Medien / Medium

Alle reden über "Medien", gerne auch in "Medien". Ob immer dasselbe gemeint ist, darf bezweifelt werden. Gegen solche Verhexungen kennt die Philosophie ein Hausmittel: die Wortanalyse. Was meint also das Wort "Medien" bzw. "Medium"?

1. "Medien": "Im Altertum die großenteils gebirgige Landschaft im nordwestl. Iran mit der Hauptstadt Ekbatana..." – soweit ein Lexikon. Und soviel – oder sowenig – sagen das Wort und dessen Analyse. Lehrreich ist immerhin: Die Bedeutung "Land der Meder" gibt es so nur im Deutschen. Übersetzt man eine Aussage über "Medien" in andere Wortsprachen, verschwindet diese Mehrdeutigkeit. Allgemein gilt: Die Transformation in andere Kommunikationsformen kann Verhexungen unseres Verstandes durch eine jeweilige Sprache austreiben.

2. "Medium" als allgemein das Mittlere. Konkret kann z.B. folgendes benannt sein:

a. "Medium" als Konfektionsgröße zwischen "Large" und "Small".
b. "Medium" als Kompromiß zwischen nikotinreichen Zigaretten und Nicht-Zigaretten.
c. "Medium" als Garstufe zwischen "roh" und "gekocht".
d. "Medium" als Mitte zwischen den grammatischen Formen "Aktivum" und "Passivum".

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Für geistreiche Assoziationen bietet das allerlei Munition. Der Zusammenhang ist indes kein sachlicher, sondern nur ein wortsprachlicher. Und daß er bei Übersetzungen ins Englische, Französische oder Italienische nicht verschwindet, liegt nur an der gemeinsamen "Verhexung" durch das Lateinische. "Medium" heißt eben "Mittleres". Aber welche Mitte es einnimmt, da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Zugegeben: Ein vorzugsweiser Ort des "Mediums" ist:

3. die Mitte zwischen Kommunikationspartnern.

Das kann höchst Unterschiedliches sein:

a. "Medium" als Person, die uns "Botschaften aus dem Jenseits" übermittelt. Die Philosophiegeschichte wimmelt von Geistersehern. Eine Welterkenntnis ohne Sinneswahrnehmung, ohne technische Hilfsmittel und ohne zwischenmenschlichen Gedankenaustausch ("Mediumismus") sollte z.B. die "intellektuelle Anschauung" sein.

b. "Medium" als Datenträger und/oder –speicher (auch "Kanal" genannt). Konkret: Buch, Fernsehen, Radio, Zeitung, Zelluloid, CD, Internet oder Steintafel. Dieses "Medium" ist ein Gerät, das beliebige Informationen über Raum und/oder Zeit transportiert.

c. "Medium" als Code, in dem Kommunikation betrieben wird: Schrift, Rede, Bild oder Film. Dieses "Medium" ist an irgendwelche Datenträger gebunden, jedenfalls solange es keine "direkte" Übertragung gibt (so etwas wäre ja Telepathie...). Eine sinnvolle Klassifizierung der Codes ist derzeit: Verbale Codes (Schrift, Rede, Blindenschrift – also: Literatur) versus nonverbale Codes (Bildersprache, Musik, Stummfilm, Videoclip, - also: Kunst).

d. "Medium" als Umfeld und Gelingensbedingung für bestimmte Prozesse. Etwa die Sprache als "Medium" des Denkens.

Wenn heute von "Medien" die Rede ist, sind meistens Datenträger und Codes gemeint. Häufig wird zwischen beiden nicht sauber unterschieden: "Die neue CD von XY" sagt man, meint aber nicht ernsthaft den Datenträger – das könnte auch eine LP, Cassette oder eine WAV-Datei sein - , sondern den Code: die Musik. Ein "Buch" ist meistens eine "Schrift", aber nicht immer: Die Jagdlehre von Kaiser Friedrich II. aus dem Mittelalter ist ein Buch, aber – und darum liegt sie in Berlin im Museum – eben keine Schrift: Sie besteht aus bunten Bildern. Letztes Beispiel: Im "neuen Medium" Internet wird zu 80 oder 90 Prozent in Schriftform kommuniziert – "neu" ist hier der Datenträger, nicht der Code. Die umgangssprachliche Gleichsetzung verlockt zu "Kategorienfehlern" im Denken. Das mögliche "Ende des Buches" (Datenträgerwechsel) führt nicht automatisch zum "Ende der Schrift" (Codewechsel), die z.B. das "Ende der Steintafel" und das "Ende der Papyrosrolle" überlebt hat. Gefährdet sind beide jedoch durch "Multimedia" – wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die Schrift droht ihre Rolle als überragender Leitcode zu verlieren, sie ist nur noch ein Code neben anderen. Das Buch droht seine Rolle als Leitdatenträger zu verlieren, da es für Multimedia überhaupt nicht zur Verfügung steht: es wird zum Nischendatenträger.

 

è Daten-träger

Codeê

Buch
und andere Printmedien

Zelluloid und Zubehör

Magnet-
band
und Zubehör

Rundfunk und Zubehör

CD
und Zubehör

Strom plus Computer
(Internet)

Klang

nein

nein

ja (Audio)

ja (Radio, TV)

ja (CD, MM-CD)

ja

Rede (verbaler Klang)

nein

nein

ja (Audio)

ja (Radio, TV)

ja (CD, MM-CD)

ja

Bild

ja

ja

ja (Video)

ja (TV)

ja (CDi, MM-CD)

ja

Schrift (verbales Bild)

ja

ja

ja (Video)

ja (TV)

ja (CDi, MM-CD)

ja

Film (bewegtes Bild)

nein

ja

ja (Video)

ja (TV)

ja (CDi, MM-CD)

ja

Tast- Code

ja (Blinden-schrift)

nein

technisch möglich

nein

ja (MM-CD)

ja

(Daten-anzug)

Riech-/ Schmeck-Code

technisch möglich (z.B. Parfüm-probe)

nein

technisch möglich

nein

technisch möglich

technisch möglich

weitere Kriterien

interaktiv

nein

nein

nein

nein

nein

ja

global zeitgleich

nein

nein

nein

ja

nein

ja

Anm.: Das "Zubehör" bei den modernen Datenträger sind die entsprechenden Aufnahme- und Abspielgeräte (Kamera/Projektor, Mikrofon/Lautsprecher, Sender/Empfänger). Als Datenträger="Medium" muß in diesen Fällen ein umfangreicher Verbund technischer Geräte betrachtet werden. Ganz anders sind die Printmedien: Ihr Vorteil liegt in ihrer Einfachheit; darum können sie sich neben den "neuen Medien" weiter behaupten.

 

© M.W.Funken 1997 Email. Update: 01.07.1997