| Rezension |
| Seit der Atombombe besteht eine globale Bedrohung der Menschheit. Raketen können jeden Punkt der Erde erreichen. Das Atomwaffenpotential erlaubt den kollektiven Selbstmord der Menschheit und die globale Verwüstung. Auch andere hochgefährliche, einstweilen noch zivil genutzte Techniken wie Bio- und Gentechnik können terroristisch eingesetzt werden – mit globaler Auswirkung. Die moderne Globalisierung, wie Rüdiger Safranski ausführt, geht einher mit der Globalisierung von Angst und Schrecken. |
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Dies gilt auch für andere Bereiche der Globalisierung: Der ökonomische und industrielle Raubbau auf der Erde, in der Luft und zu Wasser verdichtet sich zu einer einzigen furchtbaren Drohkulisse. Globalisierung in diesem Sinne bedeutet weltweite Plünderung des Planeten zuungunsten des Menschen.
Nach einer Definition der OECD ist die Globalisierung der Wirtschaft jener Prozess, durch den Märkte und Produkte in verschiedenen Ländern zunehmend voneinander abhängig werden. Wirtschafts- und Technikformen vereinheitlichen sich, wenn auch auf verschiedenen Entwicklungsniveaus. Die Prozesse, die stattfinden, sind im einzelnen rational und im Ganzen unvernünftig. Allerdings gibt es auch erfreuliche globale Kooperationsgemeinschaften. Nicht zu leugnen sind die lebenserleichternden und lebensbewahrenden Effekte der Ausbreitung moderner Naturwissenschaften. Und eine Weltöffentlichkeit ist etabliert, tyrannische Regime fühlen sich beobachtet und geraten unter Legitimationsdruck.
Der Globalismus als Ideologie erzeugt das Bild einer Weltgesellschaft, die einheitlicher erscheint, als sie ist. Häufig wird die Tatsache verdrängt, dass in dem Maße, wie in bestimmten Regionen die Homogenität wächst, in anderen Regionen sich dramatische Prozesse der Abkoppelung vom übrigen Weltgeschehen vollziehen. In Afrika beispielsweise lösen sich Staaten auf in Tribalismus, in Bandenkriege. Bestialische Überlebenskämpfe setzen gesellschaftliche Regeln außer Kraft. Auf dem Boden der Globalisierung entstehen also neue Differenzen, aber kaum die angemessenen Haltungen, damit umzugehen. Im Kern ist die Globalisierung weniger eine Beschreibung der Wirklichkeit als eine Forderung, die aus dem globalen Sein ein globales Sollen macht. Der neoliberale Globalismus ist aber auch eine Legitimationsideologie für die ungehemmte Bewegung des Kapitals auf der Suche nach günstigen Verwertungsbedingungen. Ein anderer Aspekt des ideologischen Globalismus ist der Anti-Nationalismus. Mit dem Hinweis darauf, dass die Zukunft im Globalen liegt, glaubt man die Traumatisierungen durch die zerstörerische Kraft der Nationalismen in Europa überwinden zu können. Globalismus bedeutet in diesem Zusammenhang: Nie wieder Nationalismus! Aber an der anthropologischen Grundbedingung, dass Mobilität und Weltoffenheit durch Ortsfestigkeit ausbalanciert werden müssen, ändert auch der anti-nationalistische Globalismus nichts. Wir können global kommunizieren und reisen, wir können aber nicht im Globus wohnen. Und der Politisierungsdruck, der von den globalen Umweltproblemen ausgeht – etwa der Gefahr einer Klimakatastrophe –, trifft eben nicht auf ein global vereinheitlichtes Handlungssubjekt, das man hinterher zur Verantwortung ziehen könnte.
Safranski sieht in der Globalisierung ein Symptom der Überforderung. Die Globalisierung hält kein Mensch aus, darum die Einmauerung in Ideologien (Neoliberalismus, Multikulturalismus usw.) und die Flucht in Untergangs- und Rettungsphantasien. Das Globale ist zur Arena der Ökonomie, der Medien, der Politik, der Strategien und Gegenstrategien geworden. Es ist nicht mehr jenes Ganze der Theologie, der Metaphysik, des Universalismus und des Kosmopolitismus; es ist ein Ganzes, das zum Gegenstand ökonomischer, technischer und politischer Bearbeitung geworden ist. Daher das eigenartige Gefühl der Schrumpfung in globalem Maßstab. Mit jeder Information wird das Gefühl der Ohnmacht gleich mitgeliefert. Globalität erscheint als Systemzusammenhang, so gewaltig und letztlich subjektlos funktionierend, dass es fast obszön wirkt, an die Bedeutung des Individuums zu erinnern.
Wir müssen, um in der Globalisierung bestehen zu können, ein Filtersystem entwickeln, das Reize, auf die man nicht angemessen reagieren kann oder auch nicht zu reagieren braucht, wegfiltert. Unser diesbezügliches Immunsystem ist nicht ausreichend. Das gehört zur Arbeit an unserer zweiten Natur: die Entwicklung eines kulturellen Filter- und Immunsystems. Mit der globalen Informationsgemeinschaft der Medien haben wir diese Aufgabe auf sträfliche Weise vernachlässigt. Die Menge der Reize und Informationen überschreitet den möglichen Handlungskreis drastisch. Der durch Medienprothesen künstlich erweiterte Sinnenkreis hat sich vollkommen vom Handlungskreis losgelöst. Man kann handelnd nicht mehr angemessen darauf reagieren, also die Erregung in Handlung umsetzen und abführen. Die nicht weggefilterten Reize lagern sich irgendwo in uns ab, in einem Bereich des Unbewussten, einem Unruheherd mit frei beweglicher Erregungsbereitschaft, nur lose mit ihren jeweiligen „Gegenständen“ verbunden. Globalisierung, die über die Medien nach innen schlägt, begünstigt latente Hysterie und Panikzustände. Sie erzeugt auch einen bestimmten Moralismus, eine Fern-Ethik im Zeichen des Fern-Sehens. Hinzu kommt nach dem 11. September die für den Westen traumatische Erfahrung, dass unsere technisch hochkomplexe Zivilisation verletzlich ist. In dieser Situation erscheinen die eigentlich gebotenen Maßnahmen der Verbrechensbekämpfung als nicht spektakulär genug – es muss ein „Krieg“ sein, den man, teils wirklich, teils rhetorisch, gegen den Terrorismus führt. Für den Terrorismus wiederum sind die Aktionen wichtig, aber ebenso wichtig ist die Verbreitung der Schreckensnachrichten durch die Medien. Letztere werden dabei zu unfreiwilligen Komplizen.
Für beide Beispiele – die Fern-Ethik im Zeitalter des Fern-Sehens und die unfreiwillige Komplizenschaft von Terror und Medien – gilt das Prinzip der Entfernung von der Entfernung. Das globale System wird zu einem simultanen Ganzen: was dort geschieht, kann hier gleichzeitig in Echtzeit wahrgenommen werden. Das Hier wird zum anderswo und zuletzt zum Überall. Das tiefgestaffelte System von Wahrnehmungshorizonten, das sich abstufungsreich um die individuelle Leibzentrierung herum aufbaut, löst sich auf. Das Ferne belästigt uns mit trügerischer Nähe.
Trotz der entwickelten Technik der virtuellen Raumüberwindung – Television, Telephonie, Datenübertragung – nimmt auch das physische Reisen weiter zu. Man will große Distanzen in möglichst kurzer Zeit überwinden, die Bedeutung des durchmessenen Raumes verschwindet. Aber wer zu schnell ist, ist nirgendwo. Von den Ureinwohnern Australiens wird berichtet, dass sie sich nach längerem Fußmarsch vor ihrem Ziel für einige Stunden niedersetzen, damit die Seele Zeit hat, nachzukommen. War früher das Fahren eine Erfahrung, so kam man als Verwandelter an. Heute aber gilt: wer immer als derselbe ankommt, wird auch die Orte, wo er ankommt, einander gleich machen wollen. Die globale Mobilität uniformiert die Räume.
Der einzelne kann auf sich selbst wirken und versuchen, sich gegen fatale Wirkungen von außen abzuschirmen. Eine Lichtung schlagen bedeutet, im Gewimmel der Geschichten die eigene Geschichte entdecken, energisch festhalten und ihren Faden fortspinnen im Bewusstsein, dass sich die eigene Geschichte doch im Gewirr der vielen Geschichten verstricken und am Ende verlieren wird. Eine Lichtung schlagen bedeutet, Verhaltens- und Denkweisen pflegen, die zur globalistischen Hysterie nicht passen wollen: die Verlangsamung, den Eigensinn, den Ortssinn, das Abschalten, das Unerreichbar-Sein.
Globalisierung bringt uns mit immer mehr Wirklichkeit in Berührung, und es ist schwer, hier die Souveränität zu bewahren. Souverän wäre, wer selbst darüber entscheidet, worin er sich verwickeln und was er auf sich beruhen lässt. Diese Souveränität setzt existentielle Urteilskraft voraus. Man braucht ein Gespür für das, was einen wirklich angeht; man muss Abstufungen der Dringlichkeit unterscheiden und die Reichweite des eigenen Handelns erkennen können. Die Globalisierungshysterie besteht darin, dass diese Unterscheidungsfähigkeit zwischen dem existentiell Nahen und Fernen beeinträchtigt oder gar schon zerstört ist.
Wer einmal bemerkt habe, so kritisiert Matthias Kamann in der „Welt“, dass die eigene Seele im ICE gut mitkomme, werde skeptisch, ob die australischen Ureinwohner im Besitz der anthropologischen Wahrheit seien. Ansonsten aber handle es sich hier um einen lesenswerten Traktat. Negativ urteilt Martin Hartmann in der „Frankfurter Rundschau“: Wie aus Safranskis Geraune über die Lichtung und aus seiner schwülen Nähe Ressentiment gegen Fremdes Weltoffenheit entstehen solle, bleibe dessen Geheimnis. Peter Winterling urteilt demgegenüber in der „Badischen Zeitung“ positiv: Safranski „will die Lichtung im Dickicht der andrängenden Wissens- und Bildmengen und widerspricht Adorno: ‚Es gibt ein richtiges Leben im Falschen’“.
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[Stand der Information: 10/10/2005]
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