| Rezension |
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In einschlägigen deutschsprachigen Werken wird Jeremy Bentham als Gründervater des Utilitarismus gewürdigt, dem es gelungen ist, aus einer Reihe von vorher nur in Ansätzen formulierten Argumenten zur Nützlichkeits- und Glücksproblematik moralischen und politischen Handelns eine systematische Theorie zu formulieren. Benthams Formel vom "größten Glück der größten Zahl" fehlt denn auch in keinem als Überblick angelegten Standardwerk der Moralphilosophische oder der politischen Ideengeschichte. Umgekehrt ist seine Reputation denkbar schlecht: Sein Werk wird gerne als Musterbeispiel oberflächlicher Nützlichkeitsverkündung gewertet. |
Politik des aufgeklärten Glücks. |
In Hofmanns Habilitationsschrift wird insbesondere der politisch relevante Teil von Benthams Denken als eine typisch spätaufklärerische politische Theorie rekonstruiert. Hofmann sieht in Benthams utilitärem Liberalismus eine der bedeutsamen Selbstverständigungsoptionen moderner westlicher Gesellschaften.
Bentham hat seine begonnenen Werke fast nie selbst zur Publikation fertig gestellt. Bereits in einem frühen Stadium der Textproduktion hat eine interpretierende Redaktion eingesetzt. Hinzu kommen ein kaum lesbarer Stil sowie eine gelegentliche Radikalität. All dies hat zu einer oftmals verzerrten Wahrnehmung beigetragen. Benthams mehr oder weniger gut verborgener Atheismus und seine offene Feindschaft gegen die Klassen der Juristen und Priester, die ihm beide parasitäre Profiteure am Elend der Menschheit sind, hat diese Rezeptionsbeschränkung zusätzlich verstärkt. Sein Feldzug gegen das Naturrecht und seine Polemiken gegen die Menschen- und Bürgerrechte sowie seine pauschalen Abrechnungen mit den Größen der Philosophiegeschichte erwecken den Eindruck eines arroganten Autors. Und seine oftmals rigiden Vorschläge zur Reform der Strafgefängnisse und der Armenfürsorge tun ihr Übriges, dass Bentham oft als ein Liberaler vorgeführt wird, der im Kern autoritär war.
John Stuart Mill ist in einem Umfeld aufgewachsen, das vom Benthamismus geprägt war. In seiner Autobiographie erzählt er, wie ihn dies in eine persönliche Krise, in absolute Antriebslosigkeit und in eine depressive Selbstwahrnehmung getrieben hat. Mill sieht die Ursache dafür in der Vernachlässigung der menschlichen Emotionen durch den frühen Utilitarismus. Ein wesentlicher Strang der Bentham-Rezeption hat sich hier festgemacht. Hofmann zufolge wird dabei aber übersehen, dass Mills Ausführungen das Ziel haben, ihn geistesgeschichtlich als Vermittler zwischen den "übervernünftigen" Aufklärungsphilosophien des 18. Jahrhunderts und der emotionalisierten Romantik des 19. Jahrhunderts zu stilisieren und damit Vernunft und Gefühl miteinander zu verbinden. Hofmann zufolge geschieht mit Mills Kritik Bentham Unrecht, sieht dieser doch die Bedeutung der Emotionen durchaus. Allerdings problematisiert Bentham auch die Schwierigkeiten, die sich aus einer Bewertung emotionaler Zustände in Bezug auf deren Berücksichtigung im Glückskalkül ergeben und verneint prinzipiell die Berufung auf Emotionen, wenn es um die Begründung von Normen moralischer oder rechtlicher Natur geht.
Die philosophischen Schulen und Denktraditionen Deutschlands sind sich in der Ablehnung Benthams einig. Allerdings findet keine eingehende Auseinandersetzung mit ihm statt; vielmehr wurde Bentham früher als Vertreter einer nationalen und klassenspezifischen Geisteshaltung abgetan, die dem viel tieferen deutschen Denken nichts zu sagen habe. Dabei tauchte diese Bewertung oft in einem Zusammenhang mit eher demokratiekritischen Vorstellungen und einer skeptischen Haltung gegenüber der Moderne und deren Individualismus auf. Für Marx hat Bentham die mechanistisch-naturwissenschaftliche Philosophie der französischen Aufklärung mit der englischen politischen Ökonomie verschmolzen und damit ein hervorragendes ideologisches Kampfmittel der noch unterentwickelten Bourgeoisie geschaffen. Der englische Spießbürger, so Marx, werde dabei zum Maß aller Dinge gemacht. Auch für Nietzsche ist Bentham der Archetyp eines philisterhaften Denkens aus England, das ohne jede Phantasie den englischen Durchschnittsbürger zum Maßstab nimmt. Hofmann zufolge steckt in Nietzsches vehementer Polemik gegen das "Glück der größten Zahl" auch ein antidemokratisches Ressentiment. Die "größte Zahl" ist für ihn die letzte Form der bisherigen "Herrschaft von Unsinn und Zufall". Aussprüche, die eine breite Wirkung im deutschen Kulturkreis entfaltet haben.
Als Naturgesetze menschlichen Handelns sieht Bentham Lustsuche und Schmerzvermeidung, diese sind zugleich das Daseinsprinzip der belebten Natur. Erkenntnistheoretisch vertritt Bentham einen reinen Sensualismus: Kein Wissen, das sich nicht der unmittelbaren Wahrnehmung verdankt, kann auf Gewissheit Anspruch erheben, und selbst das, was unmittelbar durch die Sinne perzipiert wird, ist in dem Moment, wo daraus ein Schluss gezogen wird, extrem täuschungsgefährdet.
Zwar sind die Vermeidung von Schmerz und die Erreichung von Freude letztendlich die Ziele aller menschlichen Handlungen, aber sie sind nicht als unmittelbare Handlungsursachen wirksam. Vielmehr antizipieren wir aus unseren bisherigen Erfahrungen von Schmerz und Lust die Möglichkeit beider im Zusammenhang mit weiteren Handlungen und der jeweiligen Reaktion unserer Umwelt. Diese Antizipation ist die einfachste Form eines Glückskalkül. Die Handlung wird dabei entweder ein Mittel zur Erreichung eines bereits erfahrenen und wieder erwünschten oder zur Vermeidung eines befürchteten Zustandes. Bentham unterscheidet Motive des Willens, sogenannte praktische Motive, und solche des Verstandes, die letztlich über Gründe zu Verstärkern für ein Willensmotiv werden können. Innere Motive sind die Ereignisse oder Güter, die den erwarteten Gewinn an Freude oder die drohende Unlust in der umgebenden Welt materialisieren. Für Bentham gibt es keine Handlung ohne Motiv, und er exemplifiziert dies in seinem politiktheoretischen Externalismus.
Jedes einzelne Motiv kann bei einer konkreten Handlung moralisch qualifiziert werden. Was jedoch nicht geschehen darf, ist eine generelle Abqualifizierung der natürlichen menschlichen Bedürfnisse und Wünsche. Allerdings wird eine Zuschreibung dadurch erschwert, dass in einer Situation mehrere Motive auf einen Handelnden einwirken. Und da die innere Mechanik der Seele unsichtbar und unendlich variabel ist, bleibt uns nur der Weg über die Beobachtung des Handelns. Bentham ist davon überzeugt, dass sich bei hinreichender Beobachtung die dem Handeln zugrunde liegenden Motive rekonstruieren lassen.
Es sind vier verschiedene Quellen, die die jeweilige Finalursache Schmerzvermeidung bzw. Lustsuche zur Kausalursache werden lassen. Bentham nennt sie die "physical", "political", "moral or public" und "religious sanction". Ihnen ist gemeinsam, dass sie in der Lage sind, eine bestimmte Form des Handelns verbindlich für den Handelnden zu machen. Die "physical sanction" ist praktisch identisch mit der Wirkung der Naturgesetze, die "political sanction" mit dem Willen des gesetzgebenden Souveräns, die "moral sanction" beinhaltet die Reaktionen, die unorganisiert aus unserem sozialen Umfeld auf unser Handeln erfolgen. Die "religious sanctions" stellen in diesem oder im künftigen Leben eine Belohnung bzw. eine Strafe in Aussicht.
Durch Benthams Werk zieht sich eine Metaphorik des Sehens bzw. des Beobachtens, die deutlich macht, dass Sehen und Sichtbarmachen für ihn anthropologische Fundamentalphänomene sind, die unsere Weltorientierung ermöglichen und die Grundlage allen Wissens ausmachen. Nur wer etwas zu verbergen hat, der hat auch einen Grund, sich vor den anderen zu verstecken. Zumal in der Politik ist die Bemühung um Geheimhaltung ein Indiz für bedenkliche Absichten.
Im Gefängnis dürfen sich die Gefangenen nur kurze Zeit dem Blick des Aufsehers entziehen. Bereits in deren Versuch, sich dem Blick zu entziehen, sieht Bentham ein Indiz für eine Regelübertretung. Aber Bentham geht noch weiter: Jeder Häftling muss jeden anderen beobachten können. Darin sieht er eine Möglichkeit zur Prävention weiterer Missetaten. Eine weitere Therapie sieht er in der unter Aufsicht geleisteten Arbeit. Dazu will er die Häftlinge nur mit dem Nötigsten versehen. Diese können durch Leistung ihre Situation verbessern. Dahinter steht der Gedanke, dass man Menschen nur lange genug dem visuellen Zwang aussetzen muss, damit sie das äußere Motiv zu einem inneren machen.
Wissen kann nur aus Erfahrung gewonnen werden. Aber die Erfahrung geht immer weiter, altes Wissen ist deshalb, selbst wenn es von namhaften Autoren stammt, problematisch. Zwar suchen wir absolutes Wissen, dieses ist aber für uns unerreichbar. Ein einzelnes Individuum kann unmöglich alle für sein Leben relevanten Erfahrungen allein machen, es ist deshalb darauf angewiesen, dass ihm via Kommunikation Erfahrungen anderer übermittelt werden.
Bentham hat die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte entschieden kritisiert. Sie habe die Wirklichkeit vorschnell übersprungen und bewege sich in ihren Aussagen im Bereich vager Verallgemeinerungen. Er schlägt einen anderen Weg zur Verbesserung der bestehenden Verhältnisse vor: Zum ersten deren genaue Analyse, dann eine Formulierung allgemeiner Regeln, die ihren Rückhalt in der Realität haben. Ein universales Freiheitsversprechen, so Bentham weiter, stehe im krassen Widerspruch zu unserer alltäglichen Erfahrung, die uns lehrt, dass Freiheit immer bürgerlich-rechtlich beschränkte Freiheit sein muss, da sie sonst gar nicht existieren könnte.
Das Prinzip des größtmöglichen Glücks hat nach Benthams Überzeugung einen starken Widerhall in der menschlichen Natur, da es sowohl die Tatsache des mehr oder weniger rationalen Glückstrebens wie auch die Mitempfindlichkeit gegenüber anderen Individuen berücksichtigt. Jede Veränderung an einem bestehenden Zustand der Verteilung von Glückschancen bedeutet zunächst ein Übel. Denn der Mensch rechnet seinen gegenwärtigen Zustand auf eine mögliche Zukunft hin hoch und zieht dabei bestimmte Glücksschancen in die Überlegung mit ein. Es ist dies ein Faktum, das Recht und Politik in ihre gesellschaftsgestaltenden Aktivitäten einbeziehen muss. Eine zentrale Aufgabe der Politik ist es nun, diese quasi-natürlichen Erwartungen auf Dauer zu stellen. Recht und Gesetz haben deshalb faktische Erwartungen zu ihrer Existenzbedingung, während der kluge Gesetzgeber diese realen Erwartungen im Sinne der Glücksmaximierung handhaben und steuern muss. Angesichts der Tatsache, dass das Glück meist Kosten verursacht, ist dabei das hervorragende Ziel eine Minimierung dieser Kosten. Was für die Glückssuche des einzelnen Individuums gilt, nämlich das Abwägen von Kosten und Nutzen, wird im Maßstab der Gesellschaft auf die Gesamtheit der Mitglieder übertragen. Wo es immer möglich ist, gilt als zentraler Leitsatz, dass Opfer vermieden werden sollen. Gleichzeitig gilt aber auch, dass sie eben unvermeidbar sind. Bentham diskutiert dieses Problem am Beispiel der Rechte, die die Gemeinschaft an den Diensten des Einzelnen hat. Er stellt fest, dass die Allgemeinheit durchaus ein Recht darauf hat, dass ein Individuum für sie etwas leistet. Gleichzeitig muss aber auch die Voraussetzung gelten, dass jedes Mitglied der Gesellschaft das exakt gleiche Recht hat, die geforderten Dienste von einem anderen bzw. von allen geleistet zu sehen. Bentham will die Lasten möglichst gleichmäßig auf möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft verteilen, aber gleichzeitig einen Ausgleich in Form von Macht, Geld oder Ehre schaffen. Es geht also nicht nur um die möglichst gleichmäßige und vor allem weitreichende Verteilung der Glückschancen, sondern auch der Lasten. Bentham baut Hofmann zufolge in seiner Argumentation eine eindeutige Barriere gegen die Vorstellung auf, der Einzelne oder eine Minderheit könnten in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Utilitarismus geopfert werden, wenn immer es der Mehrheit nutzt. Benthams Utilitarismus verlangt vielmehr einen fundamentalen Respekt vor dem Einzelnen. Nur das Individuum ist der Adressat des Glücks, nur Individuen leiden und empfinden Freude, und es sind auch Individuen, die dem Prinzip des Glücks für alle in einem freien Diskurs zustimmen können.
Der Schutz der individuellen Interessen und die Bewahrung bestehender Verhältnisse machen eine leitende Perspektive im Denken Benthams aus. Es ist diese Perspektive, die Hofmann zufolge aus Bentham einen Reformer und nicht einen Revolutionär gemacht hat. Selbst in der radikalsten Phase seiner Agitation für einen Umbau der englischen Ordnung hält er an der Überzeugung fest, dass demjenigen, dem etwas weggenommen werden soll, irgendein Ersatz geboten oder doch zumindest der Verlust möglichst weit gemildert werden soll.
Über Jahre hinweg hat sich Bentham für eine Reform des Rechts in verschiedenen Ländern der Welt eingesetzt. Das mag mit seinem Rechtspositivismus zusammenhängen, der vom existierenden Recht ausgeht, dies analysiert und es dann verbessern will und dabei auf die faktische Herstellung von Rechtsbeziehungen durch die jeweilige politische Ordnung verwiesen ist. Bentham ist auch kein Gegner von Herrschaft, diese muss sich aber unabhängig von ihrer bloßen Faktizität rechtfertigen lassen: Sie muss mindestens zur Bekämpfung von Leiden, das sich die Individuen zufügen können, dienen und muss dieses als Unrecht definieren und sanktionieren. Sie muss dies unter den Bedingungen des Utilitätskalküls so tun, dass die Kosten dieser Leistung minimal bleiben und zugleich, wo immer möglich, das Glück der Gesellschaftsmitglieder vergrößert wird. Die Herrschaft hat sich dabei so zu ordnen, dass sie selbst nicht zum Schaden wird. Die Herrschaftsunterworfenen ihrerseits haben den Rechtsbefehlenden Folge zu leisten oder aber sie sind einer Sanktionierung ihres Handelns durch den staatlichen Zwang ausgesetzt.
Bentham hat sich negativ zur klassischen Gewaltenteilung geäußert. Er sieht vielmehr eine Machtverteilung (nicht Trennung) zwischen den verschiedenen Inhabern der souveränen Gewalt, einen Wechsel in den Rollen von Herrschern und Beherrschten, und eine freie Meinung, die es jedem erlauben, seine Beschwerden öffentlich vorzutragen sowie schließlich eine Assoziationsform, die alle Arten der legalen Opposition billigt. Hofmann bezeichnet die Rolle der Öffentlichkeit in Benthams politischer Theorie geradezu als die Super-Institution der repräsentativen Demokratie. Benthams Idealstaat ist denn auch eine Republik, in der alle politische Gewalt auf der Volkssouveränität basiert. Das Volk übt seine Macht im Wahlakt und in Abberufungsakten aus. Kerninstitution für alle politisch relevanten Entscheidungen ist die direkt gewählte Legislative. Sie ist omnikompetent und zugleich allmächtig, so lange die Legislaturperiode dauert. Das Haupt der Exekutive, der Premierminister, hat die Aufgabe, den Willen der gesetzgebenden Versammlung umzusetzen. Die Richter werden von der Legislative berufen und sind absetzbar. Die Funktion der Gerichte ist schlicht die Umsetzung von Rechtsbefehlen der Legislative.
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[Stand der Information: 10/01/2006]
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