| Rezension |
Kurt Flasch:
Keine "Epochen" mehrHistoriker, auch Historiker von Ideen, arbeiten mit den Grundbegriffen von gestern. Sie benutzen eine ältere Begrifflichkeit, sie denken in einer zu Bildungsstoff und terminologischem Gemeingut geronnenen früheren Philosophie, als verstünde diese sich von selbst. Dabei beschreiben sie aber das Gewesene nicht in dessen Grundbegriffen, sondern in ihren eigenen. Wie der emeritierte Mittelalter-Forscher Kurt Flasch in seinem Buch
ausführt, haben die Philosophiehistoriker deshalb allen Grund, sich um ihre Kategorien, deren Sachgehalt und Erschließungskraft zu kümmern. Das Erzählen von Wandlungen des philosophischen Denkens erzeugt unwillkürlich die teleologische Illusion, als sei die spätere Denkart das innere Entwicklungsziel der früheren gewesen. Auch wenn die Recherchen dies nicht erbracht haben oder wenn sie dagegen sprechen, stellt sich bei kontinuierlicher Erzählung ein solcher Effekt ein. Dieser artifiziell erzeugte Eindruck der Überlegenheit der späteren Stufe wird noch bestärkt durch bewusste oder unbewusste Anlehnung der Philosophiehistoriker an die Historiker der Naturwissenschaft oder der Mathematik. Dadurch wird die Illusion begünstigt, der Ideenhistoriker könne im Blick auf die „Sache“ wertend beschreiben, wie einzelne Denker sich ihr genähert haben oder nicht.
Gebraucht werden nach Flasch neue, konkrete Beschreibungen dessen, was Historiker von Ideen sehen. Leitbegriffe wie „Epoche“ sind für Flasch überholt, er schlägt vor, die Ausdrücke „Epoche“, „Mittelalter“ und „Neuzeit“ nicht mehr zu gebrauchen. Denn laut Flasch handelt es sich dabei um Einteilungen, die den Situationen, Interessen und Gesichtspunkten der Einteilenden und nicht der Sache selbst entsprechen. So diente die Prägung „Mittelalter“ der Selbstvergewisserung einer Gruppe von Neuerern des italienischen 15. Jahrhunderts. Der Ausdruck fiel zum ersten Mal in einer kulturellen und politischen Atmosphäre der Erneuerung und Ausweitung. Er gehört in den Zusammenhang einer lebensbezogenen Wiederaufnahme der Antike und formuliert die Selbstcharakteristik der Kreise um Valla, Alberti und Cusanus.
Als Bussi den Ausdruck prägte, waren die großen Schritte getan, Valla und Cusanus waren bereits tot, das Neue zeichnete sich sichtbar ab, in Florenz und Rom begegnete es auf Schritt und Tritt. Bussi brauchte den Ausdruck, viele nach ihm ebenfalls, um sich die Vergangenheit nach ihren Interessen einzuteilen. Diese Interessen waren objektiv begründet, der Name war keine bloße Fiktion, sonst wäre er nicht so breit rezipiert worden. Doch zur selben Zeit veröffentlichte Papst Innocenz eine Bulle als Vorrede zum Hexenhammer, in dem er erklärte, die Hexenjagd entspringe keineswegs der privaten Überzeugung der Verfasser, sondern der soliden Lehre der Kirche.
Für uns zeichnen sich jedoch andere Zäsuren ab. Sie machen die von 1450 nicht verschwinden, aber sie ordnen sie anders unter. Das heißt für Flasch aber nicht, dass wir die „Renaissance“ des italienischen 15. Jahrhunderts als eine der vielen Renaissancen, die es nach dem Mittelalter gegeben haben soll. deuten sollen. Vielmehr geht es darum, Zäsuren und Sektoren sichtbar zu machen, die unserem heutigen Selbstverständnis dienlicher sind. Denn ohne Einteilungen des Geschichtsstoffes kommen auch wir nicht aus, aber für uns liegen die Zäsuren anders, und wir haben das Recht, sie aus unserer Situation heraus anders zu interpretieren.
Eine deutliche Zäsur sieht Flasch in dem Abschnitt von 1070 bis 1150: Jetzt endet auch im lateinischen Westen die „chronische Spätantike“. Die kirchliche Dogmatik und die Regeln der alltäglichen Rechtsverhältnisse werden jetzt durch Petrus Lombardus und Gratian einheitlich festgelegt, die westliche Welt beginnt städtisch zu werden, und die Stadtbewohner suchen neue Formen des Rechts, des Wissens und der Frömmigkeit. Mit dem 12. Jahrhundert beginnt der lateinische Westen sich ständig zu „modernisieren“, mit markanten Rückschlägen nach 1350.
Epocheneinteilungen sind Flasch zufolge nicht nur Relikte einer früheren Weise regionaler und sektoraler Selbstvergewisserung, sie enthalten zudem Wertungen und Idealisierungen, Anschwärzung und Anpreisung; sie sind selbst ideologische Produkte oder jedenfalls extrem anfällig für Ideologisierung. Die besten Beispiele dafür sind wieder „Mittelalter“ und „Neuzeit“. Sie sind als Inbegriff des Lichts wie der Dunkelheit abwechselnd stilisiert worden. Im Alltagsgebrauch ist „mittelalterlich“ noch immer mit Abscheu beladen. Das Wort „Mittelalter“ ist aber eine Konvention. Es bezeichnet mehr schlecht als recht ein Arbeitsfeld. Es sind auch einzelne, die im engeren Sinne „scholastischen“ Autoren. die heute das generelle Bild des Denkens des „Mittelalters“ bezeichnen. Dieser kulturpolitisch erzeugte Lektürekanon ist mit dem Epochenamen „Mittelalter“ fast unlösbar verbunden.
Das dominierende Epochenbewusstsein zeichnet sich durch bestimmte Merkmale aus: Größere Abschnitte der Menschheitsgeschichte lassen sich als Einheit charakterisieren und von anderen, insbesondere der eigenen Epoche abgrenzen. Die jeweilige epochale Grundbestimmung prägt alle Einzelerscheinungen dieser Zeit. Sie gilt durchgehend, sie ist allumfassend. Hinzu kommt oft die Vorstellung, eine solche Epoche sei geprägt von einem einzelnen Staatsmann, Religionsgründer oder Philosophen.
Ein Beleg für ein solches Epochenbewusstsein, das nicht älter als das 18. Jahrhundert ist, findet sich beispielsweise bei Heidegger: „Die Metaphysik begründet ein Zeitalter, indem sie ihm durch eine bestimmte Auslegung des Seienden und durch eine bestimmte Auffassung der Wahrheit den Grund seiner Wesensgestalt gibt. Dieser Grund beherrscht alle Erscheinungen, die das Zeitalter auszeichnen.“
Von dieser Epochencharakteristik unterscheidet Flasch die Angabe einer geschichtlichen Tendenz. Tendenzen stoßen auf Gegenkräfte; sie sind in der geschichtlichen Welt nie völlig durchgedrungen, sie lassen Reste. Bei Verzicht auf den Epochenbegriff erhielten philosophische Erörterungen Flasch zufolge den abstrakt-argumentativen Charakter zurück, in dem Aristoteles und die Scholastiker über Form und Stoff, über Sein und Wesen, über Wirklichkeit und Möglichkeit, über Zweck und Seele diskutiert haben. Der Geschichtsbezug hat nun eine andere Rangstellung: er ist nicht mehr der Kern der Argumentation, sondern die subjektive Positionsbestimmung. Andersgeartete Ansätze werden stärker zur Geltung gebracht, hinsichtlich des Mittelalters würde beispielsweise gebrochen mit der aristotelisierenden Zurechtlegung des antiken Denkens überhaupt. Unfruchtbare Fragestellungen des „Übergangs“ vom Mittelalter zur Neuzeit würden durch vielteilige Analysen der Denk- und Wissenschaftsgeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts ersetzt.
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