| Rezension |
Die Überlieferung der Texte Hegels ist durch einen vergleichsweise starken Anteil des Nachlasses bestimmt. Von den 22 Bänden der ersten Abteilung der Gesammelten Werke betreffen exakt die Hälfte die Druckschriften, die andere Hälfte den Nachlass. Doch enthalten die Bände mit den Druckschriften zum Teil auch umfangreiche nachgelassene Texte. Und wenn man die Zweit- und Drittauflagen der Schriften nichts als separate Einzelwerke zählt, ist das veröffentlichte Werk Hegels deutlich schmäler als das nachgelassene Werk. Ersteres umfasst neben der kleinen Habilitationsschrift nur fünf Bücher: die Differenzschrift, die Wissenschaft der Logik, die Enyzklopädie und die Grundlinien der Philosophie des Rechts sowie zwei Bände "Paralipomena": Abhandlungen aus der Jenaer, der Heidelberger und der Berliner Zeit. |
Jaeschke, Walter: Eine neue Phase der Hegel-Edition, in: Hegel-Studien Band 36, Felix Meiner, Hamburg |
Wie Walter Jaeschke, der Leiter des Hegel-Archivs der Universität Bochum und einer der besten Hegel-Kenner, in seinem Beitrag
Jaeschke, Walter: Eine neue Phase der Hegel-Edition, in: Hegel-Studien Band 36, Felix Meiner, Hamburg
darstellt, hat dieses Übergewicht des Nachlasses zwei Phasen der späteren Verknüpfung von Editions- und Rezeptionsgeschichte bestimmt: Die Hegel- Renaissance zu Beginn des 20. Jahrhunderts steht in engem Zusammenhang mit der Edition der frühen Schriften Hegels, die bis dahin praktisch unbekannt waren. Und auch die erneute Rezeption in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts steht unter der Bedingung der neuen Edition des Nachlasses der Jenaer Zeit. Diese letzte Phase der Verbindung von Editions- und Rezeptionsgeschichte zeichnet sich laut Jaeschke dadurch aus, dass es sich hier nicht um die Edition bis dahin unbekannten Materials handelt, sondern um die methodisch neue, historisch-kritische Präsentation bekannter Manuskripte.
Ein "bekannter", d.h. entzifferter und veröffentlichter Text ist damit noch lange nicht "erkannt". Eine notwendige Voraussetzung einer solchen "Erkenntnis" eines Textes liegt in seiner relativen Einordnung in die Entwicklungsgeschichte eines Denkers, da durch sie ja erst übergreifende Sinnzusammenhänge konstituiert werden. Und bei Hegel sprechen die Texte erst eine verständliche Sprache, wenn sie von der irreführenden Chronologie befreit werden, in deren Zwangsjacke sie Karl Rosenkranz wohlmeinend geschnürt hat. Erst dann wird die Ausformung von Hegels Systemgedanken nachvollziehbar.
Nicht minder erforderlich ist für Jaeschke die absolute Datierung der Texte. Denn wie wollte man Hegels Verfassungsschrift interpretieren, wenn man sie mit Rosenkranz erst in das Jahr 1806 datiert?
Mit einem umfassenden Rückgriff auf Vorlesungsmaterialien hatte die erste Hegel-Ausgabe, die von Freunden und Schülern Hegels in die Wege geleitete "Freundesvereinsausgabe", einem weiteren zur Überlieferungsform des Hegelschen Werkes gehörenden Teil, den Vorlesungen, den gleichen Rang wie Hegels Schriften eingeräumt. Diese Ausgabe hat zwar den Nachlass der frühen Jahre vollständig, den der Jenaer Zeit weitgehend ignoriert, dafür den Nachlass des späten Hegel mit Nachschriften seiner Vorlesungen vermischt. Damit hat sie ein spezifisches Bild der Werkform Hegels entworfen: Publikationen und Vorlesungen erscheinen als etwa gleich wichtig.
Hegels Nachlass besteht zu einem überwiegenden Teil aus Vorlesungsmanuskripten. Lediglich die frühen Manuskripte - bis zur Verfassungsschrift - stehen nicht im Kontext der Vorlesungen. Das belegt die Bedeutung der Vorlesungen für die Werkform von Hegels Philosophie. So ist es für Jaeschke kein Zufall, dass Hegels erste Systemskizzen in Fragmenten aus seiner ersten Jenaer Vorlesung überliefert sind. Aber auch die frühen, nicht realisierten Buchprojekte der Jenaer Jahre, aus denen auch die Phänomenologie erwachsen ist, stehen im Kontext der akademischen Lehre. Und die drei Auflagen der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse wie auch die Grundlinien der Philosophie des Rechts sind Kompendien für den Vorlesungsbetrieb. Ein solches Kompendium diente als "Vorlesebuch", das, so Hegel, "durch den mündlichen Vortrag seine nöthige Erläuterung zu erhalten hat". Deshalb kann man nicht nur die überwiegende Zahl der im Nachlass erhaltenen Manuskripte, sondern auch die Hälfte der Publikationen zur Werkform "Vorlesungen" zählen.
Die Werkform von Hegels Philosophie ist deshalb - entgegen den Intentionen Hegels - nicht das "System der Wissenschaft", sondern die Vorlesung. Und die Wirkungsgeschichte von Hegels Philosophie ist das getreue Spiegelbild seiner Werkform: Ihre Wirkung beruht zu einem großen Teil auf den Vorlesungen: Hegels "System" ist, so Jaeschke, überwiegend ein "System in Vorlesungen".
Aus dieser Einsicht in die Dominanz der Vorlesungen muss für den Interpreten die Verpflichtung folgen, ihrer Funktion gerecht zu werden. Sie sind Versuche Hegels, in der dualen Struktur von Kompendium bzw. Manuskript und Vortrag die philosophischen Wissenschaften allererst zu erfinden: aus dem gegebenen Material ihre innere Form herauszuarbeiten - und zumal unter den Bedingungen des akademischen Lehrbetriebes.
Nach Jaeschke stellt sich für den Interpreten deshalb nicht die Frage der hermeneutischen Priorität, sondern allein das Problem der Authentizität: zwar nicht für die Kompendien und nachgelassenen Manuskripte, sondern für die vielen Nachschriften. Dass ihnen eine geringere Authentizität zukommt als den von Hegel selber verfassten Texten, ist unabänderlich. Doch der schmale Umfang der überlieferten Vorlesungsmanuskripte sowie die thematische Beschränkung und sehr geraffte Ausführung der Kompendien machen die Nachschriften - also von Studenten anhand von Hegels Vortrag geschriebene Texte von Vorlesungen - zu unverzichtbaren Quellen für Hegels Denken. Die Ästhetik etwa ist nur durch Nachschriften überliefert und auch unsere Kenntnis von Disziplinen wie der Geschichtsphilosophie, der Religionsphilosophie oder der Geschichte der Philosophie muss sich weitgehend auf Nachschriften stützen. Verständlichen Skrupeln gegen die Interpretation von Nachschriften stehen in mittlerweile größerem Umfange Editionen einzelner, oder mehr oder weniger glücklich gefundener Nachschriften gegenüber, die allenfalls eine minimale kritische Kontrolle des edierten Textes erlauben.
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[Stand der Information: 10/01/2006]
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