| Rezension |
Ärzte, Köche, Philosophen: Eine Sach- und Menschenkunde zu Platon |
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Dass die platonischen Dialoge nicht immer leicht zu verstehen sind, liegt meist daran, dass eine komplexe Argumentationsstruktur Fragen aufgibt. Bisweilen stößt man in Seminaren aber auch auf völlig andere, scheinbar viel "banalere" Unklarheiten, wie z.B. auf die Frage nach der genauen Funktionsweise eines griechischen Weberschiffchens. Tauchen derartige Fragen in Seminaren auf, weiß sich der philosophisch geschulte Seminarleiter oft keinen anderen Rat, als sie mit der Bemerkung abzuwehren, dass sie für "das Argument" nun wirklich irrelevant seien. Obwohl die meisten Platonforscher dieser Antwort wohl kaum zustimmen dürften, werden solch "praktische" Details selbst in guten Kommentaren gern vernachlässigt. |
Katharina Waack-Erdmann: Die Demiurgen bei Platon und ihre Technai, 280 S., € 34,90 (WBG: € 22,90), Darmstadt 2006, ISBN 3-534-19507-8. |
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Waack-Erdmann (W.-E.), die außer Philosophie und Ev. Theologie auch Griechisch und Latein studiert hat, gelingt es in ihrem ursprünglich als Dissertation bei G. Böhme und A. Schmitt entstandenen Werk, genau diese Lücke zu schließen. Im Ausgang vom Begriff des "Handwerkers" (demiourgos; bei Platon auch "Schöpfer", "Künstler", "Beamter") und seiner "Kunst" (technê) erfahren wir nach einem Überblick über die vorhandene Forschungsliteratur zunächst kurz etwas über die göttlichen, dann ausführlicher über die menschlichen Demiurgen. Dieser letztere Teil macht über drei Viertel des Gesamttextes aus und schildert detailreich und unter stetiger Bezugnahme auf die relevanten Stellen in Platons Dialogen die verschiedenen Professionen vom Arzt, Koch, Musik- und Sportlehrer bis hin zu den staatlichen Amtsinhabern. Philosophisch baut W.-E. auf der "pragmatistischen" Platoninterpretation W. Wielands ("Platon und die Formen des Wissens", Göttingen 1982) auf (15): Handwerker stehen exemplarisch für Menschen, die über ein nicht-propositionales Erfahrungswissen verfügen. Ideen wie die des "idealen Tisches" (Rep. 597) sind laut Wieland nicht als Fremdkörper innerhalb der platonischen Philosophie zu werten, sondern vielmehr als Hinweis darauf, dass sich auch das handwerkliche Gebrauchswissen an den Ideen orientiert. Dieses Wissen ist darüber hinaus Muster philosophischen Tätigseins, in dessen Darstellung eine Hauptfunktion der Dialoge Platons - die eben keine ausformulierten Lehren sind - besteht. Anders als Wieland legt W.-E. im Hauptteil ihres Buches nun aber den Schwerpunkt auf die Lebenswelt der Menschen, auf die Handwerker selbst und ihre politisch-soziale Situation. Nach einem interessanten Exkurs zu (Brett-, Ball- und Würfel-)Spielen zur Zeit Platons geht sie - gegen Ende des Buches - zur Behandlung des Philosophen und seiner technê über, dem "höchsten, was Platon im menschlichen Bereich zu bieten hat" (227). Dargestellt werden Ausbildung und Aufgabe des Philosophen, sowie die Figur des Theaitetos als Kandidat für einen "exemplarischen" Philosophen. Was Sokrates eben diesem Theaitetos einmal entgegnet: "Es ist nicht leicht, ... dich nicht zu loben." (Theait. 199e) mag auch auf das Buch W.-E.s zutreffen: es nicht zu loben ist schwer. Wenn man denn etwas kritisieren wollte, so wäre vielleicht zu fragen, ob nicht manchmal zu unbefangen Dialoge verschiedener Schaffensphasen Platons für ein Thema herangezogen werden. In Bezug auf den letzten Teil über den Philosophen stellt sich z.B. die Frage, ob nicht das sokratische Philosophieren der frühen Dialoge ein anderes ist als das der ausgebildeten Philosophenherrscher. Die Figur des (historischen) Sokrates und die damit zusammenhängenden Probleme werden allgemein eher vernachlässigt. W.-E.s Systematisierung und ihr Ausgangspunkt von der Götterwelt des Timaios, in welcher technê angelegt und vorbereitet ist (261), scheinen zunächst ungewöhnlich, sorgen aber für interessante, neue Perspektiven. Eine ausführliche philosophische Auseinandersetzung mit den Interpreten sucht man eher vergebens - eine solche wäre aber auch nicht am Platz, weil es ja, bedingt durch die Thematik, weitgehend um Sammlung von Stellen und ihre Erläuterung durch Fakten geht. Wegen seiner stark philologisch geprägten Ausrichtung ist W.-E.s Buch nicht unbedingt für Einsteiger geeignet. Altertumswissenschaft und Philologie, zwei Fächer, die studiert zu haben nicht jedem Platonforscher vergönnt ist, bilden klar den Hintergrund des Werkes. Dem Forscher werden hilfreiche Übersichten (z.B. von Wortokkurenzen), Bilder und Schemata an die Hand gegeben. Bereits abgesehen von seinem philosophischen Gehalt ist das Buch daher als Nachschlagewerk von der Art einer "Menschen- und Sachkunde" zu Platon wärmstens zu empfehlen. Als Hilfe für mitunter ratlose Leiter universitärer Platonseminare, aber auch für fortgeschrittene Interessierte, die sich mit Stellen und insbesondere Dihairesen Platons, die in der Forschung wegen ihres scheinbar "trivialen" Charakters eher übergangen werden, gründlicher auseinandersetzen möchten. Maria Schwartz, München |
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[Stand der Information: 07/07/2006]
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