| Rezension |
Rachel Salamander und ihr Mann Stephan Satter, die mit Hans Jonas über Jahre befreundet waren, schlugen diesem vor, einmal seine Lebensgeschichte zu erzählen. Nach langem Zögern stimmte Jonas zu, und während über zwei Wochen erzählte er täglich eineinhalb Stunden aus seinem Leben. Die über 33 Stunden wurden transkribiert, überarbeitet und sind als Buch erschienen. Es ist dies ein Buch, das weniger die philosophische Entwicklung als vielmehr - und dies mit menschlicher Wärme - Jonas' persönliche Entwicklung, seine Lebensumstände und die Beziehungen zu Freunden und Bekannten schildert. |
ErinnerungenNach Gesprächen mit Rachel Salamander. Vorwort von Rachel Salamander. Geleitwort von Lore Jonas. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Christian Wiese. 503 S., Ln., € 14.-. 2003, Insel Verlag, Frankfurt€ 14,00 |
Jonas' Vater war ein geachteter Fabrikant und ein anerkanntes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Bergisch-Gladbach. Man fuhr im Sommer jeweils mit riesigen Koffern in den Urlaub an die Nordsee und glaubte, das werde immer so weitergehen. Als der erste Weltkrieg ausbrach, zogen Infanterieeinheiten durch Gladbach. Der junge Jonas ging wie gewöhnlich am Nachmittag in die städtische Badeanstalt. Der Badmeister fragte ihn: "Was willst Du hier?" Jonas antwortete: "Ich will schwimmen", worauf er eine gewaltige Ohrfeige bekam: "Mach, daß du hier wegkommst!" Aus der Badeanstalt war ein Sammelplatz für die durchziehenden Truppen geworden.
Jonas' wurde schon früh von einer Ideologie erfasst, nicht von der marxistischen, sondern der zionistischen, und beschäftigte sich mit den Propheten Israels in ihrem historischen Kontext. Er las die Propheten durch die Brille der historischen Forschung und schrieb als 17jähriger eine Abhandlung über sie, die dann aber verloren ging. Durch die Lektüre von Martin Bubers Drei Reden über das Judentum entdeckte er das moderne Judentum als Träger einer göttlichen Mission. Damals galt unter Juden der Zionismus noch als Verrat am Deutschtum. Jonas' Mutter erzählte ihm, eine jüdische Dame hätte sie später auf der Straße angesprochen und gesagt: "Ihr Sohn hat recht gehabt, er war der wahre Prophet." Aber auch die Philosophie begann Jonas zu interessieren und hierbei insbesondere Kant.
1921 begann Jonas mit dem Studium und promovierte 1928. Ihn interessierten Philosophie, Kunstgeschichte und Religion. Er wollte zum berühmten Husserl und wählte deshalb Freiburg als Studienort. Husserl war damals schon recht betagt und lehrte in einem Einführungskurs die Geschichte der neueren Philosophie. Wenn er jeweils dargestellt hatte, wieweit Locke, Hume oder Berkeley bei der Erforschung einer Thematik gelangt waren, kam regelmäßig der Satz "Erst die neuere Phänomenologie hat gezeigt, wie man diese Probleme in Angriff nehmen kann". Husserls Seminare durfte Jonas als Anfänger noch nicht besuchen, dafür aber die Einführungsseminare des jungen Privatdozenten Martin Heidegger. Als er sich dazu anmeldete, fragte Heidegger: "Können Sie Griechisch?" Auf die Antwort "Ja" sagte letzterer: "Dann ist es gut." Jonas verstand allerdings von der Textauslegung Heideggers so gut wie nichts, hatte aber das Gefühl, dass es hier ums Ganze ging und Heidegger tiefschürfend mit der Sache rang. Jonas blieb nur ein Semester in Freiburg und wechselte dann nach Berlin, weil es dort eine Hochschule für die Wissenschaft des Judentums mit mehreren ausgezeichneten Leuten gab. Jonas' privates und gesellschaftliches Leben spielte sich hier im Umkreis der zionistischen Studentenschaft ab. Dort lernte er auch einen anderen jungen Philosophen kennen, einen philosophischen Geist ersten Ranges: Leo Strauss. Mit ihm freundete er sich an. Einen großen Einfluss auf die jüdischen Studenten übten auch Martin Buber und Franz Rosenzweig aus.
1923/24 ging Jonas nochmals nach Freiburg. Dort traf er Günther Stern wieder (den nachmaligen Günther Anders), der bei Husserl promovierte, und er lernte auch Rudolf Carnap und Max Horkheimer kennen. Letzterer nahm ein Semester lang an Husserls Seminar teil und brachte auch die Hegelsche Philosophie dorthin. Im Herbst 1924 kam Jonas nach Marburg, wo damals Heidegger lehrte. Doch die Heidegger-Kultgemeinde unter den Studierenden mit ihrer bigotten hochmütigen Einstellung, die sich schon beinahe selbst den Besitz göttlicher Weisheiten attestierte, wurde ihm bald unerträglich. Das war nicht Philosophie, sondern eine sektiererische Angelegenheit, fast wieder ein neuer Glaube. Viele dieser jungen Heidegger-Adoranten waren Juden. Eine Studentin, die diesen Rummel nicht mitmachte und zu der Jonas bald Kontakt fand, war Hannah Arendt. Ein weiterer skeptischer Geist war Walter Bröcker, der später ein angesehener Philosophieprofessor in Kiel wurde. Bröcker war ein intelligenter junger Student, für den Heidegger ein gewisses Faible hatte und dem er nachsah, dass er kein Griechisch konnte. Als es zum mündlichen Examen kam, legte ihm Heidegger einen Text aus Aristoteles' Metaphysik vor, den er interpretieren sollte. "Und da", erzählte Heidegger später, "stieß Bröcker mich unter dem Tisch mit dem Fuß an. Ich hatte völlig vergessen, dass er ja gar kein Griechisch kannte und ich ihm den Text nicht hätte vorlegen dürfen. Da nahm ich ihn schnell weg und gab ihm etwas Anderes".
Die einschneidendste Begegnung für Jonas war die mit Hannah Arendt. Beide waren die einzigen Juden im neutestamentlichen Seminar von Rudolf Bultmann. Arendt hatte sich, wie sie ihm erzählte, folgendermaßen bei Bultmann eingeführt: "Aber eines möchte ich von vornherein klarstellen: Antisemitische Bemerkungen lasse ich mir nicht gefallen!" Arendt und Jonas trafen sich in den Vorlesungen und gingen zusammen essen. Sie war im Wintersemester 1924/25 als frischgebackene Philosophie-Studentin wegen Heidegger nach Marburg gekommen. Wie sie Jonas anvertraute, hatte sie im Zusammenhang mit ihrem Studium einen Besuch bei Heidegger zu machen. Als sie aufstand, um sich zu verabschieden und Heidegger sie zur Türe begleitete, fiel er plötzlich vor ihr auf die Knie. Sie beugte sich nieder, da nahm er ihren Kopf in seine Hände und er küsste sie, sie küsste ihn. Allerdings war sie wohl keineswegs die einzige Studentin, mit der sich Heidegger einließ, denn er hat sich immer wieder für Studentinnen interessiert, und, so gibt Jonas zu Protokoll, "ich habe von keiner gehört, die Widerstand geleistet hätte". Aber die Beziehung zwischen Heidegger und Arendt war etwas besonderes - beide sind ihr Leben lang davon nicht mehr losgekommen. Allerdings hatte diese Beziehung eine - von Jonas insgeheim gewünschte
- Liebesbeziehung zwischen ihm und Arendt unmöglich gemacht.
Jonas begann nun mit seiner Arbeit über die Gnosis, eine Anwendung von Heideggers Existentialanalytik mit ihren Deutungsmethoden und ihrem Verständnis des menschlichen Daseins auf die spätantike Gnosis. Bultmann war von dieser Seminararbeit so beeindruckt, dass er Jonas ermunterte, daraus eine Dissertation zu fertigen.
Im Sommer 1929 besuchte Jonas den Zionistenkongress in Basel. Auf der Rückreise besuchte er Heidegger auf seiner Hütte im Schwarzwald. Als er ihm von dem Kongress erzählte, ersuchte ihn Heidegger, in wenigen Worten zu erklären, was Zionismus sei. Er hatte keine Ahnung und sagte: "Zionistenkongress - was tut man da? Das spielt sich wohl alles in einem großen Zelt ab?" Nach Jonas war Heidegger persönlich kein Antisemit. Es dürfte ihm aber schon etwas unheimlich gewesen sein, dass unter seinen Schülern so viele Juden waren; aber wohl nur in dem Sinn, dass es nicht genügend gab, die von seiner Art waren. Ein auffallendes Kennzeichen des Kreises, der sich in diesen Jahren um Heidegger scharte - darunter Hannah Arendt, Gerhard Nebel, Karl Löwith, Hans-Georg Gadamer, Gerhard Krüger und Günther Stern - war, dass er völlig apolitisch war. Arendt entdeckte das Politische erst unter dem Zwang des Nationalsozialismus.
In Marburg bewegte man sich ganz ferne des Politischen. Die Bedrohung durch die Nazis wurde Jonas erst bewusst, als Hitler im Zuge der großen Weltwirtschaftskrise ab 1929 erste Wahlerfolge erzielte. Als Hitler an die Macht kam, sagte Jonas zu seiner Mutter: "Gott sei Dank. Endlich ist es soweit. Das ist die einzige Art, wie wir diese Pest wieder loswerden. Die werden innerhalb weniger Monate abgewirtschaftet haben." Aber es war ihm klar, dass, falls die Sache doch länger dauern würde, kein Jude, der etwas auf seine Ehre hielt, länger bleiben konnte. Als der Boykott gegen die Juden begann, entschloss sich Jonas, nach Palästina auszuwandern. Er tat dabei einen Schwur, nie wiederzukehren denn als Soldat einer feindlichen Armee. In Jerusalem traf Jonas ihm bekannte deutsche Juden, die ebenfalls ausgewandert waren. Es entstand ein Freundeskreis, in dem man sich auf deutsch unterhielt.
Unterdessen erschien auch Jonas' Buch Gnosis und spätantiker Geist. Einer der ersten, der es lobte, war Martin Buber. Er schrieb Jonas: "Ich halte es für eines der wichtigsten geistesgeschichtlichen Bücher der Zeit." Jonas bekam mehrstündige Lehraufträge an der Hebräischen Universität. Als der arabische Aufstand gegen die Mandatsregierung und und das jüdische Siedlungsprogramm begann, trat Jonas der Hagena bei, der jüdischen Untergrund-Selbstverteidigungsorganisation. Daneben schrieb er am zweiten Band von Gnosis und spätantiker Geist. Allerdings traten nun bald Umstände ein, die ihn von dieser Arbeit entfernten. Als große Erleichterung empfand Jonas die Kriegserklärung Englands an Deutschlands. Er wusste nun, dass die Juden um ihr Überleben kämpfen konnten und nicht mehr nur zuschauen mussten, wie die Sache aufgrund der Schwäche der anderen Seite unaufhaltsam ihren Lauf nahm. Jonas setzte sich hin und schrieb einen Aufruf mit dem Titel "Unsere Teilnahme an diesem Krieg. Ein Wort an jüdische Männer". Bei einer Unterredung mit dem englischen Kriegskommandanten trug er ihm die Schaffung von Truppeneinheiten der verschiedenen Waffengattungen vor, zu denen sich jüdische Freiwillige melden, die unter britischem Kommando, aber identifizierbar als jüdische Einheiten mit eigener Flagge mitkämpfen könnten. Allerdings wurde Jonas abgewiesen: "Wir werden die Sache auf unsere Weise machen." Aber auch keine jüdische Organisation wollte die Sache Jonas' unterstützen. Seine Freunde, die die Sache unterstützten, atmeten erleichtert auf, als daraus nichts wurde. Denn nach dem Zusammenbruch Frankreichs wurden palästinensische Freiwilligen-Einheiten gegründet und Jonas trat als einziger von seinen Freunden in den Kriegsdienst.
Hier nun, fernab von allen Büchern und zurückgeworfen auf das, womit es der Philosoph eigentlich zu tun haben sollte, nämlich der Frage nach dem eigenen Sein und dem Sein der Welt, die einen umgibt, begann Jonas seine eigene Philosophie zu entwickeln. Er fragte sich, was es für die Seinslehre bedeutet, dass es Organismen gibt, und welchen Sinn das Wesen des organischen Daseins, einschließlich des Bewusstseins, des Fühlens und des Geistes für das Leben birgt - das alles entfaltete er in "Lehrbriefen", die er seiner Frau sandte.
Unterdessen betrat die jüdische Brigade, zu der er gehörte, bei Garmisch-Partenkirchen deutschen Boden. Hier hörte er zum ersten Mal die Namen Auschwitz und Treblinka.
Seiner Meinung nach war die deutsche Schuld so ungeheuerlich, dass die einzige angemessene Haltung öffentliche Bußgänge und allgemeine Zerknirschung gewesen wäre. Doch die Deutschen, mit denen er in Berührung kam, wollten entweder nicht wahrhaben, was geschehen war oder versicherten unaufhörlich, daran nicht beteiligt gewesen zu sein. Als er nach Göttingen kam, besuchte er den Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, der sein Buch herausgebracht hatte. Er wurde hier freudig begrüßt: "Sie sind Herr Jonas? Auf den wir seit Jahren gewartet haben! .... Ihr Werk Gnosis und spätantiker Geist ist eines unserer wichtigsten Bücher." Genauso herzlich wurde er von der Familie seines Lehrers, des Theologen Bultmann empfangen. Bultmann zeigte mit dem Finger auf ein Buch, das Ruprecht Jonas gegeben hatte und fragte: "Darf ich hoffen, dass dies der zweite Band der Gnosis ist?" In diesem Moment zog neben der schrecklichen Bitterkeit, die Jonas seit der Rückkehr nach Deutschland erfüllte, wieder so etwas wie Friede in sein Herz ein. Und später wünschte sich Bultmann bei seiner akademischen Gedenkfeier Jonas als Hauptredner.
Bultmann empfahl Jonas', Julius Ebbinghaus zu besuchen, den bekannten Kant-Forscher, das sei einer von denen, "die sich wirklich großartig benommen haben". Jonas hatte Tage zuvor über eine Radiorede von Ebbinghaus gelesen, wonach dieser ausführte, dass sich Deutschland im Krieg an einem Grundsatz der Kantischen politischen Ethik versündigt habe, nämlich dass in keinem Krieg etwas unternommen werden dürfe, was einen späteren Friedensschluss unmöglich mache. Deutschland habe sich - was damals eine sehr unpopuläre Aussage war - durch seine Kriegstaten versündigt und sich damit außerhalb der internationalen Rechtsgemeinschaft gestellt. Es sei daher nicht daran zu denken, dass die Alliierten den Deutschen den Gefallen tun würden, Frieden mit ihnen zu schliessen: "Das Recht auf einen Friedensvertrag haben wir verwirkt". Ebbinghaus begrüßte seinen früheren Schüler herzlich und sagte ihm, auf seine kompromisslose Haltung während der NS-Zeit angesprochen: "Ja Jonas, aber eines will ich Ihnen sagen - ohne Kant wäre es mir nicht möglich gewesen, diese Zeit so durchzustehen."
Im November 1934 kehrte Jonas nach Jerusalem zurück. Er erhielt wieder Lehraufträge an der Universität, aber ein fester Lehrstuhl für Philosophie war nicht in Sicht. Deshalb schrieb er an Leo Strauss, der damals schon in den USA lebte, ob er ihm helfen könnte, in den USA oder in Kanada Fuß zu fassen. Kurz darauf erhielt er eine Einladung der Lady-Davis-Foundation, in Montreal ein Jahr lang zu unterrichten und zu forschen. Als das Jahr um war, bekam Jonas Gelegenheit, im Dawson College Philosophie zu lehren. Im Mai 1950 konnte er eine bessere Stelle im Carleton College in Ottawa antreten. Von hier aus nahm Jonas wieder Kontakte nach Europa auf. 1952 fuhr er zu einem internationalen Philosophenkongress nach Brüssel. Hier fragte ihn Hans Blumenberg im Namen seines Lehrers Walter Bröcker, ob er an einem Ruf nach Kiel interessiert sei. Jonas' Antwort war nein. Eine Rückkehr nach Deutschland kam nach dem, was geschehen war, für ihn nicht in Frage.
Auch mit Jacob Taubes kam Jonas in Berührung. Dieser schrieb ihm, dass er über die abendländische Eschatologie promoviert habe, und dass in dieser Arbeit Jonas' Werk eine große Bedeutung habe. Deswegen möchte er ihn gerne in New York treffen. Vor dem Treffen fragte Jonas Löwith: "Kennen Sie einen Herrn Taubes und dessen Buch? Taugt es etwas?" Darauf die Antwort von Löwith: "Das ist ein recht gutes Buch. Und das ist nicht verwunderlich, die eine Hälfte ist von ihnen und die andere Hälfte ist von mir." Taubes, so Jonas, habe nie wieder ein Buch geschrieben, aber seine akademische Karriere gehöre zu den großen Wundergeschichten: Die besten Institutionen fielen auf ihn herein. Er hatte erst an der Columbia University eine Professur und dann wurde er Ordinarius an der Freien Universität Berlin. Er verstand es, sich - gleichgültig über welches Thema - überall einzumischen und wichtig zu machen. In Harvard schöpfte man Verdacht und stellte ihm eine Falle: Man diskutierte über die Seelenlehre des Bertram von Hildesheim, eines mittelalterlichen Scholastikers, der einer Zwischenform zwischen thomistischer und scotistischer Schule angehöre. Taubes hörte eine Weile zu, um dann den Anwesenden durch seine profunden Kenntnisse von Bertrams Werk solange zu imponieren, bis man ihm mitteilte, dass es diesen Mann gar nicht gegeben habe.
1955 nahm Jonas einen Ruf der New Yorker New School for Social Research an. Hier konnte er wieder an seine Freundschaft mit Hannah Arendt anknüpfen; sie bildete das Zentrum seiner gesellschaftlichen Beziehungen. Später aber kam es wegen Arendts Buch Eichmann in Jerusalem zu einer Krise. Darin schrieb sie über das System der Judenvernichtung, es sei zwar von den Nazis geplant, aber von den Juden geduldet und bisweilen durch bereitwillige Kooperation auch ermöglicht worden. Jonas war erschrocken: über den Tonfall, über die explizit antizionistische Note und über die Ignoranz gegenüber den jüdischen Dingen. Es sah so aus, als hätten die Zionisten die Nazis auf solche Ideen wie den Judenstern gebracht. Aber kein Argument, kein Zureden konnte Arendt erschüttern oder auch nur zum Nachdenken bringen. Vielmehr legte sie eine Rechthaberei an den Tag, die für Jonas nicht akzeptabel war: Er brach die Beziehung ab, mit dem Eichmann-Buch war die Grundlage der Freundschaft zerstört. Vor allem konnte er ihr die Rede von der "Banalität des Bösen" nicht verzeihen: als sei Eichmann im Grunde ein Unschuldiger gewesen, der einfach treu erfüllte, was ihm aufgetragen worden war. Später jedoch verzieh er ihr; und die Freundschaft "war schnell wieder die alte".
1959/60 kam Jonas nach Heidelberg. Da ging der Theologe Günther Bornkamm auf ihn zu: "Ich muß einen Auftrag ausführen, der mir ans Herz gelegt worden war. Vor 14 Tagen hielt Martin Heidegger einen Vortrag hier in Heidelberg. Ich erwähnte ihm gegenüber, dass wir Sie erwarteten, worauf er mir auftrug, Sie herzlich von ihm zu grüßen, und er machte mir klar, dass er großen Wert darauf lege, daß ich das auch nicht vergesse." Damit gab Heidegger zu verstehen, dass er es begrüßen würde, wieder in Kontakt mit Jonas zu treten. Nach längerem Nachdenken antwortete Jonas: "Danke", was gleichsam "nein" hieß. Die Sache ging ihm aber nicht aus dem Kopf. Als er in Marburg Bultmann besuchte, berichtete er ihm davon. Darauf erzählte ihm Bultmann, als er 1948 in einem Zürcher Hotel übernachtete habe, sei ein Anruf von der Rezeption gekommen: "Es ist ein Herr Heidegger hier unten im Vestibül, der anfragen läßt, ob er heraufkommen darf, Sie zu besuchen." Bultmann antwortete: "Bitte schön, senden Sie den Herrn herauf." Bultmann hatte Heidegger seit über 15 Jahre nicht mehr gesehen und unterhielt sich nun mit ihm. Nach einiger Zeit sagte Bultmann: "Martin, es ist jetzt an der Zeit, du kannst es nicht länger aufschieben, eine öffentliche Erklärung abzugeben. Das erwarten wir von dir, das bist Du dir selbst und uns schuldig. Du mußt dich auch jetzt öffentlich zu dem äußern, was du damals 1933 ebenfalls öffentlich verkündet hast und einen wirklichen Widerruf leisten." Seither seien zehn Jahre vergangen, und kein Widerruf sei erfolgt. Deshalb sei Jonas' Reaktion die einzig richtige gewesen.
Auf einer internationalen Konferenz an der Drew University in New Jersey unternahm Jonas einen kritischen Angriff auf Heidegger. Deutsche Theologen, allen voran Heinrich Ott in Basel, sahen in der Sprache des späten Heidegger ein adäquates Ausdrucksmittel für die Theologie. Jonas zeigte nun, dass die Philosophie und die Sprache Heideggers zutiefst heidnisch seien, die Theologen wüssten nicht, worauf sie sich da einließen. Binnen kurzem verbreitete sich die Kunde von diesem Vortrag in Deutschland, Jonas wurde nun von den verschiedensten Institutionen eingeladen und musste dazu eigens einen Reiseplan erstellen. Adorno war von dem Vortrag begeistert, Gadamer hingegen hielt die Heidegger-Kritik "für völlig verfehlt". Zum Teil erhielt der Vortrag aber auch schadenfrohen Beifall: Endlich konnte man einem gewissen Ressentiment Heidegger gegenüber Luft machen. 1969 traf dann Jonas Heidegger noch einmal persönlich, das Gespräch bestand im Wesentlichen im Austausch von Erinnerungen aus der Marburger Zeit, die für Jonas entscheidenden Dinge kamen nicht zur Sprache.
Jonas hatte im Laufe der Zeit verschiedene einzelne Aufsätze über seine Philosophie des Organischen verfasst. Er ordnete diese nun nach einzelnen Gesichtspunkten und veröffentlichte sie 1963 unter dem Titel The Phenomenon of Life. Toward a Philosophical Biology. 1973 erschien unter dem Titel Organismus und Freiheit die deutsche Ausgabe. Für Jonas ist dies das wichtigstes Werk, weil darin Ansätze zu einer neuen Ontologie entwickelt werden und nach der Natur des Seins gefragt wird. Jonas These lautet, dass das Wesen der Wirklichkeit sich am vollständigsten in der organischen Existenzweise des Organismus ausspricht. Der Organismus ist zwar zweifellos Körper, aber er birgt in sich etwas, das mehr als das bloße stumme Sein der Materie ist. Jonas ist davon überzeugt, dass die Lehre vom Sein eine Lehre vom Sollen nach sich zieht. Die Frage, ob es einen Übergang vom Sein zum Sollen gibt, wurde nun für ihn zur zentralen Frage. Das führte ihn zum Buch Das Prinzip Verantwortung, mit dem er in Deutschland berühmt wurde, während es in Amerika nicht entfernt diesen Widerhall erzielte. Jonas sieht den Grund darin, dass man in Amerika nicht so recht an die Philosophie glaubte, wie sie in Deutschland oder Frankreich betrieben wird. Die ersten Zustimmungen zu dem Buch kamen von politischer Seite, etwa von Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher. Ein philosophisches Buch wurde damit nicht mehr nur von Philosophen diskutiert, sondern war im öffentlichen Raum präsent.
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[Stand der Information: 10/01/2006]
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