziehung ist es, welche die Frage nach dem Sinn der Welt aufwirft. Dieser Sinn ist mithin ein zutiefst subjektiver, in die konkrete Beziehung des Subjekts zur Welt gestellter: "Die Welt ist meine Welt". Dies weiter ausdeutend wies Bastianelli auf Äußerungen Wittgensteins zur Religion hin, welche beschrieben, dass der Antagonismus zwischen den Tatsachen und dem eigenen Willen das Gefühl vermittle, von einem fremden Willen abhängig zu sein (TB 8.7.16). Hier sei auch der Grund zu suchen, dass Wittgenstein einen Lebenssinn mit dem Glauben an einen Gott gleichsetzt (TB, 8.7.16), wie, dass er ein "gottgefälliges Leben" als sinnvoll erachte. Diese Art des Lebens aber führe ähnlich wie die Logik dazu, dass eine neue Betrachtungsweise der Welt resultiere. Auch Wittgensteins Antwort auf die Frage, wie muß ich leben, um in jenen Tagen des ersten Weltkriegs zu bestehen, weist in diese Richtung, denn sie bestand in der simplen Aussage: "Im Guten und Schönen zu leben, bis das Leben von selbst aufhört." (GTB 7.10.14.). Wittgenstein merkt an, dass sich das glückliche Leben von selbst rechtfertige, und es auch automatisch schön sei (TB 30.7.16). 

Diese neue Betrachtungsweise, welche hier resultiert, hat Wittgenstein an anderer Stelle auch damit umschrieben, dass die Welt eines Unglücklichen eine andere Welt sei als jene des Glücklichen (TLP 6.43). Letztlich fasste Bastianelli seine Ergebnisse mit einem entscheidenden Diktum Wittgensteins zusammen: "Das Kunstwerk ist der Gegenstand sub specie aeternitatis gesehen und das gute Leben ist die Welt sub specie aeternitatis gesehen. Dies ist der Zusammenhang zwischen Kunst und Ethik. Die gewöhnliche Betrachtungsweise sieht die Gegenstände gleichsam aus ihrer Mitte, die Betrachtung sub specie aeternitatis von außerhalb. [...] Das Ding sub specie aeternitatis gesehen ist das Ding mit dem ganzen logischen Raum gesehen."

Allan Janik löste in seinem Vortrag "Das Ästhetische im Ethischen und das Ethische im Ästhetischen" seinerseits den Satz von Ethik und Ästhetik, die eines seien, in Richtung der Ethik auf. Nachdem er zunächst darauf verwies, dass Wittgenstein selbst keine klare und eindeutige Aussage zu dem Gehalt dieses Satzes geäußert habe, widmete er sich negativ der Frage, was der Satz zumindest nicht bedeuten könne. Dies sei Janik zufolge zunächst ein Verständnis im Sinne von einer Identität von Ethik und Ästhetik. Vielmehr, so Janik, gehe es um eine wechselseitige Beziehung, das ethische Moment im Ästhetischen et vice versa. 

Was dieses bedeuten könnte, hinterfragte Janik, indem er sich auf die Suche nach Parallelen in der Philosophiegeschichte begab. Diese fand Janik in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles und der phänomenologischen Ästhetik Moritz Geigers.
Nach Aristoteles ist ein sittliches Leben ein schönes und gutes Leben, welches sich durch eine vollkommene Lebensweise auszeichnet. Es ist eine durch wiederholte Handlung konstituierte praktische Einsicht, welche zu individuellen, nicht formal weitergebbaren Regeln führt, welche letztlich die Fähigkeit zur Folge haben, das angemessene und sachgemäße einer Situation zu erkennen. Der in diesem Sinne tüchtige Mensch ist dabei glücklich - gekennzeichnet von der Freude an seiner Tüchtigkeit. Oft vergleicht Aristoteles hierbei den tüchtigen Menschen mit dem Künstler. Auch zieht er Parallelen zwischen Ethik und Ästhetik, wenn er sagt, dass das sittliche Leben zugleich ein schönes Leben darstelle.

Janik wies auf die unmittelbaren Parallelen zu Wittgensteins Erläuterung nach dem Satz Ethik und Ästhetik seien eines hin, wie sie sich in TLP 6.422 findet, und die insbesondere besagt, dass Ethik eine besondere Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe impliziere, welche in der ethischen Handlung selbst lägen, wobei der ethische Lohn etwas angenehmes, die ethische Strafe etwas unangenehmes sei. Auch Aristoteles parallelisierte hier ethische und ästhetische Komponenten, wenn er darauf hinweist, dass die Freude bzw. das Glück des Tüchtigen als die Freude an seiner Tüchtigkeit zu definieren sei.
Janik thematisierte noch zahlreiche weitere Parallelen, welche noch der genauen Erforschung bedürften, wie z.B. die Gemeinsamkeit, die zwischen dem Gedanken der Abrichtung bei dem späten Wittgenstein und der steten Übung (=Abrichtung) des Menschen zur praktischen Einsicht bei Aristoteles besteht, oder jene zwischen Wittgensteins Auffassung, dass es unmöglich sei, nicht unsinnig über Ethisches zu reden und der privativen nicht vermittelbaren Erkenntnis des ethischen Handelns bei Aristoteles.

Geiger wiederum betonte Janik zufolge das ethische Moment in der Ästhetik. Ausgehend von der Frage, wie man Dilettantismus von ästhetischer Erfahrung scheiden könne, unterscheidet Geiger zunächst die Innenkonzentration, welche Kunst wie ein (dionysisches) Rauschmittel, als ein Mittel zum Zweck der Selbstentzückung auffasst von der (appollinischen) Außenkonzentration, welche sich auf die Form des dargestellten Kunstwerkes konzentriert. Die Innenkonzentration fokussiert mithin die subjektiv empfundene Wirkung des Kunstwerkes, während die Außenkonzentration das Kunstwerk an sich ins Blickfeld zieht. 

Es ist die Außenkonzentration, über welche Janik die Brücke zu Wittgenstein schlug. Diese impliziere, so Janik, das Lernen von einem Kunstwerk und ermögliche auf diese Weise die Gewinnung einer praktischen Einsicht, vergleichbar mit einer Katharsis anhand der Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk. Da man damit das Kunstwerk, nicht aber sich in den Mittelpunkt stellt, überwindet man seinen Hang zum Egoismus - Ethik und Ästhetik werden eines. Hierbei verwies Janik auf Äußerungen Wittgensteins in den Kriegstagebüchern, in welchen er auf die Perspektive verweist, ob man sich z.B. mit dem Ofen als einem Objekt unter vielen befasst, oder mit selbigem als einem Objekte, neben dem alles verblasse. Janik erklärte dies dadurch, dass der Ofen eines unter vielen sei, wenn man die eigene Perspektive nicht verlässt, die das viele zusammenfasst, jedoch nur dieses eine, wenn man die Perspektive des Ofens als eine ausschließliche einnehme. Gerade für diese Form der Außenkonzentration aber sei der persönliche Wille entscheidend, ebenso wie dies bei der Ethik der Fall ist. Damit kam Janik zur Kernaussage seines Vortrages, nämlich dass es die Einstellung (die ja immer auch eine ethische ist) ausmacht, ob Kunst zur Kunst wird. Gerade der unethische Vorgang, der mit Kant gesprochen, das Kunstwerk als Mittel zum Zweck erscheinen lässt, z.B. aus Prestige, Macht oder finanziellen Gründen, zerstöre die Kunst in ihrer Besonderheit, bzw. nehme diese nicht wahr. 

Konrad Paul Ließmann wählte in seinem Vortrag "Prügel für Wittgenstein? Nietzscheanische Reminiszenzen zum Verhältnis von Kunst und Moral"einen zu Janik exakt entgegengesetzten Zugang einer Auflösung der Ethik in der Ästhetik. 
Im Rückgriff auf Nietzsche konstatierte er zunächst, dass sich Ethik und Ästhetik philosophisch nicht zusammendenken ließen. Bei Nietzsche sei die Kunst jenes Moment, welches das Grauenvolle, die Absurdität des Daseins in ein lebenswertes zu verwandeln vermöge. Die Kunst sei damit in den Dienst des Willens zum Leben gestellt. Es sei dies eine Welt ohne Ethik, in der die Kunst jenen Ort sub specie aeternitatis verspricht, von welchem aus Leben erst möglich wird. Nur aus einer ästhetischen Perspektive heraus könne die Welt hier noch gerechtfertigt werden. Diese Perspektive lasse aufgrund ihrer künstlerischen Ganzheit die Differenz zwischen Gut und Böse aus der Distanz heraus verschwinden: Das Ethische wird im Ästhetischen aufgehoben. Nietzsche setzt damit das Ästhetische nicht mit sondern anstatt des Ethischen als Rechtfertigungsinstanz in Szene. Nur, wenn die Welt als ein ästhetisches Phänomen betrachtet würde, könnte man, so Ließmann, noch von einer Haltung sprechen, welche nach Wittgenstein ethisch genannt werden könnte. So kommt Ließmann zu einer an Schopenhauer angelehnten Auslegung des bereits von Janik herangezogenen Satzes vom Ofen: Es ist nicht eine Eigenschaft der Dinge, welche diesen ein ästhetisches Moment zukommen lässt, sondern vielmehr eine Einstellung zu den Dingen. Erst diese Einstellung vermag es, den Blick für jenes Nichtsagbare im Sagbaren zu öffnen. Der Sinn des Lebens liege insofern, so Ließmann, im Ästhetischen, das Ethische erweise sich als ein ästhetisches Phänomen und als solches liege es sub specie aeternitatis außerhalb der Welt, sei nicht sagbar und darum transzendental. Allerdings sei dies nicht im Sinne einer Einheit von Gutem und Schönem zu verstehen, sondern vielmehr so, dass das Ethische Ansichtssache des einzelnen, sich zur Welt verhaltenden Subjektes ist.

Anschließend thematisierte Ließmann auf der Suche nach weiteren Parallelen zwischen Nietzsche und Wittgenstein das ethische Problem unlösbarer Konflikte und Wittgensteins lapidaren Kommentar zu einem dieser: "Gott sei mit Dir". Nach Ließmann bedeutete dieser Kommentar auch, dass es nicht darum gehe, das moralisch Richtige zu tun - da dieses nicht ermittelbar war - sondern jenes, wozu einem die Kraft bliebe. Auch hier machte Ließmann ein weiteres Mal nietzscheanische Aspekte fest. Nietzsche betont, dass der kreative Schöpfer nicht an weltliche Moral oder konventionalisierte Schönheitsbegriffe gebunden, sondern aus roher ungebändigter Vitalität zum Schaffen bereit sei. Auch Wittgenstein hat das wilde Leben, das wilde Tier als ein bisweilen sogar notwendiges Moment von Kunst betont, hob Ließmann mit Verweis auf die Vermischten Bemerkungen hervor. Auch jene Geschichte, der zufolge Wittgenstein in einem Gespräch über einen grausamen Kunstbewunderer, welcher den Künstler blenden ließ, dessen "wunderbare Art, seine Bewunderung auszudrücken" rühmte, scheint anzudeuten, dass Wittgenstein die Identität von Ethik und Ästhetik in nietzscheanischer Weise aufgefasst haben könnte. Dass Wittgenstein sich hier an Nietzsche angelehnt haben könnte, versuchte Ließmann auch noch an anderer Stelle zu belegen, nämlich an jener, in der Wittgenstein betont, dass es Probleme gäbe, an welcher er nicht herankäme, die aber auch kein anderer Philosoph je angegangen sei und so setzt Wittgenstein in Klammern hinzu: "vielleicht ist Nietzsche an ihnen vorbeigegangen." 

Und so blieb auch ein entsprechendes Unbehagen bei den Zuhörern: War hier Kunst tatsächlich jenseits des moralischen angelangt?

Betrachtet man die drei dargestellten Vorträge im Vergleich, so fällt auf, dass sie eine Gemeinsamkeit aufweisen, nämlich jene, Ethik wie Ästhetik jenen Standpunkt sup specie aeternis zuzugestehen, jedoch ansonsten geradezu gegensätzliche Positionen der Deutung des TLP 6.431 gaben, denn so gab Janik der Ästhetik eine ethische Färbung, löste Ließmann die Ehtik gar in der Ästhetik vollends auf und verwies Bastianelli. Man war unwillkürlich versucht, das Bild der Familienähnlichkeiten für den Bedeutungsgehalt der Vorträge heranzuzeiehen, die sich partiell auf gleiche Textstellen beriefen, aber dann doch einen jeweils ganz anderen Kontext durch andere Textstellen hervorriefen, welcher erheblichen Einfluß auf den Deutungsgehalt nahm.

Eine letztlich auf völlig andere Aspekte abstellende Argumentation hinsichtlich des Verhältnisses von Ethik und Ästhetik nahm Stefan Majetschak in seinem Vortrag "Kunst und Kennerschaft - Der Begriff der "ästhetischen Erklärung" in WittgensteinsVorlesungen über Ästhetik" ein. 

Zwar bestätigte auch er zunächst jenen Aspekt, um den sich bis dato alle anderen Vorträge gedreht hatten, nämlich, dass Wittgenstein jener Blickwinkel sub species aeternitatis relevant gewesen sei insofern, als dass der frühe Wittgenstein der Auffassung gewesen sei, dass die Künste den Menschen etwas (ethisch bedeutungsvolles) zu lehren imstande gewesen seien. Glücklich, als einen ethisch wünschenswerten Zustand erreichend werde man hier, da man durch das Kunstwerk eine Position einnimmt, welche es ermöglicht, in Übereinstimmung mit den Tatsachen der Welt als ethisch erträglichen bzw. akzeptablen zu leben.. Dabei ist es die Perspektive, welche dem Kunstwerk gewissermaßen die ganze Welt als Hintergrund zeichnet und so zu einer ethisch entlastenden Perspektive auf die Welt hinführt.

Majetschak nutzte allerdings diese Ausführungen lediglich, um den mehr oder weniger deutlichen Kontrast dieser Auffassung des frühen Wittgenstein mit jener des späten Wittgenstein zu konfrontieren, welche dem Vortragenden zufolge eher dahingehend zu deuten sei, dass ein Kunstwerk keinerlei ethischen Bezug aufweisen müsse. Zur Darstellung dieser griff er vor allem auf die Vorlesungen Wittgensteins zur Ästhetik zurück, wie sie von seinen Studenten überliefert wurden.
In diesen wies Wittgenstein zunächst darauf hin, dass weniger Kategorien wie "schön" oder "gut" eine Rolle spielten, sondern eher solche wie "richtig" oder "falsch". Insbesondere, so Wittgenstein, sei es in diesem Kontext notwendig, sich darüber klar zu werden, dass die ästhetischen Begriffe, die verwandt werden, Lebensweisen beschreiben, deren Kenntnis in unseren kulturell tradierten Wissenshorizonten anzutreffen ist. Wittgenstein spezifizierte dies, indem er bei Aussagen wie "richtig", "so muss es sein" bemerkte, dass diese Regelkenntnisse voraussetzen, die eine entsprechende Beurteilung ermöglichen. Diese Regeln beschreibt Wittgenstein als die ästhetischen Wünsche einer Epoche oder Kultur, auf deren Gebrauch die Personen des jeweiligen Kulturkreises bei dem Erlernen der jeweiligen Sprachspiele abgerichtet wurden.

Offensichtlich impliziert ein solches Verständnis, dass seitens eines Kenners dieser Kultur eine gewisse Vertrautheit mit dem entsprechenden kulturellen Regelset vorhanden ist.

Allerdings sind derartige Regeln nicht hinreichend, um den Kenner von Kunst zu identifizieren, liegen doch häufig Regeln vor, welche gar nicht erkennbar sind. Doch auch diese sind gewissermaßen implizit wirksam, nämlich indem sich bestimmte Muster oder Formen von Sprachspielen in diesen spiegeln. Wittgenstein weist darauf hin, dass die Identifikation derartiger Regeln beinahe unmöglich ist, da man hierfür gewissermaßen ihren gesamten Kontext, d.h. eine ganze Kultur zu beschreiben hätte. 
Da, so Majetschak, in der Regel zumindest in der europäischen Kultur der Kenner vom Dilettanten unterscheidbar sei, bedürfe diese Definition des Kenners von Kunst jedoch noch eines anderen Zugangs, nämlich jenes des sogenannten Aspektsehens, welches Wittgenstein in seinen philosophischen Untersuchungen beschreibt. Der Kenner ist insofern Majetschak zufolge jener, welcher einen neuen Aspekt an einem Kunstwerk aufleuchten lässt, dessen Möglichkeit zwar in dem Kunstwerk angelegt war, der jedoch nur erkannt werden konnte, nicht aber mußte. Dieser Aspekt gewinnt seine Bedeutung gewissermaßen anhand einer internen Relation zwischen dem Kunstgegenstand und dem Kontext, in welchen der Kenner diesen stellt. Hierfür bedarf der Kenner zunächst einmal der Phantasie, den Kunstgegenstand in verschiedene sinnvolle Kontexte zu plazieren. Dass ein Kontext sinnvoll erscheint, kann wiederum dadurch begründet werden, dass durch ihn die besagten kulturellen Paradigmata aufgegriffen werden und dadurch er überzeugt, denn überzeugen muß die Erklärung des Kenners - gibt es doch nach Wittgenstein in Bezug auf ästhetische Urteile kein anderes Kriterium der Klassifikation als Akzeptanz.

Majetschaks Vortrag war ein willkommener Kontrast, da er verdeutlichte, wie sehr die Kriterien für das Erkennen von Kunst willkürlich sind und auf kulturellen Konventionen, Sprachspielen, ja Lebensformen beruht, welche - hier korrelierte er mit anderen Referenten - die Einstellung des die Kunst betrachtenden ebenso bedingen, wie dessen individuelle Subjektivität. 

Insofern war der letzte in diesem Bericht besprochene Vortrag, jener von Marcus Steinweg "Wahrheitsberührung als Lebensform" insbesondere darum bemerkenswert, weil er zum ersten mal jenen Standpunkt des sub species aeternitas existenziell und subjektiv spürbar werden ließ, indem er an die Grenzen dessen ging, was innerhalb einer Lebensform als Position außerhalb dieser durch das einzelne Subjekt einnehmbar ist. Dies warf ein neues, entscheidendes Licht auf die Ausführungen Wittgensteins zu Ethik und Ästhetik. 

Steinweg charakterisierte die Lebensform treffend als jenes, was dem Frage-Antwort-Spiel vorausginge und welches folglich für seine Charakterisierung eines Immanenzdenkens bedürfe, welches dennoch fähig sei, das ihm heterogene Transzendente zu erfassen.

Gemäß dem Titel seines Vortrages begann Steinweg mit der Näherung an dessen Begrifflichkeiten, welche er wechselseitig auseinander zu erschließen trachtete. Bereits seine Wahrheitsdefinition mutete zunächst äußerst ungewöhnlich an: Wahrheit sei die Grenze jeglicher Lebensform, welche der Lebensform selbst angehöre. Er erläuterte dies dahingehend, dass Wahrheit jenes sei, welches den normalen Ablauf der Lebensform (ver)störe, und so eine Unterbrechung evoziere, welche die Vertrautheit der Lebensform in Unvertrautheit wandelt. Entsprechend sei Wahrheitsberührung nichts anderes, als dass sich ein Subjekt dieser Unterbrechung bewusst wird und damit aus seiner Lebensform herausfällt.

Gerade das Bewusstsein dieser Differenz zwischen dem normalen Ablauf innerhalb der Lebensform und dem Herausfallen in das nicht der Lebensform gemäße sei es, welches sich in gleicher Weise in Bezug auf das dichotome Verhältnis von Ethik zu den Tatsachen verhalte, da auch die Fakten sich als mit der Ethik unvereinbar darstellen. Jener Moment war von anderen Referenten auch in dem Auseinanderfallen zwischen Sagbarem und Unsagbarem anzutreffen gewesen. Steinweg weist auf eine vermischte Bemerkung Wittgensteins hin: " Das Gute liegt außerhalb des Tatsachenraumes."

Das Subjekt teilt sich die Tatsachenwelt, den Raum der Sprache mit anderen Subjekten. Entscheidend ist jedoch, dass das Subjekt nicht nur hieran teilhat, immer auch die Grenze dieses Raumes markiert, welcher nicht in der Gemeinschaft aufgeht. 
Eine weitere Parallele zieht Steinweg, um diese Grenze der Lebensform und jenes jenseitige der Grenze zu verdeutlichen, nämlich jene der Vertrautheit der Lebensform und dem Tier, welches in seiner Animalität von Integrität, Ehrlichkeit und Sittlichkeit gekennzeichnet ist. Das Jenseitige wäre hier eine Lüge des Tieres, etwas Entgleisendes, welches die eigene Lebensform zum Gegenstand der Reflexion werden lässt, in der das Subjekt sich außerhalb der Lebensform, jenseits der Grenze wieder zu finden, um dort jedoch in das blanke Nichts gestellt zu sein. Denn auch von der Grenze aus erfasst man die Ethik nicht, zumindest nicht mit Fakten.

Betrachten wir noch einmal den Titel, den Steinweg seinem Vortrag verlieh: "Wahrheitsberührung als Lebensform." Es wird deutlich, dass dieser Titel nichts anderes darstellen sollte, als eine Metapher für Wittgenstein, dessen Lebensform durch ebendiese Wahrheitsberührung, jene Bewusstmachung der Grenzüberschreitung zu den Welten des Undenkbaren durch das Abschreiten der Welt des Denkbaren gekennzeichnet war.

[online: 17/04/2006 - Print: -]

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