| Interview |
Die
gängigen Interpretationen der Wahrheitstheorie des „Tractatus“, wie z.B. die Korrespondenztheorie oder
eine semantisch / deflationäre Wahrheitstheorie, sollten Ihrer Ansicht nach dahingehend korrigiert werden, dass es sich dabei um eine „Bestehenstheorie der Wahrheit“
(obtainment-theory) handelt, die eine strikte Trennung von Sinn und Wahrheit
impliziert. Können Sie Ihren Interpretationsvorschlag nochmals erläutern?
Für
Wittgenstein ist entscheidend, dass ein Satz in beiden Verhältnissen zur
Wirklichkeit stehen kann. Ein Satz muss so gestaltet sein, dass es möglich ist,
dass er wahr ist, aber auch möglich,
dass er falsch ist. Was die Erklärung der Wahrheit anbelangt, vertrete ich die
These, dass es im Tractatus keine
wahrmachende Relation gibt. Ein Satz ist genau dann wahr, wenn er einen bestehenden
Sachverhalt abbildet. Die Abbildungsrelation unterscheidet aber nicht einen wahren
von einem falschen Satz, da auch der falsche Satz einen möglichen Sachverhalt
abbildet. Der Unterschied zwischen einem wahren und einem falschen Satz besteht vielmehr im Bestehen oder
Nichtbestehen des abgebildeten Sachverhalts. Wir müssen zwei verschiedene
Auffassungen von Korrespondenz unterscheiden. Die erste Auffassung von Korrespondenz
ist die, dass ein wahrer Satz in einer
Beziehung zu der Tatsache steht, die er abbildet, und ein falscher Satz in einer anderen Beziehung zu der Tatsache,
die er abbildet. Stimmte das, dann wäre der Unterschied zwischen wahr und
falsch analog zu dem zwischen dem Lieben und Hassen ein und derselben Person.
Um es metaphorisch auszudrücken: der wahre Satz liebt, seine falsche Negation
hasst ein und dieselbe Tatsache. Dieses Modell ist nach Wittgenstein unhaltbar.
Vielmehr entspricht der Unterscheid zwischen einem wahren und einem falschen
Satz dem zwischen einem verheirateten Mann und einem Junggesellen. Beim wahren
– aber nicht beim falschen Satz – gibt es eine Tatsache,
die er abbildet, so wie es bei einem Ehemann – aber nicht bei einem Junggesellen
– eine Person gibt, mit der er verheiratet ist.
Sie treten für eine weit größere Kohärenz zwischen dem
frühen und späten Wittgenstein in Bezug auf die Wahrheitsauffassung ein, als
gemeinhin angenommen wird. Sie kritisieren dabei die gängigen Interpretationen
der Wahrheitsauffassung, wie beispielsweise die Konsenstheorie, kontextunabhängige,
pragmatische oder idealistische Wahrheitstheorien usw. Können Sie Ihre These
nochmals erläutern?
Ich
plädiere für eine größere Kontinuität im Denken des frühen und späten Wittgenstein
im Gegensatz zu den Interpreten, die denken, der frühe Wittgenstein sei ein Realist
und habe eine Korrespondenztheorie, und der späte Wittgenstein hingegen sei ein
Antirealist, er habe eine Kohärenztheorie oder eine pragmatische Theorie. Die
Idee der Abbildung bleibt im Spätwerk nicht bestehen. Was aber bestehen bleibt,
ist die Idee, dass es zwei Elemente braucht, um die Wahrheit eines Satzes zu erklären: wir brauchen ein
semantisches Element, nämlich ein wahrer Satz muss sagen, dass sich etwas so
und so verhält, und ein deflationäres Element, das man beim frühen Wittgenstein
das Bestehenselement nennen würde, nämlich das, was der Satz sagt, ist auch der
Fall. Die Dinge sind so, wie der Satz es sagt.
Wäre nun die Wahrheitsauffassung beim späten
Wittgenstein von jedem Kontext losgelöst? Lässt sich diese Wahrheitsauffassung
des späten Wittgenstein nur an empirischen Sätzen festmachen? Wie sieht es
beispielsweise mit dem Problem der notwendigen oder religiösen Wahrheiten aus?
Wittgenstein
hat nicht beabsichtigt, mit seiner Wahrheitskonzeption diese Art von Sätzen zu
erfassen, weil er nämlich Zeit seines Lebens diese nicht für voll wahrheits-
oder falschheitsfähig hielt. Er fasste sie nicht als Beschreibungen auf, sondern hielt die notwendigen Wahrheiten für
„grammatische Sätze“, Ausdrücke von Regeln, und die religiösen Sätze für
Ausdrücke der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Lebensform oder
Kultgemeinschaft.
Blenden Sie hierbei nicht den Aspekt der Lebensform
aus? Könnten andere Lebensformen den Wahrheitsbegriff nicht viel weiter fassen,
als Sie es tun?
Hier
müssen wir mit Wittgenstein zwischen zwei Bereichen unterscheiden, dem von Sinn
und Bedeutung auf der einen Seite, dem von Wahrheit und Tatsachen auf der
anderen. Ganz klar ist, dass im Bereich der Bedeutung bei Wittgenstein ein
pragmatisches, relativi-stisches und anthropozentrisches Element mit hereinspielt.
Bedeutung wird konstituiert durch menschliches Handeln, und welche Bedeutung
wir unseren Zeichen verleihen, kann uns die Wirklichkeit nicht vorschreiben;
die verschiedenen Sprachgemeinschaften oder Lebensformen operieren mit mehr
oder weniger verschiedenen begrifflichen Systemen. Also Sprachen, die sich
nicht auf der Oberfläche unterscheiden, wie sich z. B. Deutsch von Englisch unterscheidet,
sondern ganz unterschiedliche Weisen, die Welt zu kategorisieren, sind nicht
nur möglich, sondern laut dem späten Wittgenstein auch tatsächlich vorhanden.
Aber all das bestimmt nur, welche Aussagen sich in verschiedenen Sprachsystemen
formulieren lassen. In einem System, das z. B. andere Farbbegriffe hat als das
unsere, lassen sich andere Aussagen formulieren; ob diese Aussagen nun wahr
oder falsch sind, hängt nicht mehr von dem System, dem Sprachspiel oder der
Lebensform ab, sondern nur davon, ob sich die Dinge so verhalten, wie der Satz
es behauptet. Was der Satz behauptet, ist kontextabhängig; ob das, was der Satz
behauptet, wahr oder falsch ist, ist nicht kontextabhängig.
Es gibt
eine sehr schöne Metapher, um diese Position zu charakterisieren, nämlich das
im Tractatus verwendete Bild des
Netzes: die Fischer können bestimmen, welche Art des Netzes sie verwenden, wie
groß die Maschen bzw. wie sie geformt sind. Die Beschaffenheit des Netzes
bestimmt, welche Art der Fische sie fangen können. Mit einem großmaschigen Netz
lässt sich etwa keine kleine Makrele fangen. Aber welche Fische sie in der Tat
fangen, hängt nicht vom Netz der Fischer ab, sondern davon, was sie im Meer
finden.
Genauso
verhält es sich mit der Zweiteilung von Bedeutung und Wahrheit. Welche Aussagen
ich machen kann, hängt vom Sprachsystem ab, aber ob diese Aussagen dann wahr
oder falsch sind, hängt davon ab, ob es sich so verhält, wie die Aussage es
behauptet.
Möchte nicht Wittgenstein in seinem Spätwerk, um bei
Ihrem Bild zu bleiben, auf die Verschiedenartigkeit der Netze aufmerksam
machen? Ist ihm der Aufweis der unterschiedlichen Kontexte gegen eine eindimensionale
Sichtweise und einen Methodenuniversalismus eines einzigen Zugangs nicht viel
wichtiger als die Hervorhebung der von Ihnen dargestellten Wahrheitsauffassung?
Ich gehe
davon aus, dass Wittgenstein diese fundamentale Unterscheidung zwischen Sinn /Bedeutung
und Wahrheit/Tatsachen aufrechterhält – eine Unterscheidung, die z. B. Quine vehement bestritten hat. Wittgenstein
hat Ansätze geliefert, die der Quine’schen Kritik meines Erachtens nicht zum
Opfer fallen. Wenn wir diese Unterscheidung akzeptieren, so liegt das
Fruchtbare Wittgensteins darin, dass er beide Bereiche angemessen
charakterisiert. Was den Bereich der Wahrheit anbelangt, läuft das – grob gesprochen
– auf die deflationäre Einsicht hinaus, dass ein Wahrheitswertträger wahr ist,
genau dann, wenn die Dinge sich so verhalten, wie der Wahrheitswertträger es
behauptet. Wenn es um den Sinn oder die Bedeutung geht, wäre die wahre Einsicht
festzuhalten, dass Sinn oder Bedeutung z. B. keine mentalen Vorgänge sind oder
abstrakte Entitäten, sondern durch menschliches Handeln konstituiert werden.
Bis dahin stimme ich mit Wittgenstein völlig überein. Was seinen Relativismus anbelangt,
nämlich die stärkere Behauptung ins Feld zu führen, dass es fast beliebig viele
Möglichkeiten gibt, die Welt begrifflich und d. h. bei Wittgenstein sprachlich
zu erfassen, halte ich das für eine hochinteressante These, die Wittgenstein
mit herrlichen Beispielen zu belegen versucht, aber sie ist zurecht kontrovers.
Davon bin ich viel weniger überzeugt.
Auf die
Frage, wo denn Wittgensteins Denken fruchtbarer war, denke ich, dass das, was
er zum Wahrheitsbegriff gesagt hat, genauso fruchtbar ist wie das, was er zum
Lebensformrelativismus gesagt hat, denn meines Erachtens war Wittgenstein der
erste, der eine deflationäre
Auffassung von Wahrheit vertreten hat. Es finden sich zwar auch Ansätze bei
Frege, aber Frege war auch der Ansicht, dass sich der Begriff der Wahrheit
nicht definieren lässt. Ich bin hingegen der Meinung, dass der Begriff der
Wahrheit einer der wenigen
philosophisch wichtigen Begriffe ist, die sich definieren lassen. Eine solche
Definition muss auf die Äquivalenz von „es ist wahr, dass p“ und „p“ zurückgreifen,
und alle im weitesten Sinne deflationären Ansätze haben meiner Ansicht nach von
Wittgenstein direkt oder indirekt gelernt, wie z. B. Frank Ramsey oder Wolfgang
Künne. Das mag – im Vergleich zu den Ausführungen zu Lebensformen und
Methodenpluralismus – weniger aufregend sein, ist aber genauso fruchtbar, und
es stimmt.
Wo würden Sie den konstruktiv-kritischen Beitrag von
Wittgensteins Spätphilosophie für die analytische Philosophie sehen? Übt nicht
Wittgenstein gerade in den „Philosophischen Untersuchungen“ eine grundsätzliche
Kritik an der analytischen Philosophie?
Wittgensteins wichtigster Beitrag zur Philosophie war
es wohl, die Aufmerksamkeit auf die Eigenheiten begrifflicher Fragen gelenkt
und daraus die Einsicht gewonnen zu haben, dass die Probleme, die Philosophen
wirklich kompetent angehen können, letztlich begriffliche, d. h. sprachliche
Probleme sind. Ich glaube, dass seine Beiträge zum Begriff der Bedeutung und
der Sprache letztlich bedeutender sind als seine Beiträge zum Begriff der
Wahrheit. Das, was grob vereinfachend als die Gebrauchstheorie der Bedeutung bezeichnet
wird, halte ich für ein Gebiet, in dem man an Wittgenstein anknüpfen muss, ihn
aber nicht nur nachbeten sollte. Auf diesem Feld möchte ich in Zukunft weiter
arbeiten. Für mich ist sowohl der frühe als auch der späte Wittgenstein ein
analytischer Philosoph, wenngleich ein besonders bunter und exotischer – aber
es müssen ja nicht alle analytischen Philosophen langweilig sein...
Was verstehen Sie unter analytischer Philosophie? Ist
Ihr Verständnis von analytischer Philosophie ohne inhaltliche Einschränkung,
oder lässt sie sich historisch, institutionell oder methodisch fassen?
Das ist
eine interessante Frage, der ich mich in meinem nächsten Buch What is analytic philosophy? widmen
möchte. Meiner Ansicht nach sind alle Versuche, die analytische Philosophie auf
eine bestimmte Lehrmeinung – und sei sie noch so allgemein – zu reduzieren,
viel zu eng. Die Vorstellung, Philosophie habe es primär mit Sprache zu tun,
durch die Dummett die analytische Philosophie definiert, greift nicht nur bei
der jüngeren analytischen Philosophie zu kurz, die den linguistic turn wieder rückgängig machen will, sondern bereits bei
Russell oder Moore. Diese inhaltlichen Definitionen sind zu eng;
methodologische Definitionen sind jedoch oft zu weit. Føllesdal z. B.
behauptet, die analytische
Philosophie zeichne sich durch die Bemühung um vernünftiges Argumentieren aus.
In diesem Fall wäre ein Großteil der Philosophie analytisch und dieser Begriff
verlöre an Schärfe. Denn der Versuch, grundlegende Fragen rational und nicht
unter Verweis auf Dogmen oder mystische Eingebungen anzugehen, zeichnet die
Philosophie seit Thales aus und unterscheidet sie von der Religion. Deswegen
bin ich für einen historischen Begriff der analytischen Philosophie. Der allein
reicht aber auch nicht aus, denn es gibt ja auch Einflüsse zwischen analytischer
und nicht-analytischer Philosophie, z. B. zwischen Schopenhauer und Wittgenstein,
Marx und Jerry Cohen, Hegel und McDowell. Daher braucht man gewisse Merkmale,
um manche Figuren, die in diesem Netz eine Rolle spielen, ausschließen zu
können. Und da möchte ich gerne den Wittgenstein’schen Begriff der
Familienähnlichkeiten verwenden. Bei sehr vielen analytischen Philosophen
findet sich beispielsweise der Gedanke der Analyse im weitesten Sinn, nämlich
der Versuch, Begriffe zu erklären und Aussagen zu paraphrasieren, sei es nun
durch die Mitteln der formalen Logik, sei es durch die Beschreibung der
normalen Sprache. In beiden Fällen geht man philosophische Probleme so an, dass
man die Fragestellungen und die Antworten genauer zu verstehen und zu klären
versucht. Ich behaupte nicht, dass sich dem alle analytischen Philosophen
anschliessen würden, aber diese Definition erfasst Quine genauso wie Wittgenstein.
Ich glaube,
dass die formallogische Analyse ihren Platz hat, dass aber auch eine eher
pragmatistisch orientierte Analyse wichtig ist. Mein Bestreben in der
Sprachanalyse ist es, diese beiden Ansätze zusammenzubringen, wobei ich sicherlich
viel mehr der pragmatistischen Richtung zuneige.
Es gibt
neben der logischen bzw. begrifflichen Analyse auch noch andere Parameter, die
in diesem Gewebe von Familienähnlichkeiten eine Rolle spielen, nämlich die der
Klarheit und des rationalen Argumentierens. Ich hoffe zu zeigen, dass man, wenn
man den historischen mit dem Ansatz der Familienähnlichkeiten verbindet, die
beste und fruchtbarste Bestimmung der analytischen Philosophie erhält.
Es ist
interessant, dass jeder analytische Philosoph eine Meinung zu dieser Frage hat,
was analytische Philosophie ist, aber die wenigsten denken, dass man sich zu
diesem Thema im Ernst schriftlich äußern sollte.
Es gibt
zwei Arten von Büchern auf diesem Gebiet: eine Art sind Einführungen in die
analytische Philosophie oder ihre Teilgebiete; die andere Art sind Bücher zu
den historischen Ursprüngen der analytischen Philosophie. Was ich in meinem
Buch erstmals machen möchte, ist unter Berücksichtigung der historischen Fragen
zu klären, worauf denn diese Unterscheidung zwischen analytischer und
nicht-analytischer Philosophie, z. B. der kontinentalen Philosophie, heute hinausläuft. Ist das noch eine
fruchtbare Unterscheidung, wenn ja, worauf beruht sie, und was sind ihre
philosophischen und kulturellen Folgen?
Was
Wittgenstein anbelangt, muss man sagen, dass ich mich ihm von einer analytischen
Seite her annähere. Mir ist völlig bewusst, dass es andere Herangehensweisen an
Wittgenstein gibt, da er ein unheimlich vielseitiger und einfallsreicher Denker
war. Ich möchte also nicht sagen, das ist das einzige, was man von Wittgenstein
lernen kann, aber ich halte es nicht nur für eine legitime, sondern auch für
die fruchtbarste Herangehensweise.
Das heißt, Sie würden die analytische Interpretation
des gesamten Werkes von Wittgenstein als die fruchtbarste
Herangehensweise bezeichnen?
Ja – das ist die beste Herangehensweise, davon kann
man am meisten lernen, aber das soll nicht andere Herangehensweisen ausschließen.
Was wirklich notwendig ist, ist die Wittgenstein’schen Denkformen mit denen der
Hauptströmungen der analytischen Philosophie zu verknüpfen, da die analytische
Philosophie großen Schaden leidet, wenn sie die Gedanken Wittgensteins
ignoriert. Einerseits können die Scholastik und der Dogmatismus der
analytischen Philosophie durch die Einführung Wittgenstein’scher Denkbewegungen
aufgebrochen werden; andererseits können die Wittgensteinianer nur davon
profitieren, wenn sie die klar formulierten Herausforderungen und Einwände, die
es gegen ihre Philosophie gibt, ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen.
Man muss von der Position abkommen, Wittgenstein entweder nur zu verehren oder
total abzulehnen. Die Anstöße Wittgensteins müssen in neue Ansätze eingebaut
werden, ohne diese Inspirationsquelle misszuverstehen.
Andreas Roser: Wittgensteins Nachlass auf CD-ROM
Hans-Johann Glock ist Professor an der University of Reading (England). Mit ihm sprach Matthias Flatscher (Universität Wien).
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| Mit Urteil vom 12.
Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Einbindung eines
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