Rezension

Franz von Kutscheras "polarer Dualismus"

 

Der Materialismus behauptet, die gesamte Wirklichkeit sei physischer Natur. Für ihn ist daher die Physik die fundamentale und prinzipiell auch die umfassende Realwissenschaft. Das heißt für ihn auch, alle Erscheinungen lassen sich physikalisch erklären. Die Vorstellung ist: Alles, womit wir es in der Erfahrung zu tun haben, vom organischen Leben über das psychische Leben und soziale und wirtschaftliche Strukturen bis hin zu Recht, Moral, Kunst und Wissenschaft, ist in letzter Analyse physischer Natur.

amazon-Bestellung

Franz von Kutschera:
Analytische Philosophie jenseits des Materialismus
172 S., kt., € 24.80, 2003, Mentis, Paderborn € 17,90

Wie der emeritierte Regensburger Philosophieprofessor Franz von Kutschera ausführt, besteht die große Attraktivität des Materialismus darin, dass er ein einfaches, einheitliches und vollendbares Bild der Wirklichkeit entwirft, einer Wirklichkeit, die sich mit den exakten Methoden der Physik immer genauer und vollständiger erklären lässt und in der sich alle Phänomene einheitlich erklären lassen. Man kann den Materialismus heute als "offizielle Doktrin" der analytischen Philosophie bezeichnen. Der Materialismus ist auch zuversichtlich, Psychisches auf Physisches reduzieren zu können. Dazu stützt er sich hauptsächlich auf zwei Argumente:

Für Kutschera verflüchtigt sich bei näherenm Hinsehen die Plausibilität solcher Argumente. Was man wissenschaftlich nachgewiesen hat und auch allein nachweisen kann, sind naturgesetzliche Korrelationen zwischen einzelnen psychischen und physischen Ereignissen. Aus ihnen folgt aber nicht die Identität der korrelierten Ereignisse. Die These von der physischen Natur der gesamten Wirklichkeit ist denn auch keine Aussage irgendeiner physikalischen Theorie, sondern eine metaphysische Behauptung. Der Materialismus hat denn auch unter dem Druck der Kritik seine Ansprüche zunehmend abgeschwächt. Er begann als logischer Physikalismus, der eine Identität des Mentalen mit dem Physischen und eine Übersetzbarkeit der Sprache der Psychologie in jene der Physik beinhaltet, aber von vornherein abwegig war. Er ging dann zu der These einer kontingenten, generischen Identität von mentalen und physikalischen Zuständen über, und nachdem sich auch diese als unhaltbar erwies, traten sogenannte nichtreduktive materialistische Theorien wie die singuläre Identitätsthese auf den Plan. Und die letzte Version, der Eliminative Materialismus, erwies sich Kutschera zufolge als eine wenig glaubhafte Prophetie über künftige wissenschaftliche Entwicklungen, die selbst dann, wenn sie sich erfüllen würde, ohne sachliche Signifikanz bliebe. 

Dieser Eliminative Materialismus ist u.a. von Paul Feyerabend, Richard Rorty und Paul Churchland vertreten worden. Er geht von der Feststellung aus, unsere Vorstellungen von psychischen Phänomenen, wie sie in der Alltagspsychologie oder auch in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Psychologie formuliert werden, seien völlig unzulänglich. Die traditionelle Psychologie sei daher ein unfruchtbares Forschungsprogramm und werde im Verlaufe der weiteren Entwicklung durch naturwissenschaftliche Disziplinen, insbesondere durch die Neurobiologie, verdrängt werden. Damit werde auch die Sprache über Psychisches verschwinden und mit ihr die Annahme psychischer Zustände und Vorgänge - ebenso wie wir heute nicht mehr von Dämonen reden. 

Für Kutschera lässt sich die Psychologie nicht durch die Neurologie ersetzen. Denn, wie Thomas Nagel betont hat, keine noch so vollständigen neurologischen Kenntnisse über Fledermäuse geben uns Informationen darüber, was diese fühlen. Ebenso liefern Theorien über die Vorgänge in unseren Gehirnen keine Informationen darüber, was wir bewusst erleben. Sie können daher psychologische Theorien nicht ersetzen. Selbst wenn die vom Eliminativen Materialismus prognostizierte Entwicklung einträte, würde sie nichts über die Legitimität, über die sachliche Berechtigung der Elimination der Sprache über Psychisches besagen. Inzwischen, klagt Kutschera, sei der Materialismus weit heruntergekommen. Das zeige das Buch von Colin McGinn Problems in Philosophy (1993), in der dieser die absurde These vertrete, der Materialismus sei richtig, unser kognitiver Apparat sei aber so organisiert, dass wir seine Richtigkeit nicht einsehen könnten. 

Eine Alternative zum Materialismus, die gegenwärtig noch ernsthaft diskutiert wird, ist der psycho-physische Dualismus. Er hat zwar, so Kutschera, nur wenige Anhänger, aber ihre Zahl scheint gegenwärtig wieder zu 
wachsen, vor allem aber ist er im allgemeinen Bewusstsein stärker verankert als der Materialismus. 

Dessen bescheidenste Variante, der schwache Dualismus, behauptet:

Es gibt sowohl Physisches wie Psychisches, und keine der beiden Realitäten lässt sich durch die anderen definieren.

Allerdings wird damit nichts Positives über das Verhältnis von Psychischem und Physischem ausgesagt. Ein starker Dualismus unterscheidet sich vom schwachen dadurch, die Behauptung einer Unabhängigkeit beider Bereiche hinzufügt. Kutschera hingegen plädiert für eine wechselseitige Bezogenheit und nennt seine Position "polaren Dualismus"

Neben rein psychischen Prädikaten wie "etwas glauben" und rein physikalischen Eigenschaften wie "80 kg wiegen" gibt es ein breites Feld von Prädikaten, die sowohl psychische wie auch physikalische Bedeutungskomponenten haben und daher nur mehr oder minder stark psychisch wie physikalisch geprägt sind. Solche "gemischten" Prädikate lassen sich nicht immer als Konjunktionen rein psychischer und rein physikalischer Prädikate darstellen. Deshalb ist der Eigenschaftsdualismus der richtige Rahmen für einen Dualismus. 

Es sind vor allem vier Schwierigkeiten, die sich einem Verständnis der Möglichkeiten von psychophysischen Wechselwirkungen entgegenstellen:

Die erste ergibt sich aus der These des starken Dualismus von der radikalen Wesensverschiedenheit von Physischem und Psychischem in Verbindung mit einem Kausalitätsbegriff, nach dem "nichts in der Wirkung sein kann, was nicht schon in der Ursache ist". Die Wirkungen einer Sache ergeben sich aus ihrem Wesen und daher kann sie keine ihr wesensfremden Wirkungen haben. Dazu Kutschera: Der Gedanke, Gleiches könne nur Gleiches bewirken, spielt in modernen Kausalitätstheorien keine Rolle mehr.

Die zweite Schwierigkeit ergibt sich aus der These einer Anomalie des Physischen, die Donald Davidson in die moderne Diskussion eingeführt hat, in Verbindung mit der Regularitätstheorie der Kausalität. Die Regularitätstheorie fordert für alle Ursache-Wirkungs-Beziehungen einschlägige Naturgesetze. Nach Davidson gibt es keine strikten psychologischen oder psychophysische Gesetze, so dass man im Rahmen der Regularitätstheorie auch nicht von psychischen Ursachen physikalischer Ereignisse reden kann.

Kutschera argumentiert dagegen, nichts spreche gegen die Geltung deterministischer psychophysischer Gesetze wie z.B. dem Weber-Fechnerschen Gesetz über die Abhängigkeit von Empfindungen von physikalischen Reizen. Auch wenn es nur einige wenige psychophysische Gesetze gibt, ist das noch kein brauchbarer Einwand gegen eine psychophysische Kausalität. Die Regularitätstheorie ist für Kutschera zu eng, ein modaler Kausalitätsbegriff setzt keine Gesetze voraus.

Eine dritte Schwierigkeit ergibt sich aus der verbreiteten Annahme der kausalen Geschlossenheit des physikalischen Bereichs. Danach liegen alle Kausalketten, von denen ein Glied ein physikalisches Ereignis ist, im physikalischen Bereich, und jeder Bereich, der mit dem physikalischen interagiert, ist Teil von ihm. Alles physikalische Geschehen läuft nach rein physikalischen Gesetzen ab, alle physikalischen Gesetze lassen sich prinzipiell rein physikalisch, d. h. mit physikalischen Ursachen erklären. 

Nach Kutschera kann aber von einer physikalischen Geschlossenheit keine Rede sein. So geht man in der Quantenphysik davon aus, dass jede Beobachtung eines mikrophysikalischen Geschehens einen Eingriff in dieses Geschehen darstellt. Sie betrachtet also gerade nicht geschlossene Systeme. Die Annahme der physikalischen Geschlossenheit der Welt war denn auch nach Kutschera nie ein Prinzip der Physik, das man nicht ohne 
Änderung physikalischer Theorien preisgeben könnte.

Die vierte Schwierigkeit psychophysischer Wechselwirkungen besteht in der explanatorischen Lücke zwischen den beiden Bereichen. Geht man von einer physikalischen Ursache aus und verfolgt die Kette ihrer Wirkungen, so bleibt man immer im physikalischen Bereich. Wie kommt es aber von der Rotempfindung des Betrachters zum Bewusstsein der roten Fläche? Hier scheint ein unbegreiflicher Sprung vorzuliegen, denn in der ganzen Ursache-Wirkung-Kette kommt nie Bewusstsein vor. Nach Kutschera ergibt sich diese explanatorische Lücke teilweise aus unserer Unkenntnis einschlägiger Gesetze, teilweise aus einer falschen Analyse der Kausalbeziehungen.
Wir kennen zwar eine Fülle von psychophysischen Gesetzen auf der Makroebene alltäglicher Betrachtung, aber nur wenige und meist auch nur wenig informative Gesetze auf der Mikroebene. Kein Wunder, so Kutschera, dass sich da explanatorische Lücken auftun. Während uns zudem die alltäglichen Kausalbeziehungen aufgrund unserer Erfahrungen intuitiv verständlich sind, werden Wechselwirkungen mit Vorgängen im zentralen Nervensystem unanschaulich, denn die Vorgänge in unserem Gehirn können wir direkt weder empfinden noch steuern. Es ist uns weit besser verständlich, warum jemand Schmerzen empfindet, der eine heiße Herdplatte anfasst, als warum jemand Schmerzen empfindet, dessen C-Fibern feuern. 

Das Leib-Seele-Problem, so Kutscheras Fazit, bildet für den Dualismus keine grundsätzliche Schwierigkeit. Gravierender als das Leib-Seele-Problem ist für den Dualismus aber das Problem der Erkennbarkeit der physischen Welt. Der Dualismus vertritt wie der Materialismus einen Realismus der physischen Welt. Gegen die klassische dualistische Konzeption will aber Kutschera die Einheit der Wirklichkeit zur Geltung bringen. 

Da es für uns keinen externen Standpunkt gibt, kann sich das, was wir über unser Erfahren, Handeln und Denken sagen können, nur aus einer immanenten Auslegung unseres Erfahrens, Handelns und Denkens ergeben. Eine Theorie von Erfahrung und Handeln ergibt sich so nur aus einer Reflexion auf unser alltägliches Bewusstsein und dem Versuch, es systematisch zu rekonstruieren. 

Eindrücke haben eine intentionale Struktur. Mit der intentionalen Strukturierung unserer sinnlichen Eindrücke verbindet sich eine Scheidung von subjektiven und objektiven Komponenten des Erlebens. Subjektives und Objektives werden simultan bestimmt, durch Abgrenzung und Differenzierung voneinander. Dies spricht gegen eine generelle Unabhängigkeit des Sinns von Sätzen über Physisches und solchen über Psychisches. Diese Abgrenzung ist nicht objektiv gegeben, sondern wird von uns aktiv mitbestimmt. Eindrücke hingegen sind passiv, anders als Vorstellungen können wir sie nicht willkürlich erzeugen, sie sind keine Produkte unseres Denkens oder unserer Phantasie. Dies ist ein wichtiger Grund, ihre Inhalte einer äußerlichen Wirklichkeit zuzuordnen. Die Bestimmung eines Erlebens als Eindruck hingegen ist eine aktive Leistung, zumal der Inhalt eines Eindrucks ja eine Proposition ist, ein begrifflich aufgefasster Sachverhalt - wir müssen über die passenden Begriffe verfügen. Wenn ich von meinen Eindrücken zu Behauptungen über eine Außenwelt übergehe, tut sich die Kluft zwischen Scheinen und Sein auf; erst mit einer objektiven Wirklichkeit habe ich einen Maßstab für Wahr und Falsch, der von meinem Erleben und meinen Überzeugungen unabhängig ist. Wahrheit ist ja eine Relation zwischen Subjektivem, zwischen Urteilen, Annahmen, Vorstellungen oder Eindrücken, und der Realität, auf die sie sich beziehen. 

Wahrnehmung ist ein in vielerlei Hinsichten aktiver Prozess. Wir interpretieren optische Erscheinungen so, dass das Erscheinende einfach wird. Das besagt nicht, dass die Gegenstände, die wir sehen, unsere eigenen "Konstruktionen" sind, es bedeutet aber, dass wir die Welt nicht einfach wahrnehmen, wie sie an sich ist. Wir sehen sie vielmehr in einer Weise, die von uns selbst in hohem Maße mitbestimmt ist. Diese aktiven Bestimmungen des Erlebens können insbesondere die Scheidung subjektiver und objektiver Komponenten des Erlebens bestimmen. Diese ist, so automatisch sie vielfach erfolgt, oft auch eine Sache aktiver Deutung. Die Sprache über Psychisches entsteht zugleich mit der über Physisches und durch Differenzierung von ihr. Daher gibt es keine Unabhängigkeit des Sinns der Aussagen beider Sprachen voneinander. 

Zwischen Eindrücken und dem Bestehen ihrer Inhalte bestehen analytische Wahrscheinlichkeitskorrelationen. Erscheint mir ein Ding rot, so kann der Eindruck zwar täuschen, sofern aber keine Informationen über momentane Sehstörungen oder ungünstige Beobachtungsbedingungen vorliegen, spricht doch zumindest die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das Ding tatsächlich rot ist. Damit ist einer allgemeinen Skepsis bereits der Boden entzogen, Zweifel an der Korrektheit von Eindrücke sind nur in Einzelfällen sinnvoll und müssen sich durch andere Erfahrungen rechtfertigen lassen. Welche apriorischen Gründe sprechen für solche Korrelationen? Wir verwenden das Wort "rot" zur Bezeichnung einer objektiven Eigenschaft von Dingen, über deren Vorliegen wir uns prinzipiell täuschen können. Das Wort hat aber auch einen phänomenalen Sinn, der sich darauf bezieht, wie wir rote Dinge erleben, wie sie für uns aussehen. Es gilt analytisch, dass die Dinge, die wir als rot empfinden, in der Regel auch rot sind, und dass wir rote Dinge bei ihrer Betrachtung auch als rot empfinden. Mit dem Wort rot charakterisieren wir primär das Aussehen von Dingen (unter Normalbedingungen), und daher ist es eine Bedeutungswahrheit, dass rote Dinge in der Regel rot aussehen und dass umgekehrt die Dinge, die rot aussehen, in der Regel auch rot sind. Man kann auch sagen, "rot aussehen" ist eine sekundäre Qualität, die ein Ding nur bei einer Beobachtung hat. Die Disposition "bei Beobachtung in der Regel rot aussehen" ist dagegen eine primäre Eigenschaft, nämlich die Eigenschaft "rot" in ihrem objektiven Sinn. Es ist also nach Kutschera aus analytischen Gründen wahrscheinlich, dass ein Objekt rot ist, wenn es als rot erlebt wird. Aufgrund meines Eindrucks kann ich somit durchaus etwas über die Beschaffenheit des Objekts sagen, wenn auch nur mit Wahrscheinlichkeit. 

Für Kutschera charakterisieren Attribute für physische Dinge direkt oder indirekt die Art und Weise, wie sich uns diese Dinge in unserer Erfahrung zeigen - direkt, wenn sie mehr oder minder unmittelbar durch einfache Beobachtungen feststellbar sind, indirekt, wenn sie sich nur in direkt beobachtbaren Phänomenen manifestieren. Diese Auffassung begründet aber keine ontische Abhängigkeit der Beschaffenheit der Natur von unserem Denken und Erfahren, denn auch nach ihr sind nicht Attribute, sondern nur Begriffe Produkte unseres Denkens. Man kann somit nur von einer epistemischen oder sprachlichen Abhängigkeit reden: Da Erfahrung unseren einzigen Zugang zur physischen Welt bildet und die Grundlage unserer Sprache über Physisches, bestimmen ihre Grenzen den Horizont der Erkennbarkeit und Beschreibbarkeit der Natur. 

Artikel drucken
Freunden empfehlen!Freunden empfehlen
[Stand der Information: 10/01/2006]

Weitere Rezensionen und Neuerscheinungen

.
Webmaster © 1997 - 2006 M. Funken. Alle Rechte vorbehalten.  Impressum
Information Philosophie im Internet als Favorit/Bookmark
Mit Urteil vom 12. Mai 1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Einbindung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite ggf. mit zu verantworten hat, sofern man sich davon nicht ausdrücklich distanziert hat. Hiermit betone ich ausdrücklich, dass ich keinerlei Einfluß auf Gestaltung, Inhalte und Links aller gelinkten Seiten habe noch jemals hatte, und distanziere mich ausdrücklich von sämtlichen Gestaltungsformen, Inhalten und Links aller gelinkten Seiten und mache mir diese nicht zu eigen.
Düsseldorf, 24.5.2000, Der Herausgeber