Rezension

Eine intellektuelle Biographie: Kühn über Kant

Was Kant von den Prolegomena gesagt hat, das könnte auch für seine eigene Biographie in der uns vorliegenden Form gelten: Es ist ein Buch für die Fortgeschrittenen und Lehrer. Die hier enthaltenen Darstellungen der Kantischen Philosophie sind vielleicht nicht dazu geeignet, einen interessierten Anfänger mit dem schwierigen Werk vertraut zu machen. Kritik der reinen Vernunft
Manfred Kühn: Kant. Eine Biographie, 639 S., € 29,90, CH Beck Verlag, München, 2003, ISBN 3-406-50918-5.
[orig. Kant. A Biography, Cambridge 2001]

 

Andererseits: Ist es vielleicht der beste Einstieg, den man sich wünschen könnte? Wie hilfreich wäre es für mich selbst gewesen, wenn ich bereits zu Beginn meines Kant-Studiums die Bedeutung der zeitgenössischen Diskussionen zur Religionsfrage und zur Metaphysik hätte besser abschätzen können? Enorm hilfreich, wenn ich ehrlich bin. Wie viel versteht ein Philosophiestudent heutzutage von den Wolff-Leibnizschen Spekulationen, wenn er nicht parallel oder zuvor bereits etwa die Monadologie ernsthaft studiert und bereits verstanden hat? Wie viel kann er über die immense Bedeutung der Schulen protestantischer Theologie und der Definition des Priesteramtes in Preußen wissen, wo doch pauschal davon ausgegangen werden kann, dass unter Friedrich II. die Religionsfreiheit herrschte? Kant lebte schließlich lange vor und nach dessen Regentschaft.

Niemals hätte ich gedacht, dass der Philosoph sich so lange derart unsicher sein konnte, was für ein Projekt er mit den kritischen Schriften überhaupt begonnen hatte. Dieses machte auf mich immer den Eindruck der größten Zielstrebigkeit von der ersten Seite an. Es ist selbst in seinen dogmatischsten und systematischsten Teilen viel essayistischer als ich gedacht hätte.

Hier tritt uns ein Kant entgegen, den noch niemand so genau, so scharf umrissen gesehen hat. Das gilt für fast alle Dimensionen. Kühn beleuchtet mehr als je zuvor die Entbehrungen, Widerstände und Misserfolge des Königsberger.

Die Dramaturgie des Buches besteht darin, das traurige und auch tragische Ende Kants in einem winterlich kalten und Königsberg vorwegzunehmen, um mit der Frage, ob wir denn über die bisherigen Biographien das richtige Bild von diesem Leben überliefert bekommen haben, einen Bogen zu spannen, der dieses Leben als ein erst noch zu entdeckendes vor uns aufrollt. So beginnt Kühn mit einer überzeugenden Problematisierung offensichtlicher Fehler und Vorurteile in den bisher wichtigsten Quellen, nämlich den Schriften von Hasse und Metzger sowie der frühen Biographen Borowski, Jachmann und Wasianski.

Das mission statement von Kühn ist die Verfassung einer intellektuellen Biographie Kants, die sich allerdings weniger auf die isolierten, gelehrten Texte stützt, in denen Kant den größten Teil seiner Lebenszeit verbrachte, sondern auf die Ereignisse in Königsberg, Preußen, Deutschland, Europa und Nordamerika. Mit anderen Worten, Kühn will zum ersten Mal zeigen, dass dieser große Mann überhaupt ein Leben gehabt hat, das zurückwirken konnte in seine Schriften. Und das, soviel kann man schon sagen, ist ihm in vielen Stücken gelungen.

Erleuchtend ist die Schilderung der unglaublich großen Bedeutung Johann Georg Hamanns und noch mehr von Joseph Green, diesem wichtigsten und liebsten aller Freunde Kants. Mit Green soll Kant die Kritik der reinen Vernunft Satz für Satz durchgesprochen haben.

In Bezug auf die Galaxien-Theorie fehlt dagegen jede Würdigung der darin enthaltenen philosophischen Leistung. Dankenswerterweise ist aber der Versuch über Vulkane auf dem Mond berücksichtigt, worin Kant ebenso als erster eine bis heute gültige Theorie über die Bildung von Planeten entwickelt. Leider weist Kühn auch hier nicht auf die Pionierstellung hin, die Kant als spekulativem Naturwissenschaftler zusteht, der seine kritische Philosophie auf einer ungeheuer stabilen Naturtheorie aufbaut. Lange bevor er sein kritisches Konzept der Erkenntnisformen a priori entwickelte, hat Kant mit Hilfe derselben einige der wichtigsten Fragen der Kosmologie und Kosmogonie mit nachhaltigem Erfolg beantwortet.

Der Charakter des kritischen Hauptwerkes als einer inventiven Logik fehlt ganz. Es fehlt auch weitgehend die Darstellung des Subjekts, das nur unter anderem ein menschlicher Akteur ist. Erst sehr spät, nämlich in der Diskussion der Anthropologie (S. 407) von 1798, wird diese Subjektkonzeption erwähnt, die konstitutiv ist für die kritischen Hauptwerke Kants.

Die Kritik der Urteilskraft ist leider völlig untergegangen. Ihre Bedeutung erschöpft sich in der leidigen Notwendigkeit, das transzendentale Geschäft endlich systematisch abzuschließen. Die Lustlosigkeit, die Kant dabei unterstellt wird, hat sich hier auf den Biographen übertragen. Das hundertjährige Ringen in der Ästhetik um eine ihr eigene wissenschaftliche Form, die gesamte metaphysische und ontologische Herausforderung dieses Themas, der sich jeder bedeutende Autor des 18. Jahrhunderts gestellt hatte, bleibt unerwähnt. Gemessen an dem Anspruch, eine intellektuelle Biographie Kants vorzulegen, klafft hier eine unübersehbare Lücke. Denn Kant kann diese Diskussion nicht abschließend behandelt haben, wie Cassirer es formulierte, ohne die Bezüge zu seinen Vorgängern wahrzunehmen. Gemessen daran, wie wenig gelesen und vor allem wie wenig dieses grandiose Werk immer noch verstanden wird, ist diese Sparsamkeit bedauerlich.

Auch wenn es Abschläge in der Darstellung seines Werkes gibt: Kants soziales und intellektuelles Leben tritt uns hier in einer bewegenden Fülle und Menschlichkeit entgegen, die bisher fast völlig gefehlt hat. Diese Biographie ist, was das tatsächliche Leben Kants in seiner politischen und kulturellen Umwelt angeht, nach fünfzig Jahren nicht nur die erste, sondern vielleicht auch die letzte umfassende Darstellung die es geben wird. Ich wünschte mir nur, es würde zwei Bände davon geben, die dem Autor genügend Raum gegeben hätten, auch das Werk mit den daraus gewonnen Erkenntnissen über Kants Leben neu zu beleuchten. Ich hätte auf jeden Fall beide mit großem Gewinn gelesen.

Reginald Grünenberg, Berlin

Eine neue Kant-Biographie - Manfred Kühn im Gespräch über sein Buch Kant. A Biography

Red.: Maria Schwartz

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[Stand der Information: 03/07/2006]

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Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber