Kapitalismuskritik

Fritz Reheis:

Ökologie der Zeit

Der Terminus "Ökologie" bezeichnet die Lehre von den Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und ihren Umwelten. Unter den vielfältigen Wortverbindungen mit "Ökologie" findet sich u.a. die "Landschaftsökologie", deren Ziel es ist, diese Wechselwirkungen in Hinblick auf die Dimension des Raumes zu untersuchen. Was aber ist eine "Ökologie der Zeit"? "Die Zeitdimension", so die Grundannahme der Ökologie der Zeit, "hat für das Verständnis der Stellung des Menschen in der Natur und der von ihm geschaffenen Kultur (einschließlich Technik und Wirtschaft) eine zentrale Bedeutung. Die "’ökologische Krise’ ist dadurch mitverursacht, dass dies bisher nur unzureichend beachtet wird." (Held/Geißler 1995, S. 194). Die theoretische Einbeziehung der Zeitdimension in die Untersuchung von Wechselwirkungen will unterschiedliche natur-, sozial- und geisteswissenschaftliche Disziplinen zusammenführen, Anschlüsse zwischen bisher getrennten Diskursen stiften und so in Hinblick auf die individuelle und kollektive Praxis letztlich angemessene Zeitmaße für den Umgang sowohl mit der natürlichen und kulturellen/sozialen Umwelt wie auch mit der körperlichen und psychischen Innenwelt des Menschen begründen. Konkretes Ziel ist die Konzipierung einer ökologisch-sozialen Zeitpolitik.

Die theoretischen Wurzeln der Ökologie der Zeit sind vielfältig, die eigentliche Initiative zu diesem Projekt kommt von dem Münchner Pädagogen Karlheinz A. Geißler und dem Tutzinger Wirtschaftswissenschaftler Martin Held. Sie gründeten Anfang der 90er Jahre an der Evangelischen Akademie Tutzing eine sogenannte Zeitakademie, in der sie zusammen mit einer Gruppe weiterer Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter v.a. dem Freiburger Chemiker Klaus Kümmerer, jährlich eine Experten-Tagung veranstalten, jeweils einen Sammelband herausgeben und die Ergebnisse in den politischen Prozess einbringen, z.B. durch Mitarbeit in der Enquête-Kommission des Bundestages "Schutz des Menschen und der Umwelt". Es liegen bisher Buchveröffentlichungen zu den Themen "Zeitmaße", "Rhythmen", "Nonstop-Gesellschaft" und "Medien" sowie verschiedene Themenhefte der Zeitschrift Politische Ökologie über "Bodennutzung", "Landwirtschaft", "Ernährung" und "Wohlstand" vor. Darüber hinaus ist, mehr oder minder direkt angeregt durch die Tutzinger Zeitakademie, eine Fülle von Publikationen entstanden, die einzelne Aspekte der Ökologie der Zeit weiterentwickeln oder das Projekt insgesamt kritisch beleuchten. Bekannt geworden ist vor allem der von Peter Glotz 1999 in seinem Buch Die beschleunigte Gesellschaft erhobene Vorwurf, das zeitökologische Plädoyer für die Wieder-Einbettung menschlicher Praxis in naturale und kulturale Gegebenheiten, das notwendigerweise mit partiellen Entschleunigungsprozessen einhergehen muss, sei zutiefst romantisch und reaktionär und provoziere einen zukünftigen "Kulturkampf" zwischen den Be- und den Entschleunigern.

Damit ist ein zentraler Aspekt der gegenwärtigen Diskussion angesprochen: Die Frage, welches Licht aus zeitökologischer Perspektive auf den Kapitalismus fällt, wie z.B. die Chancen für eine nachhaltige Entwicklung unter kapitalistischem Vorzeichen zeitökologisch zu beurteilen sind. In den offiziellen Publikationen der Tutzinger Zeitakademie wird diese Frage meines Erachtens nicht konsequent genug gestellt. Mein Anliegen ist es deshalb, durch Verknüpfung von Elementen der Ökologie der Zeit mit Elementen der klassischen Politischen Ökonomie und neuerer Versionen der Kritischen Theorie das gesellschaftskritische Potenzial der Ökologie der Zeit noch weiter zu schärfen (vgl. Reheis 1996).

System- und Eigenzeiten

In groben Zügen kann der rote Faden der Ökologie der Zeit, wie sie von den Tutzinger Autoren entwickelt worden ist, folgendermaßen skizziert werden: Um leben zu können, braucht der Mensch Energie/Materie, die er in Nahrung, Kleidung etc. umwandelt, wobei er Müll hinterlässt. Dazu greift er auf Informationen zurück und hinterlässt neue Sachverhalte als Stoff für neue Informationen. Das besondere Interesse der Ökologie der Zeit gilt nun dem Umstand, dass diese Interaktionsprozesse bestimmte Zeiträume erfordern und in der Regel immer wieder zu ähnlichen - wohlgemerkt: nicht identischen - Zuständen zurückkehren. In der Sprache der Ökologie der Zeit: Interaktionen haben ihre Systemzeiten, und diese sind durch ihre Dauer und ihre Zyklizität bestimmt. Man denke z.B. an die Austauschprozesse des Kohlenstoffs, Stickstoffs, Wassers, der Photosynthese oder an die Atmung, die Ernährung, den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Informationsverarbeitung. Systemtheoretisch formuliert: Systemzeiten umfassen jenen Zeitraum, den ein System braucht, um nach einer von außen auferlegten Belastung wieder ungefähr in seinen alten Zustand zurückzukehren. Strenggenommen muss zwischen Systemzeiten und Eigenzeiten unterschieden werden. Systemzeiten sind die idealtypischen inhärenten Zeiten eines einzelnen isoliert gedachten Systems, Eigenzeiten sind die realen Zeiten eines mit anderen in Wechselwirkungen stehenden Systems. Systeme sind in zeitlicher Hinsicht also durch Bandbreiten charakterisiert sowie durch die Fähigkeit, sich selbst immer wieder ins Gleichgewicht zu bringen (Elastizität).

Wie die Systeme selbst, so sind auch ihre System- und Eigenzeiten Produkte der Evolution und werden grundsätzlich durch die jeweilige Umwelt festgelegt: Die Sonnenein-strahlung bestimmt letztlich die Eigenzeiten der Natur, die Natur letztlich die Eigenzeiten der Kultur/Gesellschaft, die Kultur/Gesell-schaft im Zusammenwirken mit der Natur letztlich die Eigenzeiten des Individuums. Im Laufe der Zeit haben die Systeme Natur, Kultur/Gesellschaft und Individuum gelernt, diese Umwandlungsprozesse zu optimieren und das Gelernte als Ressourcen gespeichert. Naturale Systeme haben in der Evolutions-geschichte für diese Lernprozesse zigmillionen Jahre benötigt, kulturale/gesellschaft-liche Systeme immerhin Jahrtausende, individuale Systeme lernen in Zeiträumen von Jahren bis zu Sekunden. Die mit der Zeit angesammelten Ressourcen haben die Gestalt von Naturgesetzen (naturales System), Tech-nologien/Institutionen (kulturales/gesell-schaftliches System) sowie Dispositionen und Kompetenzen (individuales System). Aufgrund ihrer Ressourcen können sich die Systeme innerhalb gewisser Grenzen von den Zeitprogrammen ihrer Umwelten befreien, wie die Spezies Mensch z.B. durch ihr Mobilitätsverhalten eindrucksvoll bewiesen hat. Voraussetzung für die Kreativität der Systeme war und ist, dass die Anforderungen der Umwelten an die Ressourcen der Systeme nicht zu groß und nicht zu klein, also angepasst sind. Das heißt in Bezug auf die Dimension der Zeit, den Systemen muss soviel Zeit gelassen werden, wie sie für die Verarbeitung der Umwelteinflüsse benötigen.

Programmzeiten der kapitalistischen Moderne

Wie verhält sich nun die kapitalistische Moderne zu diesen zeitökologischen Grundlagen allen Lebens? Meine politökonomische Erweiterung der Ökologie der Zeit schließt an die Marxsche Fassung des Kapitalismus an. Sein Wesen ist demnach die Logik des "Produzierens um der Produktion willen", und zwar letztlich von Geld. Diese Logik führt, wie vielfach festgestellt worden ist, zur Verselbstständigung der Ökonomie gegenüber der Gesellschaft und letztlich auch gegenüber der Natur. In Bezug auf Zeit bedeutet dies, dass die Produktionslogik alle energetischen/materiellen und informationel-len Interaktionsprozesse enorm beschleunigt und entrhythmisiert. Dies zeigt sich in einer klaren Hierarchie der Märkte: Die schnellsten Märkte sind die Geld/Kapitalmärkte, dann kommen die Gütermärkte, am Schluss die Arbeitsmärkte. Die schnellen geben den Takt an, die langsameren reagieren. Die kapitalistische Produktionslogik beseitigt nach und nach alle Hindernisse der Geldvermehrung: naturale z.B. durch Planierung der Erdoberfläche (Förderung des Transports der Waren/Dienste), kulturale/ gesellschaftliche z.B. durch Kreditierung (Förderung der Kaufkraft für den Erwerb der Waren/Dienste) und individuale z.B. durch Werbung (Förderung der Bedürfnisse nach Waren/Diensten).

Wo Produktion um der Produktion willen getrieben wird, wird die Reproduktion systematisch vernachlässigt: Erstens wird das Individuum schneller mit energetischen/materiellen Stoffen und informationellen Reizen bombardiert, als es seine körperliche und psychische Immunabwehr darauf einstellen kann. Dies zeigt sich in der Zunahme bestimmter Krankheiten wie Allergien, Krebs, Angst- und Suchtstörungen. Zweitens werden die Naturkräfte schneller verbraucht, als sie nachwachsen. Die Konsequenz sind versiegende Naturressourcen. Und drittens wird auch die Kultur/Gesellschaft durch die wachsende Kluft zwischen den Schnellen und den Langsamen mit Konflikten belastet, deren Regelung sie zunehmend überfordert. Indikator ist der wachsende Gegensatz zwischen Arm und Reich sowie zwischen Jung und Alt.

Wenn seit Beginn der Moderne, insbesondere aber in den letzten hundert Jahren, in der Welt auf allen drei Ebenen schneller neue Sachlagen/Informationen geschaffen werden, als verarbeitet werden können, wird Lernen unmöglich. Dann versiegt auch die Kreativität. So können die evolutionär gesetzten Grenzen nicht mehr eingehalten werden. An die Stelle der schrittweisen Erhöhung der Freiräume der Umwandlungspro-zesse gegenüber den äußeren Zeitprogrammen tritt schließlich ihr Zusammenbruch. Wenn sich z.B. ein Computerprogramm schneller ändert, als das Individuum es einüben kann, wenn sich Klimazonen schneller verschieben, als Pflanzen und Tiere nach-wandern können, oder wenn durch Maschi-nen schneller Arbeitsplätze vernichtet werden, als die Gesellschaft neue Perspektiven für die freigesetzten Menschen entwickeln kann - dann ist der Evolutionsprozess an diesen Stellen gescheitert.

Anschlüsse an weitere Diskurse

Welche diskursive Leistung bietet eine solche zeitökologisch modernisierte Kapitalismuskritik? Erstens ist sie unmittelbar anschlussfähig an all jene aktuellen Diskurse, die von der Beschleunigung als zentralem Moment der kapitalistischen Moderne ausgehen, diese in engen Zusammenhang mit der Kurzatmig- und Kurzsichtigkeit dieser Gesellschaftsform stellen und darin ihr spezifisches Destruktionspotenzial begründet sehen. Autoren wie Paul Virilio, Marianne Gronemeyer, Richard Sennett oder Lothar Baier ist dabei ihr pessimistisch-katastrophi-scher Grundton gemeinsam. Ihrer Diagnose zufolge geraten die Geschwindigkeiten der Moderne immer mehr außer Kontrolle, konstruktive Aussagen über objektive Grenzen der Steigerung von Geschwindigkeiten, die als Maßstäbe für eine zukunftsfähige Praxis dienen könnten, finden sich bei ihnen jedoch nicht. Hier bricht die Argumentation der Beschleunigungsdiagnostiker jäh ab. Im Gegensatz dazu ist die Ökologie der Zeit in der Lage, mit gleichermaßen systematischen und empirischen Argumenten zu zeigen, dass diese Enthaltsamkeit nicht notwendig ist, dass also der Beschleunigungslogik mit ihren umfassenden Flexibilitätszumutungen theoretisch und praktisch etwas entgegengesetzt werden kann.

Zweitens ermöglicht die Ökologie der Zeit die inhaltliche Füllung des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung, das seit der Umwelt- und Entwicklungskonferenz der UNO in 1992 in Rio eine große Resonanz gefunden hat. Die Leistung der Ökologie der Zeit besteht vor allem darin, dass sie der in der Agenda 21 geforderten Integration der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension der Nachhaltigkeit dadurch gerecht wird, dass sie die damit angesprochenen Ebenen und Prozesse in eine gemeinsame Theoriesprache übersetzt, indem sie die fundamentale Bedeutung des Haushaltens mit Ressourcen in der Dimension der Zeit als gemeinsames zugrundeliegendes Muster for-muliert. Für die naturalen Ressourcen liegen mittlerweile präzise zeitökologische Regeln vor, die ebenfalls im Rahmen der Tutzinger Zeitakademie erarbeitet worden sind. Für die kulturalen und sozialen Ressourcen bietet die politökonomische Arbeitswerttheorie (z. B. David Ricardo, Karl Marx, Fritz Helmedag) und die soziologische und sozial-psychologische Ressourcentheorie (z.B. Daniel Coleman, Pierre Bourdieu, Heiner Keupp), die alle explizit von der Idee der Zeitlichkeit als Wesensmerkmal ökonomischer und sozialer Prozesse ausgehen, in Verbindung mit dem Theorem des Kampfes um Anerkennung und dem Problem der Gerechtigkeit (Axel Honneth), gute Anschluss-möglichkeiten (v.a. Reheis 1996, S. 105-130).

Drittens schließlich steckt in der Ökologie der Zeit ein bisher kaum geschöpftes Potenzial für anthropologische Fragestellungen. Indem sie den Menschen als Produkt eines dreifachen Evolutionsprozesses, eines naturalen, eines kulturalen/sozialen und eines individualen (biografischen) fasst, die sich im Kern durch ihre extrem unterschiedliche zeitliche Erstreckung und damit Dynamik unterscheiden, ermöglicht sie Aussagen über die Schichten der Innenwelt des Menschen, über Abhängigkeits- bzw. Determinationsbeziehungen zwischen diesen Schichten und letztlich über System- und Eigenzeiten des Körpers, des Handelns als dessen Anschluss-organisation (Günter Dux), der Psyche (z.B. Affektlogik von Luc Ciompi) und der menschlichen Person (z.B. Dieter Sturma). Darüber hinaus ergeben sich Bezüge zu metaphysischen und naturwissenschaftlichen Ansätzen, die in Aristotelischer Tradition die belebte und unbelebte Welt als Ergebnis der Evolution von Zeit fassen (z.B. Jean Geb-ser, Friedrich Cramer, Ilya Prigogine).

Fazit: Die Ökologie der Zeit will das Haushalten mit Ressourcen aller Art untersuchen. Ressourcen entstehen, werden verbraucht und müssen sich erneut nachbilden. Der kluge Umgang mit Ressourcen ist deshalb zentral eine Frage des richtigen Umgangs mit Zeit. Somit ermöglicht es die Ökologie der Zeit, der beunruhigenden Beschleunigungsdiagnose etwas Konstruktives entgegenzusetzen: einen auch mit empirischem Wissen angereicherten Diskurs über Maßstäbe für einen Umgang mit unserer Um- und Innenwelt, der die Zerstörungskraft der kapitalistischen Programmzeiten erkennt und die Autorität evolutionärer System- und Eigenzeiten anerkennt. Dort, wo wir schon hinreichend Kenntnis über Eigenzeiten und Elastizitäten im Umgang mit Natur, Kultur/Ge-sellschaft und Individuum besitzen, gilt es, diese praktisch umzusetzen. Dort aber, wo solche Kenntnis noch fehlt, eröffnet die Ökologie der Zeit ein fruchtbares und spannendes Feld für die empirische Forschung.

 

Literatur zum Thema

Held Martin / Geißler Karlheinz A. (Hrsg): Von Rhythmen und Eigenzeiten. Perspektiven einer Ökologie der Zeit. 208 S., kt., DM 38.--, 1995, Edition Universitas, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart.

Reheis, Fritz: Die Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung, 1. Auflage 1966, 2. erweiterte und überarbeitete Auflage. 281 S., kt., DM 32.--, 1998, Primus, Darmstadt.

Autor

Fritz Reheis ist Gymnasiallehrer und promovierter Soziologe und unterrichtet am Arnold-Gymnasium in Neustadt bei Coburg und Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Erfurt

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Düsseldorf, 24.5.2000, Dr. Michael Funken